Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 02. Oktober 2019:  Teufel im Anzug
Bildrechte: MDR/Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Das Altpapier am 02. Oktober 2019 Empathy for the devil

Ist Fox News wirklich ein Trump-Sender, nicht vielmehr Trump ein Fox-News-Politiker? Brauchen wir eine Überarbeitung des Pressekodex, wonach sich für die Berichterstattung “disqualifiziert“, wer die Würde der NS-Opfer “in verletzender Weise stört“? Ein Altpapier von René Martens.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 02. Oktober 2019:  Teufel im Anzug
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Morgen ist bekanntlich ein Feiertag, und obwohl man an einem Feiertag natürlich andere Dinge tun kann als medienkritische Texte zu lesen, ist das heutige Altpapier - sowohl was den Umfang als auch die ausgewählten Beiträge angeht - ein bisschen mit dem Blick darauf gebaut, dass unsere Leser*innen nicht nur heute Zeit für diese Kolumne haben, sondern auch noch morgen.

Der erste Longread umfasst zehn Druckseiten im 16-x-23-cm-Format, erschienen in der Oktober-Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik (€). Das Thema: Fox News. Dass dieser ein Trump-Sender sei, gilt mittlerweile fast als Binsenweisheit. Das scheint aber eine mindestens ungenaue Beobachtung zu sein. Was, wenn man dem Blätter-Autor und Stuttgarter Kommunikationswissenschaftler Klaus Kamps folgt, der Wahrheit wesentlich näher kommt: Donald Trump ist ein Fox-News-Politiker.

Der Sender, schreibt Kamps, sei

“weit mehr als eine untertänige Propagandaorganisation. Er ist ein politischer Akteur ganz eigener Ar (…), der Tonlagen vorgibt und die politische Agenda mitbestimmt. Konservative Positionen im Land und die, die sie vertreten, müssen metaphorisch gesprochen, durch das Nadelöhr Fox News.“

Kamps geht unter anderem auf die Frühstücks-TV-Sendung “Fox & Friends“ ein:

“Von August 2018 bis zum März 2019 hat der Präsident mehr als 200 Mal auf Dinge, die in der Sendung problematisiert wurden, mit Tweets reagiert - und das betrifft nur die Morgensendung! Fox News schlägt Positionen vor, ficht Argumente an, attackiert Politiker.  Fox News verwirft ganze Politikprogramme.“

Kamps spricht von einem “White-House-Fox-News-Twitter-Fox-News-White-House-Zyklus“ und stellt auch die Rolle des Fox-Manns Sean Hannity heraus, “der selbst sagt, er telefoniere mehrmals täglich mit dem Präsidenten“. Einer der Artikel, auf die sich Kamps bezieht, hat die vielsagende Überschrift “The Making of the Fox News White House“ und ist im März im New Yorker erschienen.

Halbgebildete Relotius-Kommission

Dieser Tage in die Buchhandlungen kommt die neue Ausgabe von Pop. Kultur und Kritik, und frei online zugänglich ist daraus bereits eine Kolumne, die sich mit dem teilweise von “unüberlegten oder eigenartigen Einschätzungen und Pointierungen“ ausgehenden, teilweise “von gravierenden Missverständnissen und Versäumnissen“ geprägten Bericht der Spiegel-Kommission in Sachen Relotius. Hm, Relotius-Kommission - lange her? Nö, wir reden hier über eine halbjährlich erscheinende Zeitschrift, und für die ist dieses Thema geradezu brandaktuell. Der Autor Thomas Hecken kritisiert unter anderem:

