Der Altpapier-Jahresrückblick am 25. Dezember 2020 Potemkinsche Hoffnungen

Auf dem Zeitungsmarkt geht es im Jahr 2020 weiter bergab. Hoffnungen machen vielen Verlagen Pläne der Bundesregierung und ein Geldregen von Google. Doch beides hat Haken. Ein Jahresrückblick von Ralf Heimann.

Im Wasser versinkende Hand mit Buchstabe. Zwei Hände mit Bundesadler und dem Buchstaben G nähern sich der sinkenden Hand.
Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Das Jahr 2020 beginnt auf dem Zeitungsmarkt so, wie man es mittlerweile gewohnt ist, mit schlechten Nachrichten. Ende Januar erscheint ein 327 Seiten langer Bericht der NRW-Landesregierung. Ergebnis: Die Auflagen brechen ein. Der Abwärtstrend geht weiter. Der Lokaljournalismus verliert an gesellschaftlicher Akzeptanz. Es sind Ergebnisse für ein Bundesland, aber der Trend unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von dem in Gesamtdeutschland. Die Marktkonzentration ist erstmals leicht zurückgegangen, also der Marktanteil der größten Zeitungshäuser. So steht es in Horst Röpers zweijährlich erscheinendem Bericht zur Konzentration auf dem Zeitungsmarkt. Die Trendwende hat auch damit zu tun, dass das Medienhaus DuMont die Berliner Zeitung im Jahr zuvor an das Ehepaar Friedrich verkauft hat.

Ein weiteres Novum auf dem Markt laut Röper: Springer ist nicht mehr das auflagenstärkste deutsche Zeitungsunternehmen. Das ist jetzt die Südwestdeutsche Medienholding in Stuttgart, zu der unter anderem die Stuttgarter Zeitung und die Süddeutsche Zeitung gehören. Generell lässt sich sagen: Die Verlage sparen, wo sie nur können, und da fällt die Wahl vor allem auf das Personal und damit die Inhalte. Eine Tendenz ist laut dem Bericht, dass Unternehmen, "die sich traditionell als harte Konkurrenten verstanden" haben, nun zusammenarbeiten. In Düsseldorf und Dortmund erscheinen inzwischen drei Zeitungen mit identischen Lokalteilen.

Die Zustellung ist mittlerweile zu einem so großen Problem geworden, dass die Verlage sich etwas anderes überlegen müssen. Sie finden kaum noch Menschen, die bereit sind, zu den gängigen Konditionen Zeitungen auszutragen. Die Sächsische Zeitung probiert daher Anfang des Jahres ein neues Hybridverfahren. In Teilen des Verbreitungsgebiets kommt die Zeitung nun per Post, wobei die Post nun etwas früher im Briefkasten liegt. In ländlichen Gebieten kann es jedoch passieren, dass die Zeitung erst mittags oder nachmittags auf dem Tisch liegt. Die Folge sind Abbestellungen.

Rhein-Zeitung schließt sämtliche Lokalredaktionen

Eine Antwort auf die Frage, warum Verlage die Papierzeitung nicht einfach sterben lassen, gibt eine Studie, über die das Magazin Horizont im Januar berichtet: Drei Viertel der Print-Leser können sich nicht vorstellen, ihre Zeitung als E-Paper zu lesen. Das Ende der Zeitung auf Papier scheint absehbar. Der US-Milliardär Waren Buffett hat anscheinend die Hoffnung verloren, dass die Branche noch einmal die Kurve kriegen könnte. Ende Januar steigt er aus dem Zeitungsgeschäft aus.

Das hätte das Medienhaus DuMont auch gern getan. Doch die Zeitungen am Stammsitz in Köln, Express und Stadt-Anzeiger, möchte niemand kaufen. Immerhin für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle hat sich ein Interessent gefunden. Im Januar wird bekannt, dass der Bauer-Verlag das Blatt übernimmt. Anfang Februar geht die ebenfalls zum Verkauf stehende Hamburger Morgenpost an den Xing-Manager Arist von Harpe.

