Polnisches "Holocaust-Gesetz" schlägt 2018 Wellen

Geschichtsfälschung oder Rettung der polnischen Ehre? Das im März 2018 in Kraft getretene "Holocaust-Gesetz" wühlte Polen auf und schlug im Ausland hohe Wellen. So sehr, dass es im Juni desselben Jahres wieder entschärft wurde. Im Vorfeld hatte die Debatte so große Ausmaße angenommen, dass sich Polens Regierungsspitze zu einer Kommunikationsoffensive entschloss. Dazu gehörte auch eine kurzfristig organisierte Einladung von Journalisten nach Polen. Ostbloggerin Monika Sieradzka war dabei.

von Monika Sieradzka

Wer künftig Polen für die Verbrechen der deutschen Nazis mitverantwortlich macht oder deutsche Konzentrationslager auf polnischem Boden als "polnisch" bezeichnet, riskiert eine Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren - das besagte das "Holocaust-Gesetz", das am 1. März 2018 in Kraft getreten war. Auf den ersten Blick erschien diese neue Vorschrift sinnvoll. Immer häufiger werden Konzentrations- und Todeslager, die vom Dritten Reich im besetzten Polen errichtet wurden, in der ausländischen Presse als "polnische Lager" bezeichnet - eine falsche Behauptung, gegen sich die polnische Öffentlichkeit zu Recht auflehnte.

Klick-Hit auf YouTube

Unter dem Hashtag #GermanDeathCamps hatte die nationalkonservative Regierung PiS sogar eine große Social-Media-Kampagne für ihr umstrittenes "Holocaust-Gesetz" gestartet. Ein 30-sekündiges Video zum Thema wurde in kürzester Zeit millionenfach geklickt, auf Youtube verzeichnete der Clip in den ersten 14 Tagen fast 13 Millionen Abrufe.

Empörung in Israel

Doch das pauschale Verbot, Polen eine (Mit)Schuld am Holocaust zu geben, hatte eine "Nebenwirkung", die in Israel für Empörung sorgte. Denn wie in allen besetzten Ländern gab es auch in Polen Kollaborateure, die ihre jüdischen Mitbürger an die NS-Schergen auslieferten. Auch sind Fälle dokumentiert, in denen sich Polen an Judenmassakern beteiligten oder sie gar weitgehend selbst durchführten - wie in der Kleinstadt Jedwabne am 10. Juli 1941. Die Öffentlichkeit in Israel befürchtete, dass man künftig nicht mehr von solchen Fällen frei sprechen werden könne, ohne eine Strafe zu riskieren. Israel und die USA protestierten daher scharf gegen das "Holocaust-Gesetz".

Schadensbegrenzung wird zur Chefsache

Polnischer Premierminister Mateusz Morawiecki
Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki Bildrechte: IMAGO

Polens Premierminister Mateusz Morawiecki lag es angesichts der nationalen und internationalen Aufregung um das Thema offenbar sehr am Herzen, seine Sicht der Dinge zu vermitteln. Ganz kurzfristig lud er im Februar 2018 polnische und ausländische Journalisten zu einer Pressereise nach Markowa in der Wojewodschaft Karpatenvorland ein. Dort, an geschichtsträchtiger Stelle, trat er persönlich auf und versuchte Schadensbegrenzung, wie zuvor schon in einer Fernsehansprache zum Streit um das Gesetz.

Morawiecki: Polen haben Juden geholfen

In dem 4.000-Seelen-Dorf Markowa, 300 km südlich von Warschau, gibt es seit 2016 ein Museum für polnische Helden, die während des Zweiten Weltkrieges ihre jüdischen Nachbarn gerettet haben. Die Botschaft des Premierministers in Markowa lautete: Die Polen tragen keine Mitschuld am Holocaust und es gab mehr Polen, die den Juden geholfen haben als solche, die sie verraten haben.

Keiner von den Juden, die den Holocaust überlebt haben, hätte es ohne Hilfe von Polen geschafft.

Mateusz Morawiecki, polnischer Ministerpräsident

Man könne also von Hunderttausenden Polen sprechen, die Hilfe leisteten, so Morawiecki weiter.

Beide Seiten befürchten Geschichtsverfälschung

Jan Gross bei Pressekonferenz in Polen
Jan Tomasz Gross fordert die Polen mit seinen Publikationen über den Holocaust heraus Bildrechte: dpa

Zu den Kritikern des "Holocaust-Gesetzes" gehört Jan Tomasz Gross, der im Jahr 2000 mit seinem Buch "Die Nachbarn" für Aufsehen sorgte, da er über den Judenpogrom im ostpolnischen Dorf Jedwabne schrieb, an dem vor allem polnische Dorfbewohner beteiligt waren. Das Gesetz gäbe dem polnischen Justizminister die Möglichkeit, "jeden Juden anzuklagen, der in Polen die Besatzungszeit überlebt hat", falls dieser von den Leiden erzählen würde, die ihm von Polen zugefügt wurden, sagt Gross.

