Lehrermangel in Sachsen-Anhalt Seiteneinstieg: Warum das Land potenzielle Lehrer in andere Bundesländer ziehen ließ

Luca Deutschländer
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In Sachsen-Anhalt fehlen rund 500 Lehrerinnen und Lehrer. Schon seit längerem setzt das Land darauf, offene Stellen mit Seiteneinsteigern zu besetzen – mit Erfolg, wie das Bildungsministerium betont. Dennoch gibt es Fälle, in denen Bewerberinnen und Bewerber hier als ungeeignet abgelehnt werden – und anderswo Karriere als Lehrer machen. Warum?

Eine Schulklingel steht auf dem Lehrertisch.
Sachsen-Anhalt setzt bei der Suche nach Lehrkräften auf das Modell Seiteneinstieg. Mitunter sind in der Vergangenheit aber Bewerber als ungeeignet abgelehnt worden – und machten dann in anderen Bundesländern Karriere als Lehrer. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Arrigo Facchini vermisst seine Wahlheimat Halle. Er vermisst seine Freunde, die Nähe zu Leipzig, das Improvisationstheater, die Wohnung im Zentrum, seine Schwester, die Familie. Facchini lebt mit seiner Frau seit einiger Zeit in Schwäbisch Hall, einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. "Halle hat die perfekte Größe", sagt der 37-Jährige und es klingt ein bisschen wehmütig. Doch es nützt ja nichts: Facchini hat die Stadt, in der er fünfeinhalb Jahre lebte, des Jobs wegen verlassen. Dabei hätte er sich eigentlich gern in Sachsen-Anhalt zum Lehrer ausbilden lassen.

Facchini wollte Seiteneinsteiger werden. Die ersten Signale seien vielversprechend gewesen, erzählt er heute. Seine angestrebte Fächer-Konstellation Physik und Mathematik – gefragt. Also bewarb Facchini sich. Doch er wurde abgelehnt – ohne Angabe von Gründen, wie er sagt. Jetzt wird der gebürtige Italiener mit deutschem Pass in Baden-Württemberg zum Lehrer ausgebildet. Er unterrichtet Mathematik und Physik an einem technischen Gymnasium.

Bildungsministerium: Seiteneinstieg hat "sehr hohe Bedeutung"

Porträtbild eines Mannes
Arrigo Facchini bei einem seiner Auftritte: In Halle hat der 37-Jährige Improtheater gespielt. Bildrechte: Martin Lohmann

Der Eindruck ist folgender: Das Land Sachsen-Anhalt lehnt einen Lehrer ab, der anderswo ohne Probleme als geeignet für den Schuldienst eingestuft wird – zumal mit einer sehr gefragten Fächer-Konstellation. Und das, obwohl der Mangel an Lehrkräften in Sachsen-Anhalt noch immer groß ist. Nach jüngsten Zahlen des Bildungsministeriums fehlen für eine Unterrichtsversorgung von 100 Prozent 507 Lehrerinnen und Lehrer. Keine Frage: Der Bedarf an neuen Lehrkräften ist da – und das wird vorerst auch so bleiben. In den kommenden fünf Jahren werde es nicht gelingen, die Zahl der altersbedingten Abgänge durch regulär ausgebildete Lehrkräfte zu decken, teilte das Ministerium MDR SACHSEN-ANHALT mit. Der Seiteneinstieg habe deshalb eine "sehr hohe Bedeutung".

Und doch ist der Fall von Arrigo Facchini kein Einzelfall, sagt Malte Gerken. Der 55-Jährige ist Lehrer an einer berufsbildenden Schule in Halle. Einen großen Teil seiner Zeit nimmt die Arbeit im Hauptpersonalrat ein, im Ehrenamt ist Gerken stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Gerken sagt: "Es stimmt einfach nicht, dass wir keine geeigneten Bewerberinnen und Bewerber finden."

Auch MDR SACHSEN-ANHALT weiß von einem weiteren Fall, in dem ein Bewerber für den Seiteneinstieg in Sachsen-Anhalt abgelehnt worden ist – und zum 1. Februar in Thüringen seinen Vorbereitungsdienst begonnen hat. Das Landesschulamt in Halle hatte ihn abgelehnt, weil es zu der Einschätzung gekommen war, aus dem Studium des Bewerbers lasse sich kein Schulfach für die Stundentafel ableiten. Das Absageschreiben liegt der Redaktion vor. Pikant: Der Bewerber hätte in einem Fach unterrichten können, für das nach Angaben der GEW dringend Lehrkräfte benötigt werden.

