Pflegekrise Pflegende Angehörige: "Wenn ich das nicht gebacken kriege, ist sein Überleben gefährdet"

Daniel George
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Die meisten Pflegebedürftigen wollen so lange wie möglich daheim gepflegt werden. Ihre Angehörigen stellt das jedoch oft vor Herausforderungen. Zwei Männer aus Sachsen-Anhalt erzählen von ihren Erfahrungen – und woran das System krankt.

Pflege
Felix Langer (l.) und Hans-Jürgen Villard haben Erfahrung mit der Pflege von Familienangehörigen. (Illustration) Bildrechte: MDR/Max Schörm

  • Die Menschen in Sachsen-Anhalt werden immer älter. Und es gibt immer mehr Pflegebedürftige. Eine große Säule des Pflegesystems sind pflegende Angehörige.
  • Felix Langer pflegt seinen Vater und sagt: "Es ist anstrenger, als ich gedacht habe, aber am Ende weiß ich, dass ich das Richtige tue."
  • Auch Hans-Jürgen Villard hat Erfahrung mit häuslicher Pflege und sagt: "Pflegende Angehörige sind einer großen Belastung ausgesetzt."

Es gibt Momente, die schwierig sind. Wenn Felix Langer es eilig hat, aber das Rätselraten doch wieder länger dauert zum Beispiel. "Wenn wir Glück haben, haben wir nach zehn Minuten herausgefunden, was sein Problem ist, aber wenn wir Pech haben, stehen wir nach einer Stunde immer noch da und wissen es nicht", sagt er über Gespräche mit seinem Vater.

Doch es gibt auch Momente, die schön sind. "Wenn wir zusammen kochen", sagt Felix Langer. "Dann sind wir wieder einfach nur Vater und Sohn."

Denn sonst – mittlerweile seit einem Jahr – sind Felix Langer und sein Vater noch etwas anderes: nämlich Pflegebedürftiger und Pfleger – obwohl das gar nicht sein Beruf ist.

2013 ein Schlaganfall. 2018 ein epileptischer Anfall. Halbseitige Körperlähmung und Sprachfindungsstörung. Inzwischen Pflegegrad drei. "Mein Vater ist auf mich angewiesen", sagt Langer. Und: "Das Ganze ist anstrengender, als ich dachte."

Doch dann stockt er kurz, zieht seine Mundwinkel hoch. Ein Lächeln. Denn: "Am Ende", sagt er, "ist es trotzdem die richtige Entscheidung. Am Ende weiß ich, dass ich etwas sehr, sehr Richtiges tue."

Ein junger Mann mit Schal im Grünen. 1 min
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Do 19.05.2022 12:59Uhr 00:43 min

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Vater will nicht ins Pflegeheim

Die Menschen in Sachsen-Anhalt werden immer älter. Und: Es gibt immer mehr Pflegebedürftige. Die tragende Säule des Pflege-Systems: die Angehörigen. Etwas weniger als die Hälfte aller Pflegebedürftigen in Sachsen-Anhalt werden von Familienmitgliedern versorgt. Zumindest ist das der Stand von 2019, aktuellere Zahlen gibt es nicht.

Doch laut mehreren Studien stehen immer weniger Familienangehörige für die Pflege zur Verfügung. Die Gründe sind vielseitig: keine Zeit wegen des Jobs, keine Zeit wegen eigener Kinder oder eine zu große Entfernung nach Umzug.

Auch bei Felix Langer war das im Grunde so. Sein Vater lebte bis zum vergangenen Jahr im niedersächsischen Celle. Dort wurde er von seinen zwei anderen Söhnen gepflegt. "Jetzt hatte ich das Gefühl, dass ich mal an der Reihe war", sagt Langer. Und: "Bei uns wurde ein Zimmer frei, also haben wir am Ende nicht lange überlegt."

Der Vater stimmte zu und zog zu seinem Sohn nach Magdeburg. Ein Pflegeheim war keine Option, denn: "Mein Vater hat das sehr deutlich, so deutlich wie er es eben noch kann, artikuliert, dass er das nicht will", sagt Felix Langer. Und: "Ihm diese letzte Eigenständigkeit zu entziehen, das hätte ich ohnehin nicht fertig gebracht."

Orientierungslos im Pflegesystem

Auch Hans-Jürgen Villard weiß, wie sehr die meisten Menschen an ihren eigenen vier Wänden hängen. Er sagt: "Es ist so, dass über 90 Prozent der Pflegebedürftigen gerne bis zum Schluss zu Hause leben wollen." Der 65-Jährige hat sich sein ganzes Berufsleben lang mit Pflege beschäftigt, war zuletzt Stabstellenleiter für Seniorenpolitik bei der Stadt Magdeburg.

