Anderer Tourismus für Prag Tschechien: Tourismus nach Corona

Bára Procházková, tschechische Journalistin und Moderatorin
Bildrechte: Bára Procházková

​Ein Selfie-Foto auf der Karlsbrücke? Geht zurzeit gut, denn die Touristenattraktion in Prag ist noch immer märchenhaft leer. Während die Touristikbranche über Verluste in Milliardenhöhe klagt, freuen sich die Einheimischen über die Rückkehr der "gestohlenen" Stadt.

Junges Paar küsst sich auf Karlsbrücke
Küssen ohne das jemand ins Bild läuft - das geht zurzeit auf der Karlsbrücke. Bildrechte: imago images / ZUMA Wire

Lange galt in Prag: größer, doller, mehr. 2019 besuchten mehr als acht Millionen Touristen Prag. 6,5 Mal mehr als in der Hauptstadt Tschechiens leben. Kaum ein Prager lebte noch im Zentrum, denn die Wohnungen dort wurden vor allem als Ferienwohnungen vermietet.

Doch in Zeiten von Corona bleiben die ausländischen Gäste aus: Im Jahresvergleich haben fast 94 Prozent weniger Touristen im zweiten Quartal in Prag übernachtet. Die Tourismus-Branche in der tschechischen Hauptstadt verliert wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr etwa 2,5 Milliarden Euro und gleichzeitig 30.000 Arbeitsplätze, so die Agentur CzechTourism.

Wirtschaftliche Bruchlandung als Chance für einen "anderen" Tourismus?

Die Hotels stehen leer, die Stadtführer bekommen keine Aufträge und die Restaurants fallen in rote Zahlen. Das alles gefolgt von Bäckereien, Wäschereien, großen Gastrobetrieben, Wechselstuben oder Taxiunternehmen. Die Stadt möchte trotz der riesigen wirtschaftlichen Verluste nicht in alte Zeiten zurück.

"Wir bereiten gerade Strategien vor, mit denen wir auf einen neuen Typ von Touristen zielen, die das Kulturerbe der Stadt schätzen. Der langfristige Trend ist es, das Stadtzentrum von Massen zu befreien, den Tourismus außerhalb der Hauptsaison zu unterstützen und Touristen zu locken, die nicht nur ein schnelles Foto auf der Karlsbrücke oder eine wilde Party erleben wollen", sagt Hana Třeštíková, die Prager Stadtvertreterin, die für Tourismus verantwortlich ist. Anstatt ausländischer Gäste sollen nun Touristen aus Böhmen und Mähren durch die Prager Gassen schlendern. Anstatt lauter, alkoholisierter Trinkgruppen sollen nun Ausländer kommen, die sich für das hiesige Kulturerbe interessieren.

Einheimische Prager freuen sich

Bis es soweit ist, freuen sich erstmal die Prager: Viele sind begeistert, dass sie ungestört über die Karlsbrücke laufen oder sogar Fahrrad fahren können. Teilweise kostet ein Mittagessen zehnmal weniger, für eine Dose Bier zahlt man statt vier Euro 40 Cent und am Altstädter Ring kann man sich nun in einer der 14.000 verlassenen Airbnb-Wohnungen für nur 400 Euro pro Monat einmieten. Doch die Euphorie hält sich in Grenzen: Außer begeisterten Selfies auf der Karlsbrücke betrifft die aktuelle Lage die Prager wenig, auch diejenigen, die sich spontan im Stadtzentrum eingemietet haben. Es sei nur für eine beschränke Zeit, bis die Massen der Touristen wieder kommen, so die Meinung vieler Prager.

Viele Touristen auf der Karlsbrücke in der tschechischen Hauptstadt Prag,
So sieht es in "normalen Zeiten" auf der Karlsbrücke aus: tausende Touristen und kein einfaches Durchkommen. Bildrechte: dpa

Ende vom Overtourismus?

Die Prager Stadtregierung wünscht sich für die Zukunft eine "Heilung des Tourismus in der Stadt". Sie möchte die Corona-Krise als Chance nutzen, um die Situation gerade zu rücken. Das Wort der letzten Jahre war der "Overtourismus", also die riesige Anzahl der Touristen, die Prag nur als ein Ort des günstigen Alkohols und für wilde Partys genutzt haben. Diese haben oft in privaten Airbnb-Wohnungen im Zentrum übernachtet und die Nachtruhe der Einheimischen gestört.

Vorbild Berlin

"Es sprechen mich regelmäßig Bewohner des Prager Stadtzentrums an, dass ihre Wohnsituation unerträglich sei. Ich bereite deshalb einen Gesetzesvorschlag vor, in dem die Städte eine Möglichkeit bekommen, die Großanbieter von privaten Unterkünften intensiver zu kontrollieren. Die kleinen Anbieter, die eine Wohnung vermieten, betrifft es nicht, sie werden weiterhin Touristen unterbringen können. Inspiriert habe ich mich dabei bei den Gesetzen in Berlin", sagt Marek Hilšer, der Senator des Senats der Tschechischen Republik.

Lautes Nachtleben nicht in Wohngebieten

Viele lokale Politiker sind sich einig, dass der Tourismus nach der Krise anders aussehen muss als bisher. Und so entstehen zurzeit Gesetze, die die Airbnb-Angebote beschränken sollen. Zudem lockt Prag zunehmend tschechische Gäste, die bisher nur 16 Prozent der Touristenzahlen ausgemacht haben.

Das laute Nachtleben soll sich außerdem in Gegenden konzentrieren, in denen es die Nachtruhe nicht stört - das heißt: Bars raus aus Wohngegenden. So sollen Touristen auch aus dem Zentrum in andere Stadtteile gelockt werden. Statt einem "Overtourismus" soll es dann einen "Slow Tourismus" geben.

Ob es mit den Tschechen für die Zukunft in Prag funktioniert, ist fraglich. "Prag gilt für die Tschechen eher nur ein Transit-Ort", sagte Petr Slepička, Direktor der Agentur Prag City Tourism, bei einer Pressekonferenz. Den Statistiken nach übernachten die Tschechen aus anderen Ecken der Republik meistens nur nach einem Konzert oder einem wichtigen sportlichen Ereignis in ihrer Hauptstadt. "Auf der anderen Seite sind die Unterkünfte im Stadtzentrum im Moment günstig, so kann dies zum Beispiel Paare locken, um dort einen romantischen Urlaub zu erleben", fügte Petr Slepička hinzu.

Die Gefahr ist auch, dass die Touristen schneller zurückkommen, als die Stadtverwaltung agieren kann. "Der Tourismus kommt so schnell zurück, wie er verschwunden ist. Und wir werden wieder ratlos davorstehen", sagte Janek Rubeš, der langfristig die Entwicklungen im Prager Stadtzentrum verfolgt, dem Onlineportal Seznamzpravy.cz.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 27. Juli 2020 | 11:00 Uhr