“Die Kommission spricht vom 'Genre‘, der 'Gattung‘ der Reportage, bestimmt die Reportage aber auf eine Weise, die deutlich von Missverständnissen und fragwürdigen Einschätzungen geprägt ist, nicht von einer lexikalischen Definition oder einem wissenschaftlichen Ansatz. So heißt es etwa: 'Sprachliche Ausschmückung von Szenen oder die Illumination von Orten, Verhältnissen, Gedanken und Beziehungen verwischen die Grenze zur Literatur. Die Reportage ist dort das richtige Genre, wo es für den Betrachter viel zu sehen und zu erkunden gibt, wo er teilhaben kann an Ereignissen und Gesprächen. Jedes Adjektiv birgt die Gefahr einer subjektiven Interpretation und öffnet die Tür zur Erfindung.’ Hier ist nun so ziemlich alles falsch: Wenn 'es viel zu sehen und zu erkunden gibt‘, kann das genauso gut Gegenstand eines (Hintergrund-)Berichts sein; wieso die Reportage umgekehrt bei einem kleinen Alltagsausschnitt ohne sofort ins Auge springenden Detailreichtum unangemessen sein soll, bleibt gattungsgemäß unerfindlich. Die sprachliche »Ausschmückung« muss auch den Realitätsgehalt nicht mindern, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun; eine Metapher, eine Alliteration, ein Chiasmus verringern keineswegs kategorisch den Wahrheitsgehalt, ebenso wenig ein Adjektiv. Hingegen ist eine Interpretation von einer 'Erfindung‘ (im Sinne der nicht gekennzeichneten Aufstellung fiktionaler, im journalistischen Rahmen demnach falscher, zumindest irreführender Aussagen) kategorial getrennt.“

Mit der der von den Kommissionsmitgliedern in die Welt gesetzten Definition des Begriffs “Literatur“ geht Hecken nicht weniger hart ins Gericht. Auch hier komme die “Halbbildung der Kommission“ zum Ausdruck.

Ein überflüssiger Vergleich

Tasten wir uns jetzt langsam vor in die etwas jüngere Medienvergangenheit - zum “Berlin direkt“-Interview mit Björn Höcke vom 15. September (Altpapier, Altpapier). Der Historiker Janosch Steuwer hat sich nun für Geschichte der Gegenwart damit befasst. Lesezeit des Textes übrigens: acht Minuten.

“Das Gespräch selbst (…) hielt kaum etwas Interessantes bereit“, schreibt Steuwer. Wie kommt er zu der Einschätzung? Der Historiker schreibt:

“Die Entnazifizierung der Sprache, die bestimmte Worte zum Ausdruck einer nationalsozialistischen Ideologie erklärte und andere für die politische Sprache der Bundesrepublik rettete, war durchaus willkürlich und ließ auch deshalb viel Raum für die Kontinuität von Einstellungen und Denkmustern. Wie 1933 musste auch 1945 niemand sein Denken völlig verändern, um in der Nachkriegszeit anzukommen.“

Das gilt übrigens auch für “unsere“ Branche: Die meisten Journalisten mussten sich nach Weimar nicht völlig verändern, konnten so in den Nationalsozialismus hinüber gleiten und waren auch nach 1945 schnell wieder anpassungsbereit. Das geht hervor aus dem von Norbert Frei und Johannes Schmitz 1989 veröffentlichten Buch “Journalismus im Dritten Reich“, das ich nun keineswegs vor 30 Jahren gelesen habe, sondern erst vor ein paar Tagen. Obwohl direkte Vergleiche mit der Gegenwart natürlich nicht zulässig sind: Das Buch ist mit Blick auf die aktuellen Verhältnisse ziemlich lehrreich.

Zurück zu Steuwer. Er schreibt:

“Die künstliche Trennung in 'normale‘ und 'nationalsozialistische‘ Begriffe nach 1945 (machte es erst) möglich, dass sich Menschen bewusst in die neue, demokratische Gesellschaft einordnen konnten oder sich offen als 'Nazi‘ zeigten. Wer Teil der Bundesrepublik sein wollte, wußte, dass er bestimmte Worte und Symbole nicht verwenden durfte. Wer dies tat, bezog offen eine rechtsextreme Position.“

An dieser “Konstellation“ wiederum habe sich bis heute “nichts geändert“. Das bedeutet:

