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Das Altpapier am 2. April 2019 Mit Rechten Rum trinken

Im Genre des Right-Wing-People-Journalismus hat das SZ-Magazin gegenüber dem Spiegel Boden gut gemacht. Außerdem: Informationsarmut bei den erfolgreichsten deutschen YouTubern; Innovationsarmut im deutschen Unterhaltungsfernsehen. Ein Altpapier von René Martens.

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Was muss man über den AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier wissen? Zum Beispiel, dass er Mitglied ist im "Organisationskomitee des 'Yalta International Economic Forum‘ – eines Wirtschaftsforums auf der Krim, das von der russischen Regierung gefördert wird" und dem "zwei hochrangige Mitarbeiter des Geheimdienstes FSB" angehören.  

Zum Beispiel, dass es eine Verbindung gibt zu einem gewissen Mateusz Piskorski, dem die polnische Justiz "Agententätigkeit für russische und chinesische Geheimdienste vorwirft" und der mit Frohnmaier und dem deutschen Journalisten Manuel Ochsenreiter "schon 2016 einen Verein in Berlin gegründet, der dem russischen Faschisten Alexander Dugin nahesteht".

Und natürlich, dass die polnische Justiz davon ausgeht, dass besagter Journalist Ochsenreiter, der früher für den MdB Frohnmaier gearbeitet hat, "einen Brandanschlag in der Ukraine in Auftrag gab" und in dieser Sache "mittlerweile auch die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelt".

All dies steht in einem aktuellen Text von t-online.de, der auf gemeinsamen Recherchen mit dem ARD-Politikmagazin "Kontraste" basiert. Der Artikel baut auf frühere Arbeiten dieser kleinen Recherchegemeinschaft in Sachen Frohnmaier und Ochsenreiter auf (siehe dieses und dieses Altpapier aus dem Januar).

Der Journalist Raphael Thelen ist allerdings der Ansicht, dass man über Markus Frohnmaier noch viel, viel mehr wissen muss: Fürs aktuelle SZ-Magazin (€) hat er den MdB porträtiert - und dazu einen Tweet abgesetzt, der ihm unter anderem 401 (Stand: heute, 10 Uhr) überwiegend nicht wohlmeinende Replys eingebracht hat:

"Anderthalb Jahre mit dem AfD-Mann Markus Frohnmaier gestritten, gelacht und Rum getrunken",

schreibt Thelen darin unter anderem. Für die Geschichtsbücher hat er dann später noch präzisiert, dass er nicht mit Frohnmaier Rum getrunken, sondern mitgetrunken hat, als der Volksvertreter und ein "syrischer Rapper" Rum getrunken hätten.

Wie auch immer: Nicht zuletzt der Verweis aufs Rumtrinken sorgte dafür, dass die Aufmerksamkeit im Laufe des Montags ähnlich groß wurde wie neulich, als ein paar Heinis vom Spiegel mit Matthias Matussek und anderen Rechtsextremisten feierten - und vielleicht sogar Rum tranken (aber das ist wirklich reine Spekulation).

1.000 Jahre Kritik am Schnellroda-Tourismus (zum Beispiel bei Correctiv), an "Journalisten, die auf Ziegen starren" (vgl. Altpapier), an Waldspaziergängen mit Björn Höcke (formuliert etwa vom Deutschlandfunk und Übermedien; siehe natürlich auch hier Altpapier) - all das hat nicht gefruchtet bei dem SZ-Magazin-Autor Thelen, der, um hier mal ganz kurz unsachlich zu werden, möglicherweise auch als "In Deutschland verliebt sich alle 11 Sekunden jemand auf Parship"-Model zu reüssieren wüsste.

Frohnmaier hat, das wissen wir nun dank Thelen, viel Fieses erlebt - zum Beispiel in der Hauptschule "mit den Kindern einer nahe gelegenen Flüchtlingsunterkunft", wo einmal "der katholische Klassen­kamerad auf allen vieren in den Klassenraum" habe "kriechen müssen, weil er kein Moslem war", und wo am 11. September 2001 mit "einem Geodreieck und einem Füller" in affirmativer Absicht der Terroranschlag auf das World Trade Center "nachgestellt" wurde. Zum Beispiel in der Punkrockszene von Böblingen ("Irgendwann sei er auf einem Konzert … angepöbelt worden. Der andere habe ein Problem mit der Deutschland-Fahne gehabt, die Frohnmaier auf seinem Parka trug. So etwas sei immer öfter passiert …"). Und auch die Nazis sind nicht immer nett zueinander: Jedenfalls bezeichneten manche Mitglieder seiner Partei den in Rumänien geborenen Frohnmaier als "Papierdeutschen", wie dieser gegenüber Thelen sagt.

