Betreuung für Kinder Erziehungsfachstellen als Alternative zu Heim oder Pflegefamilie

26. September 2023, 17:11 Uhr

Sogenannte Erziehungsfachstellen gelten in Sachsen-Anhalt als beste Alternative zu Heim-Aufenthalt oder Pflegefamilien. In der östlichen Altmark etabliert der Paritätische gerade die dritte Erziehungsfachstelle: Sie wird im Oktober in Bismark eröffnet. Das Modell: Kinder, die aus problematischen Verhältnissen stammen, leben statt im Kinderheim in privaten Haushalten von speziell geschulten Erziehern.

Grit Vogel betreibt eine Erziehungsfachstelle in Stendal. In ihrem privaten Haushalt leben zwei Mädchen, neun und elf Jahre alt. Die beiden Kinder haben geistige Handicaps oder psycho-emotionale Probleme, so schwer, dass sie in einem Kinderheim oder einer Pflegefamilie kaum zu händeln wären. Grit Vogel kümmert sich um die Mädchen – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Wie eine Mutter, und doch ist sie keine. Sie ist professionelle Erzieherin. Bezahlt wie eine normale angestellte Erzieherin vom Paritätischen.

"Allen Kollegen zolle ich wahnsinnigen Respekt, die in der stationären Hilfe arbeiten. Aber die Kollegen in den Erziehungsfachstellen, das finde ich nochmal schärfer. 365 Tage im Jahr immer mit den Kindern, immer mit den Eltern zusammenarbeiten. Deshalb haben die nochmal eine Portion Respekt obendrauf verdient", sagt Koordinatorin Kerstin Schmidt vom Paritätischen in der östlichen Altmark.

Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt

Dennoch gelten die Erziehungsfachstellen in der Branche als Ideal – für betroffene Kinder und für Erzieher. Die Intensität, mit der beide Seiten sich begegnen, miteinander arbeiten, ist anderswo nicht zu erreichen. Das ist für den Erzieher emotional herausfordernd, aber – fachlich betrachtet – auch die größte Aufgabe.

Frau mit Kind
In Erziehungsfachstellen können Kinder eine besonders enge Bindung zu den Erziehern aufbauen. (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für die Kinder ist es ein großes Glück. Sie gehen nicht in Kinderheim-Gruppen unter oder laufen in Pflegefamilien mit, sondern stehen im Mittelpunkt mit all ihren Bedürfnissen, Handicaps, Emotionen. Das ist beste Voraussetzung, um sich für das Leben – so gut es geht – zu rüsten.

Bedarf in Sachsen-Anhalt ist groß

Das sieht auch Daniela Sieting von der Erziehungsfachstelle Groß Garz im Landkreis Stendal so. Sie hat vor wenigen Jahren einen Schlussstrich unter ihre Arbeit als Heim-Erzieherin gezogen. "Im stationären Bereich hat man ständig mit wechselnden Kollegen, ständig mit diesen wechselnden Ansichten zu tun. Ständig haben mir diese Kinder leidgetan, die gefragt haben: 'Wer kommt denn jetzt in den Dienst?' Oder: 'Wann bist du wieder da?' Ich konnte das nicht mehr. Wir haben in Groß Garz ein Haus gekauft, und das war klar: Das wird eine Erziehungsfachstelle", erzählt Daniela Sieting.

Sie hat Zwillingsbrüder aufgenommen. Die beiden sind jetzt vier Jahre alt. Sieting, mit Leib und Seele Erzieherin, hat ihre Bestimmung gefunden. Für sie ist die Erziehungsfachstelle die ideale Methode, benachteiligten Kindern den Weg ins Leben zu ebnen.

Etwa 120 Erziehungsfachstellen gibt es in Sachsen-Anhalt. Der Bedarf ist ungleich größer. Die Kinderheime sind voll, es gibt zu wenig Erzieher. Die Kreis-Jugendämter sehen sich außerhalb ihres eigenen Landkreises nach Plätzen um. Doch weil Erzieher fehlen und Kinderheimplätze deshalb nicht belegt werden können, müssen etliche Kinder länger als nötig in ihren problematischen Familien bleiben, sagt Kerstin Schmidt vom Paritätischen.

MDR (Katharina Häckl, Lucas Riemer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. September 2023 | 17:00 Uhr

1 Kommentar

Paul90 vor 37 Wochen

Also Respekt.
Das man ein behindertes Kind zur Erziehung mit nach Hause bringt muss man auch dem Partner erklären. Wundert mich nicht, dass es davon nur wenige gibt.

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