Landkreis Harz Evangelische Stiftung Neinstedt: Auf dem Weg zu mehr Inklusion und Teilhabe

07. Februar 2023, 19:37 Uhr

Neinstedt bei Thale ist ein außergewöhnlicher Ort im Harz. Denn seit mehr als 170 Jahren werden hier Menschen mit Behinderungen betreut. Heute prägt die Evangelische Stiftung Neinstedt den Ort. Inklusive Strukturen entwickeln sich. Und auch die 20-jährige Sophia hat hier ein Zuhause und Unterstützung fürs Leben gefunden.

Schon von weitem kann man ihr Lachen, ein paar Gesprächsfetzen und lautstarke Begrüßungsrufe hören. Eine bunte Gruppe von etwa 15 jungen Menschen trifft sich am Feldrand des Dorfes, die Hälfte ist mit dem Rad gekommen. Sie alle wohnen in der Evangelischen Stiftung Neinstedt. Auch die 20-jährige Sophia ist mit dabei.

In wenigen Wochen steht ein "Special Triathlon" an. Das ist eine Kombination aus Laufen, Schwimmen und Radfahren, speziell für Menschen mit geistigen Behinderungen. Dafür wollen sie fit sein. Abwechselnd wird heute das Laufen und Radfahren trainiert. Jeder in seinem Tempo und so wie er kann. Heilerziehungspfleger Winfried Knorr gibt ein paar Anweisungen, er trainiert die Gruppe.

Hilfe in der Stiftung Neinstedt

Sophia kennt Winfried Knorr bereits seit fünf Jahren. Da kam die junge Frau erstmals nach Neinstedt und entschied sich, hier zu leben. Sophia war damals 15 Jahre alt. Sie ist in schwierigen Familienverhältnissen groß geworden.

Drogen und Alkohol verschlimmerten die Situation, erzählt sie: "Mir ging es nicht so gut, weil ich nur unter Alkohol oder Drogen stand. Und ich hab‘ gedacht, irgendwann muss das ja auch mal enden. Dann bin ich in die Klinik gegangen und nach der Klinik hab‘ ich mir die Stiftung in Neinstedt angeguckt fürs Wochenende und dann hab‘ ich gesagt, ich gehe hier her. Weil hier ist es besser, als Zuhause."

Wohngemeinschaft ist wie eine Familie

Seither wohnt Sophia in einer Wohngemeinschaft der Stiftung. Zurzeit lebt sie auf dem Johannenhof mit sieben weiteren jungen Menschen zusammen. Sie alle sind hier, weil sie mit geistigen oder seelischen Behinderungen leben und im Alltag Unterstützung brauchen.

Dafür steht ihnen ein Team von Heilerziehungspflegern täglich für alle Lebensfragen zur Seite. Sophia schätzt die Atmosphäre vor Ort: "Es ist wie ein Familienhaus. Als wären die Mitbewohner deine Geschwister und die Betreuer wie ein Elternteil."

Es ist wie ein Familienhaus. Als wären die Mitbewohner deine Geschwister und die Betreuer wie ein Elternteil.

Sophia, Bewohnerin der Evangelischen Stiftung Neinstedt

Einer dieser Betreuer ist Paul Fuhrmeister, er ist Heilerziehungspfleger und Leiter der Wohngruppe. Für Sophia sei Bestätigung sehr wichtig, erzählt er: "Sie braucht sehr viel Liebe, sehr viele Gespräche, die ihr zeigen, dass man sich im geborgenen Umfeld wohl fühlen kann. Und sie braucht Menschen um sich herum, die sie nehmen und lieben, wie sie ist. Mit all ihren Ecken und Kanten."

Die Evangelische Stiftung Neinstedt - ein kurzer historischer Überblick

  • Die soziale Arbeit und die Unterstützung von bedürftigen Menschen haben in Neinstedt lange Tradition. 1850 gründete das Paar Philipp und Marie Nathusius ein Knabenrettungs- und Brüderhaus zur Fürsorge von Waisenkindern und Jungen aus sozial schwachen Familien. Darüber hinaus wurde 1861 das Elisabethstift für geistig behinderte Menschen eröffnet. Gegründet wurde es von Johanne Nathusius, der Schwester von Philipp.


  • Die Zeit des Nationalsozialismus ist für Neinstedt eines der finstersten Kapitel. Im Zuge der Euthanasie-Programme der Nazis wurden über 1.000 Menschen von hier in andere Anstalten verlegt. Die meisten von ihnen überlebten die Strapazen nicht oder wurden in anderen Mord-Anstalten getötet.


  • In der DDR war Neinstedt vor allem unter dem Namen der "Neinstedter Anstalten" bekannt. In den Einrichtungen der Anstalten lebten vor allem Menschen mit geistigen Behinderungen.


