Teasergrafik zum Altpapier vom 25. Oktober 2018: Laptop mit Medienseite
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 25. Oktober 2018 Alles strömt

RTL tut’s. Die Telekom tut’s. Und ARD und ZDF müssen darauf warten, dass die Medienpolitik einen Gang zulegt, damit auch sie ihre Mediatheken Netflix-Konkurrenz-kompatibel aufstellen können. Außerdem: Markus Söder wird vermisst. Ein weiterer Grund für Frauenmangel in der Wikipedia. Die neue Guido ist da. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teasergrafik zum Altpapier vom 25. Oktober 2018: Laptop mit Medienseite
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RTL ist einer der letzten Grundpfeiler der Demokratie. Diesen Eindruck vermittelt zumindest Frank Hoffmann, dem man solche Überhöhung nicht vorwerfen kann, ist sie doch Teil seiner Jobbeschreibung als Chef des Senders. Im Interview mit Claudia Tieschky auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung erklärt er heute:

"Entscheidend für uns ist die Mischung. Mich macht es als Journalist stolz, wenn wir um 20.15 Uhr Reportagen über so schwierige Themen wie Brustkrebs zeigen, von denen viele sagen, das würden wir gern auch mal bei einem öffentlich-rechtlichen Sender um diese Uhrzeit sehen, oder investigativen Journalismus mit 'Team Wallraff'oder 'Das Jenke-Experiment’. Wir möchten die Massen ansprechen durch unseren Programmmix und keine Echokammern bedienen, wo Menschen oft nur das hören, was sie ohnehin hören möchten. (…)

Manchmal bin ich sogar etwas erstaunt, dass Netflix und Amazon ausschließlich als Heilsbringer dargestellt werden. Wenn ich mir vorstelle, nur ein Algorithmus würde bestimmen, was unsere Zuschauer sehen, dann würde unser Programm, so sehr ich sie mag, vor allem aus Castingsendungen, Soaps und vielleicht noch 'Wer wird Millionär?'bestehen. Aber wir liefern als Privatsender einen Public Value."

Bäm! Facebook ist tot, es lebe die Filterblasenechokammer-Debatte in Bewegtbildformaten! Immer nur "House of Cards" und "Wanted" binge-watchen - kein Wunder, dass die Leute Alu-Hüte aufsetzen und politikverdrossen Trump und Gauland wählen! Hätten sie bei RTL "Alarm für Cobra 11" geschaut, wäre ihnen völlig klar, dass Menschen mit Migrationshintergrund durchaus fähige Kriminalhauptkommissare abgeben und damit die Gesellschaft bereichern können. Wer bei "DSDS", "Mitten im Leben" oder "Ibes" mit bzw. über Menderes lacht, wird doch niemals AfD wählen.

Aber nun, da wir diese Schieflage erkannt haben, werden wir alle zum linearen Fernsehen zurückkehren, und auch die dieser Tage tagenden Medienpolitiker (Altpapier Dienstag und Mittwoch) werden die zentrale Stellung privater Fernsehsender für unsere gerade so fragil erscheinende Medienwirklichkeit sicher im Hinterkopf behalten.

Alles gut, Demokratie gerettet. Wäre da nicht der letzte Satz im Interview mit "Es lebe der Programmmix, zur Hölle mit den Algorithmen"-Hoffmann:

"Deshalb konzentrieren wir uns auf den Ausbau unserer eigenen VoD-Plattform TV Now."

Let’s Stream: RTL baut TV Now aus

Ganz recht: Das Videoportal der RTL Mediengruppe, älteren Semestern noch als RTLnow und NowTV bekannt, soll im Laufe des Winters einen Neustart hinlegen, und wenn der nicht mit einer Umbenennung in NowRTL einhergeht, bin ich fast ein wenig enttäuscht.

Was genau geplant ist, hat Jan Wachtel, Geschäftsführer des TV-Now-verantwortenden RTL Interactive, Thomas Lückerath von DWDL erzählt. Halten Sie sich fest, das wird sprachlich richtig schön.

"Wir arbeiten an einem eigenständigen Produkt mit hybridem Geschäftsmodell aus kostenfreiem, werbefinanzierten VoD, also AVoD, und kostenpflichtigem VoD, also SVoD."

Alles klar? Dann weiter im Werbetext:

"Wir haben Pre-TV, wie wir es bei 'GZSZ'machen, wo die jeweils nächste Folge zuerst online verfügbar ist. Dann gibt es Online First, wo wir ganze Staffeln vorab oder mit der Ausstrahlung der ersten Folge im TV online stellen. (…) Wir haben noch exklusive und non-exklusive Drittlizenzen und der vierte Baustein sind dann unsere TV Now Originals."