Der sensible People-Journalist hat auch noch andere Sorgen und Nöte seines Protagonisten im Blick:

"'Im Studium war es immer ziemlich geil. Da sind wir drei- bis viermal die Woche ins Fitnessstudio gegangen’, sagt (Frohnmaier) Doch seitdem habe er es kaum noch geschafft. Immer unterwegs, von Parteitreffen zu Parteitreffen. ‚Das macht fett. Man sitzt jeden Tag auf irgendwelchen Stammtischen, Bierchen trinken, Schnitzel essen. Ich habe locker 15 Kilo zugenommen.’"

Wie oft hat man in Politiker-Porträts nun eigentlich schon lesen müssen, dass das Politiker-Leben ungesund ist? Allerdings (Achtung, Spoiler!): Im weiteren Verlauf der Geschichte beobachtet Thelen in einem "Restaurant in Berlin":

"Frohn­maier bestellt Gnocchi mit Salat."

Vermutlich hat der Paradigmenwechsel in Sachen Ernährung was zu tun mit "einem leichten Herzinfarkt", aufgrund dessen für Frohnmaier jetzt übrigens auch Essig ist mit dem Rauchen von Zigarren, deren Einkauf bei "einem elegant gekleideten Angestellten" in einem Fachgeschäft in Wilmersdorf Thelen zu Beginn seiner Geschichte noch feinst beschrieben hat.

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat anlässlich des SZ-Magazin-Artikels getwittert, in jungen Jahren habe er gedacht, "‚Keinen Fußbreit den Faschisten‘ sei allgemeiner Konsens. Heute weiß ich, dass vielen sogar 'Keine Homestorys über Faschisten‘ zu radikal ist".

Nun trifft der Begriff "Homestory" für Thelens Artikel nur in einem weiteren Sinne zu, aber er funktioniert wie eine Homestory. Aber was fehlt denn nun in seinem Text?

"Markus Frohnmaier ist nur 1,70 Meter groß, mit präzise rasiertem Vollbart und einem Brustkorb wie ein Fass, weil er früher mal Rugby gespielt hat."

Und unverzeihlicherweise sogar das:

"Als Jugendlicher trug er schwarze Kapuzenpullover, und er hatte zwei Ratten, die Travis und Joel hießen."

Okay, okay: Musste Thelen vielleicht auch nicht schreiben, denn das stand ja schon in Ausgabe 41/16 des Spiegel, der bisher unangefochtenen Nummer eins im Genre des Right-Wing-People-Journalismus. Aber seit Thelens Text ist die Tabellenführung nun bedroht.

Apropos Spiegel: Was zum Beispiel Matthias Dell in dem oben verlinkten Deutschlandfunk-Beitrag über den Waldspaziergang mit Höcke sagte, gilt in ähnlicher Form für das Frohnmaier-Porträt:

"Der Text freut sich eh am meisten über sein Zustandekommen. Dass die Spiegel-Journalistin vom "Teufel" empfangen wird, wie Höcke sich vorauseilend selbst nennt – und das natürlich in imagepflegender Absicht. Irgendwie gilt das als Scoop unter den Journalisten, die Homestories über Neonazis machen, weil es ein bisschen gefährlich scheint, aufregend ist, vielleicht sogar cool. Ignoriert wird dabei, für wie viele Leute der Hass, den die AfD produziert und der auf der Straße ausgelebt wird, gar nicht cool ist, sondern wirklich gefährlich. Längst auch für Leib und Leben."

Letzteren Aspekt wiederum betont im Zusammenhang mit Frohnmaier und Thelen die Twitter-Userin @trixieflixie.

Ärgerlich sind an Thelens Story übrigens nicht nur das atmosphärische Klimbim und der Unmittelbarkeitsfetischismus. Sein Text zeigt auch einmal mehr, dass viele journalistische Standardformulierungen (um nicht zu sagen: Phrasen) in der Berichterstattung über die AfD überhaupt nicht funktionieren, weil sie hundertprozentig positiv konnotiert sind. Thelen schreibt zum Beispiel. "Sein Aufstieg ist kometenhaft, wie der der AfD." Oder: "Auf der anderen Seite bäumen sich Björn Höcke und sein Flügel auf." Und: Wenn man Frohnmaier "eingehend" betrachte, "kennt man den ganzen Organismus AfD viel genauer, ihre Erfolgsmethoden, ihre Schwachstellen".

