Teasergrafik Altpapier vom 26. Juli 2018: "Twitter-Roman" rund um Mesut Özil
Bildrechte: MEDIEN360G / dpa / panthermedia

Das Altpapier am 26. Juli 2018 Lesen, sinnerfassend

Wer ist hier rassistisch? Ein Twitter-Roman starring Mesut Özil, Patrick Bahners und die Bild-Zeitung. Urteile und Einigungen auf dem Weg zum neuen Medienstaatsvertrag. High Noon Lokaljournalismus. Die Entdeckung Ostdeutschlands. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teasergrafik Altpapier vom 26. Juli 2018: "Twitter-Roman" rund um Mesut Özil
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Endlich Sommerloch! Könnte man glauben, wenn man bei Meedia nur den Artikel über den Teletext sieht, über dessen ungebrochene und damit seltsame Beliebtheit zu schreiben jede Themenplanung vorsieht für den Moment, in dem Jan Böhmermann, Horst Seehofer und Julian Reichelt zeitgleich Urlaub machen. Womit wir zum Problem der vergangenen, onlinebeschleunigten Sommer kommen: Das passiert nie. Dabei scheint zumindest letzterer dringend eine Pause zu brauchen.

"Wer nach Özil nun in @PBahners eine Gefahr für die liberale Ordung sieht, ist bedenklich abgedriftet aus der Sphäre der intersubjektiven Vermittelbarkeit. Ich empfehle @jreichelt,auch #Twitterferien zu nehmen. Sonst zieht er bald gg Mainzelmännchen u Sendung mit d Maus zu Felde",

twitterte gestern Abend Nils Minkmar und nahm damit Bezug auf diesen Thread seines ehemaligen Kollegen aus dem Hause FAZ, Patrick Bahners, der mit "Leute, mir ist da etwas Komisches passiert" folgende Kausalkette anmoderiert:

Der Historiker Michael Wolffsohn schrieb in einem Kommentar für die Bild-Zeitung, Mesut Özil habe behauptet, Deutschland sei rassistisch.

Bahners wies bei Twitter darauf hin, dass das so nicht stimme: "Özil schreibt über die Rassisten, die ihn moralisch ausbürgern: 'They all represent a Germany of the past'."

Daraufhin die Bild-Zeitung in ihrer gestrigen Print-Ausgabe (Bild-Beweis via @PBahners): Bahners habe Bild Rassismus unterstellt.

Ja, ich wünsche mir auch sehr die Zeiten zurück, als im Juli nichts anderes zu tun war, als in vergessenen Stöcken in Badeseen Krokodile zu erkennen und darüber zu berichten. Apropos Badesee: Vielleicht fahren alle, denen gerade der nächste Özil-Kommentar vor der Tastatur schwebt, erst einmal da hin und danach in den VHS-Kurs "Sinnerfassend Lesen." Und dann treffen wir uns alle wieder und schauen uns den aktuellen Clusterfuck mal ausgeruht und mit Abstand an.

RBB24.de vom Januar 2017 war unzulässig

Kleiner Scherz. Denn das ist das Internet hier; Pausen sind da nicht vorgesehen. Und daher dürfen wir uns nun im heißesten Hochsommer an der Debatte über den Entwurf des 22. Rundfunkänderungsstaatsvertrags (Altpapier Mitte Juni), der ein Medienstaatsvertrag werden soll, wenn er groß bzw. rechtskräftig ist (Altpapier gestern), und den Folgen erfreuen.

Zu diesen zählt die anvisierte Zurückhaltung öffentlich-rechtlicher Sender beim Einsatz von Texten auf ihren Internetseiten. In der Vergangenheit waren deutsche Verlage dagegen vor Gericht gezogen, Stichwort "Tagesschau"-App, aber auch Stichwort rbb24.de, gegen dessen Textlastigkeit fünf Regionalzeitungsverlage geklagt hatten.

Weil Gerichte ein wenig Zeit brauchen und sich nicht von derweil vonstattengehenden politischen Entwicklungen beeinflussen lassen, wissen wir dank dem Potsdamer Landgericht seit gestern, dass das rbb24-Angebot vom 23. Januar 2017 aus juristischer Sicht nicht zulässig war. Wobei Christoph Singelnstein, Chefredakteur des RBB, per Pressemitteilung direkt verkündete:

"Unser Angebot ist heute inhaltlich und formal bereits weit von dem aus dem Januar 2017 entfernt. Trotzdem werden wir die schriftliche Urteilsbegründung genau prüfen".

Wenn Sie mir kurz folgen mögen: um dieses Angebot geht es.