Keine "polnischen Konzentrationslager"

Wie wichtig das Thema den Polen ist, zeigt auch diese Maßnahme des Außenministeriums: Seit 2004 führt es ein Register, in dem falsche Bezeichnungen für NS-Vernichtungslager aufgelistet werden. Allein in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 2017 gab es 20 Verfehlungen dieser Art, wie man der Internetseite des Ministeriums entnehmen kann. 2012 musste sich sogar der damalige US-Präsident Barack Obama entschuldigen, nachdem er in seiner Rede zur posthumen Auszeichnung des polnischen Untergrundkämpfers Jan Karski diesen Fehler begangen hatte. Karski versuchte in den 40er-Jahren, die Alliierten mit Berichten über die Judenverfolgung im besetzten Polen wachzurütteln und es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet er den Begriff "Polish Death Camps" ("polnische Todeslager") als Erster verwendete, wobei er damit nur die geografische Lage meinte.

Polen zwischen Hilfe, Verrat und Todesstrafe

Mit der falschen Bezeichnung, auch wenn sie nur geografisch gemeint ist, könnte aber die Geschichte gefälscht oder die Rolle der Polen zu negativ dargestellt werden, so die Befürchtung der Regierungspartei PiS. Deshalb ist es ihr daran gelegen, solche Orte wie das Museum von Markowa der Welt zu zeigen. Es dokumentiert unter anderem das Schicksal von Viktoria und Józef Ulma, die acht jüdische Nachbarn versteckten und dann verraten wurden. Daraufhin wurden die versteckten Juden und ihre polnischen Helfer, die ganze Familie Ulma – Józef, die schwangere Viktoria und ihre sechs Kinder -, im März 1944 von deutschen Gendarmen ermordet.

Osteuropa

Geschichtsschreibung Judenrettung in Polen - das Schicksal der Familie Ulma

Wiktoria und Jozef Ulma
Nur Fotos sind von der Familie Ulma übrig geblieben: Wiktoria, Jozef und alle ihre Kinder wurden im Zweiten Weltkrieg erschossen, weil sie Juden bei sich versteckt hatten. Heute sind sie in Polen die neuen Helden, für die ein eigenes Museum in Markowa gebaut wurde. Bildrechte: Muzeum Ulmow
Wiktoria und Jozef Ulma
Nur Fotos sind von der Familie Ulma übrig geblieben: Wiktoria, Jozef und alle ihre Kinder wurden im Zweiten Weltkrieg erschossen, weil sie Juden bei sich versteckt hatten. Heute sind sie in Polen die neuen Helden, für die ein eigenes Museum in Markowa gebaut wurde. Bildrechte: Muzeum Ulmow
Ulma Family Museum
Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten im polnischen Dorf Markowa fast 4.500 Menschen, darunter 30 jüdische Familien. Mit roten Plakaten wurden die Einwohner von den Nazis gewarnt: "Auf Hilfe für Juden steht der Tod". Dessen ungeachtet versteckten neun polnische Familien weiter Juden bei sich. Bildrechte: dpa
jüdische Familie Goldmann
Auch Wiktoria und Jozef Ulma gewährten zwei jüdischen Familien Zuflucht, den Goldmans - die auf dem Foto zu sehen sind - und den Szalls. Bildrechte: Muzeum Ulmow
das Haus vor dem dem Familie erschossen wurde
In der Nacht des 24. März 1944 drangen deutsche Gendarmen zusammen mit der polnischen Hilfspolizei, der sogenannten "Blauen Polizei", in das Haus der Ulmas ein. Heute steht an dieser Stelle das "Museum der Familie Ulma". Bildrechte: Muzeum Ulmow
sechs Kinder der Familie Ulma
Vor den Augen einiger Dorfbewohner wurden die Ulmas und acht Juden erschossen. Jozef und Wiktoria hatten sechs Kinder. Außerdem war Wiktoria im neunten Monat schwanger. Bildrechte: Muzeum Ulmow
Polen bei der Feldarbeit
Das Besondere an der tragischen Geschichte: Vater Jozef hat viele Fotos gemacht. Als Hobbyfotograf dokumentierte er das Leben seines Heimatdorfs. Viele seiner Aufnahmen sind gut erhalten. Sie zeigen das tägliche Leben im Dorf, die Ernte auf dem Feld und die Gartenarbeit. Bildrechte: Muzeum Ulmow
Ein mt Blut beflecktes Bild der jüdischen Nachbarn
Unter den Bildern findet sich auch eins von seinen jüdischen Nachbarn – mit Blut befleckt. Bildrechte: Muzeum Ulmow
Polnische Familie Ulma
Viele der von Jozef Ulma gemachten Fotos sind heute im Museum in Markowa zu sehen, werden aber auch auf Wanderausstellungen gezeigt. Bildrechte: Muzeum Ulmow
Leeres Bett der Ulma-Kinder
Im Museum in Markowa stehen u.a. die Betten der Ulma-Kinder. Bildrechte: Muzeum Ulmow
Ulma Family Museum
Die Geschichte der Familie Ulma ist nur eine von vielen. Ihr Heldentum will die polnische Regierung stärker in den Vordergrund rücken. Bislang seien die negativen Aspekte viel zu stark betont worden, so der Tenor. Bildrechte: dpa
Museum Familie Ulma in Markowa Polen
Dabei sind die großen Zusammenhänge unstrittig: Über drei Millionen Juden lebten vor dem Krieg in Polen - kaum einer von ihnen überlebte die deutsche Besatzung. Seit vielen Jahren wird in Polen heftig darüber diskutiert, inwieweit auch Polen vereinzelt Schuld auf sich geladen haben – sei es, weil sie ihren Nachbarn nicht halfen; sei es, weil sie deren Notlage ausnutzten, um sich zu bereichern; weil sie sie an die Deutschen auslieferten oder in einigen Fällen auch selbst zu Mördern wurden. Bildrechte: dpa
Museum Familie Ulma in Markowa Polen
In den Augen einer nationalkonservativen Geschichtsbetrachtung verwischen solche Debatten die Schuld der Deutschen. Die meisten Polen seien anständig gewesen, manche sogar heldenhaft, wie die Familie Ulma. Schätzungen zufolge waren es allein in der Vorkarpaten-Region rund 1.600 Polen, die etwa 2.900 Juden versteckt hatten. Bildrechte: dpa
Milos Zeman und Andrzej Duda
Dass die positive Geschichtsdeutung der polnischen Regierung sehr wichtig ist, zeigt, dass Präsident Andrzej Duda im Sommer 2017 das Ulma-Museum in Markowa persönlich eröffnete. Für manche Polen geht diese Akzentverschiebung allerdings zu weit. Sie sei genau so einseitig wie die rein negative Darstellung der Ereignisse. Bildrechte: dpa
Plakat mit "Die Samariter von Markowa"
Wenn es nach der PiS-Partei geht, soll die mutige Haltung der Familie Ulma zum Symbol für die Opferbereitschaft aller Polen werden. Dafür sind in anderen Städten "Filialen" des Museums geplant, etwa nahe des einstigen KZ Auschwitz ein Museum für polnische Fluchthelfer - also Polen, die Juden bei der Flucht aus Konzentrationslagern geholfen haben. Bildrechte: Alicja Malinowski/MDR
Die Direktorin des Ulma Museum
Die Ausstellung "Die Samariter aus Markowa" war auch in Leipzig zu sehen. Die Direktorin des "Familie Ulma Museums", Dr. Anna Stroz, kam persönlich: "Statt den Sinn des ihnen gewidmeten Museums in Frage zu stellen, sollte man lieber darüber nachdenken, warum es so spät entstanden ist. Wir wollen keine Denkmäler setzten, dafür aber eine wunderbare menschliche Geschichte erzählen - auf schlichte und minimalistische Art und Weise. Ich finde, das ist auch die richtige Form, um Helden zu würdigen."

(Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im TV: 23.03.2018 | 17:45 Uhr)
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"In der ganzen Region, dem Karpatenvorland, gab es ca. 1.000 Fälle, in denen Polen Juden geholfen haben", schätzt Mateusz Szpytma, Vizedirektor des Instituts für Nationales Gedenken, der aus dieser Gegend stammt und solche Geschichten aus der eigenen Familie kennt. Im Museum zeigte uns Szpytma einen anonymen Warnbrief, den einer seiner Vorfahren bekommen hat: "Herr Szpytma, seien Sie vorsichtig und werden Sie diese Juden, die Sie dort haben, irgendwie los."

In anderen Briefen, die man im Museum sehen kann, informieren aber Polen die Gestapo und die SS über Orte, an denen sich Juden verstecken. Das zeigt, dass der Druck von beiden Seiten kam, von den deutschen Besatzern und von den polnischen Nachbarn. "Polen war das Land in Europa, in dem für die Hilfe für Juden die Todesstrafe drohte. In anderen europäischen Ländern war das nicht der Fall. Umso mehr soll man das Heldentum der polnischen Gerechten unter den Völkern schätzen", sagte Vize-Außenminister Marek Magierowski, der Premier Morawiecki auf der Reise nach Markowa begleitete.

Polnische Regierung rudert zurück

Die diplomatische Krise zwischen Israel und Polen spitzte sich noch weiter zu. Der Besuch des israelischen Erziehungsministers Naftali Bennett in Polen sollte eigentlich Entspannung bringen, wurde von polnischer Seite jedoch abgesagt.

Aufgrund der massiven internationalen Kritik entschärfte Polen das Gesetz im Juni 2018. Sowohl der Sejm als auch der Senat winkten im Eilverfahren eine Gesetzesänderung durch, nach der Verstöße nicht mehr mit Haftstrafen geahndet werden. Das Gesetz sieht aber weiter zivilrechtliche Maßnahmen vor.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 08.03.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2019, 09:50 Uhr

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