Anonyme Berichte im Internet Sexuelle Belästigung: "Ich habe mich selten so gedemütigt gefühlt"

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Ungewollte Berührungen, sexuelle Bemerkungen und Beleidigungen – vor allem Frauen werden häufig in der Öffentlichkeit und von Fremden belästigt. Zwei Magdeburgerinnen sammeln ihre Geschichten und veröffentlichen sie anonym auf Instagram. Die Beiträge zeigen Gewalt und Demütigung.

 Zwei junge Frauen in Sommerkleidung auf dem Fußgängerweg sind von hinten zu sehen.
Die Gründerinnen von "Wir sehen hin" haben selbst schon sexuelle Belästigung erfahren. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

  • "… plötzlich hat mir jemand zwischen die Beine gepackt – und zwar sehr mittig. Ich hab mich umgedreht und es standen drei grinsende, gut angetrunkene Jungs vor mir." – Alina*, 27.
  • "Ein jüngerer Mann schaut aus dem Fenster und brüllt mir 'Du blöde F*tze' entgegen." – Maja*, 27.
  • "Ich habe mich selten so sehr gedemütigt gefühlt, habe nur auf den Boden gestarrt und bin schnell weitergelaufen, war wie eingefroren" – Vanessa*, 22.

Vanessa, Alina und Maja sind Decknamen für die jungen Frauen, die auf Instagram von sexueller Belästigung und sexualisierten Übergriffen berichten. Ihre Geschichten haben sie an die Gründerinnen von "Wir sehen hin" geschickt. Das Team des Instagram-Kanals sammelt diese Geschichten und veröffentlicht sie – anonym.

Viele Frauen erleben sexuelle Belästigung

Janina Hofmann, die gemeinsam mit einer Freundin hinter dem Projekt steht, will mit dem Instagram-Kanal ein Sprachrohr für Betroffene schaffen und ihnen zeigen, dass jemand ihre Geschichten hört. Sehr viele ihrer Freundinnen und Freunde hätten sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt erlebt und sie sagt: "Das hat mich sehr wütend gemacht. Aber man trifft auch immer wieder Leute, die sagen: 'Ach, so schlimm kann es doch nicht sein.'"

Was sind sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt?

"Sexuelle Belästigung ist jedes sexuelle Verhalten, das von den Betroffenen nicht erwünscht und von ihnen als beleidigend und abwertend empfunden wird. Sie kann sich in Worten, Gesten und Handlungen ausdrücken, durch ausfallende Bemerkungen über Aussehen oder Privatleben, Erzählen anzüglicher Witze, Zeigen von pornographischen Darstellungen, taxierende Blicke, unerwünschte Berührungen und Annäherungsversuche bis hin zu strafrechtlich relevanten Tatbeständen wie Stalking, sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Weil es ein einseitiges Verhalten ist, das von den Betroffenen als entwürdigend erlebt wird, unterscheidet es sich grundlegend von Flirts oder Komplimenten. Die vorsätzliche, körperliche sexuelle Belästigung ist strafbar (§ 184i StGB). Gegen sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz schützt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG)."

Sexualisierte Gewalt: "Andere Begrifflichkeit für sexuellen Missbrauch, die betont, dass nicht Sexualität, sondern Gewalt im Vordergrund steht. Der Begriff "sexualisierte Gewalt" verdeutlicht, dass Sexualität zur Gewaltausübung funktionalisiert wird."

Quelle: Webseite des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)

Viele junge Magdeburgerinnen haben bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Bei einer Straßenumfrage konnten fast alle Befragten eine Geschichte darüber erzählen, wie Männer sie belästigt oder ihnen ein unwohles Gefühl gegeben haben: Sie wurden etwa verfolgt oder angestarrt. Eine Passantin sagte, sie versuche dann einfach wegzugehen, aber: "wenn man sich dann umsieht, hilft einem eigentlich niemand wirklich."

Im folgenden Audio hören Sie Erfahrungen und Geschichten junger Frauen, die wir in Magdeburg auf der Straße unangekündigt zum Thema befragt haben.

Auch Männer wollen anonym Geschichten loswerden

Bei 'Wir sehen hin' melden sich laut Mit-Gründerin Viola überwiegend Frauen – aber auch Männer. Deren Berichte seien oft mit der Aussage verbunden, dass sie froh sein, endlich mal jemandem erzählen zu können. Viola erzählt die Geschichte nach, die ein Mann eingereicht hatte: "Er wurde darum gebeten von einer Frau die Einkäufe mit nach Hause zu tragen. Sie wollte ihn noch in die Wohnung einladen und er hat abgelehnt. Daraufhin ist die Frau laut geworden und hat ihm gedroht: 'Was meinst du, wem geglaubt wird, wenn ich schreie, dass du mich vergewaltigen willst?'"

Janina und Viola veröffentlichen auf ihrem Account immer mal wieder auch Zahlen und Daten, die sie in Polizeiberichten und Statistiken recherchieren – zum Beispiel, dass bei knapp zwölf Prozent der angezeigten Vergewaltigungen in Sachsen-Anhalt Männer die Opfer waren.

Zahl der Anzeigen in Magdeburg steigt

In Magdeburg sind im vergangenen Jahr nach Angaben der Polizei 60 Fälle von sexueller Belästigung angezeigt, 46 davon aufgeklärt worden. Es handelte sich nach Angaben einer Polizeisprecherin zum Beispiel um sexuelle Belästigung in Form von Anfassen, Umarmen, Berühren, Küssen, zum Beispiel Berührungen an den Brüsten oder im Intimbereich, am Po oder Küsse in Gesicht und an den Hals, auch Kneifen und leichte Schläge. Bei einigen Fällen seien zudem Bildmaterial oder "unsittliche Schreiben" versendet worden.

