Das Altpapier am 5. Februar 2019 Die Natur des Populismus

Sollten Journalisten, wenn sie über eine Schule berichten, auch mit der Schule reden? Eigentlich schon, tun sie aber nicht immer. Außerdem: ein gescheiterter Facebook-Profiltausch; die Unfähigkeit, ich zu sagen. Ein Altpapier von René Martens.

Die Schlagwort-Frage "Mit Rechten reden?" ist medienhistorisch ja noch relativ frisch. Insofern kann es aufschlussreich sein, sich anzuschauen, wie mit "Rechten" geredet wurde, als die knackige Frage noch nicht im Raum stand. Via Wikipedia bin ich bei YouTube auf ein Interview gestoßen, das der BR 1995 mit Manuel Ochsenreiter geführt hat, einem heutigen "AfD-Netzwerker" (t-online). Der Beitrag ist dank partieller "Switch Reloaded"-Haftigkeit einerseits äußerst unterhaltsam, andererseits in seiner Naivität auch bestürzend. Der kurze Film wirft jedenfalls die Frage auf, ob beim Umgang mit rechten Positionen (siehe in etwas anderen Kontexten auch das Altpapier von Montag) heute auch deshalb viel falsch läuft, weil schon sehr lange viel falsch läuft.

Es gibt natürlich Anlässe, dieses Fundstück hier einzustreuen. Zum einen wird sich das Motiv "Mit Rechten reden?" durch einen großen Teil der heutigen Kolumne ziehen, zum anderen war Ochsenreiter, langjähriger Chefredakteur eines rechtsextremen Magazins und kurzzeitiger Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten, Mitte Januar an dieser Stelle schon einmal Thema. Ich habe mich damals gewundert, dass in Berichten darüber, dass Ochsenreiter verdächtigt wird, einen Terroranschlag angestiftet zu haben, eines ausgeblendet blieb: die journalistische Tätigkeit des Herrn.

Das hat sich mittlerweile geändert - siehe den eingangs verlinkten t-online-Artikel und auch den Beitrag zu Ochsenreiter aus der aktuellen "Kontraste"-Sendung. Hier wird erwähnt, er sei ein "rechtsradikaler Publizist" (Anmoderation) bzw. Chefredakteur eines "rechten Kampfblattes".

Palmers Freunde

Mit Rechten reden - die Sache kann man auch als unkonventionelles Experiment angehen. Das hat Hasnain Kazim vom Spiegel gemacht: Er und der bei Clickbait-Profis beliebte Debattenrüpel Boris Palmer haben nämlich für eine Woche Facebook-Profile getauscht. Das Ziel, so Kazim, sei es gewesen,

"mit der Followerschaft des jeweils anderen konfrontiert zu sein - und das Publikum, zumindest große Teile davon, mit Sichtweisen und Meinungen zu konfrontieren, die es nicht gewohnt ist",

aber leider hatte er es dann doch mit zu vielen Meinungshabenden zu tun, die Dinge schrieben wie: "Hasnain Kazim, Du pakistanischer Untermensch, verpiss dich zurück nach Pakistan wo Du hingehörst, Du Jammerfreddy." Bei Spiegel Online zieht Kazim nun ein Fazit:

"Das Ergebnis des Experiments, das am (…) Montagvormittag endete, ist ernüchternd. Ein sinnvoller Dialog, das ist meine Erkenntnis, ist auf der Facebook-Seite von Boris Palmer nicht möglich. Es ist bemerkenswert, wie viele Rechtsextreme bis Neonazis sich auf Palmers Seite lautstark äußern dürfen. Palmer versicherte mir - und ich glaube es ihm -, dass er von vielen dieser Leute noch nie zuvor auf seiner Seite gelesen habe. Dass es also neue Fake-Accounts waren, die das Experiment zum Scheitern bringen wollten. Er hat aber auch einige 'Freunde', also von ihm bestätigte Leute, die sich auf abwertende, diffamierende oder menschenverachtende Weise äußerten. Anders als Palmer, der kaum löscht und sperrt, bin ich der Überzeugung, dass es für ein fruchtbares Miteinander einiger Regeln und Grenzen bedarf, im digitalen wie im realen Leben."

Was Palmer sagt? Siehe unter anderem Stuttgarter Nachrichten.

