Das Altpapier am 14. Juli 2022 Wenn sich Medien nicht für Details interessieren

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin versagt in einem Interview. Journalistinnen und Journalisten fallen auf Ablenkungsmanöver der FDP herein. RTL geht ein bisschen back to the roots. Ein Altpapier von René Martens.

Das Altpapier am 14. Juli 2022: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
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Dreyers moralische Bankrotterklärung

Heute jährt sich zum ersten Mal die Flutkatastrophe von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, und die Person, die in den Jahrestags-Fernsehbeiträgen auf mich bisher den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen hat, ist Hannah Cloke, Professorin für Hydrologie im britischen Reading. Sie hat das Europäische Hochwasserwarnsystem mit aufgebaut, eine Einrichtung, deren Gründung 2002 unter anderem eine Reaktion auf das damalige Hochwasser an der Elbe war.

Cloke war eine von denen, die rechtzeitig vor dem Ausmaß der Flut gewarnt haben. Sie kommt zum Beispiel in einer 90 Minuten langen Arte-Dokumentation zu Wort. In dem Arte-Film (siehe dazu auch einen Text von mir für Zeit Online) sagt sie:

"Es ist schlimm für mich, als eine, die Hochwasser vorhersagt, die Jahre ihres Lebens darauf verwendet hat, die Vorhersagen zu verbessern, Leben zu retten, die Menschen aus der Gefahrenzone zu bringen, zu sehen, dass wir all diese Technologie haben, und dass wir all diese Leben nicht retten konnten."

Die Hydrologin war auch zu sehen und zu hören in der vergangenen Woche beim ZDF in einem Beitrag in einer Spezialausgabe von "Frontal" - und auch gestern zur allerbesten Sendezeit in der ARD, nämlich gleich zu Beginn einer ab 20:15 Uhr gezeigten Doku, in der wieder einmal deutlich wurde, dass während der Flut niemand hätte sterben müssen, wenn die zuständigen Behörden vor Ort auf die Warnungen von Cloke und Co. reagiert hätten.

Später am Abend ließ Aline Abboud dann in den "Tagesthemen" all das, was wir heute über das "Versagen auf allen Ebenen" (Abboud) wissen, in ein Interview mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer einfließen. Doch diese zeigte sich nicht einmal ansatzweise in der Lage, den Fakten, die das Publikum aus mittlerweile schon sehr vielen Jahrestags-Anlass-Filmen kennt, Rechnung zu tragen, lenkte mehrmals mit dem Wort "Naturkatastrophe" ab, behauptete, "das Ausmaß dieser Katastrophe", habe "so niemand voraussehen" können. Und dass "Warnungen und Evakuierungsmaßnahmen funktioniert" hätten. Das sind zwar keine falschen Tatsachenbehauptungen im juristischen Sinne, aber von einer moralischen Bankrotterklärung muss man hier wohl schon reden.

Dass Dreyer auch nach entsprechenden Einwürfen der mittelhart nachhakenden Abboud nicht in der Lage war, mal für ein paar Sekunden aus ihrer Apparatschik-Rolle auszubrechen; dass die Ministerpräsidentin als reine Kritik-Zurückweisungs-Maschine und nicht einmal ansatzweise landesmütterlich agierte - das war durchaus bemerkenswert.

Das Spiel der FDP und ihre Mitspieler in den Medien

Das Thema Atomkraft drängt sich für eine Medienkolumne generell nicht unbedingt auf - am Mittwoch bot es sich allerdings in Form eines Hinweises auf einen herausragenden Dokumentarfilm an. Und vor rund drei Wochen aufgrund eines "sehr lehrreichen Interviews", in dem die Atomkraft eine Rolle spielte.

Ein Medienkolumnenthema ist die Atomkraft aber vor allem deshalb, weil die derzeitige Debatte um Atomkraft bzw. Kraftwerks-Laufzeitverlängerungen nur möglich geworden ist, weil Journalistinnen und Journalisten sich auf "Ablenkungsmanöver" einlassen. Das schreibt Petra Pinzler bei Zeit Online im Kontext einer "Fünf vor acht"-Kolumne über die Klima- und Verkehrspolitik der FDP:

"Es gibt, wenn man selbst nicht liefert, zwei Methoden: Erstens wegducken und hoffen, dass es nicht auffällt. Das macht Wissing. Zweitens ablenken. Das macht der Rest der FDP. Denn statt sich auf eine Debatte über die verkehrte Verkehrspolitik einzulassen, sprechen Liberale immer wieder ein anderes Thema an, und zwar mehr oder weniger so: Ach nee, jetzt nervt mich nicht mit eurem Klimakram – stellt einfach die AKWs wieder an. Dann hat sich der Film."

Und dabei würden "zu viele Medien mitspielen". Warum?

