Medienkompetenz und Schule Expertin: Die wenigsten Lehrkräfte an den Schulen sind digitalaffin

Ines Bieler weiß, wie schwer es Lehrkräften fallen kann, digital im Unterricht zu arbeiten. Schließlich hat sie selbst mehr als 20 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Heute arbeitet die Pädagogin an der Uni in Halle und versucht, Schulen digital fit zu machen. Im Interview erklärt sie: Es gibt noch reichlich zu tun.

Jugendliche vor Laptops im Wolterstorff-Gymnasium Ballenstedt
Im Leben von Kindern und Jugendlichen sind digitale Medien nicht mehr wegzudenken. Nur in der Schule wird wenig damit gearbeitet. Bildrechte: MDR/Detlef Heydecke

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Bieler, warum ist Medienkompetenz an Schulen wichtig?

Ines Bieler: Medienkompetenz ist eigentlich schon immer wichtig und nicht erst ein Thema seit Corona. Zu meiner Schulzeit haben wir Schulbücher und Schulfernsehen gehabt – da waren Medien auch schon da. Allerdings sind die digitalen Medien mit den bisherigen nicht unbedingt vergleichbar. Die digitalen Medien bringen noch mal eine ganz andere Qualität mit und verändern das Zusammenleben und Kommunizieren.

Es gibt somit eine Art Einfluss auf unsere kulturellen Praktiken, die wir im Alltag und auch in der Schule verfolgen und anwenden. Das beginnt allein beim Aufstehen mit dem digitalen Wecker. Da ist Medienkompetenz wichtig, weil die den Alltag des Lebens schlechthin durchzieht.

Die Expertin: Das ist Ines Bieler

Ines Bieler, von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Im Zentrum für Lehrerbildung der MLU Halle berät Ines Bieler Lehrer und Studierende. Bildrechte: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Ines Bieler hat mehr als 20 Jahre als Lehrerin an einem Gymnasium gearbeitet. 2018 hat sie die Seiten gewechselt, arbeitet seitdem am Zentrum für Lehrerbildung der Martin-Luther-Universität Halle im Projekt DikoLa (Digitalkompetenz im Lehramt). In ihrer Rolle versucht Bieler, Schulen, Lehrkräfte und Schüler digital fit zu machen – und Tipps zu geben, wie man den Unterricht digitaler gestalten kann.

Wie wird aktuell mit digitalen Medien an Schulen in Sachsen-Anhalt umgegangen?

Wenn ich ganz kritisch bin, spielen die digitalen Medien im Leben eine große Rolle, aber nicht unbedingt in Sachsen-Anhalts Schulen. Denn der allgemeine Zugang und die Endgeräte fehlen häufig. Da ist auch schon eine ganze Menge passiert. Die Realität sieht aber momentan so aus, dass es noch an vielen Details fehlt: Internetzugang, W-LAN oder Endgeräte.

Vor allem für die Lehrkräfte ist es meiner Meinung nach ganz wichtig, sich im Vorfeld damit auseinanderzusetzen. Sollten irgendwann Geräte und Internet-Zugänge eintrudeln, wissen die Lehrkräfte, wie sie diese pädagogisch und didaktisch in ihren Unterricht einbinden können.

Was ist Medienkompetenz?

Zum Thema Medienkompetenz gibt es verschiedene Modelle. Eines stammt von Dieter Baacke und beschäftigt sich mit den "vier Dimensionen". Ein weiteres Modell ist das sogenannte Dagstuhldreieck.

Die meisten Modelle haben im Grunde den selben Kern: Sie drehen sich um Wissen über Medien, ihre Funktionsweise, um ein kompetentes, selbstbestimmtes Handeln mit Medien und einen kritischen Umgang.

Der Begriff ist aber ständig im Wandel, denn die Welt und Gesellschaft werden durch und mit Medien gestaltet, so die Bundeszentrale für politische Bildung.

Was muss sich jetzt verändern, damit Lehrkräfte mehr mit digitalen Medien arbeiten?

Vorweg möchte ich die sogenannte "Bleistift-Metapher" stellen. Man stellt sich die Lehrkräfte als Bleistift vor. Die Spitze sind die digitalaffinen Lehrkräfte. Das Holz sind die Beständigen, die auch gern etwas machen würden, wenn es leichter wäre. Dann gibt es ganz hinten am Bleistift den Radierer. Diese Lehrkräfte haben keine Lust auf digital und sind vielleicht der Meinung, das hat keinen Bestand und geht wieder weg.

An der Relation der Metapher merkt man: Da ist viel Potenzial da. Die Lehrkräfte brauchen also Angebote, Inspiration, Motivation und vor allen Dingen Unterstützung.

Die Spitze eines Bleistifts sind die digitalaffinen Lehrkräfte. Das Holz sind die Beständigen, die auch gern etwas machen würden, wenn es leichter wäre. Dann gibt es ganz hinten am Bleistift den Radierer. Diese Lehrkräfte haben keine Lust auf digital.

Ich glaube, im Moment sind durchaus Angebote in der Breite und in vielen Facetten da. Aber die Lehrkräfte brauchen Zeit zum Fortbilden im digitalen Bereich. Und Zeit zum Erstellen für didaktisch-pädagogische Konzepte für den eigenen Schulkontext, die sich aus den neuen digitalen Medien ergeben.

Stilisierte Person mit Mikrophon in der Hand sowie Abbildungen von Zeitung, Radio, Fernsehen und Smartphone.
Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Können Sie Beispiele für Plattformen oder Hilfen nennen, die die Lehrkräfte unterstützen könnten?

Es gibt das Lehrerinstitut als erste Anlaufstelle. Darüber hinaus gibt es verschieden Anlaufstellen im digitalen Bereich, wo an nachschauen kann, wie etwa "MUNDO", die offene Bildungsmediathek der Bundesländer oder "Wir lernen online".

Das Beste ist eigentlich, sich selbst ins Internet zu begeben, sich mit anderen Lehrkräften zu vernetzen und auszutauschen. Da bietet sich das sogenannte #twitterlehrerzimmer an. Dort bekommt man eine kritische, aktuelle und kompetente Beratung.

Auf welche Weise sollte man Schülerinnen und Schülern Medienkompetenz vermitteln?

Man sollte eigentlich den Schülerinnen und Schülern Angebote machen, die vor allem handlungs- und produktionsorientiert sind. Es müssen also Medienprodukte erstellt, produziert und Feedback gegeben werden von den einzelnen Schülern. So sammeln die Lernenden die Kompetenzen und Erfahrungen im Erstellen und dem Auseinandersetzen mit den Tools.

Ines Bieler, von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 4 min
Bildrechte: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Do 15.07.2021 14:00Uhr 03:42 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/landespolitik/video-536064.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Was wünschen Sie sich für die Arbeit mit digitalen Medien an Sachsen-Anhalts Schulen?

Ich wünsche mir vor allen Dingen einen Austausch über alle Phasen der Lehrerbildung hinweg, also vom Studium bis zum Beruf. Ich sehe, dass die digitalen Medien und ihr Einsatz im Unterricht in den einzelnen Fächern für alle Phasen noch relativ neu ist.

Da müssen viele Szenarien ausprobiert und getestet werden, was gut funktioniert und was nicht. Von daher wäre jetzt eigentlich der Zeitpunkt genau richtig, in der Vernetzung über die Phasen hinweg zu gehen und Projekte anzustoßen.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bieler.

Das Interview führte Maximilian Fürstenberg.

MDR/Maximilian Fürstenberg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. Dezember 2021 | 13:40 Uhr

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