Städtepartnerschaft Wernigerode und Hội An Was den Harz und Vietnam verbindet

Wernigerode ist die "bunte Stadt am Harz" – und hat eine ebenso bunte Partnerstadt in Südost-Asien, die Tourismus-Hochburg Hội An in Vietnam. Während viele Städtepartnerschaften nur auf dem Papier bestehen, ist das bei Wernigerode und Hội An anders. Die Städte setzen gemeinsam Projekte um und tauschen sich intensiv aus. Ein Besuch vor Ort.

Hunderte Touristen drängen sich durch die engen Straßen und Gassen in Hội Ans historischer Altstadt, die von kleinen Kanälen durchzogen wird. Fünf Millionen Besucher werden hier pro Jahr gezählt. In der Stadt schmiegen sich traditionelle Tempel aus Holz, Häuser aus der französischen Kolonialzeit und die typischen schmalen Stadthäuser Vietnams aneinander. Auch Gebäude in japanischem und chinesischem Stil finden sich. Jedes Jahr gibt es auf dem Stadtfest einen bekannten Harzer Kräuterlikör, der auf den ersten Blick überhaupt nicht hierher passt.

Die Tourismus-Hochburg am Südchinesischen Meer und das ferne Wernigerode im Harz sind ungewöhnlich eng miteinander verbunden: Seit sechs Jahren pflegen beide Städte eine Partnerschaft. Begründet wurde sie vor allem durch das Engagement der Vietnamesin Huong Trute, die in Wernigerode lebt und dort ein Restaurant betreibt. Sie war es, die in beiden Städten massiv um die Idee einer Partnerschaft geworben hat und besonders in Vietnam geholfen hat, die Vertreter des kommunistischen Volkskomitees zu überzeugen.

Zum ersten Mal von Wernigerode nach Hội An

Um die Kontakte zwischen den Städten weiter zu vertiefen, ist Tobias Kascha hergekommen. Er ist zum ersten Mal in Hội An zu Besuch. Kascha gehört zur Wernigeröder Stadtverwaltung und reist als Teil einer Wirtschaftsdelegation aus Sachsen-Anhalt in die vietnamesische Partnerstadt.

Wenn man seit Jahren zusammenarbeitet, dann ist es toll, hier vor Ort zu sein, die Stadt kennenzulernen, die Stadt zu atmen. Da freue ich mich richtig drüber.

Tobias Kascha, Stadt Wernigerode

Das Besondere an der Partnerschaft sei, dass sie nicht nur die Verwaltungen, sondern vielmehr die Einwohner beider Städte miteinander verbinde – dass die Partnerschaft "lebt", wie Kascha es beschreibt. Und tatsächlich: Hội An und Wernigerode organisieren gegenseitig Bürgerreisen, Schulpartnerschaften, Stadtfeste, setzen gemeinsame Klima- und Umweltschutzprojekte um und planen sogar, junge Vietnamesen zur Ausbildung nach Wernigerode zu schicken.

Gemeinsame Projekte von Wernigerode und Hội An

Eine Vielzahl von gemeinsamen Veranstaltungen und Initiativen verbinden die beiden Städte. Ein Überblick:

  • Einmal im Jahr, zum Lampionfest, erstrahlt Wernigerode im Licht von Lampions aus Vietnam.
  • Seit 2014 fahren regelmäßig Bürger aus Wernigerode nach Hội An – und umgekehrt. Das geschieht vor allem unter der (Reise-)Leitung von Huong Trute.
  • Die Partnerstädte haben gemeinsame Klima- und Umweltschutzprojekte geplant und umgesetzt: In beiden Städten wurden Solaranlagen aufgebaut, die Wernigeröder haben in Hội An Bäume gepflanzt und Know-how zum Aufbau einer modernen Abfallwirtschaft ausgetauscht.
  • 2020 startet ein gemeinsames Ausbildungsprojekt, finanziert aus Landesmitteln, getragen von der Akademie Überlingen: Zunächst sollen 23 Vietnamesen für Ausbildungen im Gastronomie-Bereich, in der Pflege und Industrie nach Wernigerode kommen. Die Handwerkskammer hofft, ebenfalls an diesem Projekt teilhaben zu können. Die Azubis sollen Deutsch bereits in Vietnam lernen, dazu werden Sprachlehrer entsandt. Geplant ist, dass die ersten Azubis im Dezember 2020 in den Harz kommen. Allerdings sei es, so sagt es das lokale Volkskomitee in Hội An, nicht leicht passende Bewerber zu finden. Auch in Hội An gebe es einen starken wirtschaftlichen Aufschwung und Bedarf an Arbeitskräften. Hội An erhofft sich, dass die vietnamesischen Arbeitskräfte nach ihrer Ausbildung nicht in Deutschland bleiben, sondern in ihre Heimatstadt zurückkehren. Die deutschen Partner haben, was diesen Punkt angeht, andere Vorstellungen.

Ausbildungsprojekt ab kommendem Jahr

Der erste Termin erinnert Tobias Kascha daran, dass die kommunistische Partei in Vietnam regiert: Der Empfang beim lokalen Volkskomitee findet unter den Augen einer Ho-Chi-Minh-Büste statt.

Beide Seiten reden vor allem über ein geplantes Ausbildungsprojekt: Junge Vietnamesen sollen ab 2020 zur Ausbildung nach Wernigerode kommen und zu Hotelfachleuten, Altenpflegern und Industrie-Fachkräften ausgebildet werden. Das Projekt steht bereits in den Startlöchern. Alle Finanzierungsfragen sind geklärt, die Vereinbarungen getroffen. In den nächsten Monaten sollen passende Bewerber gefunden werden, kündigt das Volkskomitee an.

Umweltschutz-Ideen aus Wernigerode für Vietnam

Nguyen Van Son, Vizepräsident des Komitees, sagte, aus der Partnerschaft sei durch die vielen gemeinsam umgesetzten Projekte eine echte Freundschaft geworden. Eines dieser bereits funktionierenden Projekte sieht sich auch Kascha an: Eine Solaranlage, die tagsüber Strom für die Lampions in der historischen Altstadt von Hội An erzeugt und für die Nacht speichert. Für diese Idee haben die Partnerstädte den deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen. Die Hälfte des Preisgeldes wurde dann in eine zweite Solaranlage in Wernigerodes Bürgerpark investiert.

"Hội An ist eine wunderschöne Touristen-Stadt", sagt Nguyen Van Son, den man am besten mit einem Bürgermeister vergleichen kann, "aber diese Stadt befindet sich an der Flussmündung direkt am Meer." Hội An fürchte den Anstieg des Meeresspiegels. Umso besser fände er die gemeinsamen Projekte mit Sachsen-Anhalt, die sich – wie im Fall der Solaranlage – um das Thema Nachhaltigkeit drehen.

Eine Partnerschaft auf Augenhöhe

Huong Trute, die Initiatorin des Austauschs zwischen den beiden Städten, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, ihr sei wichtig, dass die Partnerschaft auf Augenhöhe stattfinde. "Die Kollegen in Hội An machen viele Dinge besser als wir in Wernigerode, umgedreht ist es mit anderen Dingen genauso."

Man wolle weitergeben, was man gut könne, aber auch von der Partnerstadt lernen. Wenn Ende 2020 das Ausbildungsprojekt in Wernigerode beginnen wird, werden beide Städte noch ein Stück enger verbunden sein.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. November 2019 | 19:00 Uhr

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