Das Altpapier am 2. Juni 2022 Und die Innovation?

Die Bundesregierung nimmt einen neuen Anlauf und prüft Fördermöglichkeiten für die Zeitungszustellung. Und: Eine Handvoll Kritikerinnen und Kritiker werfen den Öffentlich-Rechtlichen eine ideologische Berichterstattung über Trans-Themen vor – mit einigem ideologischem Furor. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Das Altpapier am 2. Juni 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
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Zustellförderung: ein neuer Anlauf?

Um die 130 Tageszeitungen sind ausgeliefert worden, seit an dieser Stelle zuletzt von der Zustellförderung für Zeitungsverlage die Rede gewesen ist (Altpapier). In seinem Neujahrsgruß des Bundesverbands der Digitalpublisher und Zeitungsverleger (Frauen mitgemeint) hatte sich der Vorsitzende, Mathias Döpfner, "optimistischer denn je" geäußert, dass es mit der neuen Bundesregierung hinhaue mit der von den Verlagen so dringend gewollten Förderung. Meedia mutmaßte damals, Döpfner könnte seine Kritiker im BDZV besänftigen, indem er die damals neue Scholz-Regierung davon überzeuge, Staatshilfen für die Zeitungszustellung zu gewähren.

Das mit der Besänftigung hat mutmaßlich nicht so gut geklappt. Döpfners Rücktritt als Verbandsvorsitzender wurde ja nun in dieser Woche gemeldet, wenn auch nicht als Rücktritt aufgrund von vielfältiger Kritik und interner Umstrittenheit, sondern eher so wegen Arbeitsbelastung oder Nebels (Altpapier von gestern). Von einem neuen Anlauf zur Zeitungszustellungsförderung ist aber nun wieder die Rede. (Falls Sie sich ins Thema einlesen wollen: Dieses Altpapier böte sich an.)

Der Bundeskanzler hat auf dem Kongress des Verbands Deutscher Lokalzeitungen den Lokalzeitungen Hilfe bei der Zustellung in Aussicht gestellt, wie der Evangelische Pressedienst gestern berichtete. Die Deutsche Presseagentur zitierte Olaf Scholz:

"Wir wollen, dass die flächendeckende Versorgung mit regelmäßig erscheinender Presse gewährleistet bleibt, darauf hat sich die Bundesregierung verständigt. (…) Aktuell prüft das Bundeswirtschaftsministerium, welche Fördermöglichkeiten dazu geeignet sind."

Welche Fördermöglichkeiten geeignet sind – das klingt flexibel, also nicht zwangsläufig nach jener Zustellförderung, die 2021 "wegen verfassungsrechtlicher Bedenken" abgeräumt worden ist (Altpapier). Die Presseförderung sei damals gescheitert, so Scholz nun, weil "zu viel da rein sollte", also vom Anzeigenblatt bis zu "dem, was Unternehmen wie dm, Edeka und Telekom verteilten". Worüber man jetzt rede – und das klingt dann freilich doch nicht so revolutionär neu –, seien "Abonnement-Zeitungen und ihre Verteilung".

Unumstritten ist es allerdings nach wie vor nicht, Printtitel zu unterstützen, andere Ideen, Konzepte, Medien aber nicht. Christopher Buschow, Professor an der Bauhaus-Universität Weimar, verweist in einem Interview mit Meedia darauf, dass die Zustellförderung "keine Innovationsdynamik in die Branche" bringe. Es gebe "auch andere Förderideen (…) als eine kurzzeitige finanzielle Bezuschussung von ausschließlich etablierten Verlagen", schreibt er in einem jüngst erschienenen Artikel, der Anlass für das Meedia-Interview ist. Um’s in innovativer Kürze zu paraphrasieren: Der (Lokal-)Journalismus brauche Innovationen dringender als Zustellsubventionen.

