Testen für veränderte Bedingungen Welche Bäume können bei uns trotz Klimawandel wachsen?

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

An der Sängerwiese in der Nähe von Eisenach werden auf einer Kahlfläche gerade 35 unterschiedliche seltene und exotische Bäume gepflanzt. Dort entsteht ein "Arboretum", eine Baumsammlung. Was sich nach botanischer Spielerei anhört, verfolgt einen praktischen Nutzen: Das Forstamt will ausprobieren, wie diese Baumarten mit dem Klimawandel im Thüringer Wald klar kommen.

eine Wiese mit einem Schild: Naturschutzgebiet
Noch sind im Arboretum nur kleine Bäumchen und Löcher für weitere Bewohner zu sehen. Aber das wird sich bald ändern. Bildrechte: MDR / Ruth Breer

Aus der Not macht das Forstamt Marksuhl eine Tugend: An der Sängerwiese, einem vielbesuchten Ausflugsziel, hatte die Trockenheit der vergangenen zwei Jahre zahlreiche alte Buchen geschädigt, einige waren abgestorben. Um Waldbesucher nicht zu gefährden, mussten die Bäume fallen. Aber was sollte mit der Kahlfläche passieren? Forstamtsleiter Ansgar Pape hatte eine Idee: Er wollte ein Arboretum mit seltenen Baumarten anlegen, um zu testen, wie sie dem Klimawandel standhalten. Gleichzeitig wollte er die Bäume Spendern anbieten, die zu einem besonderen Anlass etwas Bleibendes pflanzen wollten. Für die nächsten zehn Jahre sollte die Fläche reichen, habe er gedacht, erzählt Pape. Doch kaum war das Projekt publik geworden, hatten alle 35 Bäume flugs Spender gefunden.

Viele sagen, pflanzt doch Exoten. Aber wenn man mit minus zehn Grad im Winter rechnen muss, dann haben die auch schon mal ein Problem.

Forstamtsleiter Ansgar Pape
Vogelkirsche
Vogelkirschen könnten den Wald in einen Garten verwandeln. Bildrechte: Ruth Breer / MDR

Von A wie Amerikanischer Amberbaum oder Ahornblättrige Platane bis Z wie Zerreiche oder Zimt-Ahorn - schon die Namen klingen exotisch-interessant. Einige Baumarten kennen auch Fachleute bisher nur aus Büchern. Ein Forststudent hat die Wunschliste für das Arboretum nach einer Literaturrecherche erstellt, als er als Praktikant im Forstamt arbeitete. Nicht ganz einfach, denn die Bäume müssen nicht nur Hitze und Trockenheit gut verkraften können, sondern sollen auch Frost aushalten. Letztlich wurden die Wünsche mit den Erfahrungen einer Baumschule und Gärtnerei in Wutha-Farnroda abgestimmt. Der Betrieb hat die Bäume besorgt, zum Teil aus eigenem Bestand, zum Teil überregional bestellt. Bei einigen gab es lange Lieferzeiten, wenige Wunschbäume waren gar nicht zu bekommen - wie die Schuppenrinde-Hickorynuss.

Starke Solitärbäume

Die Kahlfläche an der Sängerwiese hat sich innerhalb der vergangenen Wochen sehr verändert. Zwischen den Stumpen der alten Buchen stehen mittlerweile rund zwanzig junge Bäume. Alle mit Schilfmatten um den Stamm - sorgsam geschützt gegen Wild und Wetter.

eine Kanadische Hemlocktanne
Die kanadische Hemlocktanne ist noch recht klein. Aber auch sie wird hoffentlich ein großer, starker Baum werden. Bildrechte: Ruth Breer / MDR

"In einer Baumschule stehen sie dicht an dicht", erklärt Lars Lämmerhirt von der Gärtnerei Richter in Wutha. Sie sind es nicht gewohnt, dass ihre Stämme Frost und Sonne direkt ausgesetzt sind. Die Schilfmatten sollen deshalb Frostrisse verhindern. Vor Wind schützen stabile Dreiböcke die jungen Bäume. Einige überragen die Holzkonstruktion schon deutlich, wie der Rot-Ahorn. Andere, wie der Urwelt-Mammutbaum oder die Kanadische Hemlocktanne, lugen gerade mal darüber hinaus. Da sie alle einmal große, starke Solitärbäume werden sollen, wie Revierförster Stefan Wichmann hofft, sind sie mit zwölf Metern Abstand gepflanzt. Derzeit sehr luftig - zumal es noch einige Lücken gibt mit großen Gruben, den Pflanzlöchern für die übrigen Bäume. Die Laubbäume sind noch kahl. Bei der Japanischen Lärche zeigen sich die frischen Nadeln bereits als grüne Spitzen, bei der Japanischen Blüten-Kirsche sind dicke Knospen zu sehen. Sie wird vermutlich als erste im Arboretum blühen.

Arboretum Sängerwiese: Welche exotischen Bäume gedeihen im Thüringer Wald?