Statistisch erfasst werden solche Taten als "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung". Bei den Anzeigen aus dem Vorjahr handelte es sich vor allem um körperliche Überschreitungen und Angriffe, aber auch eine sexualisierte Bezeichnung oder Beleidigung kann laut Polizeisprecherin sexuelle Belästigung sein. Wiederum könnten Anzeigen, die als sexuelle Belästigung wahrgenommen werden, rechtlich auch als Beleidigung oder Nötigung gelten.

Die Zahl der Anzeigen ist in den vergangenen Jahren wieder gestiegen: 2018 gab es 42 angezeigte Fälle, 2019 nahm die Polizei 55 Anzeigen von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung entgegen. Im Jahr 2017 waren 48 Fälle angezeigt worden. Aufgeklärt wurden je etwa dreiviertel der Fälle.

"Das fängt schon bei gaffenden Blicken an"

Janina und Viola wollen mit ihrem Instagram-Projekt auch mehr Aufmerksamkeit auf das Problem lenken und möglichst auch Leute erreichen, denen bisher nicht bewusst ist, dass das Thema so viele Menschen betrifft. Sie finden: Sexuelle Belästigung fängt schon bei "gaffenden Blicken, Hinterherrufen und komische Geräusche machen" an.

Hinterherrufen kann schon sexualisierte Gewalt sein, weil sich die Betroffene oder der Betroffene dann in einer Situation befindet, wo sie oder er Angst erlebt, weil der andere vielleicht bedrohlich ankommt

Janina Hofmann

Bei "Wir sehen hin" sammeln die beiden 25-Jährigen aber auch Storys, die über Rufe, Blicke und Catcalling hinausgehen. Sie betonen, dass das Projekt keine Beratungsstelle ist. Auf der Webseite finden Betroffene aber Links und Telefonnummern von Stellen, die Hilfe anbieten. Aber: Jede und jeder kann die eigene Erfahrung über einen Fragebogen einreichen – mit Namen oder ohne. Auf Instagram würden sowieso alle Namen geändert, sagen die Gründerinnen, "um die Leute trotzdem zu schützen."

Hilfe für Betroffene

Wenn Sie von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder sich mit dem Thema nicht gut fühlen, finden Sie Unterstützung beim Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen (Tel.: 08000 166 016) oder auch bei ProFamilia

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Über Julia Heundorf Ich arbeite seit Februar 2020 für MDR SACHSEN-ANHALT. Ich bin im Landkreis Harz aufgewachsen und habe unter anderem in Halle, Bologna, Sofia und Nizza gelebt.

Während dieser Recherche wurde ich innerhalb von zwei Tagen einmal aus einem Auto heraus von jungen Männern angeschrien. Auf dem Weg zum Polizeirevier in Olvenstedt kam ein älterer Mann mir immer näher, musterte mich und quakte dabei aggressiv.

MDR/Julia Heundorf

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 29. Juli 2021 | 10:30 Uhr

10 Kommentare

Thommi Tulpe vor 7 Wochen

Ich denke:
Einerseits fordert und fördert die Gesellschaft einen "normalen" Umgang mit Sexualität, verschiedenen Formen dieser Sexualität, damit, dass es nicht nur "Weiblein" und "Männlein" gibt.
Dazu kommt: Sexualität ist selbst für Minderjährige im Internet ohne Problem präsent, "greifbar" (besser formuliert: ansehbar) - zumeist allerdings in realitätsfremder Art und Weise.
Zum anderen wird in zahlreichen Medien für Personen und Dinge geworben, welche sexuelle Dienstleistungen und Hilfsmittel anbieten.
Neugier, eine gewisse Geltungssucht - das beides ist sicher jedem Menschen gegeben, der/ dem einer/ einen mehr, der/ dem anderen weniger.
Die Gesellschaft hat die Welt immer mehr sexualisiert, ohne wirklich zu lernen, respektvoll mit diesem Thema umzugehen.
Erschwerend dazu kommt, dass zwar die westliche Welt die Frau dem Mann gleichstellt, dennoch wie vor Jahrtausenden und einige rückständige Länder weiterhin männerdominiert ist.
Der Welt fehlt Respekt - vor und gegenüber vielem.

JanErfurt vor 7 Wochen

Aggressiver Ton? ich fand, es war eine passende Antwort auf Ihren relativ nichtssagenden Kommentar (oder mit Ihren Worten zu sprechen: ungeistreicher Hashtag) zu einem Thema, was es unbedingt verdient, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Überlastung der vollziehenden Gewalt führt leider immer wieder dazu, dass entsprechende Vergehen nicht mit dem nötigen Nachdruck verfolgt werden. Auch das Ihrer Aussage nach "reinzuposaunen" führt aus meiner Sicht dazu, das Thema mehr in den Fokus zu rücken und vielleicht auch dazu, dass Opfer eher den Weg gehen, das Delikt auch zur Anzeige zu bringen.

DanielSBK vor 7 Wochen

Ihr aggressiver Ton ist der Sache nicht dienlich.

Anzeigen bei der Polizei, Staatsanwaltschaft oder anders wählen - es ständig ins Internet reinzuposaunen unter irgendwelchen ungeistreichen Hashtags ist doch eindeutig der falsche Weg und zieht vielleicht nur bei der Generation Y & Z.

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