Das Altpapier am 29. November 2022 Oh, ein Ball!

Die kritischen Dokus aus Katar sind gesendet. Nun geht es bei der Fußballweltmeisterschaft vorrangig um Sport – der sogar dann wieder "Rekordquoten" einfährt, wenn sie nur Durchschnitt sind. Außerdem: Selbstdummstellung, Erregungsbewirtschaftung und ernsthafte Auseinandersetzung rund um eine offensichtliche Böhmermann-Satire.

Das Altpapier am 29. November 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
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Die WM-Quoten und die Frage: Ist der Boykott schon vorbei?

Es sind noch einige Weltmeisterschaftsspiele "zu gehen", wie der Sportkommentator als solcher zu sagen pflegt, aber es kristallisiert sich eine Tendenz heraus: Das Fernsehpublikum spielt Kick and Rush. "17 Millionen Fans verloren", hatte das eine oder andere Medium vergangene Woche noch gemeldet und die Quoten beim deutschen WM-Eröffnungsspiel im Vergleich zu dem von 2018 gemeint. Damals 26 Millionen, diesmal 9 Millionen; eine Neunsechsundzwanzigelung also, ein "Quotenscherbenhaufen" (fand tvspielfilm.de).

Am Sonntagabend dann, beim Spiel gegen Spanien, schauten 17 Millionen zu: eine "Rekordquote" behauptete der Sport-Informationsdienst, also die Nachrichtenagentur mit Sportfokus.

Und nun die Hansi-und-Gretchen-Frage: Woran mag’s liegen? Daran, dass das erste Spiel des deutschen Teams gegen das japanische an einem Werktagnachmittag stattfand, während am Sonntagabend eh immer alle vor der Glotze sitzen? Daran, dass zwar vor der WM noch Boykott war, jetzt aber halt doch einfach nur WM ist, wie man im ZDF nach dem Spiel durchs Verlesen eines ausgewählten Tweets zu konstatieren wusste?

"Zapp", das NDR-Medienmagazin beziehungsweise dessen Twitter-Redaktion, suchte am Montag eine Antwort im freien Raum zwischen den Stühlen und schrieb: "Die Zuschauerzahlen dieser WM mit anderen WMs zu vergleichen, ist schwierig" – weil Anbieter wie MagentaTV, das alle Spiele zeigt, und die Abrufzahlen von Livestreams nicht berücksichtigt würden. Außerdem im "Zapp"-Thread: die Antwortangebote von Bernd Beyer, einem Boykott-Vertreter, und ARD-Sportchef Axel Balkausky.

Einer dieser beiden sagt: Die "anhaltende Unlust", das Turnier zu verfolgen, sei trotzdem nach wie vor spürbar. Der andere sagt: Die politischen Themen seien intensiv abgearbeitet worden und die Debatten darüber würden nun "etwas runtergefahren". Quizfrage ans Fachpublikum und den Kraken Paul: Welche Position wird von wem von beiden vertreten?

Wie auch immer: Eigentlich deuten die WM-Einschaltquoten weder auf einen Scherbenhaufen hin, noch sind sie ein Rekord. 9 Millionen Zuschauer sind nicht nichts, es sei denn, man hält die 2018er-Vergleichsquote von 26 Millionen für ein Standardmaß. 17 Millionen ist aber bestenfalls ein "Rekord" bei der bisherigen WM in Katar. Es ist vielmehr für eine Fußball-WM der Männer ein "Durchschnittswert", wie Joachim Huber im zweiten Absatz seines "Tagesspiegel"-Textes schreibt (der allerdings auch mit der "Rekordquote" in der Onlineüberschrift hausieren geht, denn Durchschnittswerte haben wohl schlechte Einschaltquoten). Stand jetzt also ist die WM für die übertragenden Sender ein durchschnittlicher Rekord-Scherbenhaufen. Quantitativ.

Was das Qualitative angeht: Wenn der ZDF-Experte Sandro Wagner in Zukunft die weißen Gewänder der katarischen Stadionbesucher nicht mehr als "Bademäntel" bezeichnen könnte, wie er es am Sonntag bei der Liveübertragung tat und wozu sich Wagner und das ZDF-"Sportstudio" mittlerweile geäußert haben (Wagner sagt sorry; ZDF sagt, das dürfe nicht passieren), wäre nichts verloren.

Die zweigeteilte WM-Berichterstattung

Schön wäre es ja – nur mal so als Idee –, wenn man die notwendige Kritik an der Fifa und der WM, die in diversen öffentlich-rechtlichen Dokumentationen (Überblick kürzlich bei "Übermedien") vorab ausgebreitet wurde, nicht so stark vom Sportlichen trennen würde, wie es sich bei mehr oder weniger umstrittenen Sportgroßveranstaltungen eingespielt hat. Die öffentlich-rechtliche Berichterstattung über diese WM lässt sich jedenfalls grob zweiteilen. Teil eins: Die WM ist in der Form ein Unding, und wir berichten natürlich kritisch, denn das ist unser Job. Teil zwei: Oh, da rollt ja ein Ball!, also geht es jetzt um das Spiel. Oder wie es die "Frankfurter Rundschau" am Montag formuliert hat: "Im deutschen TV-Fußball herrscht wieder Normalbetrieb."