Zimt-Ahorn, Vogelkirsche oder Urwald-Mammutbaum - im Arboretum bei Eisenach testen Förster, welche Bäume trotz Klimawandel bei uns wachsen könnten.

Früchte hängen am Ast einer Edelkastanie
Edelkastanien wachsen in Süd- und Westeuropa. Ihre Früchte sind essbar, ihr Holz wertvoll. Bildrechte: Ruth Breer / MDR
Früchte hängen am Ast einer Edelkastanie
Edelkastanien wachsen in Süd- und Westeuropa. Ihre Früchte sind essbar, ihr Holz wertvoll. Bildrechte: Ruth Breer / MDR
Zimt-Ahorn
Der Zimt-Ahorn stammt aus Zentralchina. Seine Rinde löst sich ab und kringelt sich wie eine Zimtstange. Leider schmeckt sie nicht so. Bildrechte: Ruth Breer / MDR
Vogelkirsche
Die Vogelkirsche ist eine Kirsche, die vor allem in den wärmeren Gebieten Europas, in Nordafrika und im südlichen Mittelasien wächst. Falls sie mit hiesigen Bedingungen gut zurechtkommt, liefert sie leckere Kirschen und für Bienen reichhaltigen Nektar. Die Vogelkirsche könnte auch im Hausgarten gut wachsen. Bildrechte: Ruth Breer / MDR
Riesen-Mammutbaum
Der Riesen-Mammutbaum wächst normalerweise im Westen Kaliforniens. Die Bäume können bis zu 95 Meter hoch werden, einzelne Exemplare sind geschätzte 3.000 Jahre alt. Bildrechte: Ruth Breer / MDR
eine Kanadische Hemlocktanne
Die kanadische Hemlocktanne ist ein Nadelbaum, der den meisten wohl gar nicht als fremd auffallen würde. Bildrechte: Ruth Breer / MDR
eine Kanadische Hemlocktanne
Die kanadische Hemlocktanne ist in Nordamerika heimisch. Aber auch in europäischen Parks wachsen viele Exemplare als Zierbäume. Vielleicht könnt sie auch hier als Wald wachsen? Bildrechte: Ruth Breer / MDR
eine japanische Lärche
Japanische Lärchen wachsen bereits in deutschen Wäldern. Vielleicht eignen sie sich auch für einen großflächigeren Einsatz. Bildrechte: MDR / Ruth Breer
eine japanische Blütenkirsche
Die japanische Blütenkirsche punktet mit ihren wunderschönen Blüten, die beim alljährlichen Kirschblütenfest in Japan gefeiert werden. Bildrechte: Ruth Breer / MDR
eine Wiese mit einem Schild: Naturschutzgebiet
Noch sind die Bäume klein. Aber in ein paar Jahren wird sich zeigen, welche der spannenden und vielversprechenden Exoten mit den sich ändernden klimatischen Bedingungen im Thüringer Wald zurechtkommen. Bildrechte: MDR / Ruth Breer
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Nachmittag | 28. März 2020 | 16:20 Uhr

Rinde wie eine Zimtstange

Freuen können sich künftige Besucher auch auf die Blüten des Amerikanischen Tulpenbaums. Andere Bäume haben eine auffällige Rinde. Der Zimt-Ahorn beispielsweise, bei dem sich schon beim jungen Baum die Rinde abrollt, so dass sie aussieht wie eine Zimstange. Die Rinde des Amerikanischen Amberbaums ist hell und faltig. Von ihm ist auch eine schöne Herbstfärbung zu erwarten - wie auch vom Rot-Ahorn. Mit dem Ginkgo ist die älteste Baumgattung der Welt vertreten. "Er hat Blätter, zählt aber zu den Nadelbäumen", sagt Gärtner Lars Lämmerhirt. Eignen sich diese Bäume auch für den Hausgarten? Einige schon, meint er, allerdings nicht für den Kleingarten. Da seien lediglich Vogelkirsche oder Elsbeere geeignet. Wer aber für ein 2.000 Quadratmeter großes Grundstück einen Solitär suche, könne auch zu Gingko, Platane, Edelkastanie, Baumhasel oder zur Echten Walnuss greifen. Es komme immer auf Boden und Standort an.  

Bäume mit besonderer Rinde: Hingucker ohne Laub

Wenn die Bäume keine Blätter tragen, kommen Stämme, Äste und Zweige besser zur Geltung. Bei manchen Gehölzen lohnt es sich, genau hinzuschauen, da ihre Rinde ungewöhnlich aussieht oder gar zentimeterlange Stacheln trägt.

