mdrFRAGT Serie | Corona - Abstand und Abschied Soziale Isolation – Abschied auf unbestimmte Zeit durch Corona

Keine Treffen unter Freunden, Paare in Fernbeziehungen oder Altenheime ohne Besucher – Die verhängten Kontaktsperren bringen für viele einen Abschied auf unbestimmte Zeit. Viele kommen trotz der drastischen Maßnamen im Kampf gegen das Virus gut zurecht, was die jüngste Befragung des MDR-Meinungsbarometers "mdrFRAGT" zeigt. Andere haben zu kämpfen. Hier erzählen Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen.

Noch fühlt sich die Mehrheit der Bewohner Mitteldeutschlands durch die massiven Einschränkungen aufgrund der Corona-Bekämpfung nicht sozial isoliert. Das hat die jüngste Befragung des MDR-Meinungsbarometers mdrFRAGT ergeben. Dennoch ist die Situation für viele eine Herausforderung. Mitglieder der mdrFRAGT-Community haben unterschiedliche Sorgen und Probleme.

Marcel Fischer zum Beispiel fehlen vor allem seine Lebenspartnerin und Spaziergänge im Wald. Noch verlaufe sein Leben recht normal, sagt der 48-Jährige, er arbeite für das Radio Marabu, ein nicht-kommerzielle Radio, hat da viel mit Künstlern zu tun, denen gerade der Boden unter den Füßen wegbricht. Dennoch macht er sich keine Illusionen. Sollte alles stimmen, was jetzt berichtet werde, dann müssten die Vorschriften noch strenger sein.

Marcel Fischer steht am Strand.
Marcel Fischer an der Küste. Bildrechte: MDR\Marcel Fischer

Dabei hat er schon jetzt seine Lebenspartnerin seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Denn sie führen eine Fernbeziehung. Fischer lebt in Ilmenau, seine Partnerin in Stralsund. 2011 war ihre alte Liebe aus Studententagen wieder aufgeflammt, seither sahen sich die beiden regelmäßig jedes Wochenende.  "Sie arbeitet vier Tage die Woche, am Donnerstag hole ich sie in Erfurt vom Bahnhof ab, am Sonntag fahre ich sie wieder hin", sagt der Frühpensionär. Doch das ist jetzt vorbei. "Vor drei Wochen haben wir uns das letzte Mal gesehen, da haben wir noch Witze gemacht." Ein Wochenendtreffen sei ausgefallen, weil er seinen Sohn betreuen musste und sie Termine hatte, "und danach ging es Schlag auf Schlag". Zwar dürften sie sich sehen als Lebenspartner, aber da kommt die Angst vorm Bahnfahren hinzu und die Sorge um die Eltern in Thüringen sowie an der Küste.  "Keine schöne Situation", sagt Fischer, "vor allem, wenn sie länger andauert".

Trauer in Zeiten von Corona

Monika Schloss* aus Sachsen leidet zurzeit sehr. Denn sie trauert um ihren Mann, der Ende Januar verstorben ist. Gern würde sie ihren Mann bestatten, aber die geplante Seebestattung wurde erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben. Für die Zeremonie hätte Monika Schloss nach Warnemünde fahren müssen. Doch dort seien alle Quartiere abgesagt worden. "Das ist natürlich schwer", sagt die 68-Jährige. "Man kann gar nicht abschließen." Hinzu komme, dass außer Telefonate keine Kontakte möglich seien. Normalerweise sei sie gut aufgestellt, sie habe Freundinnen, sei in einer Selbsthilfegruppe und mache Sport. Jetzt telefoniere sie zwar jeden Tag mit ihren Kindern und Freundinnen, sei aber trotzdem alleine und müsse damit klar kommen. Alles sei derzeit doppelt schwer. "Mir geht es im Moment nicht gut."

Angela Schmidt* hat ihre Mutter verloren und konnte wegen der Kontaktsperre in den letzten Stunden nicht bei ihr sein. "Ich konnte nicht im Heim sein. Ich konnte mich früh noch am Telefon verabschieden", erzählt sie. Schmidt will mit der Beerdigung warten, damit auch ihre Brüder aus Nordrhein-Westfalen und Brandenburg und auch die engste Freundin ihrer Mutter, eine 92-Jährige, ohne Gefahr an der Trauerfeier teilnehmen können. Nicht mit dem Thema abschließen zu können, möglicherweise noch sechs Monate bis zur Bestattung warten zu müssen, belaste sie sehr. Zwar sei der Abschied nicht überraschend gekommen, sie habe Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Ihr Mann und Sohn unterstützen sie. Dennoch beschreibt sie die Situation als belastend. Niemand könne einen in den Arm nehmen. "Manchmal würde diese Geste schon helfen. Es telefonieren viele, es schreiben viele, aber das ist nicht das richtige."