Warum eigentlich, fragt man sich, kann man nicht die ganzen kritischen Doku während einer WM bringen, statt vorher – also nicht als Aufwärmprogramm fürs Turnier, sondern nach Flitzermanier direkt im Rahmenprogramm der Spiele? Wäre das nicht sogar die noch bessere Plattform für Kritik?

Es könnte interessant sein, was der Philosoph Wolfram Eilenberger zum Verhältnis von Sporthintergrund- und Spieljournalismus sagen würde. Nils Markwardt hat ihn für "Zeit Online" interviewt. Es geht dabei um die Frage, ob man – wie im Rahmen der One-Love-Kapitänsbinden-Diskussion geschehen – von Fußballern verlangen kann, dass sie ihre Rolle als Sportler ablegen und für die Organisationen, die sie vertreten, die Kohlen aus dem Feuer holen:

"Fußballer bewegen sich ähnlich wie Popstars oder Künstlerinnen also einerseits in einer professionellen Rolle, die sie am Ende zum 'Gehorchen' verpflichtet, geraten gleichzeitig aber unter den Druck, ebenso die Rolle des 'Gelehrten', also des weltbürgerlichen Botschafters der Aufklärung einzunehmen. Diese Konstellation ist für Sportler notwendigerweise überfordernd",

so Eilenberger.

Sender, die die WM übertragen, haben ebenfalls mehrere Rollen: Sie sind Chronisten, Kritiker, und weil Aufmerksamkeit ein knappes Gut ist, auch Kuratoren von Bedeutsamkeit. Man kann schwerlich im Fernsehen von einer Veranstaltung kritisch berichten, von der man keine Bilder hat. Also muss man sich um Übertragungsrechte kümmern und sie damit auch finanziell mittragen. Ein Dilemma.

Was vielleicht bei der Auflösung hülfe: eine Talkshow oder ein partizipatives Arenaformat, in dem Zuständige und Entscheiderinnen von ARD und ZDF sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie Übertragungsrechte auch an der nächsten WM in Katar oder Russland erwerben oder lizenzieren sollten. Denn die nächste Sportveranstaltung dieser Art kommt bestimmt. Ein schwarz-weißes Pro und Contra bietet sich für eine solche Diskussion nicht an, weil dadurch eher Positionen bekräftigt würden, die es doch in Schwingung zu versetzen gälte. Man müsste in den Graubereich der Diskussionen eintauchen, denn Argumente für einen Ausstieg aus der Übertragung wie für eine Weiterführung gibt es ja. Warum nicht öffentlich und vielleicht sogar ergebnisoffen die eigenen Rollen reflektieren?

Was! Darf! Satire!

Das "ZDF Magazin Royale" mit Jan Böhmermann hat es mit einer Aktion am Freitag geschafft, in die "Meistgelesen"-Sparten vom Montag zu kommen, etwa auf taz.de und zeit.de. Falls Sie die letzten Tage vor lauter Fußball nicht dazu kamen, sich mit Unwichtigem zu beschäftigen, hier eine chronologische Kurzzusammenfassung:

Böhmermann twitterte ein Fahndungsplakat, auf denen ausgewählte Vertreter von FDP, ein paar Promis aus dem Springer-Verlag, Dieter Nuhr und ein Pferd als "Linksradikale Gewalttäter" bezeichnet wurden. Es folgten empörte Reaktionen. Auch! Sehr! Empörte! Reaktionen! Man hätte angesichts der Charakterisierung der Abgebildeten als "Linksradikale" vielleicht darauf kommen können, dass hier ein doppelter Boden verlegt wurde, und lieber mal ein Ründchen abwarten – aber so läuft das in der Echtzeitendzeit nicht. Dann kam die eigentliche Magazinsendung, die mit dem Tweet angekündigt worden war. Und die Empörten standen eher blöd da, weil sie sich über eine offensichtlich überdrehte Satire so hart empört hatten.

