Kritik an Förderrichtlinien Warum Timmenrode im Harz seit Jahren um ein neues Feuerwehrhaus kämpft

06. November 2022, 15:08 Uhr

Zwei Tage war MDR SACHSEN-ANHALT in Timmenrode, um herauszufinden, was die Menschen in dem Harz-Dorf beschäftigt. Entstanden ist eine vierteilige Serie. Im ersten Teil geht es um das Feuerwehrhaus im Ort. Das ist fast 150 Jahre alt und viel zu klein für heutige Bedürfnisse. Seit Jahren bemüht sich Timmenrode daher um einen Neubau – und verzweifelt an Bürokratie und Förderrichtlinien des Landes.

Lucas Riemer
Bildrechte: MDR/Tilo Weiskopf

Wenn Jürgen Baum das Löschfahrzeug der Timmenröder Feuerwehr rückwärts im Depot einparkt, ist Maßarbeit gefragt. Markierungen auf dem Boden weisen dem Feuerwehrmann den Weg zur genau ausgemessenen Parkposition. Zusätzlich verhindert ein dicker, am Boden befestigter Holzbalken, dass das Fahrzeug versehentlich zu weit rollt und die Decke des Gebäudes touchiert. Steht das Auto, bleiben nur Zentimeter bis zur Decke und Rückwand des Gerätehauses. Weil es so eng ist, muss die Besatzung draußen ein- und aussteigen.

Warum MDR SACHSEN-ANHALT in Timmenrode war

Einmal im Jahr lädt der MDR bei der "Programmmachen-Aktion" interessierte Menschen ein, für einen Tag in einer Redaktion mitzuarbeiten. Im Rahmen dieser Aktion war der Timmenröder Ortschronist Lothar Wiegmann im September zu Gast in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Dort berichtete er, was die Menschen in Timmenrode derzeit bewegt. Diesen Themen ist MDR SACHSEN-ANHALT vor Ort nachgegangen.

Melden Sie sich gerne bei uns, zum Beispiel über die Kommentarfunktion unter diesem Artikel, wenn auch Sie Themen kennen, über die MDR SACHSEN-ANHALT einmal berichten sollte.

Knapp 150 Jahre alt ist das Gebäude, in dem die 25 aktiven Kameraden und Kameradinnen der Freiwilligen Feuerwehr des Blankenburger Ortsteils Timmenrode ihre Zentrale haben. Nicht nur in der Garage geht es eng zu, auch die Umkleidekabinen sind zu klein, für Frauen gibt es keine eigenen Toiletten und Duschen und im Schulungsraum ist nicht genug Platz für alle.

Ausnahmegenehmigung erlaubt Weiterbetrieb

Dass wenigstens das Löschfahrzeug in das Gerätehaus passt, ist den Timmenröder Feuerwehrleuten zu verdanken, die Ende der 1990er Jahre in Eigenleistung die Decke des Gebäudes nach oben versetzten. Aber für den Mannschaftswagen ist drinnen kein Platz, er muss bei Wind und Wetter draußen stehen. Andere Ausrüstung, die ebenfalls nicht ins Gerätehaus passt, ist auf verschiedene Standorte im Tausend-Seelen-Dorf verteilt. "Nur mit einer Ausnahmegenehmigung dürfen wir das Depot weiter betreiben", sagt Jürgen Baum, der seit 2014 auch parteiloser Ortsbürgermeister von Timmenrode ist.

Seit vielen Jahren kämpfen Baum und seine Kameradinnen und Kameraden daher für ein neues Feuerwehrhaus in ihrem Dorf – bislang erfolglos. Dabei liegen die Pläne für das neue Depot fertig in der Schublade: Zwei Stockwerke soll es haben, Platz für drei Feuerwehrfahrzeuge, eine Absauganlage für die Abgase, Stellplätze für die Autos der Feuerwehrleute, ausreichend große Umkleidekabinen und Räume für die Kinder- und Jugendfeuerwehr.

Jahrelanger Kampf um Fördermittel

Auch ein Platz für das neue Feuerwehrgerätehaus wurde bereits gefunden. 2017 ersteigerte die Stadt Blankenburg ein leerstehendes Gebäude samt Grundstück an der Blankenburger Straße in Timmenrode, in dem früher unter anderem die Dorfkneipe untergebracht war. Das Gebäude wurde in der Zwischenzeit abgerissen. Doch dort, wo irgendwann mal die Feuerwehr sein soll, wuchert derzeit nur Unkraut. Keine Spur von Baggern und Baumaschinen.

Wir als Feuerwehr oder Kommune sollen immer nach der Pfeife tanzen, die gerade in Magdeburg gespielt wird. Das ist für mich ein Ärgernis.

Jürgen Baum, Feuerwehrmann und Ortsbürgermeister in Timmenrode

Denn um den Bau zu finanzieren, dessen Kosten aktuell mit 2,7 Millionen Euro veranschlagt werden, bräuchte Blankenburg Fördermittel vom Land. Seit sechs Jahren versucht die Stadt, Gelder zu bekommen. Erhalten habe sie bislang null Euro, sagt Timmenrodes Ortsbürgermeister Baum. Bürokratische Hürden machten immer wieder einen Strich durch die Rechnung. "Man fühlt sich inzwischen veralbert", klagt Baum.

