Nachwuchsgewinnung Wasserwerk statt Schulbank: Auf der Suche nach den Azubis von morgen

29. Januar 2023, 10:00 Uhr

Der Fachkräftemangel auch im sächsischen Handwerk ist allseits bekannt. Im Milkau versuchen eine Oberschule und Betriebe der Region mit einem besonderen Konzept, schon frühzeitig den Nachwuchs zu binden. MDR SACHSEN hat einen Schüler aus der achten Klasse an seinem letzten Praktikumstag getroffen. Ein halbes Jahr lang tauschte er alle zwei Wochen die Schulbank gegen ein Praktikum und machte Erfahrung im realen Arbeitsleben.

Ein halbes Jahr lang ist der Achtklässler Valentin Mauksch jeden zweiten Dienstag 20 Minuten eher aufgestanden. Statt in die Schule ist er an diesen Tagen in seinen Praktikumsbetrieb Zweckverband "Kommunale Wasserver- und Abwasserentsorgung Mittleres Erzgebirgsvorland" Hainichen (ZWA) gefahren. Dort schnupperte er in den Ausbildungsberuf Fachkraft für Wasserversorgungstechnik rein.

"Ich durfte Zähler ablesen oder auch beim Rohrleitungsbau helfen", erzählt Valentin über seine Erfahrungen. "Am spannendsten war die Suche nach einem verstopften Rohr." Dabei müsse genau geortet werden, wo das Rohr verstopft war, um die Ursache zu finden und zu beheben. Sein Praktikum hat Valentin zu 90 Prozent draußen verbracht und das bei Wind und Wetter. "Zweimal hatten wir Schnee und ab und zu hat es auch geregnet", erzählt er. "Aber eigentlich war das kein Problem."

Praktikum über langen Zeitraum gehört zum Konzept der Werkschule

Dass das Praktikum insgesamt über einen Zeitraum von sechs Monaten lief, findet Valentin super. "So konnte ich viele verschiedene Baustellen besuchen und auch den Job in unterschiedlichen Jahreszeiten erleben", sagt er. "Und es war eine tolle Abwechslung zum normalen Unterricht."

An der Evangelischen Werkschule Milkau gehört diese Art des Praktikums zum Konzept. "In der siebten Klasse machen wir mit den Schülern eine Potenzialanalyse und schauen, wo die individuellen Stärken und Interessen liegen", erklärt die Praxisberaterin der Schule, Sabine Pumpol. Danach werden die Schülerinnen und Schüler bei der Suche nach einem geeigneten Praktikumsbetrieb in Wohnortnähe unterstützt.

"Dann gibt es jeweils fünf Tage am Stück im Betrieb, um sich einzugewöhnen", so Pumpol. Im Anschluss gehen alle Acht- bis Zehntklässler alle zwei Wochen dienstags zum Praktikum. In der 10. Klasse komme dann noch eine Facharbeit dazu. "Viele Schüler schließen dann einen Ausbildungsvertrag mit ihrem Praktikumsbetrieb", so Pumpol. Nach ihrer Kenntnis würden fast alle Schülerinnen und Schüler der Werkschule auch in der Region bleiben.

Praktikanten werden zu Auszubildenden

Auch der ZWA Hainichen hat nach eigenen Aussagen bislang gute Erfahrungen mit der Werkschule gemacht. Bereits drei der ehemaligen Praktikanten hätten auch eine Ausbildung im Unternehmen absolviert, sagt Trinkwassermeister Andreas Lautenschläger. "Viele junge Leute wissen gar nicht, woher das Wasser aus ihrem Wasserhahn kommt und was für Arbeiten gemacht werden müssen." Es brauche viele gut ausgebildete Facharbeiter und ein Praktikum sei ein guter Einstieg.

Valentin Mauksch kann sich nach seinem Praktikum eine Ausbildung beim ZWA Hainichen vorstellen. Vorher will er aber noch in weitere Berufe reinschnuppern. "Förster könnte ich mir auch vorstellen", sagt er. Sein nächstes Praktikum will er aber erstmal in einem Autohaus absolvieren.

3 Kommentare

Thommi Tulpe am 30.01.2023

goffman
In der DDR war sehr sicher die Quote dessen höher, wieviele Kinder die Frau durchschnittlich geboren hat!?
Ich denke, dass es mit Sicherheit attraktiver war, in der DDR als in der ehemaligen BRD ein Kind zu bekommen!?

goffman am 29.01.2023

Gerade die DDR ist Ursache für den aktuellen Fachkräftemangel bei uns.
1. Der demografische Wandel sorgt deutschlandweit dafür, dass geburtenstarke Jahrgänge in Rente gehen und geburtenschwache Jahrgänge den Arbeitsmarkt betreten (gleichzeitig werden geburtenstarke Jahrgänge eingeschult). Dies sorgt unabhängig vom staatlichen System deutschlandweit für Fachkräftemangel.
2. Die Unattraktivität der DDR hat zu einem Wegzug aus Ostdeutschland geführt. Wer ist damals hauptsächlich weggezogen? Menschen, die in Westdeutschland gute Chancen hatten, Menschen, die weltoffener und weniger "heimatverbunden" (national-patriotisch) waren, jüngere Menschen. Wozu führte das? Unter anderem zu noch niedrigeren Geburtenzahlen im Osten und damit jetzt, rund 20 Jahre später, zu noch weniger Berufsanfängern.

Das hier angesprochene System der Schülerpraktika behebt auch nicht den Fachkräftemangel, es hilft bei der Berufswahl, evtl. hält es die Absolventen in der Region.

Thommi Tulpe am 29.01.2023

In DDR-Zeiten empfahl es sich, sein Kind vor seiner Geburt für ein Auto anzumelden, damit dieses Kind mit viel Glück zum 18. Geburtstag vielleicht in Besitz eines "Trabbis" war.
Irgendwie erinnert die ganze Situation, die heute Realität ist, erschreckend an diese Zeiten. Mich frustriert das, suggerierte vor 50 Jahren der sogenannte kapitalistische Imperialismus uns "eingemauerten" armen Ostdeutschen doch immer, dem sozialistischen System überlegen zu sein. "Blöderweise" herrschte in der DDR aber wegen der sogenannten Planwirtschaft nie Fachkräftemangel. Nun gut. Die Frage nach der "Überlegenheit" beantwortet sich auch tagtäglich, wenn man im Aldi vor der Kasse in der Schlange steht, über welche sich seinerzeit das "überlegene" System auch sarkastisch-ironisch amüsierte.

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