Stellenanzeige mit Vier-Tage-Woche
Immer mehr Unternehmen werben mit der Vier-Tage-Woche, um attraktiver für Arbeitnehmer zu werden. Bildrechte: IMAGO / Michael Gstettenbauer

Arbeitszeit Warum Firmen immer häufiger mit der Vier-Tage-Woche werben

02. November 2023, 07:17 Uhr

Mit einer Vier-Tage-Woche können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schon donnerstags ins Wochenende starten. Dass das gut klingt, finden offenbar auch immer mehr Unternehmen. Zumindest werben sie damit um Mitarbeiter. Wie realistisch sind die Aussichten dieses Arbeitszeitmodells?

"Mehr Zeit für Dich!" – so oder so ähnlich werben immer mehr Firmen in Stellenanzeigen mit der Vier-Tage-Woche. Die Anzahl der Firmen ist in den letzten drei Jahren um das Sechsfache gestiegen und im zurückliegenden dreiviertel Jahr gab es fast 86.000 Anzeigen mit dieser Botschaft. Herausgefunden hat das die Berliner Agentur "Index".

Unternehmen um Attraktivität bemüht

Geschäftsführer Jürgen Grenz erzählt, was ihn bei den Ergebnissen am meisten überrascht hat: "Das Ergebnis zeigt, wie drastisch sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt verändert hat, wie sehr die Unternehmen bemüht sind, durch attraktive Angebote, wie zum Beispiel das einer Vier-Tage-Woche, auf sich aufmerksam zu machen. Die Vier-Tage-Woche ist natürlich nicht für alle Bereiche gleichermaßen geeignet. Ich glaube, dass es viele Möglichkeiten gibt, zum Beispiel durch eine Verlängerung der täglichen Arbeitszeiten, eine Vier-Tage-Woche nutzen zu können."

Gewerkschaften wie die IG Metall hören solche Botschaften gern, denn hier wird schon lange für die Vier-Tage-Woche geworben, sagt Sophie Jänicke, Arbeitszeitexpertin im Vorstand der IG Metall: "Aufgrund des Fachkräftemangels müssen sich die Unternehmen ja inzwischen stärker an den Interessen der Beschäftigten orientieren, wenn sie Jobs ausschreiben. Es gibt eine Studie von der Hans-Böckler-Stiftung, die sagt, dass sich über 80 Prozent der Beschäftigten eine Vier-Tage-Woche wünschen würden. Und ein Aspekt ist, dass wir ja auch im Arbeitsleben immer mehr Stress und immer mehr Beschleunigung im Grunde feststellen."

So stiegen stressbedingte Krankheiten stetig an, sagt Jänicke. Hinzu kämen körperlich schwere Jobs, die viele Menschen nicht mehr machen wollten.

Unternehmer sind gegen vorgeschriebene Vier-Tage-Woche

Unternehmer selbst setzen auf Flexibilität im Umgang mit der Vier-Tage-Woche. Den Grund erklärt Hans-Jürgen Völz, Chefvolkswirt beim Wirtschaftsverband "Der Mittelstand": "Wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber sich auf eine konkrete Ausgestaltung einer Vier-Tage-Woche einigen, dann trifft das auf unsere Zustimmung. Sollte hingegen der Gesetzgeber meinen, tätig werden zu müssen durch eine Pflicht zum Angebot einer Vier-Tage-Woche, dann sind wir strikt dagegen. Der Grund liegt im Wesentlichen darin, dass Unternehmen frei disponieren müssen mit der Auftragslage. In konjunkturellen Hochphasen gibt es mehr Arbeit, in Niedrigphasen oder in Rezessionsphasen weniger Arbeit."

Laut Studie der Berliner Agentur "Index" finden sich die meisten Stellenanzeigen mit dem Versprechen der Vier-Tage-Woche im Baugewerbe sowie dem Handwerk. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes sagt jedoch, eine generelle Vier-Tage-Woche sei kaum umsetzbar.

Geschäftsführer Heribert Jöris erklärt: "Letztendlich muss es jemand bezahlen. Und wir stellen ja jetzt schon fest, dass wir es gerade bei Bauleistungen mit einem großen Wettbewerb aus dem Bereich Schwarzarbeit zu tun haben. Je teurer wir die Handwerkerstunde machen, desto eher werden die mit der Nase vorn sein, die günstiger anbieten. Also in jedem Fall wird man davon ausgehen können, dass die Vier-Tage-Woche weniger produktiv ist als die herkömmliche Verteilung auf fünf Wochentage."

Im kommenden Jahr soll in einem wissenschaftlichen Projekt von IG Metall und Universität Münster untersucht werden, welche Auswirkungen die Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt in der Praxis hat. Ein halbes Jahr lang testen dann 50 Unternehmen verschiedener Branchen das Modell, begleitet von Wissenschaftlern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 02. November 2023 | 06:19 Uhr

10 Kommentare

Micha R vor 36 Wochen

@ Jana
"...Vermutlich wird es jedoch nur in den Bereichen umsetzbar sein, wo tariflich generell schon eine niedrigere WWochenarbeitszeit vereinbart ist."
Sogar ein bekannter Global Player wirbt für ein neu eröffnetes Logistikzentrum mit der 4-Tage-Woche:
https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Amazon-eroeffnet-weiteres-Logistikzentrum-in-Niedersachsen,amazon602.html

Peter vor 36 Wochen

"Die Anzahl der Firmen ist in den letzten drei Jahren um das Sechsfache gestiegen und im zurückliegenden dreiviertel Jahr gab es fast 86.000 Anzeigen mit dieser Botschaft."
Ganz klar, diese Firmen haben einen Vorteil bei der Anwerbung der begehrten Fachkräfte.
Im Umkehrschluss haben Firmen, die diesen Weg nicht gehen, klare Nachteile, welche nur durch höhere Löhne ausgeglichen werden können.

Robert Paulson vor 36 Wochen

Viele AG leben noch in der Zeit als 50 bestens qualifizierte Bewerber auf einen Job kamen und man sich den billigsten auswählte - und ggf. schnell wieder entsorgte. 49 andere, potentiell dankbare warteten auf die Ausbeutung.
Das hat sich gravierend gedreht, auch wenn das Lied auf den hohen Wert der körperlichen Arbeit gesungen wird (Büro ist ja keine Arbeit, Schicht, Wochenende, Doppelschicht am Wochenende, blabla, grunz grunz). Wer sich selbst so ausbeuten möchte, mag das tun, doch bitte das nicht auf andere übertragen.

Mit Geld (also höheren Gehältern) wird dieses Problem nicht gelöst, gerade weil Freizeit (insb. mit Familie) so ein hohes Gut ist. Arbeitsklima und -zufriedenheit sind auch zwei wichtige Begriffe.

Wer als AG gute, qualifizierte Leute haben möchte, muss denen eben etwas bieten. Das AG immer dagegen meckern, wenn ihre Gewinne kleiner werden, weil die AN mehr bekommen, ist ja ein alter Hut.

Von daher: Zeichen der Zeit erkennen und für sich nutzen.

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