“Dass in der Weimarer Republik auch liberale Juristen von 'Auslese‘ und 'Ausmerzen‘ sprachen, (…) ändert nichts daran, dass in der politischen Sprache der Gegenwart Begriffe wie 'Lebensraum‘ und 'Entartung‘ schlicht keine neutralen Worte sind. Als politische Begriffe ist ihnen die Erinnerung an die nationalsozialistischen Schrecken eingeschrieben, auch wenn sich in der Vergangenheit keine so klare Bedeutung finden lässt, wie es der Vergleich von Höcke und Hitler suggeriert. In dieser Konstellation lassen sich das Höcke‘sche Denken und die Gefahren, die es birgt, nicht verstehen, wenn man versucht, seine 'nationalsozialistischen Worte’ freizulegen. Dafür braucht es eine Lektüre, die nicht nach 'eindeutigen Stellen‘ sucht, sondern schlicht aufdeckt, was Höcke mit seinen 'problematischen‘ wie 'unproblematischen’ Worten sagt. An der Einordnung seiner Gedanken kann dabei kein Zweifel bestehen: Wer heute von 'Lebensraum‘ und 'Entartung‘ spricht, bezieht Position – selbst dann, wenn er danach wie Björn Höcke wortreich beteuert, es gar nicht so gemeint zu haben. Um Höcke als den Rechtsextremen zu erkennen, der er ist, braucht es nicht den Nachweis, dass hinter seinen Worten Hitler lauert. Er zeigt sich ja.“

In diesem Sinne ist die im ZDF-Beitrag mit AfD-Leuten veranstaltete Stammt-dieses-Zitat-von-Höcke-oder-Hitler?-Fragerei eher Spielkram, der vom Wesentlichen, vom Offensichtlichen ablenkt.

Interessanterweise ist in dem Geschichte-der-Gegenwart-Text sogar eine kleine Schnittmenge auszumachen mit der Interviewkritik von Konservativen wie Jens Jessen, der vor rund zwei Wochen in der Zeit schrieb:

“Man (hätte) (…) keine Hitler-Parallele bemühen müssen, um die fatale Tendenz in den Höcke-Zitaten herauszupräparieren.“ 

Agenturen adeln Bullshit

Beim Stichwort Höcke lässt sich bestens überleiten zur aktuellen Übermedien-Kolumne (€) von Samira El Ouassil. Sie steigt ein mit dem aktuellen Meininger In-Sachen-Höcke-Urteil (PDF, Umfang: acht Seiten) und geht unter anderem auf die “Selbstverharmlosungsstrategie“ der AfD ein (Altpapier). Interessantester Punkt in der Kolumne: ihre Beobachtung, wie wahnwitzigster “Bullshit“ durch die Weiterverarbeitung von Nachrichtenagenturen, die sich dann naturgemäß in weiteren medialen Verarbeitungen niederschlägt, zu einem ernstzunehmendem Debattenbeitrag geadelt wird. Konkret geht es um Folgendes:

“Die Welt am Sonntag berichtete (..) darüber, dass die AfD Kritik an der Klimaschutzpolitik der Regierung zum nächsten politischen Schwerpunkt der Partei machen wolle (…) (Alexander) Gauland darf in Print und online die Klimaschutzpolitik als 'sogenannt‘ und 'Irrsinn‘ bezeichnen, 'bei dem alle mitmachen‘. Er kann unterbringen, dass die AfD zum 'menschengemachten Klimawandel eine differenzierte Auffassung‘ habe (…) Die Nachrichtenagentur AFP machte aus dem Bericht eine Meldung, die im Grunde alle darin enthaltenen Aussagen paraphrasierte oder replizierte und betitelte diese mit: 'AfD will Widerstand gegen Klimaschutzpläne zu neuem Hauptthema machen‘. Die Agenturmeldung wurde von diversen Medien inklusive positiv framender Headline übernommen und Zack! – plötzlich verkünden die Zeit (und) der Deutschlandfunk (…) vollkommen unkritisch, dass die AfD “Widerstand“ gegen irgendwas leiste – (…) eine Tatsache, gegen die man nur Widerstand leisten kann, wenn man bewusst postfaktisch argumentiert und fern jeglicher Differenzierung (…) Hängen bleiben “Alleinstellungsmerkmal“ (hui!), “endlich wieder sachliche Debatte“ (lol), “abweichenden Stimmen Gehör verschaffen“ (uff) und aufgrund des Wortes “Widerstand“ das Framing eines Kampfes gegen die da oben.“

