Oberarzt Saleh Bin Salman, ein Mann mit dunklen Haaren und Brile, steht in einem Krankenhausgang. 2 min
Hören Sie hier den Beitrag zum Fastenmonat Ramadan Bildrechte: MDR/ Bernd-Volker Brahms
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Am Mittwoch feiern Muslime in Sachsen-Anhalt das Ende des Ramadans. EIne schöne, aber auch anstrengende Zeit, sagt der Stendaler Oberarzt Saleh Bin Salman.

MDR SACHSEN-ANHALT Di 09.04.2024 11:55Uhr 02:08 min

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Muslimisches Fasten Ramadan-Ende in Stendal: "Ich lächle viel mehr in der Zeit"

11. April 2024, 10:22 Uhr

In Sachsen-Anhalt gibt es rund 25.000 Muslime. Für sie ging am Mittwoch der Fastenmonat Ramadan zu Ende. 30 Tage lang durften sie tagsüber weder etwas essen noch etwas trinken. Gerade für Berufstätige kann das sehr hart sein. Ein Arzt aus Stendal erzählt, wie er die Zeit erlebt.

Ein Mann steht vor einem Bücherregal
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Saleh Bin Salman macht einen entspannten Eindruck. Es ist 17 Uhr im Stendaler Johanniter-Krankenhaus. Der Arzt hat gerade einen langen Arbeitstag hinter sich. Bereits um 3 Uhr in der Früh ist er aufgestanden, um noch vor dem Sonnenaufgang etwas zu sich zu nehmen. Seither hat er weder etwas gegessen noch getrunken. Und auch in den nächsten Stunden bis zum Sonnenuntergang wird dies so bleiben. "Die erste Woche im Ramadan ist immer hart", sagt der 47-Jährige. Da habe man Kopfschmerzen und spüre vor allem auch den Drang, etwas zu trinken. "Danach wird man ruhiger", sagt Saleh Bin Salman. Man werde aufmerksamer, horche nicht nur in sich rein, sondern nehme auch die Mitmenschen intensiver wahr. "Ich lächle viel mehr in der Zeit", sagt er.

Durch das Fasten solle es eine seelische und moralische Reinigung geben, sagt der Muslim. "Man soll sich zügeln, Agressionen abbauen und sich anderen Menschen zuwenden", sagt Saleh Bin Salman. Er freue sich abends auf das gemeinsame Essen mit der Familie und das gemeinsame Gebet.

Seit zwölf Jahren in Stendal

Seit zwölf Jahren arbeitet er bereits in Stendal als Arzt. Der sechsfache Vater ist neurochirurgischer Facharzt und Oberarzt der Orthophädie-Abteilung. Wie viele Ärzte am Stendaler Krankenhaus hat er einen Migrationshintergrund, er stammt aus dem Jemen. Geboren wurde er in Saudi-Arabien. "Ich liebe meinen Beruf", sagt Saleh Bin Salman, der nach 19 Jahren in Deutschland längst auch Deutscher geworden ist. Er möchte anderen Menschen helfen. "Wenn ich das schaffe, dann ist ihr Dank und ihr Lächeln eine große Belohnung für mich."

Ein Gebetsteppich liegt auf dem Boden
Im "Raum der Stille" im Krankenhaus liegt ein Gebetsteppich auf dem Boden. Bildrechte: MDR/ Bernd-Volker Brahms

Im Krankenhaus gibt es einen "Raum der Stille". "Hier treffen wir uns zum Freitagsgebet", sagt Saleh Bin Salman. Ein Gebetsteppich ist gen Mekka ausgerichtet, ein Koran liegt aufgeschlagen auf einem Holz-Ständer. Auch ein Kreuz hängt im Raum. Der Krankenhaus-Seelsorger Ulrich Paulsen hat das angebracht. Patienten wie Mitarbeiter gleichermaßen können hier in sich kehren.

Etwa 25.000 Muslime in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt gibt es schätzungsweise 25.000 Muslime. Das entspricht knapp über ein Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt. Dem Statistischen Landesamt liegt keine Erhebung vor, die letzten genauen Zahlen stammen vom Zensus 2011. Lediglich über die amtliche Steuer-Statistik bei Angaben zur Kirchensteuer sind Angaben zur Religionszugehörigkeit vorhanden. Mittlerweile gibt es landesweit 14 muslimische Gemeinden. Die Gemeinde in Stendal ist die einzige in der Altmark. 