"Da haben viele Menschen bei uns angerufen, die Rat und Unterstützung brauchten", erinnert sich der Rentner. Denn: "Sich in dem Pflegesystem zurechtzufinden, ist selbst für Profis nicht ganz so leicht. Da stehst du vor einem Dschungel und weißt erstmal nicht so recht, wo du ansetzen sollst."

Was Villard sich wünschen würde: bessere, niedrigschwelligere Beratungsangebote. "Das spielt eine Schlüsselrolle", sagt er. "Man darf nicht einfach nur ein paar Listen ausdrucken mit Anlaufstellen, sondern muss umfassend beraten und durch das System lotsen. Oftmals fühlen sich Angehörige einfach überfordert und können sich gar nicht richtig orientieren."

So würden es Betroffene immer wieder schildern. Hans-Jürgen Villard kann davon erzählen, denn er engagiert sich bei einer Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige in Magdeburg. "Diese Menschen sind einer großen Belastung ausgesetzt", sagt der 65-Jährige. "Es ist wichtig, dass sie ein Sprachrohr haben." Denn:

Hans-Jürgen Villard aus Magdeburg
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Die Betroffenen werden selten gehört und haben in der Regel auch nicht die Kraft, sich zu organisieren. Die Krankenkassen haben eine Lobby, die Pflegewirtschaft auch, aber nicht die pflegenden Angehörigen.

Hans-Jürgen Villard

Plötzlich pflegender Angehöriger

Dabei spricht Hans-Jürgen Villard nicht nur aus beruflicher, sondern auch aus persönlicher Erfahrung. "Ich habe ja nochmal eine andere Perspektive kennengelernt", sagt er. Sein Schwiegervater und seine Schwiegermutter wohnten bei ihm und seiner Frau im Haus, oben in einer Einliegerwohnung. Nach dem Tod des Schwiegervaters war die pflegebedürftige Schwiegermutter auf die Pflege von Hans-Jürgen Villard und seiner Frau angewiesen. 2020 war das.

"Das fiel uns dann so zu", erinnert sich Villard. "Ich war kurz vorher in den Ruhestand gegangen. Das war nicht unbedingt die Perspektive, die ich mir vorgestellt hatte: Aus dem Berufsleben heraus gleich eine neue Aufgabe mit solcher Verantwortung zu übernehmen. Aber die Pflege zu Hause ist ein hohes Gut. Wir wollten sie nicht so schnell ins Pflegeheim geben."

Also wurde ein Pflegedienst zur Unterstützung mit eingebunden, außerdem ein Reiningungs-Service. Aber: "Jetzt sind wir an einen Punkt gelangt, wo wir so stark eingebunden waren, dass wir uns teilweise überfordert gefühlt haben", sagt Hans-Jürgen Villard. Vor ein paar Wochen zog die Schwiegermutter ins Pflegeheim.

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So 22.05.2022 09:00Uhr 00:38 min

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"Häusliche Pflege muss mehr honoriert werden"

Was blieb, war eine neue Perspektive: "Früher saß ich immer auf der anderen Seite des Schreibtisches und hatte eine gewisse emotionale Distanz zu den Schilderungen der Betroffenen – auch, wenn das manchmal ganz dramatische Fälle waren", sagt Villard. "Aber wenn du das selbst erlebst, kriegst du nochmal einen anderen Blickwinkel."

Die wichtigste Erkenntnis: "Es ist ganz wichtig, dass die Erwartungen der Bedürftigen und das, was die Pflegenden bereit sind, zu geben, stimmt. Ansonsten kann das zu Konflikten führen. Und dann brennen pflegende Angehörige schnell aus."

Villard fordert deshalb mehr Unterstützung für pflegende Angehörige. "Wenn eine Tochter ihre Mutter pflegt, kriegt sie viel weniger Geld dafür, als wenn das ein Pflegedienst macht", sagt er. "Die häusliche Pflege muss einfach mehr honoriert werden. Denn das Angehörigen-Pflegepotenzial ist seit Jahren rückläufig. Und das ist in hohem Maße bedauerlich."

Wieder mehr Zeit für die Vater-Sohn-Beziehung

Sein Vater, erzählt Felix Langer, sage oft Danke. Dafür, dass er sich um ihn kümmere, noch ohne die Hilfe eines Pflegedienstes. Doch das wird sich wohl bald ändern: Denn in neun Monaten wird Langer selbst Vater. Eine neue, große Aufgabe, die vielleicht aber, zumindest in Ansätzen, mit der Pflege seines eigenen Vaters zu vergleichen ist.

