Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 18. Januar 2019: Logo WDR mit anonymen Mann mit Kapuze
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 18. Januar 2019 Gerade erst gesehen und doch nicht wiedererkannt

Die Redaktion von "Menschen hautnah“ hätte mal ihre Protagonisten googeln sollen. Die FAZ berichtet in eigener Sache falsch, weil sie offenbar nur ihre Anwälte und nicht ihre Redakteure zu Gerichtsterminen schickt. epd medien lässt sich zum 70. Geburtstag von Leuten gratulieren, über die es kritisch zu berichten gilt. Doch, alles super in der Medienwelt und damit heute im Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 18. Januar 2019: Logo WDR mit anonymen Mann mit Kapuze
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Zu den vielen Fragen, die sich Journalisten in unbeständigen Zeiten wie unseren, zwischen unübersichtlichen Fronten mit Namen wie "Lügenpresse“, "Zwangsgebühren“ und ja, auch "Claas Relotius“ gefallen lassen müssen, ist eine neue hinzugekommen:

Entschuldigung, aber schauen Sie eigentlich selbst, was Sie da senden?!

Gefallen lassen muss sich diese die Redaktion der WDR-Dokureihe "Menschen hautnah“, in der einige Ungereimtheiten aufgetaucht sind, wie zunächst Paul Bartmuß (Twitter-Thread) auffiel, was dann gestern die SZ und damit auch wir aufgriffen.

Konkret geht es um drei Folgen, von denen ich am frühen Morgen zumindest in zwei kurz hineinschauen konnte, was offenbar mehr ist, als die verantwortlichen Redakteure einzubringen bereit waren. Denn sonst wäre ihnen vielleicht aufgefallen, was nun andere minutiös auseinander dröseln. Doch der Reihe nach.

Ende November vergangenen Jahres lief "Liebe ohne Zukunft? Heimliche Affären und ihre Folgen“. Unter anderem lernen wir dort das Paar Manuela und Sven kennen.

"14 Jahre lang sind Manuela und Sven glücklich, doch dann fängt die Ehe an zu kriseln“,

heißt es dort in Minute 10. Es folgt eine Affäre Manuelas, dann aber die Rückkehr zum Ehemann (ab Minute 34):

"Auch bei Manuela gibt es eine Veränderung: den Kontakt zu ihrem Ehemann Sven hatte sie nie ganz verloren. (…) Vor einem Jahr zogen sie wieder zusammen. (…) Zunächst war das Verhältnis nur freundschaftlich, doch jetzt sind sie wieder ein Paar. (…) Sven liebt seine Frau nach wie vor und lässt sich wieder auf die Beziehung ein.“

So weit, so gut, so hello again! Denn schon eineinhalb Monate später, am 10. Januar, sehen wir die gleichen Personen wieder in der Folge "Ehe aus Vernunft - Geht es wirklich ohne Liebe?“, nur unter leicht veränderten Bedingungen:

"Die Vernunft war auch bei Manuela und Olli ausschlaggebend, als sie nach ihrer Trennung wieder zusammenzogen. (…) Olli und Manuela sind seit 15 Jahren verheiratet.“ (Minute 1)

"Olli und Manuela haben nur wenig Berührungspunkte in ihrer Ehe. Doch das stört sie nicht.“ (Minute 27)

Sven heißt jetzt Olli, und auch sonst ändert sich Einiges.

Der gewandelte Verliebtheitsstatus lässt sich vielleicht noch mit der Volatilität in solchen Belangen rechtfertigen sowie dem journalistischen Drang, alles in die Storyline zu pressen, die man sich zu erzählen vorgenommen hat. Doch was ist mit den Namen und den ebenfalls schwankenden Angaben zum Alter?

"Zumindest dieser Namenswirrwarr lässt sich erklären. Und zwar damit, dass die Protagonisten nicht mit ihren echten Namen in den Dokumentationen auftauchen wollten und sie daher von der Autorin geändert wurden, was im Fall von Manuelas Mann aber nicht kenntlich gemacht wurde; und da wurde aus Sven drei Jahre später wohl aus Versehen eben Oli. Und Manuela? Blieb Manuela, die im wahren Leben freilich auch anders heißt. Dass man ihren Namen zwar in Sekundenschnelle herausfinden kann, da sie sich zum einen im Fernsehen exponiert, zum anderen ihren Beruf und Wohnort nennt sowie stolz ein Foto davon zeigt, wie sie ,Miss 50plus Germany 2016’ wurde – geschenkt. Geschenkt auch, dass Manuela 2016 nicht wie behauptet 50 Jahre alt war, sondern in Wahrheit 56“,

schreibt Tim Niendorf auf der Medienseite der FAZ (). Wobei sich eine sich selbst ihrer Preise lobende Redaktion solche Schlampigkeiten eben nicht schenken lassen sollte.