Nach kurzer Besichtigung ergibt sich der Eindruck, dass im Falle einer Wegentwicklung vom Januar 2017 diese in die falsche Richtung erfolgte, stark Kurs nehmend auf 1995. Dazu gehört auch am 26. Juli 2018 noch ziemlich viel Text und damit - auch nach der Ankündigung unseres freundlichen und offensichtlich textaffinen Gastgebers mdr.de, nicht auf das geschriebene Wort verzichten zu wollen (Altpapier) - schönes Streitpotential für die kommenden Wochen.

Sendungen zu produzieren soll sich auch in Zukunft lohnen

Gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten können derweil ARD und Produzentenallianz, denen eine Fußnote im Änderungsstaatsvertragsentwurf zur Aufgabe gemacht hatte, eine Lösung für finanzielle Ausfälle zu finden, die drohen, wenn Sendungen in Zukunft in den Mediatheken länger als sieben Tage herumstehen dürfen. Wenn "Weißensee" immer online verfügbar ist, kauft schließlich keiner mehr die DVD.

Nun hat man sich geeinigt. Die Frage ist nur, worauf?

Timo Niemeier, DWDL:

"So können sich die Produzenten künftig von Beginn an bestimmte Rechte sichern, wenn sie sich an teilfinanzierten Auftragsproduktionen beteiligen. Dazu werden nun die entsprechenden Regelungen in der vor wenigen Jahren geschlossenen 'ARD-Eckpunkte 2.0'-Vereinbarung weiterentwickelt. Das neue Schichtenmodell beziffere in Korridoren die Werthaltigkeit von Rechten und entspreche durch seine Flexibilität sowohl den Anforderungen unterschiedlicher Genres als auch der Dynamik des Marktes, heißt es von Produzenten und ARD.

Die sogenannte 'Blue Chip'-Klausel soll zudem sicherstellen, dass besonders aufwändige und anspruchsvolle Produktionen mit hoher Beteiligung des jeweiligen Produzenten besondere, aus Sicht des Produzenten vorteilhafte Vereinbarungen enthalten."

Ähm: Shrug?! Kann das vielleicht jemand besser erklären? Michael Hanfeld, Medienseite der FAZ ()?

"Die ARD und die Produzenten haben zu diesem Zweck ein 'Schichtenmodell' vereinbart. Die an der Produktion Beteiligten erwürben unterschiedliche Rechte. In 'Korridoren' werde die 'Werthaltigkeit von Rechten' bestimmt, damit sei man flexibel und könne den Anforderungen des Marktes entsprechen."

Wir sprachen ja schon vom sinnerfassenden Lesen. Vermutlich ist es meiner Unfähigkeit in diesem Bereich geschuldet, noch immer nicht zu wissen, was genau da vereinbart wurde. Andererseits legt die Übernahme seltsamer Schlagwörter aus der Pressemitteilung der ARD nahe, dass es Niemeier und Hanfeld mit diesem Dokument nicht viel anders ging. Oder zählen Sie "Werthaltigkeit" zu ihrem aktiven Wortschatz?

Um dem Servicecharakter von yours truly zumindest zu versuchen, gerecht zu werden (stellen Sie sich vor, den folgenden Absatz spräche Christoph "grüner Pullover" Biemann):

Manche Sendungen zahlt die ARD nicht alleine. Der Rest des Geldes kommt dann von den Produzenten, bei denen die ARD die Sendungen in Auftrag gibt (Auftritt "teilfinanzierte Auftragsproduktionen"). Natürlich wollen diese die Kohle irgendwie wiedersehen. Und das sollen sie auch, meint die ARD. Daher sichert sie den Produzenten zu, einzelne Rechte anderweitig nutzen und vermarkten zu können. Welche Rechte wie viel wert sind, wird in einem lustigen Schema festgehalten, auf das sich Produzenten und Sender mal geeinigt haben (Auftritt "Korridore" und "Schichtenmodell") (Wer genauer wissen will, wie das funktioniert, kann sich dieses PDF herunterladen und das auf 65 Seiten nachvollziehen.) Und weil etwa das Recht, nach der Ausstrahlung die Sendung auf DVD zu verkaufen, nicht mehr so viel wert ist, wenn selbige auf ewig kostenlos in einer Mediathek nachzuschauen ist, sollen die Produzenten nun als Ausgleich andere Rechte bekommen. Die Sendung in ein anderes Land zu verkaufen, beispielsweise.

In anderen Worten: Auch wenn die Sieben-Tage-Regel fällt, soll sich das Sendungs-Produzieren noch lohnen. Aber irgendwas mit Schichtenmodell und Werthaltigkeit klingt natürlich cooler.

Der Lokaljournalismus verabschiedet sich

Hingegen völlig uncool: Lokaljournalismus. Und dem geht es gerade richtig mies.