Noch jemand ohne Buzzword? Ich denke nicht und fasse zusammen: RTL will sich neben Netflix und Amazon, bald Apple sowie, da kommen wir gleich noch ausführlicher zu, MagentaTV der Telekom (oh, sorry, das ist der richtige Link - sollte man vielleicht nochmal Namensrechte klären) als Bezahl-Mediathek etablieren, wobei einige Inhalte durch Werbefinanzierung kostenfrei bleiben sollen. Neben dem, was auch im linearen RTL-Fernsehkosmos zu sehen ist, will man auch Material von anderen Anbietern einkaufen sowie selbst für TV Now produzieren. "(J)eden Monat eine exklusive Eigenproduktion beziehungsweise exklusive lizensierte Inhalte", das schwebt Wachtel vor. Und ein konkretes Beispiel gibt es mit der Wiederauflage des Fritz-Lang-Klassikers "M - eine Stadt sucht einen Mörder" auch schon (Susanne Herrmann, W&V):

"Im sechsteiligen Serien-Remake 2018/2019 spielen unter anderem Sophie Rois, Verena Altenberger, Moritz Bleibtreu, Lars (Können wir in Zukunft der Einfachheit einfach aufzählen, wo er nicht dabei ist? Anm. AP) Eidinger, Bela B. und Udo Kier mit (Regie: David Schalko). Eigentlich wollte RTL die Serie für seinen Pay-TV-Ableger RTL Crime drehen; da läuft es nun erst später. Im Zuge der Streamingoffensive wandert das 'Original'zuerst auf die VoD-Plattform."

Wo Sie allerdings natürlich vor allem wegen "RTL aktuell" und der Reportagen über Brustkrebs aufschlagen werden, gell?

MagentaTV: Endlich ewig "Tatort" schauen

Damit zur bereits angeteaserten weiteren Streaming-Offensive, diesmal aus dem Hause Telekom, wo EntertainTV nun MagentaTV heißt und für nur 7,95 Euro im Monat Zugang zum linearen Fernsehen, aber auch einkauften Dritt-Angeboten wie "The Handmaid’s Tale", Eigenproduktionen wie die Anfang November startende Christoph-Maria-Herbst-Comedy "Deutsch-Les-Landes" sowie den Mediatheken von ARD und ZDF verspricht (weitere Details u.a. bei Kurt Sagatz im Tagesspiegel). Wobei MagentaTV auch Produktionen anbieten wird, die die begrenzte Verweildauer aus den eigenen Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen schon rausgekickt hat.

Nachdem man sich wiederum durch unerträglichen PR-Sprech ("Der Königsweg zu Magenta TV wird auch weiterhin das IPTV-Produkt mit unserem Receiver… IPTV-Produkt, das in Umfang und Nutzerfreundlichkeit dank bestehender und neuer Komfortfunktionen unser Premium-Produkt ist und bleibt…") gewühlt hat, findet man dazu folgendes Zitat von Telekom-TV-Chef Wolfgang Elsäßer im DWDL-Interview mit Thomas Lückerath:

"Überproportional oft genutzt von unseren Kunden: Die Mediatheken von ARD und ZDF. Das hat uns angespornt, eine Möglichkeit zu finden, diese Inhalte für unsere Kunden länger verfügbar zu machen. (…) Unser Modell: Wir lizenzieren gezielt ausgesuchte Inhalte von ARD und ZDF über deren Verwertungsgesellschaften und verlängern somit für unsere Kunden die Verfügbarkeit von tausenden Programmen der Öffentlich-Rechtlichen - und das kostenfrei. (…) Wenn hier und dort der Wunsch zu lesen ist, eine Art 'Deutschland-Plattform'zu schaffen, dann sind wir der so nah wie kein anderer Wettbewerber."

Toll! Bzw. nicht so. Carolin Ströbele, Zeit Online:

"Wie viel Geld für diese Kooperation geflossen ist, ist nicht bekannt. (…) Dennoch ist jetzt schon abzusehen, dass diese (…) nicht gerade zum Imagegewinn der öffentlich-rechtlichen Sender beitragen wird. Es ist für Zuschauerinnen schwer vermittelbar, dass sie jetzt bei der Telekom für Inhalte bezahlen sollen, die sie schon einmal von ihrem Rundfunkbeitrag ,finanziert'haben. Warum nicht eine öffentlich-rechtliche ,Megathek’? Immerhin schlummern Schätze wie mehr als 1.000 Tatort-Folgen oder andere Filme im Archiv der Fernsehanstalten."

Letzteres ist tatsächlich der Traum von ARD-Chef Ulrich Wilhelm (zuletzt hier im Altpapier), den er auch bei den seit gestern laufenden Medientagen München noch einmal formulierte, wie Daniel Bouhs bei "@mediasres" im Deutschlandfunk berichtet. "Algorithmen, die Demagogen keine idealen Arbeitsbedingungen schaffen" sollten bei der Super-Mediathek zum Einsatz kommen, zitiert er Wilhelm.

Doch das Umgehen möglicher Filterblasenechokammern ist für die Supermegamediathek nur das eine Problem. Denn zum einen ist diese im aktuell verhandelten Rundfunkänderungsstaatsvertrag noch kein Thema, und bis zur nächsten Runde Medienpolitikanpassung ist das Thema Video on Demand vermutlich gleich neben VHS ins Regal der Bewegtbildgeschichte gewandert. Zum anderen wird dort durchaus über eine verlängerte Verweildauer von Inhalten in den bestehenden öffentlich-rechtlichen Mediatheken gesprochen. Doch so lang, wie wir als Nutzer uns das wünschen (=ewig), wird diese aus Reche-Gründen nicht werden.