In der Headline des Textes wird die Forderung aufgestellt, “die Medien“ sollten die “Strategie“ der AfD“ “sabotieren“. Ich befürchte ja, dass in Teilen “der Medien“ die Sabotagebereitschaft eher gering ist, weil dort möglicherweise einer Art “empathy for the devil“ vorherrscht. Letztere Formulierung habe ich aus einem zumindest leicht anderen Zusammenhang herausgerissen - es ist die Überschrift einer in konkret erschienen, sehr kritischen Betrachtung eines von Journalisten und Juroren ansonsten heftigst gefeierten Buchs der Soziologin Cornelia Koppetsch bzw. ihres, wie es im Vorspann heißt, “Verständnisses für die AfD“.

Eine Programmauftrags-Interpretation

Zumindest schlaglichtartig stand im Altpapier - hier und hier - schon die Frage im Raum, ob der heutige Umgang der Öffentlich-Rechtlichen mit der AfD eigentlich vereinbar ist mit den bei der Formierung dieses Rundfunksystems formulierten Vorgaben - also etwa “mit dem erklärten Ziel (…) der journalistischen Mithilfe bei der Demokratisierung des nazistischen Deutschlands“ (Matthias Dell, Zeit Online). Ausführlich befassen sich mit dieser Verpflichtung nun Farhad Dilmaghani und Georg Diez bei den Krautreportern - unter anderem, indem sie aus der Satzung des ZDF zitieren:

“Die Anstalt hat in ihren Angeboten die Würde des Menschen zu achten und zu schützen (…) Die Angebote sollen dabei vor allem die Zusammengehörigkeit (…) fördern sowie die gesamtgesellschaftliche Integration in Frieden und Freiheit und der Verständigung unter den Völkern dienen. Diese Vorgaben unterscheiden sich von der relativ neutralen Argumentation, die heute oft herangezogen wird, wenn es darum geht, den Auftritt und den Umgang mit rechtsradikalen Politikern zu rechtfertigen.“

Obwohl das ZDF erst 1961 gegründet wurde, ist dessen Satzung also

Produkt eines Kriegs, den ein Vertreter der AfD als “Vogelschiss“ bezeichnete. Wenn man sie ernst nimmt, so tut sich ein Dilemma auf: Wie soll man mit diesem Gegensatz umgehen: zwischen dem Auftrag, plurale Angeboten zur öffentlichen Meinungsbildung zu machen und ein “umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit“ zu zeichnen, und der Verpflichtung, “in ihren Angeboten die Würde des Menschen zu achten und zu schützen (und) ... die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland zu fördern“? In ihrer Satzung übernimmt das ZDF also die Argumentation des Grundgesetzes, das die Achtung der Menschenwürde zum obersten Verfassungsgrundsatz erhebt. Der Artikel ist bekanntermaßen eine direkte Reaktion auf die nationalsozialistische Diktatur (.…) Wir interpretieren daher den Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dahingehend, dass er Befürwortern von nationalsozialistischen Ideologieelementen oder denjenigen, die den Nationalsozialismus unmissverständlich relativieren, keine 'Bühne zu bieten‘ hat. Der oberste Grundsatz, der in diesem Verfassungsprinzip deutlich wird, lautet: Nie wieder Faschismus. Dem ist auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk verpflichtet, und er sollte hier als Vorbild für die Medienlandschaft dienen.“

An dieser Stelle stelle ich mir - ähnlich wie bereits oben anlässlich der Überschrift der Übermedien-Kolumne - aber die Frage, ob man in den oberen und mittleren Führungsebenen des hiesigen Journalismus noch eine Mehrheit für so etwas Kategorisches wie “Nie wieder Faschismus“ finden wird? Unter drei, wie es so schön heißt, würde ein gar nicht so kleiner Teil vermutlich sagen: Faschismus? Ist ja nicht so meins, aber so lange ich meinen Job behalte …

