Das Altpapier am 16. November 2022 Deutsche Medien international isoliert

Redaktionen aus unter anderem Großbritannien, Frankreich, Angola und Malaysia veröffentlichen einen klimapolitischen Appell, aber deutsche Medien beteiligen sich nicht. Ein großer deutscher TV-Konzern kann sich Fiction nicht mehr leisten. Die Medienseite des "Tagesspiegel" stirbt. Ein Altpapier von René Martens.

Das Altpapier am 16. November 2022: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
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Die klimapolitischen Forderungen internationaler Medien

"The Climate Crisis Fight Is the Moonshot of Our Time" lautet gerade eine Schlagzeile des amerikanischen "Rolling Stone", und es lässt sich sagen, dass diese Überschrift funktioniert, unabhängig davon ob "moonshot" hier wortwörtlich oder im übertragenen Sinne zu verstehen ist.

Die Headline steht über einem Appell, den mehr als 30 Medienhäuser aus mehr als 20 Länder am Dienstag anlässlich der noch bis Freitag andauernden 27. Weltklimakonferenz veröffentlicht haben. In dem Appell fordern die Redaktionen - hier der "Guardian", der das Ganze offenbar organisiert hat - die führenden Politiker der Welt zum Handeln in Sachen Klimapolitik auf.

Im Hintergrundtext zur Entstehung der Aktion zitiert der "Guardian" Aluf Benn, den Chefredakteur der israelischen Zeitung "Haaretz", mit folgenden Worten:

"Die Klimakrise ist die größte Herausforderung unserer Generation – und eine, die nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst werden kann. In einer Zeit, in der Regierungen nicht das Notwendige tun – sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene – müssen wir die Notwendigkeit gemeinsamer Anstrengungen auch von Medienunternehmen anerkennen."

Zumal Medien "die moralische Verantwortung" hätten, "den Weg zu weisen", wie Benn schreibt.

Wer hat sich außer "Guardian", "Rolling Stone" und "Haaretz" noch beteiligt?

"Die Organisationen, die das gemeinsame Editorial herausgegeben haben, kommen von fast allen Kontinenten, darunter (sind) 'Hindu' aus Indien und 'Tempo' aus Indonesien, 'Mail & Guardian' aus Südafrika (…), 'El Espectador' aus Kolumbien sowie 'La Repubblica' aus Italien und 'Libération' aus Frankreich."

Man könnte an dieser Stelle noch erwähnen, dass die "Camunda News" aus Angola und "Macaranga" aus Malaysia ebenfalls mit dabei sind und auch das auf den Pacific Islands erscheinende "Pacific Environment Weekly". Eine Liste aller Mitmachenden findet sich unter einem Text der den Altpapier-Lesenden zumindest namentlich vertrauten philippinischen Plattform "Rappler".

Deutsche Medien allerdings sind nicht beteiligt. Ob die Initiatoren hiesige Redaktionen gar nicht erst angesprochen oder letztere freundlich abgesagt haben, wissen wir natürlich nicht. Eine gewisse Konsequenz hat es aber allemal, dass der Appell hier zu Lande nicht erschienen ist. Darin heißt es zum Beispiel:

"Reiche Länder (…) sind (…) für die Hälfte der Treibhausgase verantwortlich. Diese Nationen haben eine klare moralische Verantwortung zu helfen. Entwicklungsländer sollten genug Geld erhalten, um die gefährlichen Bedingungen anzugehen, zu deren Schaffung sie wenig beigetragen haben."

Wenn man so etwas in Deutschland veröffentlichen würde, hätte das höchstens den Effekt, dass zahlreiche Spitzenpolitiker wegen eines Dauer-Lachanfalls für einen Tag arbeitsunfähig werden würden.

Durchaus zur Nicht-Beteiligung deutscher Medien an der internationalen Aktion passt die Statistik der Gruppierung "Klima vor acht" zur Intensität der Weltklimakonferenz-Berichterstattung von ARD und ZDF.

Twitter wird wohl wichtig bleiben

Zur an dieser Stelle im Zusammenhang mit Twitter schon öfter ventilierten oder zumindest angespielten "Should I stay or should I go now"-Frage, steuert Anne Roth, die Referentin der Bundestagsfraktion Die Linke für den Bereich Netzpolitik, einige neue Aspekte bei, und zwar für das linke Monatsblatt "Analyse & Kritik":

"Twitter war über Jahre mit Abstand die beste Plattform, um linke Inhalte unter die Leute zu bringen. Was viele nicht wissen: Die Ursprünge von Twitter kommen aus dem Aktivismus und der Überlegung, wie mithilfe von SMS bei Mobilisierungen Nachrichten in großen Gruppen ausgetauscht werden können. Und auch wenn die Bedeutung mittlerweile etwas nachgelassen hat, ist Twitter noch immer für viele Journalist*innen wichtig, um Stimmungen und Diskussionen zu beobachten."