Um an dieser Stelle einfach mal irgendwas festzuhalten:

Es wird weiter in deutsche Serien investiert, und das nun auch von der Telekom.

Wenn deren Kunden repräsentativ sind, dann nutzen die Leute sehr gerne öffentlich-rechtliche Mediatheken und bedauern die dort begrenzte Verfügbarkeit.

Unsere Medienpolitik muss schneller werden.

Und DWDL dringend an der Lesbarkeit seiner Interviews arbeiten bzw. die Redigatur nicht gänzlich der Presseabteilung der Interviewten überlassen.

Glossar:

VoD: Video on demand (nicht-linear zu schauende Videos)

AVoD: Advertising-Video-on-Demand (Videos, die man kostenlos schauen kann, wenn man Werbung hinnimmt)

SVoD: Subscription-Video-on-Demand (Videos, für deren Konsum ein Abo nötig ist)


Altpapierkorb (Trumpsche und FC Bayrische Medienkritik, Freien-Hölle, Guido als Magazin)

+++ Die Abwesenheit von Markus Söder als Enttäuschung empfinden, das geht, beweist 360G-Kollege Steffen Grimberg in seiner Kolumne hier nebenan, ebenfalls von den Medientagen München. Die laufen noch bis Freitag; schon jetzt nicht zufrieden ist Marvin Schade bei Meedia. Ebenfalls beachtenswert: Diese Turi2-Werbung für die Veranstaltung bzw. akute Bewerbung für ein Richtig-Freistellen-Seminar. Die Bildbearbeitung mit Paint ist einfach nicht totzukriegen.

+++ Wenn CNN im laufenden Betrieb wegen eines möglichen Bombenfundes evakuiert werden muss und der Secret Service verdächtige Pakete an Hillary Clinton und Barack Obama abfängt - dann sollten die Medien mal aufhören, die Stimmung immer so anzuheizen. Meint: Donald Trump (Agenturmeldung bei Zeit Online).

+++ "Ein Name, in zarter Handschrift ins Gästebuch eines Hotels geschrieben: Javier Ortega. Beruf: Journalist. Es ist das letzte Lebenszeichen des 32 Jahre alten ecuadorianischen Reporters der Tageszeitung El Comercio. (…) Was genau geschah mit Javier Ortega und seinen zwei Kollegen (die im März im Dschungel zwischen Ecuador und Kolumbien verschwanden und drei Monate später tot aufgefunden wurden, Anm. AP)?" Dieser Frage gingen 19 Journalisten aus Ecuador und Kolumbien gemeinsam mit der Organisation "Forbidden Stories" nach. Ihre Ergebnisse stehen heute u.a. auf der Medienseite der SZ.

+++ Im Jahr 2018 besonders mies zu Freien waren: SZ, WDR und NZZ. Meinen zumindest die Freischreiber, die alle drei Medien für ihren Hölle-Preis nominiert haben.

+++ Der FC Bayern München als Medien-Kritiker wie -Macher (Altpapier) ist bei Zapp noch einmal Thema für Daniel Bouhs und Inga Mathwig. Schön dazu auch dieser Tweet.

+++ Dass die neue Pysik-Nobelpreisträgerin Don­na Strick­land erst diesen Preis brauchte, um in der Wikipedia Erwähnung zu finden, liegt auch, aber nicht nur daran, dass sie eine Frau und damit in der Enzyklopedie per se unterrepräsentiert ist, schreibt Mar­kus Pös­sel auf der Medienseite der FAZ (). "Hät­ten Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten vor­ab über Strick­land be­rich­tet, hät­te das die Chan­ce auf ei­nen Wi­ki­pe­dia-Ein­trag deut­lich er­höht. Je mehr gu­te Re­por­ta­gen über Wis­sen­schaft­le­rin­nen, um­so ein­fa­cher wird es, Ein­trä­ge für sie zu er­stel­len und die Schief­la­ge zu kor­ri­gie­ren. Wi­ki­pe­dia hat hier noch ei­nen län­ge­ren Weg vor sich. Aber wer hier nur Wi­ki­pe­dia in der Pflicht sieht, igno­riert das Ge­samt­bild."

+++ Jetzt auch noch Guido! Warum Guido Maria Kretschmer dringend das Gesicht des neuen Frauenmagazins von Gruner + Jahr werden musste, hat Sophie Krause für den Tagesspiegel herausgefunden. "Alle lieben Guido. Und Guido liebt hemmungslos zurück", meint Claudia Fromme zum Thema in der SZ.

+++ Um zu zeigen, "was in der deutschen Smartphone-Kritik schiefläuft", zerlegt Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne zwei Texte aus dem Spiegel und dem Magazin der Zeit.

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.

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