Sodann: Nachrichtenbeiträge, Hintergründe, Analysen, mittlerweile auch eine ernsthafte, differenzierte und in Teilen wohlwollende Auseinandersetzung mit der Sendung von Deniz Yücel bei welt.de. Zwischendurch aber – die Königsdisziplin – Kommentare, in denen strategisch alle längst bekannten Argumente umschifft wurden und die Diskussion quasi auf Null gesetzt wurde, um noch einmal von der Ausgangsempörung profitieren zu können. Letzteres geschehen am Sonntag bei taz.de, wo Silke Mertins eine "Verharmlosung der RAF" monierte und schrieb:

„Weder die sich selbst heroisierenden Klimakleber noch die sich selbst überschätzende FDP haben mit einer derartigen Radikalisierung etwas zu tun.“

Stimmt. Und wenn diese ganzen Terroristenvergleiche (mit denen zum Beispiel auch die Woke-Bewegung von ihren Kritikern überzogen wird – Stichwort "Woko Haram") mal aufhören würden, wäre das wirklich fein. Exakt das freilich war der Punkt der Böhmermann-Satire: darauf hinzuweisen, dass die Klimaaktivistinnen und -aktivisten, die sich irgendwo festkleben und deshalb von einigen Promipublizisten in den vergangenen Wochen gerne mal mit der RAF verglichen wurden, so wenig mit einer Terrorzelle zu tun haben wie die FDP. "Übermedien" fasste die Sachlage am Montag in einer auch in der Länge angemessenen Sechszeilenanalyse zusammen. Kernsatz: "Böhmermann zeigt durch einen absurden Vergleich, wie absurd der andere Vergleich seiner Meinung nach ist. Gern geschehen."

Ob die Böhmermann-Aktion nun eine brillante Satire ist oder ob ihr Erfolg vor allem auf allgemeiner taktischer Selbstdummstellung beruht – ein passender Begriff, der in Daniel Gerhardts Artikel zum Thema bei zeit.de auftaucht –, sei hiermit zur allgemeinen Beratung zurück in die Gremien gegeben. Mit einem jedenfalls hat Gerhardt sicherlich Recht:

"Souveränität wäre wohl angebracht und die Sache einfach auszusitzen gewesen. Das Problem an Souveränität ist aber, dass sie leichter zu leben ist als zu verkaufen. Wo keine Reaktion kommt, kann sich auch keine Debatte hochschaukeln.  (…) Wo keine Empörung ist, lässt sich auch nichts Anklicken."

Und! Das! Darf! Natürlich! Nicht! Sein!

PS: Falls sich jemand an den Begriff der taktischen Selbstdummstellung erinnern möchte, wenn sich das nächste Mal jemand überdreht über eine Sendung von Dieter Nuhr empört: dann auch okay.


Altpapierkorb ("Spiegel"-Texte offline, "Tagesspiegel"-Relaunch, Grimme-Publikation, offener Brief zu Assange, Musks Chaos)

+++ Der "Spiegel" hat kürzlich vier Texte über ein geflüchtetes syrisches Mädchen offline genommen, das angeblich am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros gestorben sei. Er schreibt: "Wir überprüfen unsere Berichterstattung und entscheiden nach Abschluss der Recherchen, ob die Beiträge gegebenenfalls in korrigierter und aktualisierter Form erneut veröffentlicht werden." Die "FAZ" rekonstruiert nun die Berichterstattung.

+++ Der Berliner "Tagesspiegel" erscheint von heute an in einem neuen Format und mit einem veränderten Konzept und berichtet auch online darüber.

+++ Zur Feier des Tages gibt es ein Böhmermann-Interview.

+++ Dass beim Relaunchen die Medienseite unter die Räder kam, wurde hier kürzlich schon kritisiert. Helmut Hartung schreibt nun auf medienpolitik.net:"Mit der Verkleinerung des Formats beginnt anscheinend auch – zumindest im Medienbereich – eine Reduzierung der journalistischen Kompetenz. Eine 'Investition in den Journalismus' ist die Einstellung der Medienseite jedenfalls nicht."

+++ "Tatsächlich nutzen gerade alle üblichen Verdächtigen und noch viel mehr Zeitgenossen die zahlreichen Gelegenheiten, Ideen zur Öffentlich-Rechtlichen-Zukunft loszuwerden, häufig. Das Grimme-Institut fällt dabei eher nicht auf", war hier am Montag zu lesen. Das Institut hat darauf reagiert und bei Twitter auf die Publikation "#meinfernsehen2021" hingewiesen. [Disclaimer: Ich bin in diesem Preisjahr Mitglied einer Grimme-Jury.]

+++ "Zwölf Jahre nach den Enthüllungen von 'Cablegate' sei es an der Zeit, dass Washington seine Verfolgung des Wikileaks-Gründers Julian Assange beendeten, schreiben die leitenden Mitarbeiter der New York Times und des Guardian, von Le Monde, Spiegel und El Pais in einem offenen Brief." Über den die "Süddeutsche" berichtet.

+++ Eine Übersicht über das Chaos, das Elon Musk bei Twitter veranstaltet, hat der YouTube-Kanal "Ultralativ".

Das Altpapier vom Mittwoch wird René Martens schreiben.

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