Prollfernseh-Personal? Dem WDR doch egal

Doch das ist nur die eine Baustelle. Denn ein weiterer Protagonist des Vernunftsehe-Filmchens, Sascha Mahlberg, ist ebenfalls aus anderen Zusammenhängen bekannt, nämlich ungefähr jeder Privatfernsehquatschsendung.

"Seit seinem Debüt im Jahr 2007 hat er 169-mal vor der Kamera gestanden. (…) Er war der Drogendealer in der Fernsehserie 'Auf Streife’, der Imbissbudenbesitzer in 'Achtung Kontrolle’. Mal trat er in diesen Serien als Dirk Hermann auf, mal als Peter Schwelm oder Horst Kuhlmann. Mal ließ er sich für die Sendung 'Mieten, kaufen, wohnen’ als Interessent sechs Häuser zeigen. Er drehte Musikvideos mit Kollegah und Farid Bang, spielte in 'Unter uns’ und trat bei 'Deutschland sucht den Superstar’ auf. Gerade hatte er eine Nebenrolle in der Serie 'Alarm für Cobra 11’. Demnächst ist er im Dortmunder 'Tatort’ zu sehen – als Veranstalter illegaler Hinterhof-Boxkämpfe“,

so stand es schon im vergangenen September in einem Porträt in der Wochenzeitung Die Zeit, das Altpapier-Kollege Ralf Heimann für Übermedien ausgegraben hat. Ralf zitiert auch aus einer Stellungnahme der "Hautnah“-Redaktion, die angab, "Sascha arbeitet hauptberuflich als Müllmann und hat bis 2016 ab und wann nebenbei als Kleindarsteller gearbeitet – wie er selbst sagt als Hobby. Bei uns erzählt er seine private Geschichte.“

Was zum einen eine interessante Interpretation der Formulierung "ab und wann“ ist, falls ich richtig annehme, dass eigentlich "ab und an“ gemeint ist (über Sprachkompetenz in journalistischen Redaktionen sprechen wir nach der nächsten Maus). Und zum anderen nahelegt, dass die "Menschen hautnah“-Kollegen entweder ihre Protagonisten nicht wenigstens mal kurz googeln, oder dass es ihnen einfach egal ist, dass sie ihren Zuschauern Menschen präsentieren, die ihre Haut schon zu ungefähr jeder anderen Fernsehsendung getragen haben, darunter erst kürzlich etwa die RTL-Sozial-Doku, Verzeihung: "Sozial“-"Doku“ "Reich trifft Arm“.

Die beiden angesprochenen Teile der WDR-Reihe sind mittlerweile mit Sicherheitshinweisen versehen. "Wir prüfen gerade die Produktion und werden die Filme nach Abschluss der Prüfung korrigieren und die Änderungen transparent machen“, steht da. Zudem erklärt Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin Fernsehen, in einer Pressemitteilung:

"Diese Vorgehensweise ist für ein dokumentarisches Format wie 'Menschen hautnah' nicht akzeptabel. Die Redaktion war darüber nicht informiert. Wir werden unsere Qualitätssicherung an dieser Stelle verstärken. Weitere Ungenauigkeiten, die wir in den Filmen festgestellt haben, entsprechen nicht den journalistischen und redaktionellen Standards im WDR. Dies bedauern wir sehr.“

Tatsächlich ist für alle drei betroffenen Filme eine freie Mitarbeiterin verantwortlich. Aber sich als Redaktion so aus der Verantwortung zu ziehen, ist erbärmlich.

Mir ist schon klar, dass im deutschen Journalismus ein so ausführlicher Fakten-Check-Prozess wie im angelsächsischen Raum nicht üblich ist, von dem aktuell die Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel noch einmal bei "@mediasres“ im Deutschlandfunk erzählt. Aber zumindest mal die Sendung angucken und merken "Hey, die Leute habe ich doch vor sechs Wochen schon mal gesehen“, das sollte doch drin sein.

