"Tschüss Kohle, hallo Zukunft" - Teil 4 Die Pastorin und das gerettete Dorf

Viele Dörfer sind in den vergangenen Jahrzehnten der Braunkohle zum Opfer gefallen. Ein Dorf aber ist den Baggern quasi in letzter Minute entkommen: Pödelwitz, eine kleine Gemeinde im Südraum von Leipzig, darf bleiben. Im vierten Teil der Serie "Tschüss Kohle, hallo Zukunft" besuchen wir den Ort.

Friederike Kaltofen
2014 trat Friederike Kaltofen ihre erste Pfarrstelle in der Gemeinde Groitzsch an. Fast genauso lang setzt sie sich für die Zukunft von Pödelwitz ein. Die 39-Jährige träumt von einem ökologisch-sozialen Modelldorf. Bildrechte: MDR/Isabel Theis

Friederike Kaltofen öffnet die Tür der Pödelwitzer Dorfkirche. Das Gebäude steht auf einem kleinen Hügel, zwischen alten Laubbäumen. Das Gemäuer stammt zum Teil noch aus dem 13. Jahrhundert.

Kaltofen steigt die Holztreppe zur Empore hinauf, um die historische Orgel zu zeigen. "Alle Organisten und Spezialisten auf dem Fachgebiet sind hellauf begeistert, wenn sie diese Orgel sehen", erzählt Kaltofen. Das hänge daran, dass die Orgel in ihrer Substanz nie verändert worden und wirklich alt sei: aus dem Jahr 1780. "Also wenn wir die Orgelpfeifen rausnehmen, sind die ursprünglich – noch mit den ganzen Markierungen und Beschriftungen der Zeit."

Friederike Kaltofen, Pfarrerin Pödelwitz 12 min
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Friederike Kaltofen ist Pfarrerin von Pödelwitz. Das Dorf am Tagebau Vereinigtes Schleenhain sollte abgebaggert werden. Der Kohleausstieg hat Ort und Kirche gerettet. Nun schmiedet die Pastorin neue Pläne.

MDR AKTUELL Mo 07.03.2022 06:00Uhr 12:18 min

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Kaltofen spielt ein paar Takte auf dem Instrument, das beinahe weichen musste – so wie die ganze Kirche. Denn Pödelwitz liegt direkt am Tagebau Vereinigtes Schleenhain. Es war fest für den Abriss eingeplant. Der Kohleausstieg hat Dorf und Kirche gerettet.

Eine Orgel
Die Orgel bezeichnet Pfarrerin Kaltofen als „kleinen Schatz“. Allerdings ist das Instrument stark sanierungsbedürftig. Als klar war, dass Pödelwitz dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain weichen muss, sind viele Arbeiten in der Kirche liegen geblieben. Bildrechte: MDR/Isabel Theis

Nun schmiedet Pfarrerin Kaltofen Pläne: "Die Orgel ist ein Projekt zusammen mit einer Innensanierung, die noch eine Innengestaltung nach sich zieht. Die Kirche soll Kirchraum primär sein. Aber sie soll auch mehr sein. Sie soll ein zentraler Punkt sein für Pödelwitz, Treffpunkt für alle möglichen Vereine, Menschen, Veranstaltungsformate."

Doch wer soll sich dort treffen? Rundgang durch ein Dorf, in dem die meisten Häuser leer stehen. Rund 80 Prozent der Grundstücke gehören der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft Mibrag. Sie hat sie gekauft, weil sie an die Kohle ran wollte. Was kann aus den Häusern nun werden? Im Kirchgarten haben sich Klimaaktivistinnen niedergelassen. Ein Camp mit Jurte, Bauwagen und Kompost-Klo.

Kea wohnt hier tageweise, erzählt sie. "Die Kirche und diese Pacht hier haben uns ermöglicht, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen jetzt schon sein können, die den Ort wiederbeleben wollen und damit auch einen infrastrukturellen Ausgangspunkt haben. Dass Menschen sich eben hier treffen können, dass es hier schon eine Werkstatt gibt, einen Garten, beheizte Innenräume, Schlafplätze."

Kea träumt von einem solidarischen Ökodorf. Ob das entsteht, hängt maßgeblich von der Mibrag ab. Das Kohleunternehmen kann als Eigentümer der meisten Grundstücke die Richtung mitbestimmen.

Camp von Klimaaktivisten
Über die Jahre haben sich in Pödelwitz Klimaaktivisten angesiedelt. Sie haben sich ein Camp im Pfarrgarten eingerichtet. Einige von ihnen stellen sich eine Zukunft in Pödelwitz vor. Sie wollen langfristig in dem Dorf bleiben. Bildrechte: MDR/Isabel Theis

Geschäftsführer Armin Eichholz sitzt in einem nüchternen Büro bei Zeitz und bittet um Geduld. Kluge Pläne bräuchten Zeit. "Das heißt konkret, dass wir eine Nutzungsperspektive für die Grundstücke Stand heute nicht haben. Dass die gemeinsam entwickelt wird. Und dass dann, wenn wir dieses Zukunftsbild haben, wir darüber entscheiden können, ob wir sie verkaufen oder ob wir diese Zukunftsperspektive selber entwickeln." Das sei aber heute noch unklar.

Die Kohle-Serie und der Ukraine-Krieg Seit dem Angriff der russischen Armee auf die Ukraine wird wieder über den Kohleausstieg diskutiert. Die Bundesregierung prüft, ob ein vorgezogener Ausstieg bis 2030 überhaupt möglich ist, sollten Russlands Gaslieferungen ausbleiben. Die Interviews mit den Protagonisten unserer Serie fanden alle vor Beginn des Krieges statt.

Nachrichten auf Holztafeln an einem Baum
Die Jahre, in denen Pödelwitz noch auf der Abrissliste stand, haben Spuren in dem Dorf hinterlassen. Klimaaktivisten und Dorfbewohner haben hier ihre Botschaften hinterlassen. Bildrechte: MDR/Isabel Theis

Eichholz erinnert daran, dass der Tagebau neben dem Dorf noch Jahre arbeiten werde. Trotzdem sieht sich auch Pfarrerin Kaltofen schon durch den Dorfladen bummeln, zusammen mit Neu-Pödelwitzern. "Also es ist tatsächlich auch nicht nur ein Gehirngespinst, was sein könnte. Sondern es ist tatsächlich möglich. Es ist möglich, dass Pödelwitz anders wiederbelebt wird als viele Dörfer im Moment aussehen."

Die Pfarrerin steht auf dem Kirchhügel. Unter ihr liegen verstreute Höfe und Einfamilienhäuser, menschenleer, als hätte Gott sie versehentlich fallen gelassen. Das Dorf wartet auf neues Leben. Doch wie das aussehen wird, ist offen.

Hier können Sie sich alle Folgen der Serie anhören:

Tschüss Kohle, hallo Zukunft!

Bastian Zimmer, Planungschef der Mibrag
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Nele Mäder, Gymnasiastin Michlitz
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Friederike Kaltofen mit Audio
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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 07. März 2022 | 06:54 Uhr

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