Um von der flapsigen Ebene wieder wegzukommen, sei in diesem Zusammenhang eine Passage aus dem oben erwähnten Buch “Journalismus im Dritten Reich“ zitiert. Bezogen auf das Jahr 1933, heißt es dort:

“Die meisten Journalisten (…) verließen Deutschland nicht. Die Gewalt- und Racheaktionen der Nationalsozialisten richteten sich nicht gegen sie persönlich, und sie dachten nicht daran zu emigrieren. Die große Mehrheit blieb im Journalismus. Die NS-Propagandisten hatten schon früh gemerkt, dass sie erfahrene Journalisten - auch 'Bürgerliche‘ und Nicht-Nationalsozialisten - dringend benötigten, ebenso wie die 'bürgerliche‘ Presse (…) Die nationalsozialistische Durchdringung der deutschen Gesellschaft stand erst noch bevor, und eine zentrale Aufgabe sollte dabei die bürgerliche Presse übernehmen, die zum überwiegenden Teil durch ihr Verhalten bereits hatte erkennen lassen. dass diese Rechnung aufgehen würde.“

Es ließe sich also sagen, dass es - auch - vor 1933 eine Haltung gab, die mit “empathy for the devil“ nicht völlig falsch umschrieben wäre. Um auf Diez und Dilmaghani zurückzukommen: Sie bringen eine Änderung bzw. Erweiterung vorn Ziffer 1 und Ziffer 12 des Pressekodex ins Spiel. “Mit Blick auf Bedeutung und Entstehungsgeschichte des Artikels 1 Grundgesetz“ schlagen sie unter anderem folgende Neuformulierung vor:

“Wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich billigt, leugnet oder verharmlost oder die Würde der Opfer in verletzender Weise dadurch stört, dass er die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt, disqualifiziert sich für die Medienberichterstattung.“

Diez und Dilmaghani bemängeln also nicht nur den Ist-Zustand, sondern: Sie machen einen konstruktiven Vorschlag - und hinter den sollte die künftige Debatte nicht zurückfallen.

Altpapierkorb (di-Lorenzo-Interview bei Horizont, Hollstein-Interview bei Phoenix, Supermediathek, CDU-Newsroom, öffentlich-rechtliche Politikmagazine, Brandrede zur Lage des Hörspiels)

+++ Ich könnte aus dem großen Horizont-Interview mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo einige Äußerungen herausgreifen, mit denen ich überhaupt nicht überein stimme, aber manchmal bin ich ja auch positiv drauf, also zitiere ich an dieser Stelle eine Passage, die ich unterschreibe: “Die ­Medien werden, pauschal gesprochen, Probleme bekommen, wenn sie zu wenig politische Diversität abbilden. Diversität wird meist verstanden als Frage nach der ­Herkunft, nach dem Verhältnis Frauen zu Männern oder Alt zu Jung. Das ist auch alles richtig, das gehört dazu – aber wir brauchen auch mehr Kolleginnen und Kollegen, die aus Migrantenfamilien stammen.“

+++ Was davon zu halten ist, dass Miriam Hollstein (Bild am Sonntag) bei Phoenix Sebastian Kurz dafür lobt, dass er die "Kommunikation professionalisiert“ und den "Markenkern" der Partei "herausgearbeitet" habe und auch noch "wahnsinnig eloquent“ sei, steht in und unter diesem Tweet. Was man ebenfalls kritisieren kann: die Art, wie Phoenix hier die Hollsteinsche Wahnsinns-Expertise anteasert. Was die CDU “vom Wahlsieg der konservativen Nachbar-Partei ÖVP“ und von Kurz “lernen“ könne, fragt eine/r der Twitter-Betreuer*innen des Senders. Um es kurz zu machen: Das kann sich die CDU ja gern fragen, aber ein öffentlich-rechtlicher Sender ist keine Politikberatungsfirma.