Die Problem betrifft die ganze Branche. Und die ersten Verlage gehen Wege, die noch wenige Jahre zuvor unmöglich schienen. Im Februar wird bekannt, dass die Rhein-Zeitung in Rheinland-Pfalz sämtliche Lokalredaktionen schließt und die Redaktionen an drei Orten zusammenführt.

Viele Verlage werden die Probleme auf dem Zeitungsmarkt nicht aus eigener Kraft lösen können. Das ist längst klar. Die Bundesregierung hat daher schon im November 2019 einen Schritt beschlossen, den die Zeitungshäuser lange abgelehnt haben. Der Staat hat ihnen eine Förderung in Höhe von 40 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Zeitungsverlegerpräsident Mathias Döpfner fürchtet um die Unabhängigkeit der Zeitungen. Fachleute wie Horst Röper halten diese Sorge für unbegründet. Förderungen für Presseverlage gibt es in vielen europäischen Ländern schon seit Jahren. In seinem Bericht schreibt Röper:

"Döpfners Position ist vor allem deshalb nicht nachvollziehbar, weil die lange Erfahrung mit der Pressekonzentration gelehrt hat, dass nach einer Insolvenz einer Zeitung kein anderer Verlag die entstandene Lücke für neue Zeitungen nutzt. Die Zugangsbarrieren sind im Zeitungsmarkt so hoch, dass Zeitungsgründungen seit Jahrzehnten nicht stattfinden. Die Marktmechanismen sind mit anderen Branchen, wo Nachfrage das Angebot bestimmt, nicht vergleichbar."

Die Diskussion über die Erhöhung des Rundfunkbeitrags zeigt allerdings: Die Sorge, dass politische Parteien den Geldfluss von Inhalten abhängig machen könnten, ist nicht völlig abwegig.

Die großen Trends sind Podcast und Newsletter

Vor allem die Art der Förderung halten viele Fachleute für verfehlt. Der Staat will die Zustellung subventionieren. Aber damit hält er ein Geschäftsmodell am Leben, das absehbar keine Zukunft hat. Die Zeitschriftenverleger sehen in der Förderung ebenfalls keine gute Idee, allerdings aus einem anderen Grund: Sie sollen nichts bekommen. Im Januar melden sie sich zu Wort und beanspruchen ebenfalls einen Teil.

In der ersten Hälfte des Jahres sind die Zeitungsverleger noch durchaus optimistisch. In einer Umfrage, die im Februar erscheint, äußern sie die Hoffnung, mit den Erlösen aus dem digitalen Geschäft langfristig die schwindenden Einnahmen im Vertrieb und dem Geschäft mit den Anzeigen kompensieren könnten.

In drei Jahren würden sich 80 bis 90 Prozent der Verlage auf digitale Kanäle fokussiert haben, prognostiziert der Verband. Das Geschäft mit den bezahlten Inhalten, Paid Content, beginne langsam zu funktionieren. Die großen Trends in der Branche sind Podcasts und Newsletter.

Das ist die Situation vor der Corona-Zeit. Die Pandemie verändert ab März mit einem Schlag sehr vieles. Vom Optimismus bleibt zunächst nicht viel übrig.

Die größten Einbußen haben die Kaufzeitungen, schreibt der Zeitungsverlegerverband in einem Bericht zur wirtschaftlichen Lage der Zeitungen, der die erste Monate in der neuen Situation bilanziert. Die Auflagen sinken weiter, um fünf Prozent, nicht stärker als in den vergangenen Jahren. Mitte des Jahres liegt die Gesamtauflage der Tageszeitungen bei 12,9 Millionen Exemplaren, 10,4 Million davon sind Regionalzeitungen.