Es gibt kein Allgemeinrezept

Die in Basel lehrende Soziologin Franziska Schutzbach, Autorin des Buchs "Die Rhetorik der Rechten.Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick", würde die konkrete Frage "Mit Rechten reden?" wohl mit einem maximal differenzierten Jein beantworten. In einem Interview mit der Edition F, das Helen Hahne mit Schutzbach geführt, geht’s im Detail unter anderem ums Reden in Talkshows ("Sollten Rechtspopulist*innen dort überhaupt noch eine Bühne bekommen?). Schutzbach sagt dazu:

"Selbst wenn pointiert argumentiert und dagegengehalten wird, besteht immer die Gefahr, dass die gesamte Herangehensweise durch die populistischen Maximalprovokationen bestimmt wird und diese, trotz Gegenargumenten, mehr Legitimität und Gewicht erhalten. Natürlich wählen Rechtspopulist*innen immer die Themen aus, bei denen sie am besten Ressentiments verbreiten können, etwa Migration, Islam, Gleichstellung, Feminismus – selten aber Wohnungsnot, Pflegenotstand oder Renten.”

Die Frage, ob man "nicht mehr einladen", lasse sich "pauschal" jedenfalls nicht beantworten. Denn:

"Es gibt Teile der Öffentlichkeit, die für Argumente offen sind, und es bleibt wichtig, dass diese sehen, wie wenig die Politik der Rechtspopulist*innen trägt. Ich denke, es braucht eine kontinuierliche Reflexion darüber, welche Art der öffentlichen Auseinandersetzung zu einer Entkräftung und welche zu einer Instrumentalisierung der Öffentlichkeit durch Rechtspopulist*innen führen kann. Weder Nichtbeachtung noch Einbindung sind zwangsläufig die richtigen Rezepte, um diese Gruppierungen und Parteien zurück zu drängen. Das Dilemma liegt in der Natur des Populismus: bei Nichtbeachtung wird er stärker, bei einer Zusammenarbeit allerdings auch.”

Ein allzu schönes Märchen

Nur mit einer Rechten reden. Beziehungsweise: Nur auf eine Rechte hören - das war offenbar die Arbeitsdevise vieler Journalisten, die im vergangenen Jahr darüber berichteten, dass zwei Jungen aus vermeintlich politischen Gründen die Waldorfschule Wien West verlassen musste. Die Rechte, deren Sicht der Dinge die Journalisten übernahmen, heißt Caroline Sommerfeld-Lethen, sie "gilt als Ikone der 'Neuen Rechten'" (Spiegel Online) und ist die Mutter der beiden Jungen.

"Was war geschehen? Was hatten sich die Brüder zuschulden kommen lassen? Die Antwort lautet: Sie haben die falsche Mutter. Genauer: eine Mutter mit gefährlichen politischen Ansichten",

schrieb die FAZ seinerzeit. Das größtmögliche Fass machte, ebenfalls in der FAZ, Patrick Bahners auf:

"Kinder werden wegen Gefährlichkeit der Eltern von Altersgenossen separiert: eine Grausamkeit, wie man sie nur aus Diktaturen kennt."

Es spricht für die Robustheit des FAB, also des Frankfurter Allgemeinen Binnenpluralismus, dass in der FAS nun der Historiker Volker Weiß darlegen konnte, dass es sich vielleicht doch ganz anders abgespielt und das Ganze mit einer "politischen Säuberungsmaßnahme" (Harry Martenstein) eher wenig zu tun hat. Weiß schreibt.

"Manu Knirsch (…), Obfrau des Rudolf-Steiner-Vereins 1993, dem Trägerverein der Schule, (…) sagt, von den zahlreichen deutschen Journalisten, die sich des Falls angenommen hätten, habe sich kein einziger beim Schulverein gemeldet (…) (Außerdem) gibt es bereits seit September 2018 eine offizielle Stellungnahme der Schule, nur wird diese ignoriert."

Ein Teil der bisher von den hiesigen Journalisten offenbar nicht wahrgenommenen Vorgeschichte:

"In einer anderthalbjährigen Auseinandersetzung habe sich die Schulgemeinschaft nahezu aufgerieben. Sommerfeld habe einschlägige Texte über den Mailverteiler verschickt, wogegen sich Eltern verwahrten."

Kurz: Sommerfeld hat sich als pain in the ass erwiesen, sie hat schlicht den Laden aufgehalten. Weiß’ Zwischenfazit:

"Einige (Vorwürfe) werden entkräftet, in anderen scheinen zumindest unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten auf. Mitunter steht Wort gegen Wort, oder präziser: stünde Wort gegen Wort, wenn die Position der anderen Seite überhaupt erwähnt worden wäre. Die Waldorfschule wurde in der Skandalisierung aber nicht einmal nach ihrer Sicht gefragt."