+++ Frank Beckmann, Programmdirektor des NDR Fernsehens, schreibt, wie er redet, und schön ist das nicht. “Die Kolleginnen und Kollegen vom Lerchenberg sind beim Blick auf die Quoten im der Tat Klassenprimus im linearen Fernsehprogramm“, schreibt er in einem Artikel für den Tagesspiegel. Und über mutmaßlich zu erwartende Fortschritte bei der Mediathek des Ersten heißt es: “Die Kolleginnen und Kollegen beim SWR sind inzwischen mit Sieben-Meilen-Stiefeln unterwegs.“ Puh, hat sich beim NDR denn niemand das Manuskript anschaut, bevor es Richtung Zeitung expediert wurde? Worum geht’s inhaltlich? Beckmann wirbt für eine gemeinsame Mediathek von ARD und ZDF, also eine “Super-Mediathek“, die sich von anderen bisher ins Spiel gebrachten “Super-Mediathek“-Konzepten - siehe dieses und dieses Altpapier - unterscheidet. Wie bei di Lorenzo eben gerade zitiere ich auch hier gern eine (auf die fehlende Fiction-Vielfalt in der ARD bezogene) Passage, der ich zustimme: “Beim seriellen Erzählen verstellt der lineare Erfolg den Blick auf den Mangel an Genres. Wo sind der Actionfilm, die Mystery-Serie, der Science-Fiction-Film, der Western oder gar der Grusel-Film geblieben? Wir haben viel zu bieten, aber eben auch noch Aufgaben vor uns.“ Wobei man hier anfügen muss, dass die Budgets für Fernsehfilme viel zu niedrig sind, um damit beispielsweise im Bereich Action oder Science Fiction etwas auf die Beine stellen zu können.

+++ Sind die öffentlich-rechtlichen Politikmagazine noch relevant oder sogar relevanter denn je? Ja, würde ich sagen - so schwer es mir angesichts all der üblichen Textbausteine und Floskeln auch fällt, manch inhaltlich interessanten Beitrag bis zum Ende durchzustehen. Für die aktuelle Ausgabe von Kontext habe ich darüber geschrieben. Der Text ist eine Art Fortsetzung dieses Altpapier-Jahresrückblicks.

+++ Wenn man die Überschriften “Neue Strategie für Social Media. Wie die CDU auf das Rezo-Video reagieren will“ (Tagesspiegel) und “Die Rezo-Reaktion“ (Süddeutsche) liest, denkt man zunächst: Hm, die Texte müssen ja schon recht alt sein. Tatsächlich weisen die am Dienstag erschienenen Texte einen Blick in die Zukunft bzw. Richtung “Ende des Jahres“. Bis dann soll nämlich im Konrad-Adenauer-Haus ein “Newsroom eingerichtet werden“. "Mehr Schnelligkeit und Agilität“ wünscht sich nämlich CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak laut SZ in Sachen Parteikommunikation. Robert Birnbaum im Tagesspiegel dazu: “Der neue ‚Newsroom‘, der in Ziemiaks Konzept vorgesehen ist, wird keine digitale Parteizeitungsredaktion. Die kleine Truppe soll vor allem im Auge behalten, was sich im Netz tut, und Alarm geben, wenn sie etwas für relevant hält.“

+++ Um auf potenzielle Feiertagsbeschäftigungen zu zurückzukommen: Ich empfehle noch die am gestrigen Dienstag um 20.05 Uhr bei Bayern 2 erstausgestrahlte “Brandrede“ “Wie das Hörspiel auf den Hund kam“. Hier findet eine Form der Medienkritik statt, die innerhalb der ARD nicht unbedingt üblich ist. Jedenfalls greift Autor Ulrich Bassenge hier die “Reichsoberspielleiter“ bzw. “Contenverwalter“ in der ARD an, die das Hörspiel als “Afterkunst der Theaters oder des Kinos“ betrachten und verhörspieltes True-Crime-Fernsehen für richtig heiße Scheiße halten. Bassenge fordert zum Beispiel: “Alle Hörspielredaktionen senden ein Jahr (…) keine Literaturadaptionen.“ Und: “Lasst das Fernsehen dem Fernsehen, das Theater dem Theater und die Romane im Regal!“ Doch damit nicht genug, das “Elend der Hörspielkritik“ kommt in dieser “Brandrede“ auch noch vor.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Freitag.

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2019, 14:24 Uhr

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