Ralf Heimann zieht bei Übermedien folgendes Fazit:

"Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass am Ende die Erkenntnis stehen wird: Hier hat jemand bewusst gefälscht oder betrogen. Es sieht eher so aus, als wären die Fehler entstanden, weil es schnell gehen sollte – weil schnell Protagonisten gefunden werden mussten, weil Angaben nicht geprüft wurden.“

Dazu passt Wolfangels Hinweis darauf, dass die Überprüfung der Fakten natürlich Mehrarbeit bedeute, für Autoren wie Redaktionen, und die müsse bezahlt werden. Aber wer sollte das leisten können wenn nicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk? *Richtigwütendesemoji*

Sorry, aber Medienanwälte dürfen doch Drohbriefe schicken

Wer ebenfalls seine Fakten vor der Veröffentlichung hätte gerade rücken sollen, ist die FAZ. Am Mittwoch schenkten wir im Altpapier deren Meldung in eigener Sache Glauben, nach der der Bundesgerichtshof sogenannte presserechtliche Informationsschreiben, die eigentlich Drohbriefe sind, für unzulässig erklärt haben sollte. Medienanwälte verschicken diese gerne an Redaktionen, um sie mehr oder weniger freundlich darauf hinzuweisen, worüber sie besser mal nicht berichten sollten.

Blöd nur, dass das gar nicht so ist. Vielmehr hat der BGH zwar in einem Einzelfall der FAZ Recht gegeben, im Grundsatz aber eben nicht, wie nun Christian Rath in der taz erklärt:

"Die Zusendung eines presserechtlichen Informationsschreibens greife in der Regel nicht rechtswidrig in das, Recht am eingerichteten und ausgeübten Gewerbetrieb eines Presseunternehmens’ ein. Sie seien vielmehr durch ihr Ziel gerechtfertigt: Den effektiven – möglichst bereits vor einer Verletzung wirksam werdenden – Schutz des Persönlichkeitsrechts der Mandanten. So könnten Rechtsverstöße von vornherein verhindert oder jedenfalls ihre Weiterverbreitung eingeschränkt werden, betonte der BGH.“

Und weiter:

"Die Verwirrung ist auch auf die unglückliche Pressearbeit des BGH zurückzuführen, der das interessante Verfahren nicht angekündigt hatte. Nach vielen Medienanfragen veröffentlichte der BGH dann am Mittwochnachmittag doch noch eine Pressemitteilung, um den entstandenen Irrtum auszuräumen.“

Sehr freundlich formuliert, wenn Sie mich fragen. Denn die Verwirrung war eigentlich eine Falschmeldung, und die FAZ hätte durchaus ohne Pressestelle des BGH von dem Verfahren Kenntnis haben und jemanden außer den eigenen Anwälten hinschicken können.  Falls das Geld nicht auch dort nur noch für Anwälte, aber nicht für Redakteure reicht. 

***In einer vorigen Version war davon die Rede, die FAZ hätte aus einer Pressemeldung des Gerichts falsch abgeschrieben. Offenbar gab es aber gar keine Pressemeldung von dem Fall. Diesen Fehler bitten wir zu entschuldigen. Die FAZ hat sich die falsche Berichterstattung damit aber ganz allein zuzuschreiben.***


Altpapierkorb (70 Jahre epd medien, Grimme-Preis, Datenklau)

+++ Fact-Checking zum Dritten: Wie kann RBB-Intendatin Patricia Schlesinger im Porträt in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit von einer Fahrt mit dem Taxi durchs Brandenburger Tor  berichten, obwohl dieses seit 2002 für den Verkehr gesperrt ist? Diese Frage stellt bei Twitter Daniel Bouhs, woraus wir lernen: Aus Hamburg sind Berlin und seine Gepflogenheiten so fremd und fern wie Fergus Falls.

+++ Herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag, liebes epd medien! Sagen wir vom Altpapier aus alter, aber auch neuer Verbundenheit. Denn das Gratulieren und Loben des Fachdienstes vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gehört bei unserem Gastgeber MDR zum guten Ton. "epd medien ist für mich der kritische Blick und Filter. Medieninformationen kompakt, klar und kompetent aufgearbeitet“, erklärt MDR-Intendantin Karola Wille in einer epd-Eigenanzeige ganz weit hinten in der aktuellen Ausgabe des Heftes. (Warum sich Medien zu Jubiläen gerne rühmen lassen von denjenigen, die sie eigentlich kritisch begleiten sollen, werde ich nie verstehen. Anyway.) Zum Geburtstag schenkt sich die verdienstvolle Publikation ein Sonderheft. Nach der ganzseitigen MDR-Anzeige auf Seite 2 folgt viel sicher Lesenswertes, das ich angesichts zeitraubenden "Menschen hautnah“-Konsums leider noch nicht komplett studieren konnte. Das Interview von Diemut Roether mit Alexander Kluge sei in jedem Fall empfohlen, allein aufgrund der Kluge-Zitate "Ich muss die Wähler der AfD ernst nehmen, die Partei nicht“ und "Die versammelten Samstagsprogramme des deutschen Fernsehens sind international nicht konkurrenzfähig. Man kann sie in keinem anderen Land vorführen, das ist für gebührenfinanziertes Fernsehen eine Affenschande.“ Online steht es bislang leider nicht.