Gewerkschaft: Land lehnt Bewerber wegen "überzogener Kriterien" ab

Bei Malte Gerken sorgen Fälle wie dieser für Kopfschütteln. Nach seiner Auffassung schöpft das Land Sachsen-Anhalt längst nicht alle Möglichkeiten aus, Lehrkräfte für den Schuldienst zu gewinnen. Im Gegenteil: "Das Land stellt sich wegen überzogener Kriterien häufig selbst ein Bein", kritisiert der Gewerkschafter. Das Bildungsministerium weist das zurück. Seiteneinsteiger seien gewiss eine wichtige Säule zur Absicherung des Unterrichts. Dennoch dürften Qualitätsstandards in der Ausbildung von Lehrkräften nicht herabgesetzt werden.

Quereinstieg

Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in den Lehrerberuf sind Frauen und Männer, denen aufgrund ihres Studiums zwei Unterrichtsfächer anerkannt worden sind – beispielsweise einem Diplom-Physiker, dem als zweites Unterrichtsfach auch Mathematik anerkannt wird. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger absolvieren üblicherweise einen klassischen Vorbereitungsdienst, früher Referendariat, und erwerben auf diesem Wege ihr zweites Staatsexamen.

Seiteneinstieg

Als Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger werden die Lehrkräfte bezeichnet, die im Anschluss an ihr Studium in der Regel ein Unterrichtsfach anerkannt bekommen haben. Sie haben vor ihrem Eintritt in den Schuldienst einen Vorbereitungskurs absolviert, indem ihnen je nach Schulform das nötige pädagogische Rüstzeug an die Hand gegeben worden ist. Voraussetzung, um als Seiteneinsteiger aufgenommen zu werden, ist laut Bildungsministerium, dass ein Diplom oder ein gleichwertiger Abschluss vorliegen.  

Seit Arrigo Facchini sich in Sachsen-Anhalt als Seiteneinsteiger bewarb, sind schon einige Jahre vergangen. Mit Blick auf den konkreten Fall lägen bei den Behörden keine Angaben mehr vor, erklärt Stefan Thurmann, Sprecher des Bildungsministeriums, und verweist auf Datenschutzrichtlinien. Zugleich betont er: "Die Zugangsvoraussetzungen für Seiteneinsteiger haben sich in Sachsen-Anhalt elementar verändert." Es habe "eine Öffnung nach unten" gegeben, sagt Thurmann und begründet das auch mit dem hohen Bedarf an Lehrkräften. Zugleich habe man gelernt und das Verfahren weiterentwickelt. Mit Blick auf die Qualifikationen von Arrigo Facchini sagt Thurmann: Es sei gut möglich, dass der 37-Jährige heute eine bessere Chance hätte, Seiteneinsteiger in Sachsen-Anhalt zu werden. 

Für den Deutschen mit italienischen Wurzeln ist klar: Er wäre gern Lehrer in Sachsen-Anhalt geworden. Facchini hat Physik studiert, arbeitete zunächst in der Industrie. Der 37-Jährige ist viel gereist, schrieb Gutachten. "Im Hinterkopf war immer der Wunsch, Lehrer zu werden", erzählt er heute. "Irgendwann habe ich nicht mehr an das geglaubt, was ich damals beruflich gemacht habe."

Ich will anderen zeigen, wie schön es ist, etwas Neues zu lernen, etwas Neues zu entdecken.

Arrigo Facchini Lehrer im Vorbereitungsdienst

Die Absage des Landesschulamtes habe viel in seinem Leben verändert, sagt Facchini. Beruflich aber hat sie ihm kaum geschadet: Die Schule, an der Facchini zu Beginn dieses Jahres seinen Vorbereitungsdienst begonnen hat, hat ihm für die Zeit danach eine Verbeamtung in Aussicht gestellt.

So viele Quereinsteiger und Seiteneinsteiger gab es in Sachsen-Anhalt

An den allgemeinbildenden öffentlichen Schulen in Sachsen-Anhalt unterrichten gegenwärtig 588 Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger. Nach Zahlen des Bildungsministeriums sind das gut vier Prozent aller Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen. Wer sich die Zahlen für die vergangenen Jahre ansieht, stellt einen konstanten Anstieg bei der Zahl der eingestellten Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger fest: Waren es 2016 noch 127 Frauen und Männer, lag die Zahl Ende September 2019 schon bei 386.

Das Interesse am Seiteneinstieg zeigt sich indes auch auf Seiten der Bewerberinnen und Bewerber: Bei einer der jüngeren Ausschreibungen kurz vor Weihnachten sind nach Angaben des Bildungsministeriums 44 Bewerbungen für allgemeinbildende und weitere acht Bewerbungen für berufsbildende Schulen eingegangen.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

MDR/Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02. Februar 2021 | 19:00 Uhr

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