Mit Korkleisten besetzte, grüne Zweige von einem Korkflügelstrauch im Egapark in Erfurt
Der Korkflügelstrauch (Euonymus alatus) stammt ursprünglich aus Asien. Im Winter sind seine kantigen, mit flügelartigen Korkleisten besetzten Zweige besonders gut zu sehen. Geschätzt wird der Spindelstrauch aber auch dank der feuerroten Herbstfärbung seiner Blätter. Dieser Vertreter wächst im Egapark in Erfurt, so wie die anderen Bäume, die wir hier vorstellen - mit Ausnahme der Korkenzieher-Haselnuss, die wir bei der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Erfurt entdeckt haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mit Korkleisten besetzte, grüne Zweige von einem Korkflügelstrauch im Egapark in Erfurt
Der Korkflügelstrauch (Euonymus alatus) stammt ursprünglich aus Asien. Im Winter sind seine kantigen, mit flügelartigen Korkleisten besetzten Zweige besonders gut zu sehen. Geschätzt wird der Spindelstrauch aber auch dank der feuerroten Herbstfärbung seiner Blätter. Dieser Vertreter wächst im Egapark in Erfurt, so wie die anderen Bäume, die wir hier vorstellen - mit Ausnahme der Korkenzieher-Haselnuss, die wir bei der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Erfurt entdeckt haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zweige und Blätter einer Korkenzieher-Haselnuss
Die Korkenzieher-Hasel (Corylus avellana 'Contorta') bildet in sich gedrehte Zweige, die erst nach dem Laubfall so richtig zur Geltung kommen. Ihre Früchte sind essbar, der Ertrag ist allerdings nicht so hoch wie bei anderen Haselnuss-Sträuchern. Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner
Dornen am Stamm einer Gleditschie
Der Dreidornige Lederhülsenbaum (Gleditsia triacanthos) ist mit Dornen bewaffnet, die direkt an seinem Stamm wachsen. Sie werden bis zu 30 Zentimeter lang. Bekannt ist der Baum auch unter dem Namen Amerikanische Gleditschie, da seine Heimat in den USA liegt. Er gehört zu den Hülsenfrüchtlern und zeigt dementsprechend auch im Herbst und Winter etwa 25 Zentimeter lange Früchte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Sich abschälende Rinde am Stamm von einem Zimtahorn im Egapark in Erfurt
Die rotbraune, an Papier erinnernde Rinde des Zimt-Ahorns (Acer griseum) löst sich in breiten Streifen ab. Das sechs bis zehn Meter hohe Gehölz stammt ursprünglich aus China. Im Herbst besticht die rote Färbung seines Laubes. Seinen deutschen Namen verdankt der Baum den sich ablösenden Rindenstücken, die an getrockneten Zimt erinnern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der am Fuß mit Moos bewachsene Baumstamm eines Amerikanischen Schlangenhautahorns im Egapark in Erfurt
Der Amerikanische Schlangenhaut-Baum (Acer pensylvanicum) gehört ebenfalls zur Gattung der Ahorne. Weiße Längsstreifen zieren seine rötlich-grüne Rinde, ihr verdankt er seinen Namen. Das Ziergehölz wird bis zu zwölf Meter hoch. Beheimatet ist es im Nordosten der USA sowie in Kanada. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Rötlich-brauner Stamm von einer Mahagonikirsche im Egapark in Erfurt
Bei Sonnenschein leuchtet die Borke der Mahagoni-Kirsche (Prunus serrula) in warmen Rot- und Brauntönen. Sie löst sich überdies in schmalen Streifen ab. Die Früchte dieser aus Asien stammenden Zierkirsche dienen Vögeln im Sommer als Nahrung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Nachmittag | 28. März 2020 | 16:20 Uhr

Sich abschälende Rinde am Stamm von einem Zimtahorn im Egapark in Erfurt
Die rotbraune, an Papier erinnernde Rinde des Zimt-Ahorns (Acer griseum) löst sich in breiten Streifen ab. Das sechs bis zehn Meter hohe Gehölz stammt ursprünglich aus China. Im Herbst besticht die rote Färbung seines Laubes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Spendenbereitschaft aus Sorge um den Wald

Alle Bäume haben eine einheitliche Plakette bekommen. Darauf finden sich der deutsche und der lateinische Name der Baumart. Außerdem sind die Spender genannt und der Anlass, für den sie den Baum gepflanzt haben: Für die Nachkommen, zum Geburtstag, zum Ehejubiläum oder zum Andenken an einen Verstorbenen. Warum die Menschen gerade so gerne Bäume pflanzen? Weil sie mit offenen Augen durch den Wald gehen und sehen, was da los ist, meint Forstamtsleiter Ansgar Pape. Die tiefe Waldverbundenheit der Deutschen treffen zusammen mit dem Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und das sei auch so. Pape stellt sich vor, dass in fünf bis zehn Jahren kleine Wege durch den neuen Wald führen und Tafeln die Besucher über die verschiedenen Baumarten informieren. Weil die Nachfrage so groß ist, sucht das Forstamt jetzt schon nach weiteren Flächen, wo Spender besondere Bäume für besondere Anlässe pflanzen lassen können.

eine japanische Lärche
Bildrechte: MDR / Ruth Breer

Die Menschen gehen mit offenen Augen durch die Wälder, sehen, was dort abgeht und machen sich große Sorgen. Da kommt die tiefe Waldverbundenheit der Deutschen zum Tragen. Und alle sagen auch: Ich tue etwas Gutes. Und das ist ja auch so.

Forstamtsleiter Ansgar Pape

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Nachmittag | 28. März 2020 | 16:20 Uhr