Kolumne: Das Altpapier am 10. Januar 2023 Jetzt geht's los

Wow, bei den Prinz-Harry-Medienrechten hat ein deutscher Konzern offenbar die Nase vorn gegenüber Netflix. Ein leibhaftiger Ministerpräsident eröffnet offiziell die nächste Rundfunkbeitrags-Debatte. Und ist der kurze Aufstieg der nichtkommerziellen Plattform Mastodon schon wieder vorbei? Heute kommentiert Christian Bartels die Medienberichterstattung.

Das Altpapier am 0. Januar 2023: Porträt der Altpapier-Autoren Christian Bartels
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Das Medienereignis Prinzen-Buch

Jetzt geht's los. Also das ganz große Geschäft mit dem Buch dieses englischen Prinzen. Nachdem nach Start der vielbesprochenen Netflix-Serie "die ganze Chose ... doch nicht so eskalierte wie man es anscheinend schon genüsslich antizipiert" hatte (Jahresrückblick von Jenni Zylka) kommt nun das aufsehenerregenden autobiografische Werk "Spare" bzw. auf deutsch "Reserve" auf den Markt. Begleitet wird es außer von jeder Menge kommentierender Berichte und berichtender Kommentare quer durch sämtliche Universalmedien jedweder Gattung von mehreren, auch jeweils global vermarkteten Fernseh-Interviews des Prinzen.

Die "FAZ"-Medienseite nutzt das feuilletonistische Korrespondentennetz des Blattes und bringt zwei Artikel unter einer Überschrift, aber mit zwei Fotos  nebeneinander. Nina Rehfeld berichtet aus Sedona in den USA über ein US-amerikanisches, Gina Thomas aus London über das britische Interview.

"Einmal mehr darf man hier über die Unreflektiertheit eines nicht mehr ganz jungen Mannes mit enormen Privilegien staunen. Mehr noch aber irritiert, wie sich hier ein angesehener Journalist zum Stichwortgeber einer professionellen Selbstinszenierung macht und jemandem den Steigbügel hält, der sein angebliches Leid und das seiner Familienmitglieder verhökert",

schrieb Rehfeld sich in Rage und kritisiert damit Anderson Cooper vom "einst respektablen Nachrichtenmagazin '60 Minutes' des Senders CBS". Die Kollegin aus London scheint vom ITV-Interview eher hin- und hergerissen: Fragensteller Tom Bradby räume, obwohl der Prinz ihn sich aufgrund vorheriger Interviews selber ausgesucht hatte,

"der professionellen Integrität nämlich den Vorrang vor der Freundschaft ein. Im Ton bleibt er sanft, in der Sache aber hart."

Einerseits. Andererseits meint Thomas aber:

"Nach den vielen, in aller Breite durchgekauten Enthüllungen fiel das tagelang mit ködernden Trailern groß angekündigte ITV-Gespräch von Prinz Harry mit Tom Bradby ziemlich flach aus."

Wegen der "vorab durchgeflutschten Inhalte" funktionierte halt die Dramaturgie nicht mehr, formuliert Anja Rützel bei spiegel.de (€; 'ne Gratismeldung gibt's aber auch). Rützel zeigt sich von überraschenden und "wirklich sonderbaren" Wendungen dann aber doch recht geflasht . Echte Royalitäten-Fans sollten dieses englische Interview wohl gesehen haben – und hatten inzwischen sowie haben weiterhin auch bereits allerhand Gelegenheit dazu:

"RTL zeigt das rund 72-minütige Interview, geführt vom ITV-Journalisten Tom Bradby, exklusiv im deutschsprachigen Raum in voller Länge erstmals am Montag, den 9. Januar um 17 Uhr in einem 'Exclusiv Spezial: Harry – Das Interview'. Moderatorin Frauke Ludowig und Adelsexperte Michael Begasse begrüßen die Zuschauer:innen zur Sondersendung und liefern vertiefende Einordnungen. Das Interview ist zudem in voller Länge am Montag bei ntv in einem 'News Spezial: Harry – Das Interview' um 20:15 Uhr sowie bei VOX in einem 'Prominent Spezial. Harry: Das Interview' um 23:15 Uhr zu sehen. Auf RTL+ ist das Gespräch im Anschluss der Ausstrahlung auch in der englischsprachigen Originalversion abrufbar",

teilte RTL am Freitag mit. Wobei die Exklusivrechte so exklusiv nicht waren, dass nicht auch das ZDF-"heute-journal" am Freitag seinen