Da stellt sich natürlich die Frage: Warum? Hatten die Journalisten keine Zeit, mal kurz bei der Schule anzurufen? Wäre es so, wäre das nicht das allerbeste Argument. Ich vermute eh etwas anderes: Die Kinder einer rechtsextremen Semi-Prominenten müssen wegen der politischen Aktivitäten der Mutter ihre angestammte Schule verlassen - das war offenbar für zu viele deutsche Journalisten eine zu gute, geradezu märchenhaft schöne Geschichte, als dass sie es riskiert hätten, sie in irgendeiner Form in Frage zu stellen.

Die "Ich"-Vermeidung im Spiegel

Hat der Fall Relotius eigentlich auch etwas Gutes? Vielleicht nimmt die Medienkritik die Debatte ja zum Anlass, den Spiegel (wieder) stärker in den Blick zu nehmen. Nicht etwa, um nach irgendwelchen Fälschungen Ausschau zu halten, sondern weil es aus ganz anderen Gründen lehr- oder aufschlussreich sein könnte.

Aktuell beschäftigt sich Frederik Seeler bei Übermedien mit der Spiegel'schen Unfähigkeit, ich zu sagen bzw. schreiben:

"In deutschsprachigen Medien hat das ‚Ich’ seinen Platz in Selbsterfahrungstexten und -reportagen; sogenannte 'Ich'-Geschichten. Wo das 'Ich' angeblich nicht hingehört: investigative Recherchen, Porträts, 'richtige' Reportagen."

Das sieht vor allem Der Spiegel so. Ein von Seeler aufgegriffenes Beispiel: Der Text eines Autors, der mit Markus Söder Tennis gespielt hat, aber nicht schreibt, dass er mit Markus Söder Tennis gespielt hat. Anders dagegen die Haltung der angloamerikanischen Presse. Seeler:

"In den meisten englischsprachigen Medien ist es normal, dass Autor*innen ins 'Ich' wechseln, wenn sie eine Begegnung beschreiben oder zeigen wollen, dass sie jemanden persönlich getroffen haben. Ein beliebter Einstieg für ein Porträt im Guardian oder der New York Times lautet: 'The first time I met X, was in a small restaurant in X.'"

Ich habe, aus welchem Grund auch immer, noch ein bisschen mehr herumgelesen in dem Text über Söder. Die Ich-Vermeidung und Man-Bevorzugung - "Es ist zehn vor elf, als (die Pressesprecherin) anruft, zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin, um sich zu erkundigen, ob man schon auf dem Weg sei" - ist hier gar nicht das größte Problem (zumal ich selbst mich auch schon oft ums Ich herumgedrückt habe, obwohl ich nicht für den Spiegel schreibe). Was sollen wir denn zum Beispiel von folgender Passage halten, in der der Autor ebenfalls nicht "ich" sagt?

"Der Spaziergang um den Wöhrder See, sagt Söder, sei nicht der erste Termin an diesem Tag. Gerade eben habe er schon eine Stunde mit seiner Pressesprecherin zusammengesessen, um an seinem Redemanuskript zu arbeiten, aber das sei bei ihm normal. Markus Söder denkt schon an Politik, da haben andere noch gar nicht zu denken begonnen."

Boah, was für ein Satz. Ich kann’s nicht lassen, ich muss ihn noch einmal hinschreiben:

"Markus Söder denkt schon an Politik, da haben andere noch gar nicht zu denken begonnen."

Ist er vielleicht ironisch gemeint? Scheint mir angesichts anderer Sätze nicht wahrscheinlich zu sein. In dem Artikel steht nämlich auch:

"Markus Söder hat sich in einer großen politischen Fleißarbeit ein enges Netzwerk aus Helfern geschaffen, auf das er heute bauen kann",

ganz anders also, als all die faulen Säcke, die netzwerkfrei Politik machen. Und über Söders viele Termine heißt es:

"Es ist ein Programm, für das man Geduld haben muss, man könnte es auch Leidensbereitschaft nennen."

Vor allem braucht es Leidensbereitschaft, um so etwas zu lesen, aber vielleicht leide ich noch an den Folgen des mit ähnlicher Prosa geschmückten "Menschen hautnah"-Films über Dr. Frauke Petry (siehe erneut das Altpapier von Montag)

Die Krise des 90-Minüters

Einen der am meisten desillusionierenden Aussagen zum fiktionalen Fernsehen, die ich seit langem gehört und gelesen habe, steht heute auf der FAZ-Medienseite:

"Im Fernsehen wird das fiktionale Programm im Wesentlichen in den Redaktionen entwickelt. Es geht da vor allem um Programmplätze, um Zuschauererwartungen. Wir sprechen über künstlerische Haltung, aber unsere Marktsituation stellt sich in der Hauptsache anders dar und fragt nur in Ausnahmefällen nach einer Haltung."