"Von der Stadt Blankenburg haben wir alle Unterstützung", sagt der Ortsbürgermeister. Seine Kritik richtet sich vielmehr an die Landesregierung. "Alle halbe Jahre werden Förderrichtlinien über den Haufen geworfen und neu erfunden. Wir als Feuerwehr oder Kommune sollen immer nach der Pfeife tanzen, die gerade in Magdeburg gespielt wird. Das ist für mich ein Ärgernis", kritisiert Baum.

Innenminister zu Besuch in Timmenrode

Im Jahr 2020 ist das leerstehende Gebäude auf dem Grundstück für das neue Feuerwehrdepot abgerissen worden. Damals habe es ursprünglich eine Zusage des Amtes für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten gegeben, 75 Prozent der Abrisskosten von mehr als 200.000 Euro aus Fördermitteln zu finanzieren, berichtet Baum. Später sei diese Zusage widerrufen worden, weil der Antrag angeblich formale Fehler enthalten habe, so Baum. Die Stadt Blankenburg sei auf den Abrisskosten sitzen geblieben, das Widerspruchsverfahren laufe noch.

Ebenfalls im Jahr 2020 besuchte der damalige CDU-Innenminister Holger Stahlknecht Timmenrode und stellte 450.000 Euro für den Neubau des Feuerwehrdepots in Aussicht. Bis heute sei jedoch kein Cent in Timmenrode angekommen, sagt Bürgermeister Baum.

Anfang 2022 kam auch die aktuelle Innenministerin Tamara Zieschang (CDU) nach Timmenrode, um sich vor Ort ein Bild von der Situation im Feuerwehrdepot zu machen. Jürgen Baum lobt zwar die Fachkenntnis der Ministerin, doch Fortschritt in Sachen Neubau brachte auch ihr Besuch nicht.

Stattdessen flatterte erst vor ein paar Wochen der Ablehnungsbescheid für einen weiteren Fördermittelantrag herein, den die Stadt Blankenburg im Frühjahr gestellt hatte. "Je länger man etwas verzögert, desto weniger Geld brauche ich auszugeben. So kann man wahrscheinlich Geld sparen. Aber das hilft uns hier vor Ort nicht", sagt Baum mit Blick auf die Landesbehörden.

Bau ohne Fördermittel möglich?

Eigentlich hatte der 62-jährige Ortsbürgermeister gehofft, eines Tages als aktiver Feuerwehrmann in das neue Depot einzufahren. In fünf Jahren erreicht er aber die Altersgrenze und muss aus dem aktiven Dienst ausscheiden.

Damit aus seinem Traum bis dahin doch noch Realität wird, will sich Baum nicht mehr auf die Landesregierung verlassen. Stattdessen sucht er nun mit anderen Feuerwehrleuten und der Stadt Blankenburg nach Einsparpotenzialen beim Entwurf des Neubaus – damit das neue Gerätehaus vielleicht auch ohne Fördermittel des Landes gebaut werden kann.

Lesen Sie am Montag im zweiten Teil der Serie, wie Vereine aus Timmenrode ums Überleben kämpfen und dabei auf Zusammenarbeit setzen.

Lucas Riemer
Bildrechte: MDR/Tilo Weiskopf

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über gesellschaftliche und politische Themen aus den Regionen des Landes.

MDR (Lucas Riemer)

9 Kommentare

ElBuffo am 08.11.2022

Für die Feuerwehr im Ort ist eben nicht der Bund zuständig. Ansonsten meckert man gerne, dass alles besser vor Ort und nicht fernab in einer Zentrale entschieden werden möge. Bei 25 Aktiven stellt sich allerdings schon ein wenig die Frage, wie oft die überhaupt einsatzbereit sein kann. Ein paar davon werden wohl immer gerade mal auf Atbeit, krank oder im Urlaub sein?

Harka2 am 07.11.2022

@salzbrot
Unsinn. Die Feuerwehr wird vor Ort gebraucht, da geht es um Sekunden! Eine Feuerwehr die erst kilometerweit anrücken muss ist die schlechtere Lösung. Abgesehen davon hat die Bundesrepublik genug Geld um Milliarden in die Rüstung zu pumpen und zig Millionen in repräsentative Bauten im Berliner Regierungsviertel - da sollten die paar Euro für ein Feuerwehrhaus doch drin sein!

salzbrot am 07.11.2022

Kann der Ort nicht von Blankenburg mitbeschützt werden? Die meisten Feuerwehreinsätze ergeben sich inzwischen durch Autobahnunfälle und Wald- und Feldbrände. Dafür muss es nicht mehr in jedem Dorf eine Feuerwehr geben, denke ich. Besser eine ausreichend große in einem bestimmten Radius.

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