Im Harzort Wienrode hat sich eine völkische Gruppe angesiedelt.
Im Harzort Wienrode zwischen Blankenburg und Thale hat sich die Gruppe "Weda Elysia" niedergelassen. Bildrechte: MDR/Jana Merkel

Gruppe "Weda Elysia" Interview: Wie Bürger mit völkischen Siedlern in Wienrode umgehen

11. Januar 2023, 16:35 Uhr

In Wienrode bei Blankenburg hat sich die Gruppe "Weda Elysia" niedergelassen und renoviert einen alten Gasthof. Die Mitglieder haben laut MDR-Recherchen auch Kontakt zu rechtsextremen Kreisen. "Exakt – Die Story" hat einen Film über die Probleme in Wienrode gedreht. MDR-Reporter Tim Schulz beschreibt, wie sich die Menschen vor Ort fühlen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie kam es zu diesem Film? Wie seid ihr auf "Weda Elysia" aufmerksam geworden?

Tim Schulz, MDR-Autor: Meine Kollegin Jana Merkel und ich, wir haben uns eigentlich mit dem Thema beschäftigt, wo der Zusammenhang zwischen Rechtsextremismus und Ökologie liegt. Uns ist nämlich aufgefallen, dass auch in der Ökoszene und der Biobranche immer wieder Personen mit rechtsextremen Bezügen beziehungsweise Ansichten auffallen.

Ein Beispiel dafür, das einem dann relativ schnell über den Weg läuft, ist die Anastasia-Bewegung – so eine esoterische, lose Siedlungsbewegung, zu der auch "Weda Elysia" gehört. Die Gruppe in Wienrode gilt als der Ableger der Bewegung im deutschsprachigen Raum. In Wienrode ist das Thema seit 2019 virulent, weil die Gruppe seitdem den alten Gasthof in der Ortsmitte gekauft hat und zu einer Art kulturellem Zentrum ausbauen will.

Völkische Siedler bauen den alten Gasthof in Wienrode offenbar zu einem kulturellen Zentrum um.
"Weda Elysia" renoviert den alten Gasthof in Wienrode. Bildrechte: MDR/Christian Werner

Was war besonders schwierig – zum einen an der Recherche, aber dann vor allem bei den Dreharbeiten?

Wir haben bei der Recherche und auch bei den Dreharbeiten festgestellt, dass das Thema "Weda Elysia" ein ziemliches Tabuthema für viele Menschen im Ort ist. Das ist eigentlich unabhängig davon gewesen, ob sie dafür oder dagegen sind.

Ruth Fiedler (re.), hier mit MDR-Reporterin Jana Merkel, tritt offen gegen rechtsextreme Strukturen ein
Mit MDR-Reporterin Jana Merkel (li.) wollten nur wenige Menschen für den Film sprechen. Bildrechte: MDR/Michael Damm

Kaum jemand will sich öffentlich darüber äußern. Es gibt Menschen, die kritisch sind, wir haben auch mit einigen gesprochen. Sie fühlen sich von den Siedlern bedroht und fürchten auch Anfeindungen aus dem Ort, wenn sie sich darüber öffentlich beschweren. Sie wollen sozusagen nicht als Nestbeschmutzer gelten.

Es gibt natürlich auch viele, die sich gar nicht so positionieren wollen. Die sagen: "Mensch, lass sie doch machen, sie renovieren doch nur ein altes Gebäude." Und es gibt im Ort auch einige, die durchaus damit sympathisieren, die den Zielen und der Ideologie der Gruppe viel abgewinnen können.

Seid ihr während der Dreharbeiten in Wienrode in irgendeiner Weise bedrängt worden oder konntet ihr ganz entspannt den Film drehen?

Also ich kann nicht direkt von einer Bedrohung sprechen. Es gab durchaus ein, zwei Situationen, in denen uns Mitglieder von "Weda Elysia" verbal konfrontiert haben, würde ich sagen. Also indem sie uns kritische Fragen gestellt haben und uns vielleicht auch ein bisschen mehr aus der Reserve locken wollten. Aber ansonsten konnten wir relativ entspannt dort drehen.

Gibt es irgendetwas, das dich ganz besonders bewegt hat?

Ich fand es insgesamt interessant zu sehen, was die Anwesenheit dieser Gruppe mit dem Ort macht. Ich komme selbst aus einer kleinen Gemeinde, die Wienrode gar nicht so unähnlich ist. Da hat es mich bewegt zu sehen, welche Gräben sich in einer Dorfgemeinschaft auftun können. Man muss sich vor Augen führen, dass die Welt in so einer Gemeinde relativ klein ist und man sich schwer aus dem Weg gehen kann. Man ist immer mit dem Konflikt konfrontiert. Und ich kann mir vorstellen, dass es für die Menschen im Ort keine einfache Situation ist. Zumal auch viel Aufmerksamkeit seitens der Medien auf den Ort gefallen ist, was sicherlich keine Alltagssituation für Menschen in so einem kleinen Dorf ist.

Dieses Thema im MDR FERNSEHEN:

Mehr zum Thema sehen Sie am 11.01.2023 um 20:45 Uhr bei EXAKT DIE STORY im MDR FERNSEHEN.

Sehen Sie hier den Film von "Exakt – Die Story":

Sendungsbezogen 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR (Tim Schulz)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | EXAKT DIE STORY | 11. Januar 2023 | 20:45 Uhr

48 Kommentare

Fakt am 13.01.2023

@Sonnenanbeter:

Nach über 30 Jahren sollte man eigentlich im Hier und Heute sowie in der Realität angekommen sein, so wie glücklicherweise auch das Gros der Ostdeutschen - aber es gibt wohl noch reichlich Ausnahmen!

Anita L. am 13.01.2023

Ja, warum nur muss man sich wohl zu einer antisemitischen, revisionistischen und völkischen "Siedlung" im Heimatort positionieren? Warum sollte man sie wohl nicht einfach schweigend machen lassen? Das zu verstehen, sollte man vielleicht nicht nur Juli Zeh, sondern auch andere literarische Werke zu Rate ziehen, und auch der Blick in ein Geschichtsbuch könnte recht hilfreich sein. Weda Elysia und ähnliche völkische "Siedler" sind nicht nur in Wienrode zugange. Und am Ende will's wieder keiner gewesen sein. DAS zumindest müssten gerade die "überaltete Bevölkerung" noch am besten wissen; die sollten dafür noch nicht einmal Roman oder Geschichtsbuch nötig haben.

Anita L. am 13.01.2023

Noch einmal meine Frage: Haben Sie sich mal mit den Grundlagen und Denkweisen der Anastasia und darauf aufbauend Weda Elysia beschäftigt? Ich benötige doch keine Amadeo-Antonio-Stiftung, um eine Bibel, einen Koran, eine Tora, ein Parteiprogramm oder was sonst eben als ideologische Grundlage da ist, zu lesen. Ich benötige auch keine Amadeo-Antonio-Stiftung, um mir "Angst" zu machen - das machen die "Wissensüberlieferung" der "Anastasia" von ganz alleine.

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