Diversity-Tag Schwule und Lesben in Polen: Leben im Dauerstress

Nirgendwo in der EU schlägt Schwulen und Lesben so viel Hass entgegen wie in Polen. Mit Pride-Paraden wirbt die LGBT*-Szene um Toleranz. Weil die wegen Corona ausfallen, soll nun online Flagge gezeigt werden.

Junge Frau mit Tattoos und Regenbogen-Mundschutz
Warschau: Junge Frau mit Regenbogen-Mund-Nasenschutz. Bildrechte: imago images / Eastnews

Die Hand der Freundin ganz selbstverständlich halten, sein wer man will, lieben wen man will. Für viele Polen sind die sogenannten Gleichstellungsparaden ein Tag im Jahr, an dem sie ganz sie selbst sein können. 23 solcher Paraden fanden 2019 in diversen polnischen Städten statt.

In diesem Jahr wurden jedoch bereits viele Prides abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben, denn auch in Polen gilt wegen der Corona-Pandemie ein strenges Verbot von Großveranstaltungen. Für die Organisatoren der Prides ein herber Schlag, denn oft sind die Straßenumzüge die einzige Möglichkeit, Menschen auch in kleinen Städten fernab der Großstädte mit Szenekultur auf die LGBT-Szene aufmerksam zu machen. "Wir wollen auch in diesen Zeiten sichtbar bleiben", sagt die Aktivistin Cecylia Jakubczak von der Organisation "Kampagne Gegen Homophobie" (Kampagna Przeciw Homofobii). Aus diesem Grund findet der Protest für mehr Gleichstellung in diesem Jahr online statt.

Cecylia Jakubczak
Cecylia Jakubczak arbeitet für die größte Organisation Polens, die sich um die Gleichstellung von Menschen aus der LGBT-Szene engagiert. Bildrechte: Daniel Filipek

Internet-Challenge "Ich marschiere, weil..."

Die Anti-Homophobie-Kampagne "Marszeruję, bo..." (Ich marschiere, weil...) ist simpel: Ein Foto oder Video von einem beliebigen Marsch oder einer Gleichstellungsparade in die sozialen Medien hochladen und den Satz "Ich marschiere, weil..." vervollständigen. Dann werden zwei Personen markiert und so für die Challenge nominiert. Wer noch nie an einem Marsch teilgenommen hat, lädt einfach ein Foto beispielsweise mit einer Regenbogenflagge hoch.

Die Organisatoren äußern sich zufrieden über die bisherige Verbreitung in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter. "Ein paar Tausend haben schon mitgemacht", sagt Cecylia Jakubczak. Außerdem gebe es kaum Hasskommentare unter den Posts, obwohl die LGBTQ-Szene in Polen normalerweise Zielscheibe von Internethass darstelle. Eine rechte Gruppe habe zwar versucht, den zur Aktion gehörenden Hashtag #marszerujemy mit homophoben Posts zu unterwandern, das aber vergeblich.

Die polnische Ärztin und Politikerin Kaja Filaczyńska in einer Menschenmenge
Die polnische Ärztin und Politikerin Kaja Filaczyńska will Normalität für sich und ihrer Angehörigen. Auch sie "marschiert" virtuell mit. Bildrechte: twitter.com

Internetkampagne ersetzt die Straßenproteste nicht

Die Internetkampagne wird gut angenommen und doch ist das Ziel der Organisatoren, Prides auf der Straße zu organisieren sobald es wieder möglich ist. "Personen aus der LGBT-Szene haben es schwer, wir sind in Polen nicht gleichgestellt – rechtlich und sozial. Daher ist es für uns elementar, dass wir gesehen werden. Die Paraden sind wichtig, um zu zeigen, dass wir existieren." Der Internetprotest ersetze die Prides nicht. Denn eine Frau Kowalski treffe man auf der Straße, jedoch nicht in der eigenen Timeline bei Facebook. Der Internetmarsch sei daher eher dazu da, den Stolz der LGBT und die Solidarität in der polnischen Gesellschaft zu stärken sowie Politiker direkt zu beeinflussen und die Medien zu interessieren.

Der polnische Abgeordnete der Linken Krzysztof Śmiszek inmitten bunter Regenschirme
Auch viele Politiker nehmen an der Challenge im Internet teil: Der polnische Abgeordnete der Linken Krzysztof Śmiszek hat ein altes Foto auf seinem Twitteraccount veröffentlicht. Bildrechte: twitter.com

Traditionelles Familienbild

Die regierende PiS-Partei in Polen setzt sich für das traditionelle Familienbild, bestehend aus Vater, Mutter, Kind, ein und wird dabei von der Katholischen Kirche unterstützt. Marek Jędraszewski, der Erzbischof von Krakau, spricht von einer "Regenbogenpest". Polen machte in den vergangenen Monaten international immer wieder Schlagzeilen, weil sogenannte LGBT-freie Zonen eingerichtet werden. Mehrere Regionalparlamente, Kreistage und Magistrate unter PiS-Führung hatten Resolutionen gegen "Homo-Propaganda" beschlossen. Im Ranking des internationalen Dachverbandes der Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen-, Trans- und Intersexorganisationen (ILGA) ist Polen mittlerweile auf den letzten Platz innerhalb der EU gerutscht.

Corona erschwert Jugendlichen aus der LGBT-Szene das Leben

Auch in Polen sind zurzeit Schulen, Universitäten und Jugendklubs geschlossen. Eine Untersuchung der Organisation um Cecylia Jakubczek ergab, dass nur 25 Prozent der polnischen Mütter und 12 Prozent der Väter im Land die sexuelle Orientierung ihres Kindes akzeptieren, wenn es nicht der heterosexuellen Norm entspricht. "Die Jugendlichen haben durch Corona keine Pause von zu Hause, sie gehen nicht zur Schule, können keine Freunde treffen. Es ist für viele eine schwere Zeit". Zurzeit nutzen mehr Jugendliche als sonst die psychologische Beratung der Organisation. "Es kommt in Familien nun vermehrt zu verbaler oder auch körperlicher Gewalt", sagt Jakubczak.

*LGBT Die Abkürzung LGBT (oder LGBTQ oder LGTBQ+) steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen. Sie stammt aus dem Englischen (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer). Die Kürzel sollen alle Arten von Sexualität zusammenfassen, die von der so genannten Heteronormativität abweichen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. März 2020 | 05:48 Uhr