"Es gibt jede Menge Journalisten, die sich für die Klima- und Energiepolitik nicht besonders interessieren (zu viele Details) und sie übernehmen diese Forderung gern. Zudem sorgt die Diskussion über die Atomkraft auch noch beim Publikum für wunderbar erhitzte Pro und Contras (wahrscheinlich auch unter dieser Kolumne wieder) und lenkt so vom eigentlichen Problem ab.  Das aber lautet – leider – so: Wer die Klimakrise erfolgreich bremsen will und zugleich Gas einsparen möchte, muss viele Dinge gleichzeitig tun. Gebäude dämmen, Heizungen neu einstellen, langsamer Auto fahren, zu schwere Autos stehen lassen, bei Neubauten Solardächer zur Pflicht machen, die Industrie auf Energieeffizienz trimmen und und und. Bei vielen dieser Maßnahmen steckt der Teufel im Detail und deswegen eignen sie sich wenig für große Aufmacher. Oder haben Sie schon einmal eine Schlagzeile in den Boulevardmedien über Wärmepumpen gelesen?"

Power to the Dieter

Vor rund einem Jahr hat Stephan Schäfer - damals "Geschäftsführer Inhalte & Marken" bei RTL, heute Co-CEO von RTL Deutschland - bei einer internen Teams-Konferenz gesagt, er wolle nicht, dass RTL jemals wieder "mit dem Begriff Trash-TV in Verbindung gebracht" werde. Eine Voraussetzung dafür war mit der im März 2021 verkündeten Trennung von Dieter Bohlen geschaffen worden.

Doch Trash scheint nun wieder eine Option zu sein, jedenfalls lässt sich die Rückholung Dieter Bohlens durch RTL- er soll im kommenden Jahr wieder bei DSDS mittun - so interpretieren. Christian Buß lässt sich davon zu einem spöttischen "Spiegel"-(€)-Kommentar zur grundsätzlichen RTL-Lage inspirieren. "Powerhouse der Peinlichkeiten" lautet die Überschrift - eine Anspielung auf Bertelsmann-Chef Thomas Rabe, der eine Zukunft von RTL als "journalistisches Powerhouse" herbeivisioniert hatte. Buß schreibt:

"Die Re-Rekrutierung Bohlens ist der wohl drastischste Beleg dafür, dass RTL momentan mit seiner neuen, seit letztem Jahr verfolgten Strategie nicht auf Erfolgskurs kommt (…) Zwar ging man in den letzten Monaten auf große Einkaufstour und warb etliche prominente und preisgekrönte Journalistinnen und Journalisten bei Tageszeitungen und bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz ab; zuletzt stießen etwa Nico Fried, der Parlamentschefreporter der 'Süddeutschen Zeitung', und das renommierte Rechercheteam um Birte Meier vom ZDF zu RTL – eine Qualitätsoffensive auf breiter Ebene kann man bei all dem nun schon über einem Jahr anhaltenden Rekrutierungs-Aktionismus immer noch nicht erkennen."

Buß' Fazit:

"Im Moment bedarf es noch viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie man für die prestigeträchtigen Neuzugänge Formate und Sendeplätze schafft, die diese tatsächlich mit anspruchsvollen Inhalten füllen können. Denn trotz aller vollmundigen Versprechungen bleibt das RTL-Programm bislang über die großen Primetime-Ausspielflächen ziemlich rückwärtsgewandt."


Altpapierkorb ("Welt", RBB, "Le Point")

+++ Dass bei welt.de am Wochenende eine "Netzwerkerin" der Querdenker-Szene als Co-Autorin zum Einsatz kam, nimmt Gunnar Hamann zum Anlass, in einem Gastbeitrag bei "Volksverpetzer" auf die generell starke Vernetzung des Springer-Mediums mit dem Schwurbler-Milieu hinzuweisen.

+++ Der RBB beschäftigt sich intern weiter mit mutmaßlichem "Filz" (Altpapier von vor einer Woche) bzw. "gewissen Network-Gemengelagen" (Altpapier von Montag). Wolf-Dieter Wolf, der im Reigen, der Vorwürfe eine zentrale Rolle spielende Chef des RBB-Verwaltungsrats, habe den "Wunsch vieler Mitglieder (…), seine Ämter bis zum Abschluss der Prüfung ruhen lassen", zurückgewiesen, berichtet der "Tagesspiegel". Dass der RBB mit seinem Dritten Programm schlechte Quoten erzielt (noch einmal "Tagesspiegel"), dürfte die Stimmung an der Senderspitze zusätzlich verfinstern.

+++ Das französische Nachrichtenmagazin "Le Point" hat eine Geschichte erfunden. Eine Politikerin und ein Politiker des linksgrünen Bündnisses NUPES hätten eine Hausangestellte illegal beschäftigt und wie eine Sklavin behandelt, schrieb das rechts-konservative Blatt. Annika Joeres berichtet für "Übermedien" (€) über den Fall. Zu den Hintergründen, warum andere Medien gern auf die erfundene Geschichte angesprungen sind, schreibt Joeres: "Frankreichs Medien gaben sich in diesen Tagen ohnehin einer Art Rote-Socken-Kampagne hin: Die NUPES, diese neu geschmiedete Koalition aus Linken, Grünen, Sozialisten und Kommunisten, war gerade zur größten Oppositionspartei von Emmanuel Macrons Regierung geworden, und ihr Programm inklusive Vermögenssteuer, höherem Mindestlohn und Atomausstieg verursachte offenbar in vielen Redaktionen Angstzustände."

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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