Trennung von Familienmitgliedern

Sabine Blau* aus Bautzen findet das bestehende Kontaktverbot zwar prinzipiell richtig. Problematisch für die 59-Jährige sei aber, dass sie ihre Mutter nicht im Pflegeheim besuchen könne. Sie habe ihre Mutter jeden zweiten Tag besucht und gefüttert. "Ich habe die Pfleger entlastet und damit natürlich auch Kontakt zu meiner Mutti gehabt". Sorgen macht ihr, dass dieser Kontakt jetzt fehlt. Ihre Mutter sage immer, "lass mich nicht allein. Und jetzt komme ich gar nicht mehr hin." Zwei Wochen ist das bislang letzte Wiedersehen schon her. Jetzt könne sie nur noch die Pflegekräfte fragen, wie es ihr gehe.  "Ich mache mir Gedanken, was sie den ganzen Tag macht. Dass sie niemanden hat, mit dem sie reden kann - wobei Gespräch führen, das geht schon lange nicht mehr, aber sie spürt, dass jemand da ist, und das gibt ihr eine Sicherheit." Hinzu kommt Angst um das körperliche Wohlbefinden ihrer Mutter. "Ich kann mich nicht mehr kümmern  - und das macht mir Sorgen."

"Die Trennung von meinen Kindern und Enkeln ist nur schwer zu ertragen", schreibt Annegret Hartmann* aus Zella-Mehlis. Nur telefonieren und WhatsAPP-Videos würden nicht reichen. "Die Einstellung aller Kontakte - das macht einen dünnhäutig. Und zu sehen, wie sich andere darüber wegsetzen, das macht wütend und betroffen." Niemand wisse, wie lange der Zustand noch andauert oder ob er in Wellen wiederkommt. "Deshalb meine ich, sollten sich die Leute an die Kontaktsperre halten." In ihrem Leben habe sie eines gelernt: Wer seinen Geist fit halten möchte, müsse rausgehen, was tun. Sie weiß: "Dass es einem gut tut, wenn man was tut."

Eltern-Besuch bis auf Weiteres verschoben

Kerstin Nowak aus Leipzig vermisst den Besuch bei ihren Eltern. Beide sind bereits älter als 80 Jahre und gehören damit zur Risikogruppe. "Meine Eltern wohnen in Sachsen-Anhalt und ich möchte da gerne mal hinfahren, was einkaufen, was besorgen." Sie sei verunsichert, dass jedes Bundesland die Ausgangssperren etwas anders handhabt. Hinzu kommt: Kerstin Nowak hat Angst, ihre Eltern mit einem Besuch zu gefährden. Persönlich leide sie nicht unter der Situation. Sie trete etwas kürzer, alles werde ein bisschen bewusster.

"Ich vertraue auch darauf, dass wir es im Juni geschafft haben, wenn sich jeder an die Regeln hält."  Die 49-Jährige hält sich an die Fakten, blendet Mutmaßen aus, nutzt die Zeit, um den Kontakt zu Freunden zu pflegen und auch fürs Kind gibt es mehr Zeit. Und sie entdeckt gerade ganz neue Seiten an ihrem Sohn, der mit seinen Freunden weiter lernt. "Ich hätte nie vermutet, dass mein Kind das so diszipliniert angeht. Das finde ich sehr positiv." Sie selbst arbeitet in der Reisebranche, ist seit dem 18. März in Kurzarbeit.

Das Fehlen der alltäglichen Berührungen

Heide Schön* aus der Nähe von Jena beobachtet, dass es gerade für die Kinder schwer ist, sich ans Kontaktverbot zu halten. Die 49-Jährige kann der aktuellen Lage dennoch viel Gutes abgewinnen. In der Familie gebe es mehr Kontakt, es sei eine Chance für Familien, zusammenzuwachsen. Sie hat drei Söhne und auch schon Enkel. Zwei Söhne wohnen noch im Haus, sie sind 14 und 17 Jahre alt und litten unter dem Verbot. Allerdings sei die Freundin des 17-Jährigen einfach eingezogen.

Heide Schön arbeitet gerade von zu Hause aus. Anfangs habe sie sich wegen der Schulaufgaben unter Druck gesetzt, inzwischen nicht mehr. "Die Kinder haben ja auch Angst um Oma und Opa. Da muss man nicht noch Schulstress reinbringen." Diese Zeit, vermutet sie, geht nicht spurlos an den Kindern vorbei. "Die tun da zwar so locker, aber ich merke bei meinen Kindern, dass es ihnen schwer fällt, das zu fassen, das zu erklären."

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihr persönlich fehlen die Freunde, die einfachen alltäglichen Berührungen, dass man eben winken müsse, statt sich die Hand zu geben. Sie sorgt sich um ihre Eltern, die schon älter als 80 sind, aber auch um den Sommerurlaub am Meer. "Ich genieße die Ruhe, man hat immer viel Stress, zu viel Stress. Ich kann die  Familie genießen, mal mit dem Hund spazieren zu gehen." Und sie sieht noch mehr Positives - freut sich über die Solidarität unter den Europäern aber auch weltweit und möchte, dass künftig bestimmte Berufsgruppen unter besseren Bedingungen arbeiten können - nicht nur die Ärzte und Krankenpfleger, sondern auch die Lkw-Fahrer und die anderen Berufsgruppen im Hintergrund.

*Die Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen geändert, die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.

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