Wie wichtig - das zeigt zum Beispiel dieser Tweet des Bildtonfabrik-Online-Chefs " Stenzel.

Zu Mastodon schreibt Roth, dass die "sehr, sehr vielen", die "in den letzten Tagen mit ihren Accounts dorthin umgezogen" seien, nun feststellen:

"So einfach ist das auch nicht, denn wenn kein Konzern die Regeln vorgibt, müssen wir sie ausdiskutieren und auch selber reparieren, was kaputt geht. Es ist natürlich viel gemütlicher, aber bislang sind die Nazis, Maskulisten und Schwurbler*innen auch noch nicht alle da. Mastodon hat ein paar Instrumente, die es einfacher machen, sie vor die Tür zu setzen, aber die verschiedenen Aushandlungsprozesse werden mühsam werden. Schon jetzt ist zu spüren, dass die Alteingesessenen nicht nur begeistert sind von den vielen Neuen, die alles von vorn diskutieren wollen."

Zum Aspekt, wer bei Mastodon "noch nicht da ist", wäre noch zu ergänzen: Es ist, zumindest noch!, ein Plus, dass bei Twitter omnipräsente Geisterbahnfiguren wie Dieter Nuhr oder die Chefreporterin Freiheit - deren Existenz ich außerhalb von Twitter gar nicht wahrnehmen würde - bei Mastodon bisher kaum in der Timeline auftauchen. Siehe dazu auch ein launiger Post von Dax Werner.

Anne Roth kommt zu folgendem Schluss:

"Wir können beides machen, und das sollten wir auch, denn ganz sicher werden viele bei Twitter bleiben und absehbar nicht zu anderen Plattformen wechseln, ob das nun Mastodon ist oder irgendeine andere. Diese Menschen sollten wir nicht einfach Musks anrollender Manipulationsmaschine überlassen."

Pro Sieben Sat 1 geht es nicht gut

Einen guten Riecher hatte die FAZ, als sie am Montag in München bei einer Veranstaltung mit dem eigentlich eher unsexy Titel "BR, ARD und ZDF: Darum brauchen wir sie! Ein Abend zum Dualen Rundfunk" aufschlug. Bei der Diskussion, an der auch die Filmproduzentin Regina Ziegler und Daniel Rosemann, der Geschäftsführer mehrerer Sender der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe teilnahmen, ging es nämlich, äh, hoch her, wie sich dem Artikel von Jörg Seewald (Blendle-Link) entnehmen lässt.

Dazu trugen unter anderem BR-Intendantin Katja Wildermuth mit einem tendenziell dystopischen Vorausblick bei ("Wir werden in den nächsten Wochen Ergebnisse eines großen Priorisierungsprogramms verkünden. Das wird eines der größten Verzichtsprogramme, die der BR in den letzten Jahren hatte") - und Ziegler mit einer Echauffierung darüber "dass sich die Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 mehr und mehr in skandalöser Weise aus der fiktionalen Produktion zurückzieht".

Auf Letzteres reagierte dann wiederum Sendermanager Rosemann, der nicht bloß aus dem Nähkästchen plauderte, sondern es quasi auskippte:

"Es (ist) bei uns aktuell nicht möglich (…) Fiktion zu refinanzieren. Eine Folge von 45 Minuten einer guten deutschen Serie kostet heute eine Million. Und noch bevor ich eine Qualitätsdiskussion führe, kann ich sagen, dass ich eine Million nicht refinanziert bekomme, auch nicht 800 000 Euro. Wie viel Werbung zu welchem Preis sollen wir in den 45 Minuten senden?"

Im Spiel mit Amazon und Netflix könne man nicht mehr "mitspielen", und auch gegenüber den Öffentlichen-Rechtlichen hat man hin und wieder das Nachsehen. Rosemann ärgert es zumindest, dass ZDF Neo "uns US-Primetime-Videos wegkauft, die dann in der late night versendet werden".