  • Heute ist die Evangelische Stiftung Neinstedt einer der größten sozialdiakonischen Dienstleister in der Region. Vor allem Menschen mit geistigen und schwerstmehrfachen Behinderungen werden hier betreut und gefördert. Es gibt viele Angebote in den Bereichen Bildung, Arbeit in Werkstätten, Pflege, Therapie, Wohnen und Freizeit. Darüber hinaus gibt es auch Kitas und Senioreneinrichtungen für Menschen ohne Behinderung.

Junge Menschen stark und selbstständig machen

Ziel der Stiftung ist es, die jungen Leute selbstsicher und stark zu machen. So dass sie in naher Zukunft ihr Leben eigenständig gestalten, Probleme bewältigen und ihre persönlichen Wege gehen können – beruflich und privat. Momentan macht Sophia im Berufsbildungsbereich der Stiftung ein Praktikum. Dafür ist sie regelmäßig im Café auf dem Marienhof.

Der Marienhof ist ein inklusiver Biobauernhof, und das bereits seit über 20 Jahren. Rund 1.200 Hühner, 40 Rinder, fünf Bienenvölker, einige Ziegen, Schafe, Esel und Enten leben hier. Gemüse wird ebenfalls ökologisch angebaut. Es gibt eine kleine Bäckerei, einen Hofladen und eine gemütliche Cafeteria.

Hier ist Sophia jetzt immer öfter im Einsatz. Sie deckt die Tische ein, nimmt Bestellungen auf, bringt Getränke und Essen zu den Gästen. Eine Arbeit, die sie fordert und fördert. “Ich komme gerne hier her, weil es abwechslungsreich ist, weil es Spaß und wegen der Leute“, erzählt Sophia.

Wertschätzendes Betriebsklima hat Priorität

Zum inklusiven Team gehören 25 Personen, rund die Hälfte von ihnen lebt mit einer Behinderung. Kaja Kaufmann Heinrich ist hier Teamleiterin und unter anderem für die Einteilung des Personals zuständig. Ein wertschätzendes Betriebsklima und die Arbeit auf Augenhöhe liegen ihr besonders am Herzen.

"Jeder hat seine Spezialität und Kernkompetenz, worum er sich kümmert. Und auch die Kollegen mit Handicap haben ihre Bereiche, wo sie vorzugsweise eingesetzt werden. Da gibt’s unterschiedliche Anforderungen, je nachdem, was sie leisten können und was sie sich zutrauen. Und dann geht das ganz normal, wie in jedem anderen Betrieb auch."

"Für unsere Beschäftigten ist es wichtig, dass es ein Ziel gibt, das zu erreichen ist. Sie sollen sich weiterentwickeln und nicht stehen bleiben. Und gerade für Sophia ist es wichtig, offener zu werden, mit neuen Situationen umgehen zu können. Und das wird sicherlich für sie eine Herausforderung, aber das wird sie lernen, da bin ich ganz sicher."

Sport gibt Halt

In ihrer Freizeit treibt Sophia Sport. Auch das gibt ihr Halt und Struktur. Seit vier Jahren ist der Triathlon für Menschen mit geistigen Behinderungen ein Highlight der Stiftung. Athletinnen und Athleten aus ganz Deutschland kommen dafür nach Neinstedt. Dazu gehört ein mehrtägiges Begegnungscamp für alle Beteiligten und eine Abschlussparty.

Rund 150 Menschen hatten sich vergangenes Jahr angemeldet. 50 waren aus Neinstedt dabei. Die Streckenführung umfasste 150 Meter Schwimmen, acht Kilometer Radfahren und zwei Kilometer Laufen. Und für Sophia hat sich das Training ausgezahlt. Am Wettkampftag belegte sie in ihrer Leistungsklasse den zweiten Platz.

Qualifiziert für die Special Olympics World Games

Doch damit nicht genug. Sie konnte sich außerdem für die Special Olympics World Games in Berlin qualifizieren. Dieses Event ist die weltweit größte inklusive Sportveranstaltung und findet dieses Jahr vom 17. bis 23. Juni statt. In 26 Sportarten treten tausende Athletinnen und Athleten mit geistiger und mehrfacher Behinderung an.

Sophia wird dort im Radsport ihre Schnelligkeit beweisen und freut sich sehr über diese Chance. Eine gute Platzierung ist für mich gar nicht so wichtig, denn dabei sein ist alles“, meint Sophia. Und auch Heilerziehungspfleger und Trainer Winfried Knorr freut sich über ihre Teilnahme. "Wir sind sehr stolz, dass Sophia sich qualifizieren konnte. Diese Aufmerksamkeit und Unterstützung wird ihr guttun. Es wird ein spannender Sommer."

MDR (Franziska Kruse, Leonard Schubert)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 14. Februar 2023 | 21:00 Uhr

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