Reichelt-Style: eine Klage über die ÖRR-Berichterstattung

Viel diskutiert bei Twitter wurde gestern ein Beitrag von fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der "Welt", die ARD und ZDF eine "bedrohliche Entwicklung" nachsagen:

"Wir, eine Gruppe verschiedener Wissenschaftler, hatten uns zum Ziel gesetzt, der Fehlinformation der 'Vielgeschlechtlichkeit' auf die Spur zu kommen. Wir wollten herausfinden, ob es tatsächlich stimmt, dass in Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) die bestätigte wissenschaftliche Erkenntnis der Zweigeschlechtlichkeit infrage gestellt wird",

beginnt der Text, und wenn Sie nun denken, es gebe zum Beispiel eine wissenschaftliche Untersuchung zur Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen oder eine Untersuchung von Wissenschaftlerinnen (w/m/d), die spezialisiert auf das Thema sind, über das sie hier schreiben, dann haben Sie die Schlüsse gezogen, die man nach einer solchen Einleitung wahrscheinlich ziehen soll. Das wären aber Fehlschlüsse. Es handelt sich um einen Debattentext, in dem mit grober Keule nicht weniger als eine Unterwanderung der Öffentlich-Rechtlichen durch "Aktivisten" (vermutlich sind damit nicht nur Männer gemeint) "mit ihrer 'woken' Trans-Ideologie" beklagt, der Versuch der "Umerziehung" von Kindern "im Sinne einer ideologisch motivierten Agenda" moniert und ein "Umsteuern" verlangt wird.

Flankiert wird der Beitrag auf anderen Internetseiten von einem Aufruf (der "Schluss mit der Falschberichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks!" überschrieben ist) und einem 50-seitigen Dossier, in dem zahlreiche Sendungen öffentlich-rechtlicher Anstalten (auch des MDR) kritisiert werden, in denen es um LGBTIQ-, vor allem Trans-Themen geht.

Solch ein Dossier könnte theoretisch eine Einladung zur Auseinandersetzung sein. Ist es aber nicht. Beispielhaft dafür, wie darin vermeintliche Belege zur Not an den Haaren herbeigezogen werden, ist etwa die Kritik an dem "Sendung mit der Maus"-Film "Aus Erik wird Katja", in dem es um Erik geht, die lieber Katja sein und etwa Röcke anziehen möchte, damit alle sehen könnten, dass sie eine Frau sei: "Tatsache ist, das 'Katja' keineswegs eine Frau ist. Der Duden definiert Frauen als erwachsene Personen weiblichen Geschlechts, und das weibliche Geschlecht, im Einklang mit der Biologie (dazu mehr und Genaueres unten), als das gebärfähige Geschlecht. Dazu gehört 'Katja' nicht. Die Aussage der Sendung ist also falsch", schreibt eine der Autorinnen. Bei Twitter stellt sie sich als "Mutter, Texter, Biologe" vor. In der Logik ihrer "Sendung mit der Maus"-Kritik wäre sie demnach ein Mann, denn "Biologe" ist laut Duden maskulin.

Zirkelschluss am Rande: Schon Julian Reichelt, der Ex-"Bild"-Chef, hatte im März gegen diesen "Maus"-Film polemisiert (Stichwort "Zwangsmaus", siehe Altpapier), was von der Autorin des Dossier-Texts nun als Indiz dafür angeführt wird, dass er wohl tatsächlich kritisierenswert sein muss: "Diese Sendung sorgte in den Sozialen Medien für Aufruhr", schreibt sie. Julian Reichelt wiederum verweist bei Twitter auf den Text der "Welt" und nutzt sein Erscheinen als Beleg dafür, dass er – "I told you so" – damals schon richtig lag.

Ausgerechnet eine Einlassung wie dieses Textpaket, das die "Welt" auf die Agenda setzt, soll also nun eine Debatte anstoßen?

Verbale Abrüstung und der Rückgriff auf Argumente würden zwar allgemein natürlich nie schaden, beim Thema Transgeschlechtlichkeit auch nicht, schon weil es ungemein komplex ist und die Diskussion weniger Emotionalität gewiss vertrüge (mehr dazu im Altpapierkorb). Nur ist verbale Aufrüstung dann kein probates Mittel: Nein, mit solch einem Textpaket beginnt keine Debatte. Es ist vielmehr eine Drohung, dass wir uns noch auf einiges gefasst machen können, wenn die Regierung das im Koalitionsvertrag vereinbarte Selbstbestimmungsgesetz entwirft.