Bericht mit Ausschnitten aus dem Bradby-Interview illustrieren konnte. Und die ARD-"Tagesthemen" den ihren am gestrigen Montag. Es gibt nicht sehr viele Themen, bei denen die großen öffentlich-rechtlichen Sender sich publizistischen Wettbewerb liefern, sogar mit leicht unterschiedlichen Einschätzungen, aber die Berichterstattung rund um den englischen Hof gehört definitiv dazu.

Was jeweils nicht erwähnt wird, sondern man bloß am kleinen Pinguin erkennt, wenn manchmal das Cover des aufsehenerregenden Buchs groß eingeblendet wird: Das englische Original wie die deutsche Übersetzung sind bei Penguin/ Random House erschienen. Offenbar hat also Bertelsmann ein brisanteres Prinz-Harry-Medienrechte-Paket erwischt als zuvor Netflix. Und der größte deutsche Medienkonzern verdient nun mit am ganzen Ballyhoo/ Bullshit – zu dem übrigens noch ein mindestens ein weiteres US-amerikanisches Interview gehört. Am Montag sollte "Harry außerdem noch in der Sendung 'Good Morning America' des Senders ABC zu Wort kommen", meldete etwa der (ja auch teilweise Bertelsmannsche) "Spiegel".

Es knallt in der Medienpolitik

Jetzt geht's los. Also die nächste Debatte ums jenseits der Nische absolute medienpolitische Topthema: den Rundfunkbeitrag. Gestern hier wurden schon  allerhand Stimmen aus der SPD erwähnt, die eine mögliche Erhöhung des Beitrags bemerkenswert klar ablehnen. Nun hat medienpolitik.net noch eine weitere eingeholt. Die Antworten von Hamburgs Kultur-und-Medien-Senator Carsten Brosda bestechen eher durch Länge (hoffentlich liest sich das Bruce-Springsteen-Buch, mit dem Brosda es schon vor Veröffentlichung in den dpa-Meldungsticker schaffte, flüssiger!), umschiffen diesen Punkt aber. Dafür nahm ein leibhaftiger Ministerpräsident sehr eindeutig Stellung.

"Deutscher Rundfunkbeitrag: Brandenburg stemmt sich gegen Erhöhung", lautet die vielleicht packendste Schlagzeile, im österreichischen "Standard", zum Interview der Potsdamer "Märkischen Allgemeinen" mit dem Brandenburger Ministerpräsidenten Dietmar Woidke. Das klingt fast so, als würden auf der anderen Seite viele andere Entscheider die offene Tür einrennen und endlich mal wieder mehr Geld für die Öffentlich-Rechtliche rausholen wollen ...

Vielleicht gekitzelt durch einleitende Fragen nach der Rechtsaufsicht über den RBB ("Hätten Sie nicht genauer und früher hinschauen müssen?"), sagt Woidke, ohne sich lange um die Staatsferne, deren Betonung ja eigentlich zum Spiel gehört, zu scheren:

"Es wird und kann 2024/2025 keine Erhöhung des Rundfunkbeitrags geben."