Das sagt die mehrfach preisgekrönte Regisseurin Aelrun Goette in einem Gespräch, an dem auch die Regie-Kolleg*innen Nina Grosse und Niki Stein teilgenommen haben. Goette greift hier eine Diskussion auf, die zuletzt auf dem Fernsehfilmfestival Baden-Baden geführt wurde. Oft kommt in diesem Zusammenhang das Schlagwort "Die Krise des 90-Minüters" auf. Die Art, wie Goette ihre Kritik in dem FAZ-Gespräch formuliert, lässt aber keine große Hoffnung darauf zu, dass das Genre Fernsehfilm noch einmal an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen wird.

Hauptsächlich geht es in dem - ganzseitigen! - Gespräch um den, vereinfacht gesagt, 2018 ausgebrochenen Konflikt zwischen Drehbuchautoren und Regisseuren. Stichwort: Kontrakt 18 (siehe dieses und dieses Altpapier). In diesem Zusammenhang sagt Niki Stein etwas Instruktives:

"Wir haben den Eindruck, dass die Rolle des Regisseurs, auch angesichts der neuen Möglichkeiten, die sich gerade im Bereich der Fernsehserie ergeben, auf die eines Realisateurs oder "Shooters" reduziert wird. Nach vermeintlich amerikanischem Vorbild, wo die Autoren allerdings, anders als bei uns, oft die Produzenten sind (…) Dass ein Film in der Einheit von Inszenierung, Schnitt, Auswahl der Schauspieler, Auflösung und so weiter, ein eigenständiges Werk ist, das über das vorbestehende Werk 'Buch' hinausgeht, scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein."


Altpapierkorb (15 Jahre Facebook, "Umkrempel-Reform" bei Radio Fritz, Scheuers Messwert-"Gaga"-Unsinn)

+++ Am Montag wurde Facebook 15 Jahre alt. Ingrid Brodnig liefert für Profil deshalb einen "Rückblick auf 15 Momente, die das Unternehmen prägten".

+++ Karoline Meta Beisel stellt in der SZ eine "verdeckte Untersuchung" der Europäischen Kommission vor, der zufolge soziale Netzwerke "von Nutzern angezeigte Hassbotschaften inzwischen deutlich schneller löschen als noch 2016". Und entfernt werde nicht nur schneller, sondern auch mehr, nämlich "inzwischen gut 70 Prozent der gemeldeten Inhalte". Das sei, schreibt Beisel, "der Kommission zufolge ein 'zufriedenstellender' Wert, da Nutzer ja auch Inhalte anzeigten, die sich als zulässige Meinungsäußerung erwiesen. 2016 entfernten die Plattformen nur gut ein Viertel der Inhalte".

+++ "Bei Radio Fritz stehen zukünftig YouTube und Instagram im Fokus und erst dann das Radio", sagt RBB-Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus, und obwohl ich unter anderem aus regionalen Gründen kein Radio-Fritz-Hörer bin, empfinde ich die Aussage als massive Drohung. Zitiert ist sie in einem Text von Marc Feuser für die taz über die "Umkrempel-Reform" bei Fritz, die unter anderem rund 10 Prozent weniger Wortanteil mit sich bringt. Feuser sieht Parallelen zu den "Entwicklungen, die auch andere junge ARD-Radiosender in jüngster Zeit durchmachen mussten. Eigene Nachrichten nur noch am Morgen bei MDR Sputnik. Musiklastige Programme, die ihre Auswahl an Spotify-Trends orientieren. Entpolitisierung zugunsten von Talk-about-Themen, die die junge Zielgruppe angeblich besonders ansprächen". Das Bild, das ich beim Lesen vor Augen habe: Da rammt sich ein Sender ein Messer in den Bauch.

+++ Der Bildblog setzt uns unter der Überschrift "Bild.de verbreitet Messwert-'Gaga'-Unsinn des Verkehrsministers" darüber in Kenntnis, dass Andreas Scheuer (CSU) und Ernst Elitz (Springer) Dönekes aus der Quatsch-mit-Soße-Doku "Das Diesel-Desaster" (NDR, siehe Altpapier) weitererzählen.

+++ Zum Schluss noch ein Veranstaltungstipp: Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) und das Grimme-Institut widmen sich "auf dem Höhepunkt der Debatte um gecastete Dokumentarfilm-Protagonisten der Frage, was die deutschen Sender unter 'Dokumentarfilm' verstehen", und sie tun dies am Donnerstag in Berlin in der Thüringischen Landesvertretung.

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.