Das große kleine Kroos-Thema

Zu einem anderen, vergleichsweise harmlosen Diskussionsthema dieser Woche: Am Dienstagabend wurde die neue Ausgabe von "Einfach mal luppen" veröffentlicht, des Podcasts der Fußballgebrüder Kroos. Etwa von Minute 53 an gibt der Fußballer Toni Kroos darin Auskunft über seine Sicht auf das Field-Interview mit dem ZDF-Reporter Nils Kaben, das er nach dem Champions-League-Finale am Samstag abbrach, weil Kaben – wie Kroos fand – "Scheißfragen" gestellt hatte (Altpapier vom Montag).

Kaben hatte vor der Podcast-Veröffentlichung ein wenig Selbstkritik geübt, was Nick Lüthi ihm in der Schweizer "Medienwoche" vorhält: Wenn ein Fussballmillionär, also Kroos, "selbst eine journalistische Standardsituation für Majestätsbeleidigung hält", sei das "definitiv nicht der passende Moment für Selbstkritik".

Kaben hatte seine Sicht der Dinge aber zudem in einem "Spiegel"-Interview mitgeteilt –

"Die Spieler können sicher sein, dass ich respektvoll mit ihren Leistungen umgehe, auch, wenn sie mal verlieren. Ich habe ihm gratuliert, wie es sich gehört. Aber ich erwarte umgekehrt auch Respekt" –,

was wiederum Kroos ihm nun, wie dem Podcast zu entnehmen ist, krumm zu nehmen scheint. Komplizierte Sache, über die allerdings demnächst Gras wachsen dürfte. Sehen Sie das Ganze, wie Sie wollen – eh klar. Wie ich es sehe, habe ich für "Zeit Online" aufgeschrieben:

"Wenn Kroos zweieinhalb Tage nach dem Champions-League-Finale in seinem eigenen Podcast (…) die Geschichte um das ZDF-Interview mit der Behauptung kommentiert, er sei 'wirklich der letzte, der nicht kritische Fragen beantwortet, ich mein', das weiß man' – dann muss er zumindest diese eine Scheißfrage vielleicht noch aushalten: Weiß man das denn wirklich?"


Altpapierkorb ("Klare Sprache" bei ARD und ZDF, Transgeschlechtlichkeit, MeToo-Fall in Frankreich, Erdogans Pläne, "Guardian")

+++ Dass einige unzutreffende Begriffe durch die emotional geführte Diskussion überTransgeschlechtlichkeit geistern, kann man bei den "Krautreportern" nachlesen. Im Text ist auch eine Erhebung zitiert, wie trans Menschen in deutschen Fernsehproduktionen repräsentiert sind – nämlich nicht gut.

+++ Mancher Film bei ARD und ZDF – oft genannt wird wohl der "Tatort" – ist für manche Menschen nicht gut zu verstehen. Das soll sich ändern: "Zunächst erreichte uns die Pressemitteilung des ZDF. In ihr kündigt das ZDF eine akustisch verbesserte Tonspur namens 'Klare Sprache' an. Das neue Tonangebot steht nach Senderangaben seit dem 1. Juni zur Verfügung", schreibt der "Tagesspiegel". "Die ARD folgte mit einer sehr ähnlichen Pressemitteilung." Auch dwdl.de berichtet.

+++ Über einen "Fall, der alles hat, was Me-Too-Fälle brisant und heikel zugleich macht", berichtet Nadia Pantel in der "Süddeutschen Zeitung". Es geht um Frankreichs wohl berühmtesten Fernsehmoderator.

+++ Aus der Türkei schreibt Bülent Mumay einen "Brief aus Istanbul" an die "FAZ": "Die traditionellen Medien hat Erdogan mit verschiedenen Methoden an sich gebunden; um nun auch Zensur gegen die digitalen Medien ausüben zu können, die er nicht unter Kontrolle bekommt, hat er ein höchst sonderbares, rigides Gesetz auflegen lassen. Es soll in den nächsten Tagen vom Parlament verabschiedet werden und sieht Strafen von bis zu drei Jahren Haft für alle vor, die "irreführende Informationen verbreiten". Und wer entscheidet, welche Information irreführend ist? Selbstverständlich eben jene Kader in der Justiz, die Erdogan gebildet hat."

+++ Und die Überschrift des Tages stammt aus dem britischen Guardian: "Boris Johnson denies being 'habitual liar'" – also etwa: Premier Johnson bestreitet den Vorwurf, er sei ein gewohnheitsmäßiger Lügner.

Neues Altpapier erscheint am Freitag.

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