Straßennamen Good bye Lenin - Wie russisch ist Ostdeutschland?

Good bye Lenin! - Mit dem Ende der DDR und der Sowjetunion wurden überall im Osten die Statuen berühmter Sowjetrussen abgebaut, wurden Schulen, Theater und Straßen umbenannt. Doch nicht überall, zumindest was die Straßen und Plätze angeht. Bis heute prägen die Namen berühmter Russinnen und Russen die Stadtpläne Ostdeutschlands, ganz im Gegensatz zum Westen. Ein Datenprojekt des MDR offenbart eine unsichtbare Grenze, selbst 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Ein Straßenschild weist 2010 die Leninstraße im südhüringischen Einhausen aus
Eine Leninstraße ist noch im thüringischen Einhausen zu finden Bildrechte: dpa

Der sowjetische Revolutionsführer Lenin war in der sozialistischen DDR allgegenwärtig, vor allem im Stadtbild. Zahlreiche Alleen, Plätze und Straßen wurden seit den 1950er-Jahren nach ihm benannt. Doch er war nicht der einzige. Auch der Raumfahrer Juri Gagarin oder der Schriftsteller Maxim Gorki kamen zu ihren Ehren, sowie auch die erste Kosmonautin Walentina Tereschkowa.

Russische Straßennamen fast ausschließlich im Osten

Was selbst bei international geachteten Russen wie Tschaikowski erstaunt, fast alle dieser Straßennamen befinden sich in Ostdeutschland. Im Westen gibt es keine einzige Puschkinstraße, nur zwei mit dem Namen Gorki. Selbst Berühmtheiten wie der Verhaltensforscher Pawlow und der Schriftsteller Dostojewski werden ausschließlich in Ostdeutschland mit Straßennamen geehrt.

Von allen 465 erfassten Straßen liegen 93 Prozent in Ostdeutschland. Von den übrigen gut 30, die in Westdeutschland liegen, sind mehr als die Hälfte dem Maler Kandinsky gewidmet, acht den Komponisten Tschaikowski und Strawinski.

Prominente russische Frauen sind selten

Der ostdeutsche Straßenatlas hat auch noch andere Kuriosa zu bieten. Denn bis heute blieben 16 Straßen und Plätze erhalten, die der "Deutsch-Sowjetischen Freundschaft" gewidmet sind, als "Straßen der DSF". Straßen, die nach russischen Frauen benannt wurden, sind seltener: Die Anastasiastraße in Rostock ist deutschlandweit die einzige Straße, die nach der gleichnamigen Großfürstin von Russland benannt wurde. Den Namen Walentina Tereschkowas, der ersten Frau im Weltall, tragen gerade mal vier Straßen.

Deutsch-sorbisches Straßenschild Puschkinpromenade / Puskinowa promenada
In Cottbus gibt es eine Puschkinpromenade - das Straßenschild ist sogar zweisprachig, in deutsch und in sorbisch Bildrechte: imago/Klaus Martin Höfer

Umbenennung der Straßen ab 1990

Ab 1990 wurden die meisten Straßen umbenannt, doch nicht alle. So verschwanden zwar zahlreiche Leninstraßen und -plätze zwischen Stralsund und Chemnitz, doch 26 sind bis heute geblieben. Damit steht Lenin heute auf Platz fünf, hinter dem russischen Nationaldichter Alexander Puschkin (154), dem Schriftsteller Maxim Gorki (84), dem Komponisten Peter Tschaikowski und dem Kosmonauten Juri Gagarin (jeweils 35).

Osteuropa

Entsorgt Revolutionsführer Lenin - gestürzt, versenkt, vergraben

Lenin - der große Anführer der Oktoberrevolution. Die zahlreichen Lenin-Statuen waren nach Zerfall des Ostblocks unerwünscht und überflüssig. Doch was tun mit den Kolossen? Die Entsorgung war oft ungewöhnlich.