+++ Über 850 Einreichungen, 70 Nominierte: Das ist der Zwischenstand beim Grimme-Preis in diesem Jahr. "Zum ersten Mal in der Geschichte des Grimme-Preises wurde auch Youtube nominiert - und das gleich doppelt. In der Kategorie Kinder & Jugend wurde ,LeFloid VS. The World’ ausgewählt, die Kommission Unterhaltung nominierte die Produktion ,Neuland’. Beides sind Produktionen für Youtubes Premium-Angebot, das derzeit noch Geld kostet“ (Timo Niemeier und Kevin Hennings bei DWDL; Meldungen u.a. auch bei Meedia und in der Medienkorrespondenz). Die Website des Grimme-Instituts hat natürlich alle Nominierten. Nachdem Ende Januar die Jurys getagt haben, wird der Preis Ende Februar verliehen.

+++ Es gibt Meldungen, von denen weiß man, dass sie einen unfassbar aufregen sollten. Leider hat man Derartiges jedoch schon zu oft gelesen, #Abnutzungserscheinungen. In diese Kategorie gehören aktuell ein 87 Gigabyte großer, geklauter Datensatz mit rund 773 Millionen Mail-Adressen und mehr als 21 Millionen Passwörtern, der einfach so im Netz herumsteht (tagesschau.de, Zeit Online) sowie Facebooks Sperren von fast 300 Fake-Accounts, die u.a. gegen die Nato Stimmung gemacht haben und hinter denen die russische Medienagentur Sputnik stehen soll (Spiegel Online, The Guardian).

+++ Der ehemalige Radio-Bremen-Mitarbeiter Hinrich Lührssen, bekannt etwa aus diesem Altpapier aus dem vergangenen Sommer, möchte nun Spitzenkandidat der Bremer AfD werden ( Eckhard Stengel, Meedia).

+++ "Gut performende Politiker scheinen immer wichtiger; spröde oder weniger eloquente Kollegen, die bloß ihr (vielleicht nicht mal selbst attraktives) Fachgebiet beherrschen, haben es umso schwerer. Wenn Robert Habeck ein Zeichen in die Richtung setzten wollte, hat er alles richtig gemacht.“ Altpapier-Kollege Christian Bartels sinniert in seiner evangelisch.de-Kolumne noch einmal über Habecks Twitter-Abstinenz und Talkshow-Präsenz.

+++ Wie es ist, seit 25 Jahren für den Hörfunk aus Afrika zu berichten, hat Bettina Rühl Stefan Fischer für die SZ-Medienseite erzählt.

+++ Was hat der neue Verlagsleiter und nebenher Unternehmenssprecher von Gruner + Jahr im Editorial des Magazins Stern zu suchen, und wollten wir Verlag und Redaktion nicht ursprünglich mal strikt trennen? Das fragt sich Ulrike Simon bei Spiegel+.

+++ Über die Schwierigkeiten der Schweizer Republik im Besonderen und Onlinemedien-Neugründungen im Allgemeinen schreibt René Zeyer in der Medienwoche.

+++ "Aber immerhin: Alle Namen sind richtig geschrieben.“ So lautet Armin Wolfs (***Jetzt mit richtigem Vornamen. Danke für den Hinweis an Kommentator Martin Zeise.***) Fazit in seinem Blog über einen aktuellen, vermeintlichen Aufreger-Artikel in der Tageszeitung Österreich mit ihm als Protagonisten.

+++ Vor 50 Jahren startete die "ZDF-Hitparade“.Rainer Moritz blickt im Tagesspiegel zurück.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Montag. Schönes Wochenende!

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1 Kommentar

18.01.2019 23:49 Martin Zeise 1

Zum vorletzten Absatz: Bloß blöd das das mit dem Richtigschreiben des Namens von Armin Wolf gerade nicht geklappt hat. Da war dann wohl "Österreich" mal besser als das geschätzte Altpapier.