"Die ersten 18 Jahre hatte mein Vater die volle Zuständigkeit für mich. Er hat für mich gesorgt, für mich gekocht, mir am Anfang die Windeln gewechselt. Das hat sich jetzt alles gedreht, also wirklich alles", sagt Felix Langer. "Wenn ich das nicht gebacken kriege, ist sein Überleben auf lange Sicht gefährdet. Das ist eine unfassbare Verantwortung. So in etwa stelle ich mir das Eltern-Sein vor."

Deshalb will sich Langer für die Pflege seines Vaters nach der Geburt des eigenen Kindes wohl auch Unterstützung holen. Er arbeitet zwar auf einer 30-Stunden-Stelle und sein Arbeitgeber sei sehr verständnisvoll, aber: "Mit der Pflege meines Vaters ist es locker eine 40-Stunden-Woche", sagt er. Deshalb "werden wir dann wohl einiges von Profis machen lassen, die machen das im Regelfall ja auch ein bisschen besser", sagt der 30-Jährige. Und er hofft, dass dann wieder mehr Zeit für das Zwischenmenschliche bleibt.

Denn: "Wenn du einfach nur funktionieren musst, dann sparst du am ehesten an den netten Sachen", sagt Felix Langer. "Ich hoffe, dass wir wieder öfter zusammen kochen können. Dass wir wieder den Freiraum kriegen, uns als Vater und Sohn zu begegnen. Seitdem wir hier wohnen, wollten wir zum Beispiel immer mal zum 1. FC Magdeburg ins Stadion gehen. Die sind jetzt ohne uns aufgestiegen – aber vielleicht schaffen wir es ja in der neuen Saison."

Der Wunsch nach Digitalisierung

Was er sich für die Situation von pflegenden Angehörigen wünschen würde? "Zum einen eine bessere Informationspolitik", sagt Felix Langer. Und: "Eine digitale Patienten-Akte, E-Rezepte und E-Heilmittelverodnungen." Alles digital also, denn: "Du rennst aktuell noch von Arzt zu Arzt und A weiß nicht, was B macht, alles mit physischen Akten. Da fasst du dir nur den Kopf, was da an Effizienz liegen gelassen wird, weil es immer so gemacht wurde."

Zwar sei er in der Regel bei vielen Arztbesuchen der Jüngste in den Wartezimmern. "Ich kann mir also schon vorstellen, dass das einige Leute überfordern würde", sagt der 30-Jährige mit Blick auf die gewünschte Digitalisierung. Aber: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man nicht beides parallel laufen lassen könnte."

Was eine enorme Erleichterung für ihn wäre. 33 Tabletten nimmt sein Vater jeden Tag. Wöchentlich braucht er neue Rezepte. Und irgendjemand muss darauf achten, dass sich alle Medikamente vertragen. Neulich, als sein Vater im Krankenhaus war, hätten die Ärzte darauf nicht geachtet. Erst, als Felix Langer sie fragte.

Deshalb fragt er sich nun: "Was machen die Leute, die keine Angehörigen haben, die sie pflegen? Was ist, wenn nicht immer jemand hinterherrennt wie ich bei meinem Vater?" Wieder stockt er kurz. Doch diesmal lächelt Felix Langer nicht. Denn: "Ich bin mittlerweile überzeugt, dass dann auf kurz oder lang etwas sehr Unglückliches passiert."

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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MDR (Daniel George)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. Juni 2022 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

THOMAS H vor 5 Wochen

Ich (56) hätte es mir nie verziehen, wenn meine Mutti in ein Pflegeheim gemusst hätte. Schon als Jugendlicher habe ich immer zu ihr gesagt, das sie niemals in ein Heim muß, da sie bei Notwendigkeit zu mir kommt und ich ihr einen Teil von dem zurückgebe, was sie mir 18 Jahre ihres Lebens gegeben hat. Es sind 8 1/2 Jahre geworden, bis zu ihrem Tod im Dezember 2020 und ich bin heilfroh, das ich auch diesen Weg begleiten und sie für ihre letzte Reise, waschen und anziehen konnte, bevor sie am Tage nach ihrem einschlafen von zu Hause abgeholt wurde.
Ja, die Zeit der Pflege war schwer und auch ich war zeitweise am Rande der Belastungsgrenze, aber die schönen Zeiten, haben mir immer wieder die Kraft gegeben, nicht aufzugeben.
Ich weiß jedenfalls, das meine Mutti, mir sehr dankbar war, das ich sie in den Pflegejahren nicht alleingelassen habe und ich bin ihr dankbar für die Dinge, die sie mir für meinen Lebensweg vermittelt hat.

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