Die Folgen auf dem Anzeigenmarkt sind jedoch verheerend. Der Einzelhandel ist geschlossen und schaltet daher keine Werbung, auch die Rubrikanzeigen fallen weg. Besonders schwierig ist das Geschäft für die Regionalzeitungen in Ostdeutschland. Hier bricht der Anzeigenumsatz laut dem Bericht des Verbands um zwölf Prozent ein. Im Westen um sieben. Dort gleichen die höheren Vertriebserlöse die Verluste aus. Das ist im Osten nicht der Fall.

Die Probleme sind vielen nicht bewusst

Am 1. April veröffentlicht der Zeitungsverlegerverband eine Pressemitteilung, die kein Aprilscherz ist. Ihr Titel: "Zeitungen und ihre digitalen Angebote können nicht kostenlos sein." Es ist eine Antwort auf eine Aktion von Gruner & Jahr und anderer Medien, die ihre Magazine vorübergehend verschenken. Eine Forderung ist nun oft zu hören: Medien sollen ihre Corona-Berichterstattung kostenlos zur Verfügung stellen. Teil des Problems scheint die Tatsache zu sein, dass vielen Menschen die wirtschaftliche Situation der Medien nicht bewusst ist.

So steht es auch in der neuen Auflage eines Reports der Journalistenschule von North Carolina über Nachrichtenwüsten und Zombie-Zeitungen, der im Juni erscheint. Die Bilanz ist niederschmetternd: In den vergangenen 15 Jahren seien in den USA ein Viertel der Lokalzeitungen verschwunden. Allein in den vergangenen beiden Jahren, seit der letzte Report erschien, seien 300 Zeitungen geschlossen worden, 6.000 Jobs seien verloren gegangen. Die Auflage sei um 5.000 geschrumpft. Aber fast drei Viertel der Befragten sind die finanziellen Schwierigkeiten der lokalen Zeitungen und Digitalmedien nicht bewusst. Der Bericht bezieht sich auf Zahlen des PEW-Forschungszentrums aus dem vergangenen Jahr.

In diese Lücke, die verschwundene Lokalmedien hinterlassen, drängen zunehmend private Anbieter, die auf den ersten Blick Journalismus anbieten, auf den zweiten aber politische Propaganda. Die New York Times berichtet über ein Netzwerk aus 1.300 solcher Zeitungen und Websites, das ein ehemaliger Fernsehreporter aufgebaut hat. Deutschland ist von so einer Entwicklung noch weit entfernt. Nachrichtenwüsten gibt es in Deutschland bislang nicht. Dass es so weit kommen wird, ist auch nicht zu erwarten – schon wegen des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks, den es in den USA so nicht gibt. Doch auch in Deutschland ist die Situation auf dem Zeitungsmarkt ernst.

Im Juni kommt eine Studie des Zeitungsverlegerverbands zu dem Ergebnis: Im Jahr 2025 wird die Zeitungszustellung in vier von zehn Gemeinden nicht mehr wirtschaftlich sein. Es ist ein Argument für eine höhere staatliche Förderung als bislang geplant (40 Millionen Euro). Der Wunsch wird erhört. Der am 2. Juli beschlossene Nachtragshaushalt der Bundesregierung sieht 220 Millionen Euro für die Förderung der digitalen Transformation von Verlagen vor. 20 Millionen Euro sollen noch in diesem Jahr fließen.

1 Kommentar

ceeschow vor 16 Wochen

40 Mio. € ist eine exorbitante Summe, die man statt den prosperierenden Zeitungen und Lokalzeitungen hätte den notleidenden ö.-r. Anstalten zur Verfügung stellen sollen. Mit dem läppischen Budget von gut 8 Milliarden € werden die ö.-r. Anstalten den (noch) nicht-staatlichen Presseorganen in den elektronischen Medien nie ordentlich Konkurrenz machen können.
Es ist ein Jammer, daß der Rundfunkbeitrag nicht um läppische 89 Cent erhöht werden konnte, und nun Tom Buhrow sich zu "einschneidenden" Maßnahmen gezwungen sieht, die hoffentlich nicht sein prekäres Gehalt betreffen.

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