Den Begriff "Aufbäumen" kennt man aus der Fußball-Berichterstattung. Und, um beim Schlagwort Fußball zu bleiben: "Schwachstellen" haben Kader von Vereinen, die nicht auf allen Positionen gute Alternative haben, wenn Stammspieler ausfallen. Die Verwendung des Begriffs "Schwachstellen" impliziert ja immer auch, dass es Stärken gibt, und das   ist im Fall der AfD ganz bestimmt nicht Thelens Absicht.

Verantwortungslose Kinderbespaßung

Leute, es ist mal wieder Otto-Brenner-Studien-Launch-Time! Das aktuelle Thema: die erfolgreichsten 100 YouTube-Kanäle aus Deutschland. Damit wissenschaftlich befasst haben sich Annette Floren und Lutz Frühbrodt, und auf ihre Ergebnisse eingegangen sind Christoph Sterz (Deutschlandfunk) und Daniel Bouhs ("Zapp" und NDR Info).

"Es gibt so gut wie keine journalistischen – oder auch weiter gefasst – informierenden Inhalte, die beispielsweise auch mit Wissensvermittlung zu tun haben. Wo das dann auch beispielsweise in den Bereich Edu- oder Infotainment gehen würde",

sagt Frühbrodt im DLF-Interview. Statt "so gut wie keine" könnte man

auch "ganze vier" sagen, so lautet jedenfalls das entsprechende Zitat bei NDR Info. "Sehr viel Unterhaltung - sehr viel platte Unterhaltung, muss man ja leider sagen, dominiert von Trivialität" (Frühbrodt im DLF) gebe es bei den Reichweiten-Spitzenreitern zu sehen bzw. "oftmals platte Unterhaltung, die verbunden ist mit ziemlich brachialen Geschmacklosigkeiten" (Frühbrodt gegenüber Bouhs). All das ordnet Frühbrodt (nun wieder gegenüber dem DLF) dann folgendermaßen ein:

"Das Problem ist, aus meiner Sicht, dass hier so getan wird, als ob das Amateure wären, es sind in der Tat aber Profis, dahinter stehen Netzwerke. Und das andere ist, aus meiner Sicht: Die Hauptintention dieser Videos ist oftmals tatsächlich, Werbung zu betreiben und das wird eben auch oftmals nicht deutlich genug deklariert."

Noch problematischer:

"Wir haben Influencer, die zwischen 15 und 25 Jahren als sind und die insbesondere eben halt Kinder bespaßen. Und das teilweise, aus unserer Sicht, in relativ verantwortungsloser Manier."

Der Negativtrend setzt sich fort

Am kommenden Freitag werden in Marl die Grimme-Preise verliehen, und das hat die Redaktion der Medienkorrespondenz zum Anlass genommen, einen Artikel von Senta Krasser online zu stellen, die Mitglied in der Nominierungskommission Unterhaltung war und nun  über die Arbeit des Gremiums berichtet:

"Reden wir nicht drumherum: 2018 herrschte Dürre im Land der Fernsehunterhaltung. Der Durst nach neuem, überraschendem, ideenreichem, gewitztem, lustigem und handwerklich gut gemachtem Programm wurde nicht gestillt. Und das, wo die Unterhaltungskommission bereits im Vorjahr auf dem Trockenen saß und es durchaus Nachholbedarf gab. Doch stattdessen setzte sich ein Negativtrend fort, dessen Ursachen vielfältig sind.

Sicher ist eine wesentliche Ursache in der Neigung der Branche zum More of the same zu suchen: Was einmal gut läuft, wird, insbesondere im Privatfernsehen, Staffel für Staffel fortgesetzt oder variiert und meist schlägt das Original die Kopie. Allein die aktuelle Fülle an Trödel-, Koch- und Gründershows gibt davon Zeugnis. So bleibt eine geniale Formaterfindung wie die Vox-Show "Kitchen Impossible" auch in der aktuell vierten Staffel unerreicht (…) Zum Leidwesen der "Kitchen Impossible"-Fans in der Grimme-Nominierungskommission "Unterhaltung" war es unmöglich, ein Mauseloch zu finden, um das Format nach 2017 noch einmal zu nominieren."

Der "kreativen Krise" (Krasser) trotzt eigentlich nur die Kölner Produktionsfirma Bildundtonfabrik (BTF). Krasser weiter:

"Es ist unbestreitbar: Was von der (…) BTF kommt, die ja nicht nur das "Neo Magazin Royale" produziert, ist nicht zu toppen. Allein die redaktionelle Vorbereitung jeder Sendung ist von solch andauernder Akribie und Präzision, dass es für die Protagonisten ein Leichtes ist, vor der Kamera zu glänzen. Ob sie nun Jan Böhmermann heißen. Oder Maren Kroymann."