"Ramadan immer eine Herausforderung"

"Der Ramadan ist immer eine Herausforderung", sagt der Arzt. Manchmal operiere er mehrere Stunden lang und trage dabei eine schwere Weste gegen Strahlungen. "Man schwitzt sehr darunter", sagt er. Meistens merke er erst im Anschluss, was für eine körperliche Leistung er erbracht habe. Einmal habe er sich während einer OP nicht gut gefühlt. "Da musste ich Fastenbrechen", sagt er. Die Gesundheit gehe in einem solchen Fall vor. Ohnehin werde im Ramadan Rücksicht genommen. Kinder bis etwa 14 Jahre, Kranke, Ältere und auch Schwangere fasten nicht in der Zeit. Es ist dann üblich Armen und Bedürftigen etwas zu spenden.

Aber auch gesunde Erwachsene können an die Grenze gebracht werden. "Wir haben schon Ramadan im Juni, Juli und August gehabt, da wird es richtig hart", sagt er. Nicht nur die Hitze ist dann das Problem, auch die verlängerten Tag-Zeiten durch den frühen Sonnenaufgang und den späten Sonnenuntergang. Die Länge der täglichen Fastenzeit variiert zwischen acht und 19 Stunden – je nachdem, wann der Fastenmonat im Jahr stattfindet.

Wann Ramadan gefeiert wird und welche Regeln es gibt

Der Fastenmonat hat in diesem Jahr am 10. März mit Erscheinen der Neumond-Sichel begonnen. Der islamische Kalender wird anders berechnet als der christlich-gregorianische und richtet sich nach dem Mond. Deshalb variiert der Zeitpunkt des Fastenmonats. Von Tagesanbruch bis zum Sonnenuntergang bleiben Teller, Tassen und Gläser leer. Abhängig vom islamischen Kalender kann so ein Fastentag zwischen 8 und 19 Stunden dauern. Fasten im Ramadan heißt: Radikaler Verzicht nicht nur beim essen und trinken. Auch reden sollte man nur das Nötigste, kein Parfum benutzen, nicht rauchen – eben auf Luxus und Lust verzichten, auch auf Sex. Das Wort "Fasten" kommt aus dem Hebräischen und bedeutet: Die Seele beugen. Im Arabischen heißt Fasten: "Saum" – es bedeutet Herz und Seele reinigen, Platz für den Glauben schaffen und an Menschen denken, denen es nicht so gut geht. Wie die Sonne zum Mond, so gehört für die Muslime zum Fasten das Fastenbrechen, sobald die Sonne untergegangen ist. Die Menschen treffen sich: Beten gemeinsam, essen, trinken, lachen, reden – holen all das nach, worauf sie am Tag verzichtet haben. Das Fasten während des Ramadans ist eine der fünf Säulen des Islam. Mit dem "Zuckerfest" endet der Fastenmonat Ramadan. Das im Arabischen "Eid al-Fitr" genannte Fest ist eines der wichtigsten Feste im Islam. Kinder bekommen vor allem Geschenke und Süßigkeiten.

Nazi-Schmierereien machen Gemeinde traurig

Die Moschee in Stendal
Die Moschee in Stendal ist das einzige muslimische Gotteshaus in der Altmark. Bildrechte: MDR/ Bernd-Volker Brahms

Viele Menschen in Deutschland können den Islam und seine Gepflogenheiten nicht verstehen. "Wir spüren sogar immer wieder Hass uns gegenüber", sagt er. Anfang des Jahres erst hatte es Nazi-Schmierereien an der Außenwand ihrer Moschee in Stendal gegeben. "Das war schlimm", sagt Saleh Bin Salman, der im Vorstand des Vereins "Muslime in Stendal" ist. Noch schlimmer sei gewesen, dass sich keiner gekümmert oder sich bei ihnen erkundigt habe. Eine Ausnahme sei der Linken-Landtagsabgeordnete Wulf Gallert gewesen. Oberbürgermeister Bastian Sieler (parteilos) und Landrat Patrick Puhlmann (SPD) seien erst Wochen später vorbeigekommen.