Auch sonst enthält das (frei online etwa noch im "Tagesspiegel" zusammengefasste) Interview bemerkenswerte Aussagen. Brandenburg soll "ein eigenes Landesfunkhaus mit Sitz in Potsdam" bekommen, weil der RBB zu Berlin-lastig sei. Und:

"Die Hauptaufgabe eines Landessenders ist es nicht, Tatorte oder Mittagsmagazine zu produzieren, sondern sich auf die regionale Berichterstattung zu konzentrieren",

was man fast so verstehen könnte, dass die Öffentlich-Rechtlichen zu viele Krimis drehen und zeigen. Beinahe noch feuriger geht es in der Nachberichterstattung der "MAZ" zu ihrem Interview, also Umfragen, was man in Brandenburg sonst so von Woidkes Aussagen hält, zu:

"Offene Türen rennt Woidke beim Vorsitzenden des RBB-Rundfunkrats, Ralf Roggenbuck, ein. Eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags hält er 'in der nächsten Zeit nicht für vermittelbar'",

schreibt das Blatt etwa. Damit ist Roggenbuck, "der hauptberuflich Staatsanwalt ist", wohl der erste Rundfunkrats-Vertreter, der eine Beitragserhöhung proaktiv ablehnt. Die CDU hingegen, die ja oft Probleme hat, sich inhaltlich von der SPD zu unterscheiden (und in Brandenburg mit dieser sowie den Grünen koaliert), bezieht mal die Gegenposition, obwohl andere ostdeutsche CDU-Verbände klar pro Woidke sein dürften:

"Der CDU-Fraktionschef Jan Redmann hat Woidkes Absage an eine Beitragserhöhung verwundert. 'Schon die letzte Erhöhung sei nicht von der Politik, sondern vom Bundesverfassungsgericht entschieden worden', sagte Redmann. Vielmehr müsse alles getan werden, um den Finanzbedarf des RBB weiter zu reduzieren. Redmann schlägt vor, die Verwaltungsbereiche von RBB und MDR zu einer Direktion zusammenzulegen. 'Das spart immens Kosten."'

Die härteste Aussage, die endlich auch klar benennt, wer überhaupt denn schon eine Rundfunkbeitrags-Erhöhung forderte, kommt indes vom "SPD-Medienpolitiker Erik Stohn" (der bisher einmal im Altpapierkorb auftauchte):

"'Die Verschwendungssucht einiger Führungsetagen im öffentlichen Rundfunk haben dem Ansehen der Sender schwer geschadet.' Wer wie ZDF-Chef Norbert Himmler nach einer Gebührenerhöhung ruft, habe 'den Schuss nicht gehört'".

Es knallt also nun in der Medienpolitik – obwohl die nächste Beitrags-Debattenrunde offiziell noch gar nicht eröffnet ist und Brandenburg nicht zu den (inklusive Berlins) vier Ländern zählt, deren Landtage 2023 neu gewählt werden.

Twitter vs. Mastodon

Geht's jetzt los im Wettbewerb der Plattformen Twitter und Mastodon, oder neigt sich dieser wieder dem Ende zu? Die Runde macht gerade ein "Guardian"-Artikel, dem zufolge der kurze Aufstieg des dezentralen, nichtkommerziellen Mastodon bereits vorbei sei. Der "Standard" übersetzt und ergänzt:

"Anfang Dezember erreichte Mastodon laut dem 'Guardian' einen Spitzenwert von 2,5 Millionen aktiven Nutzerinnen und Nutzern – eine Zahl, die nun konstant zu sinken scheint. Schon in der ersten Jännerwoche habe der Dienst nur noch knapp 1,8 Millionen aktive User gehabt. Am Montag waren es noch etwa 1,5 Millionen gewesen."

Das habe auch damit zu tun, wie schwer es sei, sich bei Mastodon anzumelden, wird die Social-Media-Strategin Meg Coffey zitiert. Tatsächlich lässt sich andererseits beobachten, dass Twitter manche Mätzchen wieder aufgegeben hat, etwa auch das Ansehen von Tweets in uneingeloggtem Zustand wieder erleichtert hat.

Gerade im Medien-Bereich wird weiter viel Interessantes getwittert. Zum Beispiel hier oder hier über eine "Korrektur", die die "FAZ" am Montag vorne auf ihrem Feuilleton brachte und vermutlich gerne nicht soo breiit diskutiert gehabt hätte

Oder natürlich aus Lützerath. Während Boris Rosenkranz bei uebermedien.de schon mal den "Liveticker" des WDR auseinander nimmt ("berichtet ... nur nach, was die Polizei so verbreitet"), livetwittert etwa der zuletzt häufig hier erwähnte WDR-Redakteur Jürgen Döschner mit anderen Perspektiven. Dabei geht es, also die angekündigte Räumung, in Lützerath erst am morgigen Mittwoch los (verbreitet zumindest die Polizei).