Dass am Ende dann von drei Preisen gerechtermaßen (wie ich finde) zwei an die BTF gingen, sagt dann eben auch viel aus über die Schwächen der Konkurrenz.


Altpapierkorb (Die Thunberg-pro-Atomkraft-Lüge, linkes Netflix, Böhmermann vs. Merkel, nicht-lokaler Lokalsportjournalismus)

+++ Immer noch heiß wie Frittenfett, wenn er im Kampf gegen das Böse Gutes tun darf, ist der Bild-Zeitungs-Veteran Josef Nyáry (Jahrgang 1944). Aktuell macht er "Greta Thunberg zur Atomkraft-Aktivistin", wie der Bildblog bemerkt. Was nur möglich ist, weil er die Position Thunbergs zu diesem Thema "bemerkenswert frei" zusammenfasst. Vergleichbaren Kokolores hat kürzlich die taz aufgriffen.

+++ 500.000 Dollar braucht das Projekt Means TV, das "einen Streamingdienst wie Netflix, aber einen mit sozialistischer Struktur und ebensolchem Inhalt" bzw. eine "antikapitalistische On-Demand-Plattform für digitales Streaming" (Neues Deutschland) plant. Das Konzept: neben dem Üblichen (Familienkomödien, Late-Night-Talkshow) "auch Berichterstattung von Streiks" bzw. von "Kampagnen zur gewerkschaftlichen Organisierung".

+++ Am 16. April entscheidet das Verwaltungsgericht Berlin über eine Unterlassungsklage des oben heute schon in einem ganz anderen Kontext erwähnten Jan Böhmermann. Das berichtet der Tagesspiegel. Es geht darum, ob Angela Merkel ihre "kritische Einschätzung zum umstrittenen 'Schmähgedicht‘ des TV-Entertainers (…) auf den türkischen Staatspräsidenten Erdogan zurücknehmen muss. Merkel hatte die Satire als ‚bewusst verletzend‘ bezeichnet". Dieses Verhalten hält Böhmermanns Anwalt für "rechtswidrig" - unter anderem, weil Merkel "für eine solche Einordnung nicht zuständig gewesen" sei, wie die Zeitung den Juristen indirekt zitiert.

+++ Neues aus Mordor: "Nach kress.de-Informationen soll spätestens Anfang Juni der Lokalsport nicht mehr vor Ort in den Lokalredaktionen beheimatet sein, sondern an einem entsprechenden Desk in Essen zentralisiert werden" - das schreibt Steffen Grimberg an noch relativ neuer Wirkungsstätte über Pläne der Funke-Mediengruppe.

+++ Warum die Rubrik "Hater-Interview"im vom Hessischen Rundfunk verantworteten funk-Format "World Wide Wohnzimmer" "neu ausgerichtet" wird und warum ein "umstrittenes Video" aus der Rubrik gelöscht wurde - das erläutert auf der FAZ-Medienseite Theresa Weiss (Blendle-Link). Siehe dazu auch eine neulich vom HR veröffentlichte Pressemitteilung.

+++ Dass sich das Bundeskartellamt viel den Kopf darüber zerbricht, dass wir nicht Opfer mangelnden Wettbewerbs werden - das wissen wir natürlich sehr zu schätzen. Einen Seufzer der Erleichterung vermag es uns allerdings nicht zu entlocken, dass die deutsche Ausgabe von National Geographic aus kartellrechtllichen Gründen nur noch bis Ende des Jahres bei Gruner + Jahr erscheinen kann und danach vielleicht gar nicht mehr erscheinen wird. Die SZ schreibt dazu: Der Verlag "hatte beim Bundeskartellamt einen Antrag auf Verlängerung der Lizenz gestellt, diesen aber Ende Januar zurückgezogen, weil ein Veto drohte." Schließlich sei G+J, so Kartellamts-Präsident Andreas Mundt laut SZ, "der mit Abstand größte Anbieter von populären Wissenszeitschriften in Deutschland".

+++ Der Rundfunkrat des MDR, unter dessen Dach bekanntlich das Altpapier erscheint, hat entschieden, ab Herbst 2019 öffentlich zu tagen. Es handelt sich hier um eine lang vorbereitete Transparenzoffensive: Das Gremium habe "erstmals 2014 (!)" - Ausrufezeichen im Original - "beraten, ob die Sitzungen öffentlich sein könnten", schreibt der Flurfunk Dresden schnippisch.

Neues Altpapier gibt es am Mittwoch.

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