DDR 1972 - Lenindenkmal am Leninplatz in Berlin
Das 19 Meter hohe Lenindenkmal in Berlin wurde am 19. April 1970 feierlich enthüllt und erinnerte seitdem am gleichnamigen Platz an den Revolutionsführer. Die Enthüllungsrede hielt DDR-Staatschef Walter Ulbricht, auch der sowjetische Bildhauer und Schöpfer der Statue Nikolai Tomski war zum Ereignis anwesend. Bildrechte: IMAGO
DDR 1972 - Lenindenkmal am Leninplatz in Berlin
Das 19 Meter hohe Lenindenkmal in Berlin wurde am 19. April 1970 feierlich enthüllt und erinnerte seitdem am gleichnamigen Platz an den Revolutionsführer. Die Enthüllungsrede hielt DDR-Staatschef Walter Ulbricht, auch der sowjetische Bildhauer und Schöpfer der Statue Nikolai Tomski war zum Ereignis anwesend. Bildrechte: IMAGO
Russischer Soldat hinter dem Leninkopf - Abriss des Lenindenkmals auf dem Leninplatz in Berlin-Friedrichshain
Aus rotem ukrainischen Granit für die Ewigkeit erbaut, sollte Lenin doch nur 21 Jahre stehen. Am 8.11.1991 begann die Demontage des Denkmals. Zuvor hatten Angehörige des Bildhauers eine Beschwerde gegen den Abriss bei der Stadt eingereicht. Diese wurde jedoch vom Berliner Kammergericht abgelehnt. Bildrechte: IMAGO
Trümmer des Berliner Lenindenkmals nach dessen Abriss
Die 125 Teile des Denkmals wurden in eine Kiesgrube im Köpenicker Forst gebracht und dort vergraben. Ein vorerst unrühmliches Ende. Bildrechte: imago/PEMAX
Lenindenkmal Krim
Nicht vergraben sondern versenkt wurde diese Leninbüste. Vor der Küste der Halbinsel Tarchankut im Westen der Krim können Taucher die Statuen Lenins und rund 50 anderer sozialistischer Persönlichkeiten besuchen. Die „Allee der Führer“ wurde 1992 von dem ukrainischen Taucher Wladimir Brumenski aus abgerissenen Denkmälern errichtet. Bildrechte: imago/ZUMA Press
Ein 17 Tonnen schweres Lenin-Denkmal hängt 1997 an einer Tragevorrichtung.
Das 17 Tonnen schwere Lenin-Denkmal von Merseburg wurde 1997 nach Holland verkauft. 1971 war es im Zentrum der bei Halle gelegenen Chemiestadt aufgestellt worden. Seit 1991 lag es in einem Hangar eines Militärflughafens. Nach vielen Diskussionen entschloss sich die Stadt, das Monument zu verkaufen. Heute steht der Revolutionsführer in Bronze auf dem Gelände eines Spa-Hotels in den Niederlanden. Bildrechte: dpa
Lenindenkmal Litauen
In Litauen hat der Unternehmer Viliumas Malinauskas einen Park eröffnet, in dem Lenin gemeinsam mit anderen Statuen sozialistischer Helden eine neue Heimat gefunden hat. Der Grutas-Park im Süden Litauens ist idyllisch in einem Kiefernwald gelegen. Er ist inzwischen eine Touristenattraktion und eine Mischung aus seriöser historischer Auseinandersetzung und sowjetischen Nostalgie-Elementen. Es gibt Infos zu den Sowjet-Führern, ein Teil des Parks beschäftigt sich mit den Themen Deportationen und Lagerhaft, im Restaurant werden die Besucher von Kellnerinnen in Pionierbluse bedient. Bildrechte: imago/ZUMA Press
Bronzestatue Lenins in Seattle
Ein mehr als sieben Tonnen schweres, bronzenes Denkmal Lenins wurde 1988 in der slowakischen Stadt Poprad aufgestellt. Wenige Jahre später fand der Amerikaner Lewis E. Carpenter es dort auf der städtischen Müllhalde. Er kaufte es von der Stadt für 13.000 Dollar, wollte es eigentlich in seiner Heimatstadt Issaquah vor einem slowakischen Restaurant aufstellen. Doch er starb 1994 bei einem Autounfall. Seine Familie fand einen neuen Platz für Lenin in einem Vorort von Seattle. Doch auch hier ist die Statue nun bedroht. Rechte Politiker forderten 2017 ihre Entfernung. Bildrechte: IMAGO
Lenindenkmal in den Nationalfarben der Ukraine gelb und blau
In der Ukraine ging es den noch verbliebenen Leninstatuen ab Ende 2013 an den Kragen. Für viele Ukrainer waren die Denkmäler Symbol der Einflussnahme Russlands auf ihr Land, der sie sich widersetzen wollten. In der Kleinstadt Nowoseliwka im Donbas malten Einwohner Lenin in den ukrainischen Nationalfarben an…. Bildrechte: imago/ZUMA Press
Demonstranten ziehen mit Seilen an einer Leninstatue.
...im ostukrainischen Charkiw holten Demonstranten im September 2014 einen Lenin von seinem Sockel. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Lenindenkmal Spitzergen
Unberührt von allen Wirrungen der Weltgeschichte steht dieses Denkmal auf der norwegischen Insel Spitzbergen. Die wohl nördlichste Leninstatue wacht dort über die kleine sowjetische Enklave Barentsburg. Seit 1920 förderte die Sowjetunion mit norwegischer Erlaubnis hier Kohle. Rentabel ist die Kohleförderung schon lange nicht mehr. Heute ist der Ort eher ein strategisch wichtiger Außenposten Russlands im hohen Norden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der im Müggelheimer Forst vergrabene Leninkopf des ehemaligen Lenin-Denkmals in Berlin-Friedrichshain wird ausgegraben.
Zurück zum Berliner Lenin: Nach über 20 Jahren in der Erde wurde er 2015 wieder ausgegraben. Zumindest sein Kopf. Seitdem ist dieser in der Spandauer Zitadelle ausgestellt. (Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: EXAKT | 24.06.2020 | 20:15 Uhr) Bildrechte: imago/Bernd Friedel
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Für das MDR-Datenprojekt wurden Straßennamen und Geodaten anhand 20 berühmter Russinnen und Russen ausgewertet. Die Daten basieren auf dem Open Source Projekt OpenStreetMap, in dem Freiwillige Geodaten zusammengetragen werden.

Sergej Lochthofen 89 min
Sergej Lochthofen Bildrechte: MDR/Hoferichter&Jacobs

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Wie russisch ist der Osten | 26. November 2020 | 20:15 Uhr