Zum Ende der "Tagesspiegel"-Medienseite

Haben die Entscheider beim "Tagesspiegel" noch alle Nadeln an der Tanne? Man verzeihe mir diesen Ausflug ins maximal Flapsige, aber die Damen und Herren haben es verdient. Seit gestern ist öffentlich bekannt, dass die Medienseite der Zeitung zum Monatsende eingestellt wird. epd berichtet darüber in einer Meldung, der Deutschlandfunk greift’s auf.

Bei epd heißt es:

"Übrig bleiben soll eine Medien-Tipp-Seite mit täglich einer längeren TV- oder Stream-Kritik und drei Kurz-Rezensionen."

Das ist dann halt nicht mehr viel mehr als Servicejournalismus, auch wenn nicht auszuschließen ist, dass die Kurz-Rezensionen gut sein werden.

Das Ende der Medienseite beim "Tagesspiegel" bedeutet einen medienjournalismushistorischen Einschnitt, denn sie war die erste ihrer Art. Siehe dazu ein im Altpapier schon öfter verlinktes Interview, das ich 2019 für die (schon vor der "Tagesspiegel"-Medienseite in die ewigen Jagdgründe eingegangene) "Medienkorrespondenz" mit dem ehemaligen "Tagesspiegel"-Redakteur Lutz Hachmeister geführt habe:

"(1986) habe ich ein Konzept für eine Medienseite geschrieben – auch explizit mit diesem Titel. Die Kernüberlegung des Konzepts war, dass man Hörfunk, Fernsehen und – das war neu – Presse und Medienpolitik, auch ökonomische Fragen, auf einer Seite integriert behandeln sollte. Das Konzept ist dann offensichtlich interessiert aufgenommen worden und ich wurde Anfang 1987 fest angestellt. Nach einem verkürzten Volontariat von sechs Monaten habe ich diese Medienredaktion quasi aufgebaut. Im Grunde war ich wohl der erste fest angestellte deutsche Medienjournalist bei einer Tageszeitung – ohne dass ich jetzt besonders stolz darauf bin (…) Der Seitentitel 'Medien' ist dann aber offiziell erst eingeführt worden, nachdem ich im Sommer 1989 zum Grimme-Institut gewechselt war."

Der MDR-Rundfunkrat spielt auf Zeit

Der eifrigste Altpapier-Leserbriefschreiber hat uns zuletzt mehrmals darauf hingewiesen, dass wir in unserer Kolumne bisher nicht darauf eingegangen sind, dass Jan Böhmermann in seiner hier erwähnten Sendung zum Thema Öffentlich-Rechtliche neulich suboptimale, in einer Rezension auch von der "Frankfurter Rundschau" thematisierte Beschäftigungsverhältnisse in einem MDR-Sub-Subunternehmens-Universum aufgegriffen hat.

Eine dieser Firmen, die MCS Sachsen GmbH, die "über die 100-prozentige MDR-Tochter DREFA Media Holding "quasi eine 100-prozentige Enkelin" ist, kam in einem vor rund einem Jahr erschienenen Altpapier immerhin schon mal vor, aber um den Eindruck zu vermeiden, dass Unschönes aus der MDR-Welt hier zu selten erwähnt wird, sei heute noch ein weiterer "Fall" aufgegriffen, der bisher im Altpapier bisher nicht vorkam.

Anlass ist eine Debatte, die am Montag im MDR-Rundfunkrat stattfand - allerdings nur im nicht-öffentlichen Teil. Es ging um eine Angelegenheit in eigener Sache, nämlich das Rundfunkratsmitglied Sandra Archut. Das Thema stand bereits zum dritten Mal auf der Tagesordnung. Zur Vorgeschichte: Im August schrieb Steffen Grimberg hier nebenan:

"Sandra Archut wurde vom Arbeitskreis Thüringer Familienorganisationen e.V. in den MDR-Rundfunkrat entsandt. (Eine) mögliche Interessenkollision könnte darin bestehen, dass Sandra Archut einen 25-Prozent-Anteil an einer Erfurter TV-Produktionsgesellschaft hält, die ihrem Ehemann gehört und von diesem geleitet wird."

Diese Firma wiederum ist auch für den MDR tätig. Nach der zweiten Beschäftigung des Gremiums mit der Archut-Sache, schrieb die Tageszeitung "Freies Wort", die den Fall überhaupt erst aufgedeckt hatte, am 13. Oktober:

"Innerhalb und außerhalb des Senders gibt es Stimmen, die daran zweifeln, dass Archut die Anstalt wegen dieser Verbindung wirklich unabhängig kontrollieren kann - umso mehr, weil sie diese Beteiligung gegenüber dem Rundfunkrat vor den Recherchen unserer Zeitung nicht angegeben hatte. Gerade die Affäre um die inzwischen Ex-Intendantin des RBB, Patricia Schlesinger, habe gezeigt, wie verhängnisvoll persönliche Verbindungen zwischen den Kontrolleuren der öffentlich-rechtlichen Anstalten und den Sendern seien, sagen Kritiker Archuts."

