Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Warum junge Menschen häufiger AfD wählen

In Sachsen-Anhalt haben bei der Landtagswahl am 6. Juni mehr jüngere als ältere Menschen die AfD gewählt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Tatsächlich ist das Phänomen weder neu, noch besonders ostdeutsch.

Jüngere Menschen setzen bei Landtagswahlen deutlich häufiger ihr Kreuz bei der AfD als die Wähler im Gesamtaltersschnitt. Das hat eine MDR-Auswertung von Wahlergebnissen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ergeben. Sie zeigt zum Beispiel, dass in Sachsen-Anhalt ein Drittel aller Männer zwischen 25 und 34 Jahren die AfD gewählt haben. Auch die Frauen in Sachsen-Anhalt zwischen 25 und 34 Jahren wählten geringfügig öfter AfD als im Gesamtschnitt. 

Die Gründe dafür erweisen sich vielschichtig. Die Politikwissenschaftlerin Kerstin Völkl von der Universität Halle analysiert, die AfD setze darauf, dass sich viele Menschen in Ostdeutschland weiterhin als Verlierer fühlen – auch Menschen, die die Wiedervereinigung gar nicht aktiv erlebt hätten. Außerdem würde, sagt Völkl, die Corona-Pandemie verstärkend zu diesem Gefühl beitragen – gerade bei der jüngeren Generation. 

AfD bei Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Die AfD ging bei der Wahl am 6. Juni als zweitstärkste Kraft nach der CDU hervor. Dem vorläufigen Ergebnis zufolge holte sie 20,8 Prozent.

Phänomen im Osten stärker – aber nicht nur dort vorhanden

Dennoch tritt das Phänomen nicht allein in den drei ausgewählten ostdeutschen Bundesländern auf. Dass Wähler zwischen 25 und 34 Jahren öfter AfD wählen, war auch in Nordrhein-Westfalen zu beobachten. Dort lagen die Stimmenanteile für die AfD bei der Landtagswahl 2017 bei jüngeren Wählern über dem Durchschnitt aller Altersgruppen. 

Eine Ausnahme gibt es jedoch in Sachsen. Dort entschieden sich 2019 rund 31 Prozent der männlichen 25- bis 34-Jährigen für die AfD, während alle Altersgruppen der Männer zusammengenommen bei 34 Prozent lagen. Ältere wählten dort also häufiger AfD als jüngere Wähler. 

Ganz Junge fühlen sich nicht so stark von der Partei angezogen

Diese Tendenz gilt nur für die Wählergruppe der 25- bis 34-jährigen Frauen und Männer. Die ganz jungen Erstwähler zwischen 18 und 24 haben die AfD in Sachsen-Anhalt unterdurchschnittlich oft gewählt. Auch in Thüringen und Sachsen war die AfD bei den 18- bis 24-Jährigen bei den letzten Landtagswahlen unbeliebter als beim Rest. 

Der Trend, dass männliche Jungwähler zwischen 25 und 34 verstärkt die AfD wählen, ist in ostdeutschen Bundesländern besonderes deutlich zu erkennen. Während die Abweichungen der jüngeren Altersgruppe zur Gesamtwählerschaft etwa in Nordrhein-Westfalen und dem ebenfalls ländlich geprägten Baden-Württemberg eher gering sind, weisen die Ergebnisse aus Sachsen-Anhalt Unterschiede von bis zu sechs Prozentpunkten auf. Die Sachsen-Anhalt-Wahl verfestigt also ein Phänomen, das es schon länger und in unterschiedlichen Regionen gibt. In diesem Jahr zeigt sich die Kluft zwischen jüngeren und älteren Wählern deutlich. 

Junge Wähler fühlen sich abgehängt

Auch wenn klar ist, dass junge Menschen eher die AfD wählen als alle Altersgruppen gemeinsam, scheinen die Gründe dafür bislang wenig beleuchtet. Die Politikwissenschaftlerin Kerstin Völkl von der Universität Halle geht davon aus, dass in Sachsen-Anhalt vor allem drei Gründe zur Wahlentscheidung jüngerer Menschen für die Partei führen. So seien die Menschen im ländlichen Raum abgehängt. Dies spürten junge Menschen ganz besonders. Dazu habe die Corona-Pandemie den Eindruck der jungen Wähler, auf der Verliererseite zu stehen, verstärkt. Und zu guter Letzt sei es der AfD gelungen, in manchen Gebieten mit politischen Vorfeldorganisationen in die Lücken von fehlenden Jugendclubs vorzustoßen.