In den USA sieht man das an einer Zeitung, die einst Vorbild für den Arbeitgeber von Superman stand: den New York Daily News (mit for the record aus der EU unerreichbarer Website). Für einen Dollar war sie im vergangenen Jahr von einem Immobilienentwickler an das Chicagoer Medienhaus Tronc verkauft worden, zu dem auch die Chicago Tribune gehört. Nun musste in dieser Woche der Chefredakteur und die halbe Belegschaft gehen.

"Zuletzt arbeiteten nur noch knapp 100 festangestellte Journalisten bei dem Blatt, von denen jetzt 45 gehen mussten. Die Konkurrenz von der New York Post will erfahren haben, dass das längst nicht alles ist: Neben den 45 Journalisten sollen 50 weitere Angestellte entlassen werden. Dass man mit der verbleibenden Rumpfmannschaft eine ernstzunehmende Zeitung herstellen kann, ist eher unwahrscheinlich",

berichtet Christian Zaschke auf der Medienseite der SZ.

Ich wünsche, für das Dahinsiechen deutscher Lokalangebote fände jemand vergleichbar klare Worte.

DuMont und Madsack legen aktuell ihre Hauptstadtredaktionen zusammen, womit vor allem DuMont-Mitarbeiter ihren Job verlieren, während die für die neu eingerichtete Redaktion frisch Angestellten nicht nach Tarif bezahlt werden, wie Daniel Bouhs in der taz schreibt. Zudem soll die zu DuMont gehörende Berliner Zeitung auch darüber hinaus fertige, unpolitische Mantelseiten von Madsack aus Hannover beziehen.

Bei den Funkes und dem Hamburger Abendblatt probiert man derweil auf der Suche nach neuen Erlösmodellen im Netz etwas völlig Verrücktes - eine Verlagerung vom Reichweitenklickshit auf Tiefgründigeres und Investigatives und damit auf Themen, die hoffentlich Online-Abos verkaufen (Gregory Lipinski bei Meedia).

Vom Ansatz her gut, aber vielleicht hätte man sich das überlegen sollen, bevor a) das dafür nötige Personal zusammengestrichen und b) alle Leser mit Anspruch durch Blutblaulichtbrüste-Berichte vertrieben wurden.

Wie gesagt: die Lage ist mies, die Branche uncool. Bräuchten wir nur den Lokaljournalismus nicht für diese Demokratie, von der immer alle sprechen. Doch so haben wir ein echtes Problem, möglicherweise sogar etwas relevanter als der letzte Tweet von J. "bild.de" R.

Altpapierkorb (Facebook, Guardian, Ostdeutschland)

+++ Die Debatten der vergangenen Monate schlagen sich nun in Einheiten nieder, die auch Mark Zuckerberg versteht: Über weniger Gewinn, als erwartet, und in Folge dessen Aktien-Einbruch bei Facebook berichten (u.a.) Zeit Online, tagesschau.de und Meedia.

+++ Der britische Guardian verdient erstmals mit seinem Online-Angebot mehr als mit Print, meldet er selbst (in deutscher Sprache hat’s Der Standard aus Österreich).

+++ Die Krautreporter machen jetzt auch was mit Ostdeutschland, ist Thema bei "@mediasres".

+++ Plötzlich 26, um mit über 40 im jugendwahnsinnigen New York noch einen Job zu bekommen, das ist die Idee hinter der heute bei Pro7 startenden Serie "Younger". Kathrin Rosendorff (Frankfurter Rundschau) fühlt sich gut unterhalten.

+++ Bei Netflix läuft die sechste Staffel "Orange Is The New Black" und im Tagesspiegel fragt sich Melanie Berger, warum manche Serien es nicht schaffen, zu gehen, wenn es am schönsten ist.

+++ Auch in Kuwait gibt es Influcencerinnen, und auch dort sind unter diesen nicht nur die hellsten Kerzen auf der Torte: "'Wie kann man ein Dienstmädchen zu Hause haben, das seinen Pass bei sich behält?' echauffierte sich die Siebenundzwanzigjährige in einem Video auf Instagram, das inzwischen wieder gelöscht wurde. Sie fragt, wer es ihr erstatte, wenn die Angestellte weglaufe und zurück in ihr Heimatland reise. Noch schlimmer sei, 'dass sie jede Woche einen Tag frei haben!'", schreibt Katharina Koser auf der Medienseite der FAZ () über Sondos Alqattan und den von ihr ausgelösten Shitstorm.

+++ "Man merkt 'Rampstyle' an, dass das Heft gemacht ist in der Annahme, das es gelesen werden wird. Mit viel Text. Und schon diese Grundhaltung war für mich so überraschend wie angenehm." (Michalis Pantelouris in seiner Kiosk-Kolumne bei Übermedien).

Frisches Altpapier gibt es morgen wieder.

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