500 Gäste zum Zuckerfest erwartet

"Wir sind eine offene Gemeinde", sagt er. Wenn am Mittwoch mit dem Fastenbrechen das Ende des Ramadans – das sogenannte Zuckerfest – gefeiert wird, dann seien auch Nicht-Muslime "sehr, sehr willkommen". Etwa 400 bis 500 Menschen werden zum Fest vor der Moschee in Stendal kommen, vermutet Saleh Bin Salman. Es gibt vor allem Süßes. Kuchen und Bonbons. Und Geschenke für die Kinder.

Schülerinnen und Schüler können auf Antrag an diesem Tag vom Unterricht befreit werden, heißt es auf Anfrage aus dem Bildungsministerium. Die leite sich aus dem Gesetz zu Sonn- und Feiertagen ab. "Dieser Paragraf gilt selbstverständlich auch für islamische Feiertage", so eine Ministeriumssprecherin. Trotzdem gebe es damit immer wieder an einzelnen Schulen Probleme. "Es ist aber auch keine Pflicht, zum Zuckerfest zu kommen", sagt Saleh Bin Salman.

Süßwaren werden auf einem Tisch angeboten. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aus seiner Sicht ist da Flexibilität gefragt. Die wünscht sich der Stendaler Arzt allerdings auch von seinen Mitmenschen, einfach ein größeres Miteinander. Er liebe Deutschland, lebe gerne hier und habe aber nun mal eine andere Religion. "Es sind keine Geheimnisse, die wir in unserer Moschee machen", reicht er den Stendalerinnen und Stendalern die Hand – egal, ob muslimisch oder nicht.

Mehrere Menschen feiern vor der Moschee in Stendal das Zuckerfest zum Ende von Ramadan
Menschen feiern vor der Moschee in Stendal das "Zuckerfest" zum Ende von Ramadan. Bildrechte: MDR/Aud Merkel

"Eid al-Fitr" auch in Magdeburg und Halle

Mit dem "Zuckerfest", arabisch "Eid al-Fitr", ist auch in Halle und Magdeburg der Fastenmonat Ramadan am Mittwoch zu Ende gegangen. In Halle kamen am Mittwochmorgen mehrere Hundert Muslime zu einem gemeinsamen Gebet im Stadion in der Neustadt zusammen, wie auf Fotos in den sozialen Netzwerken zu sehen war. Auch in der Moschee der Islamischen Gemeinde Magdeburg gab es zum Ende des Fastenmonats mehrere Gebete und ein Kinderfest. (Quelle: dpa)

Mehr zum muslimischen Leben

MDR (Bernd-Volker Brahms, Oliver Leiste) | Erstmals veröffentlicht am 10.04.2024

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. April 2024 | 12:40 Uhr

16 Kommentare

ichunddumuellerskuh vor 6 Wochen

Ich versuche jetzt hier ein paar Fakten richtig einzuordnen.
1. Der Arbeitsalltag für Klinikärzte ist extrem belastend, körperlich wie geistig. (So wird uns das zumindest immer in den einschlägigen Medienbeiträgen suggeriert.)
2. Klinikärzte treffen laufend Entscheidungen, die für die Gesundheit oder sogar das Leben der Patienten erhebliche Bedeutung haben.
3. Es ist daher im Interesse des behandelnden Arztes, seine körperliche wie geistige Leistungsfähigkeit bestmöglich zu erhalten.
4. Die Art und Weise wie Ramadan praktiziert wird, nämlich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang keine Nahrung und - das ist das Schlimmste - keine Flüssigkeit zu sich zu nehmen, ist nur dazu geeignet die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit eines Klinikarztes zu senken. Im Klartext: Hier behandelt ein Arzt mit knurrendem Magen und im Tagesverlauf zunehmender Dehydration Patienten.

Das ist einfach nur gemeingefährlich. (Differenziertere Argumentation wegen Zeichenbeschränkung nicht möglich.)

randdresdner vor 6 Wochen

Ein sehr interessanter Artikel. Ich habe auch mit meinen Kollegen gesprochen, die Ramadan leben. Um so mehr man darüber weiß, um so unvoreingenommener wird man. Wissen ist besser als ahnen.

Britta.Weber vor 6 Wochen

Esskaa, Geschichte ist komplizierter. Bevor die Kreuzzüge begannen, hatte der Islam die Länder militärisch erobert. Zum Sklavenhandel gehören auch die Herrscher (wie Diebin Benin), die ihre Unterntanen verkauft hatten. Es gab christliche Sklaven bei muslimischen Händlern. Usw usw usw..

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