Die Frage, ob der strukturell völlig andere, aus Nutzersicht freilich ziemlich ähnliche Ansatz von Mastodon sich gegenüber Twitter halten kann, verdient außerdem Interesse. Das Altpapier wird jedenfalls außer dem Twitter- auch den neuen Mastodon-Auftritt füllen.


Altpapierkorb (Iran, Belarus, "Tagesthemen"-Kommentare, DAZN-Klage, "Sesamstraße", Elektroschrott-Vorwurf ans ZDF)

+++ Journalisten hinter Gittern, wenn nicht in Lebensgefahr durch mörderische Justiz – eine leider endlose Geschichte. Vom im Iran, einem der mörderischFsten Staaten der Welt, verhafteten Politikjournalist Mehdi Beyk schreibt der "Standard". +++ Vom Prozess gegen den polnischstämmigen Reporter Andrzej Poczobut in Belarus berichtet die "FAZ". +++

+++ Volker Nünning ist wieder da. Also der für akribisch genaue Texte zu so komplexen wie spröden Themenfeldern bekannte Redakteur der ehemaligen "Medienkorrespondenz". Er erstellte für medieninsider.com die große "Tagesthemen"-Kommentare-Statistik, deren Ergebnisse frei online der "Tagesspiegel" zusammenfasst.

+++ Der Verbraucherzentralen-Bundesverband will den Sport-Streaming-Anbieter DAZN verklagen, wegen seiner Preiserhöhung bzw. einer intransparenten AGB-Klausel, weiß t3n.de. +++

+++ Falls Sie von der multiplen "Sesamstraßen"-Selbstbeweihräucherung einer der großen Senderfamilien noch nicht genervt sind, wäre eine Würdigung in einem dieser Senderfamilie nicht angehörenden Medium zu empfehlen: Bei dwdl.de meint Peer Schader, dass "der stetige Wandel der 'Sesamstraße' ... ein ganz hervorragender Beleg dafür, dass Fernsehen immer auch Produkt seiner jeweiligen Zeit sein muss – und eben keine Nostalgie-Maschine" sei. +++

+++ Und zu den Vorwürfen, mit denen die Öffentlich-Rechtlichen umgehen müssen, gehört nun auch dieser: "Wie das ZDF mit seinem Jugendschutz Elektroschrott fördert", beklagt die "FAZ" im Wirtschaftsressort. +++

Am Mittwoch schreibt Annika Schneider das nächste Altpapier.

1 Kommentar

Niemann vor 2 Wochen

Das ist nicht mehr zu fassen, da wird doch tatsächlich wieder um eine weitere Erhöhung der Zwangsgebühr für die Propagandaschleudern der Regierung, ARD und ZDF, diskutiert. Die Perversion der deutschen Medienlandschaft wird schlimmer, der Medienauftrag wird immer mehr verfehlt, die Unterschlagung der Wahrheit nimmt immer drastischer Formen an und dafür sollen die Bürger noch mehr ausgeplümdert werden. Beispiele: ARD zu den Silvesterkrawallen - angeblich waren die Mehrheit der Randalierer Deutsche, das ist dreist gelogen den 2/3 waren nachgewiesen junge Migranten und Flüchtlinge. ARD und ZDF zur Ukraine - keine Informationen über den Zustand der ukrainischen Armee aber dafür ein Trommelfeuer von Berichten das Russland den Krieg verliert, die Gefahr eines 3. Weltkriegs wird völlig ausgeblendet. Großes Kriegsgeschrei nach Waffen, wobei unterschlagen wird das damit Tot und Zerstörung und Leid nur verlängert und vertieft wird, doch der deutsche Bürger soll und muß die Kriegskosten tragen!

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