Die AfD habe es geschafft, sich als die Vertreterin der kleinen Leute zu präsentieren. Gerade junge Menschen, die am Beginn ihres Berufslebens stehen, hätten soziale Ängste. Dazu komme in Sachsen-Anhalt der Strukturwandel, die Aussicht, dass Jobs wegfallen könnten. Das schüre Existenzängste. Beides werde vom Narrativ der Partei gut abgeholt, so Politikwissenschaftlerin Völkl. Junge Menschen wählten die Partei nicht nur aus Protest, sondern weil sie es schaffe, die richtigen Themen anzusprechen. Als ein Beispiel nennt die Wissenschaftlerin den Landärztemangel. Das sei ein Thema, das auf dem Land alle Generationen umtreibe – denn gibt es keine Praxen, sei auch das Leben dort unattraktiv. 

Im Osten spielt Wende auch für junge Menschen große Rolle

Die AfD wird von jungen Menschen zwar nicht ausschließlich aus Protest gegen die herrschenden Verhältnisse gewählt. Dennoch spielt Ungerechtigkeitsempfinden eine Rolle. Einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung zufolge sagen 85 Prozent der jungen Menschen im Osten, die AfD wählen würden, in Deutschland würde es ungerecht zugehen. Und obwohl 60 Prozent dieser Menschen laut der Studie sagen, sie halten die Demokratie für die beste Staatsform, stimmen 67 Prozent aller jungen Menschen in Ostdeutschland folgender Aussage zu: "Es gab Dinge in der DDR, die besser waren als im Westen."

Gleichzeitig ist die Wiedervereinigung laut dieser Studie ein Thema, das die jungen Menschen in Ostdeutschland nicht loszulassen scheint. 77 Prozent dieser Menschen finden, nach der Wiedervereinigung wurden die Menschen im Osten oft unfair behandelt. Eine Zeit, die diese Menschen gar nicht oder als Kinder miterlebt haben, hat also einen so starken Eindruck hinterlassen. Kerstin Völkl von der Universität Halle sieht dafür einen eindeutigen Grund: Bei den jüngeren Menschen sei der Eindruck, als Wendeverlierer dazustehen, von Generation zu Generation weitergegeben worden. Wenn sich dieses Narrativ mit einer schwierigen wirtschaftlichen Lage für junge Menschen mischen würde, dann könne das eine Wahlentscheidung für die AfD bestärken.

Grafik zur Landtagswahl 2021, Gemeindeergebnisse
Mindestens 83 Abgeordnete ziehen nach der Wahl am 6. Juni 2021 in den achten Landtag in Sachsen-Anhalt ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 07. Juni 2021 | 19:30 Uhr

111 Kommentare

Leachim-21 vor 6 Tagen

Saxe : vielleicht jedoch wer seine Grundprinzipien verrät braucht auch nicht in einer Regierung, wie sagte so schön die FDP lieber nicht regieren als schlecht regieren. dieser Ausspruch stimmt voll. oder man macht gar keine Aussage alles andere ist in meinen Augen Verarsche des Souverän

Karl Schmidt vor 6 Tagen

Achso @Atheist,
Wir hatten Tafeln - in unserer Schule.
Wir wollten ja auch unsere Muttersprache ordentlich lernen, gell.

Wo Unterschiede, da aber auch oft Gemeinsamkeiten:
Wir haben demzufolge beide keine Kitche gehabt.

Saxe vor 6 Tagen

"Ich lebte nicht in einer Diktatur, sondern in einen Kinderfreundlichen Staat, wo es weder Frauenhäuser, Tafeln, Genderstern.. bedarf,
Wir hatten auch ohne Kitche Werte "
Klar, deshalb gab´s auch den Schießbefehl an der Grenze. War schon super.

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