Zu Besuch in Osterweddingen Lehrermangel: Warum eine Journalistin als Lehrerin an die Schule ihres Sohnes wechselt

Als Anja Schlender merkte, dass es an Lehrkräften an der Grundschule ihres Sohnes in Osterweddingen mangelt, traf sie eine wichtige Entscheidung: Sie gab ihren Journalisten-Job auf und wurde dort Lehrerin. Ein Besuch.

  • Lehrermangel in Sachsen-Anhalt: Das Land kann den Bedarf von rund 4.900 Lehrkräften nicht vollständig decken.
  • Beruf gewechselt: Anja Schlender war Journalistin und wurde als Seiteneinsteigerin Englisch-Lehrerin, weil an der Grundschule ihres Sohnes Lehrkräfte fehlten.
  • Kritik an Seiteneinsteigern: Michael Ritter von der Universität Halle kritisiert, dass Seiteneinsteiger nur einen vierwöchigen Kurs absolvieren müssen.

Anja Schlender hätte nie gedacht, dass sie einmal Lehrerin werden würde, als sie sich damals entschied Amerikanistik zu studieren und danach als Journalistin zu arbeiten. "Das war so nicht geplant, ich mochte meinen Beruf gern. Aber ich habe mitbekommen, dass in der Grundschule meines Sohnes Lehrer fehlen. Die Klassenlehrerin war langzeitkrank", erzählt sie. Und so kam es, dass sie seit Oktober 2020 als Englischlehrerin an der Grundschule in Osterweddingen unterrichtet.

Ich habe Amerikanistik studiert, habe das spaßeshalber zum Landesschulamt geschickt und geschaut, ob die mir das anerkennen würden. Nach 24 Stunden hatte ich die Antwort, dass ich Englisch bis zum Abitur unterrichten dürfte.

Anja Schlender, Seiteneinsteigerin in den Lehrberuf

Problem: Lehrermangel in Sachsen-Anhalt

Dass Lehrerinnen und Lehrer an Schulen fehlen, damit steht die Grundschule in Osterweddingen nicht alleine da. Wie es aus dem Bildungsministerium Sachsen-Anhalt heißt, besteht bis zum Jahr 2025 ein Bedarf von rund 4.900 Lehrkräften. Diesen könne das Land nicht vollständig mit der eigenen Ausbildung decken.

Wie gravierend die Folgen des Lehrermangels sein können, wird beispielsweise in Aken deutlich. An der Sekundarschule am Burgtor gab es dieses Jahr massive Unterrichtsausfälle, weil viele Lehrkräfte krank waren. Nach Angaben der Schule konnten in manchen Wochen teilweise nur etwas mehr als 50 Prozent der regulären Stunden abgehalten werden.

Kritik am Einsatz von Seiteneinsteigenden

Wie das Bildungsministerium Sachsen-Anhalt weiter erklärt, arbeiten aktuell 1.015 Seiteneinsteigende in den Schulen im Land. Michael Ritter, Professor für Grundschuldidaktik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, kritisiert deren fehlende Ausbildung:

Das Problem der Seiteneinsteiger ist, dass sie mit einer minimalen Vorbereitung an die Schulen müssen und dort die volle Verantwortung für Unterrichtstätigkeiten übernehmen, für die sie gar nicht ausgebildet sind.

Michael Ritter, Professor an der Universität Halle

Er findet, dass ihnen fachdidaktische, pädagogische und psychologische Fähigkeiten fehlen, die Lehrkräfte normalerweise in einem mehrjährigen Studium lernen. Deshalb plädiert Ritter dafür, dass es für Seiteneinsteiger nicht nur einen kurzen Kurs gibt, sondern ihnen "eine zusätzliche Ausbildung, ein zusätzliches Studium zu ermöglichen, das mittelfristig den sehr engagierten und motivierten Seiteneinsteigern auch die Möglichkeit gibt, die fachlichen Grundlagen zu erwerben."

Zwiespalt: Keine Zeit für Fortbildung und Unterricht

Als Anja Schlender an der Grundschule in Osterweddingen als Seiteneinsteigerin angefangen hat, wurde sie von ihrer Vorgängerin eingearbeitet. "Eine tolle Kollegin mit tollen Methoden – da habe ich mir viel abgeguckt", erzählt sie. Außerdem hätte sie sich viele Fächer bei ihren Kollegen angeschaut und hospitiert.

Genau wie Michael Ritter von der Universität Halle findet sie, dass ein vierwöchiger Kurs nicht ausreicht. Sie würde sich ein kleines Referendariat mit Bezahlung wünschen. Gleichzeitig sieht sie aber auch folgendes Problem:

Wir sollen uns weiterbilden und tun das auch – gleichzeitig fällt dann der Unterricht aus, den wir nicht leisten. Immer wenn wir dort sind, sind wir nicht hier in der Schule. Es muss Vertretung gemacht werden – dann fallen Stunden aus.

Anja Schlender, Seiteneinsteigerin in den Lehrberuf

Deshalb betont Petra Meyer, Schulleiterin der Grundschule in Osterweddingen, wie wichtig die Seiteneinsteiger für den Schulalltag in Sachsen-Anhalt sind: "Wenn Anja und Co. morgen wieder in ihre alten Berufe zurück gehen würden? Katastrophe. Ich würde alles versuchen, sie davon abzuhalten." Sie hatte besonders vor den Sommerferien schlaflose Nächte, weil sie im Kopf hatte, dass es bald wieder eine Einschulung gibt, aber keine Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Jetzt gebe es glücklicherweise zwei Seiteneinsteiger, die sie unterstützten.

Diskussion über Lehrermangel in Sachsen-Anhalt Aber wie kann das Problem des Lehrermangels gelöst werden? Was muss in Sachsen-Anhalt passieren? Darüber diskutiert die Talk-Runde von FAKT IST! am Montag, 15. November 2021 ab 20:30 Uhr im Livestream und ab 22:10 Uhr im MDR Fernsehen.

Quelle: MDR/Johanna Daher

Dieses Thema im Programm: MDR FAKT IST! | 15. November 2021 | 22:10 Uhr

2 Kommentare

Michi 45 am 16.11.2021

Es gibt tolle und engagierte Quereinsteiger! Leider verwehrt Sachsen Anhalt erfolgreichen Erzieherinnen (mit guten bis sehr guten Abschlüssen) diesen Weg, da Sachsen Anhalt als Voraussetzung ein Studium fordert. Ergo ist beispielsweise ein Maschinenbauingenieur mit schlechtem Abschluss besser geeignet für diese Tätigkeit als eine Erzieherin, welche für ein sehr schmales Gehalt als pädagogische Mitarbeiterin tätig und eh Unterricht gibt. Ups! Das ist ja offiziell verboten... So kann sich das Land prima "heimliche Lehrerinnen für kleines Geld" halten und das System bleibt am Leben. Sachsen und Niedersachsen gewähren den Erzieherinnen übrigens diesen Weg der Entwicklung. Sachsen Anhalt ist irgendwie ein Bundesland zum Auswandern.

Altlehrer am 15.11.2021

Ich erlebe die Seiteneinsteiger als hochmotiviert, sehr engagiert und einen echten Gewinn. Der Vorbereitungskurs und auch das berufsbegleitende Studium dagegen vermitteln kaum wichtige didaktische, pädagogische und psychologische Kompetenzen. Statt dessen werden gemessen an den Anforderungen an der Sekundarschule völlig überzogene fachliche Inhalte gelehrt.

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