"Warten beim MDR auf eine Entscheidung" lautete die Überschrift zu diesem Text, aber das Warten dauert immer noch an, denn auch an diesem Montag fiel keine Entscheidung, sondern lediglich die Entscheidung, ein Gutachten in Auftrag zu geben.

Die nächste Rundfunkratssitzung findet am 30. Januar 2023 statt, und dass dort eine Entscheidung gefällt wird in Sachen Archut ist auch nicht sehr wahrscheinlich, denn dann wird ja erst einmal über das Gutachten diskutiert werden.

Anmerkung der Redaktion:
In der ersten Fassung dieses Artikels hatten wir Frau Archut als "CDU-Politikerin" bezeichnet und dabei auf eine Bekanntmachung der CDU Erfurt aus dem Januar 2020 verlinkt, wonach sie zu den Beisitzerinnen des damals neu gewählten Kreisvorstands der CDU Erfurt gehöre. Frau Archut hat dem MDR mitgeteilt, dass der Link "nicht die aktuellen Gegebenheiten widerspiegelt". Sie verfüge nach eigenen Angaben über "kein Parteibuch". Wir haben den Artikel entsprechend korrigiert.


Altpapierkorb (Krömer, "Nachdenkseiten", Rabe, Freischreiber)

+++ Zur "Chez Krömer"-Sendung mit Julian Reichelt sind weitere Kritiken erschienen, zum Beispiel bei Zeit Online und beim "Spiegel" - und wie auch in der an dieser Stelle gestern bereits erwähnten SZ-Rezension kommt Gastgeber Kurt Krömer nicht gut weg.

+++ Einen weiteren Beleg dafür, dass die "Nachdenkseiten" nach rechts abgedriftet sind, liefert Matthias Meisner für den "Tagesspiegel" (Blendle-Link). Worum geht es im Detail? "Der Lateinamerika-Korrespondent des Portals, Frederico Füllgraf, kündigte nach Tagesspiegel-Informationen seine Mitarbeit auf – als Reaktion auf 'Zensur-Eingriffe', wie er sagt. Füllgraf, beheimatet in Santiago de Chile und früher für mehrere ARD-Anstalten, die Deutsche Welle und als Dokumentarfilmer tätig, hatte für die 'NachDenkSeiten' seit 2016 rund 300 Analysen und Reportagen aus Südamerika geschrieben. Zuletzt war das Klima zwischen ihm und der Redaktion vergiftet. Vorliegende E-Mail-Wechsel dokumentieren, wie seitens des Blogs versucht worden ist, etwa den noch amtierenden rechtspopulistischen Präsidenten Brasiliens, Jair Bolsonaro, besser darzustellen, als er ist."

+++ Thomas Rabe, der im aufmerksamkeitsökonomischen Wettbewerb der Medienkonzernchef-Thomasse derzeit arg im Rückstand ist gegenüber dem Kollegen Buhrow, hat gerade mal beim "Stern" vorbeigeschaut - und dort unter anderem vertellt, dass zukünftig "die Inhalte von Geo, Capital und Stern als Abo-Produkt unter Stern+ zusammenlaufen sollen. Dafür soll auch investiert werden". Rabe soll in dem Zusammenhang auch den wundervollen Satz "Geld ist nicht der Engpassfaktor" rausgehauen haben. Das berichtet medieninsider.com. Eine Zusammenfassung gibt’s bei dwdl.de

+++ Sehr wohl ein "Engpassfaktor" (T. Rabe) ist Geld indes bei vielen freien Journalisten, weshalb die Organisation Freischreiber einen offenen Brief "an mehr als 200 Tages- und Wochenzeitungen, Online-Medien und Magazine in Deutschland" geschrieben hat. Eine der Forderungen lautet: "Erhöhen Sie Honorare für freie Mitarbeiter:innen unverzüglich um mindestens 15 Prozent. Denn die Anhebung muss sowohl die aktuell hohen Inflationsraten abfangen als auch versäumte Honorarerhöhungen vergangener Jahre nachholen."

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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