Schüler reden bei einer Gruppenarbeit miteinander.
In ihren Workshops spricht Anne-Sophie Reißig offen darüber, mit welchen Problemen sie in der Zeit ihrer Magersucht zu kämpfen hatte. Sie war damals extrem müde und konnte sich nicht mehr konzentrieren. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Essstörungen Dresdnerin über Magersucht: "Alle Diäten probiert, trotzdem nicht wohlgefühlt"

03. Dezember 2023, 10:30 Uhr

Seit der Corona-Pandemie sind die Fälle von Essstörungen sichtbar angestiegen. Eine junge Frau aus Dresden arbeitet gegen den Trend und klärt Kinder und Jugendliche über die Gefahren von Krankheiten auf, die zu dünn oder zu dick machen. Dass Prävention zu Gefahren wie Magersucht und Bulimie gerade in dieser Altersgruppe nötig ist, zeigen die Zahlen.

Im Gymnasium Dresden-Gorbitz sitzen Mädchen und Jungen in einem Stuhlkreis. Die Siebtklässler schauen an die Tafel. An diese schreibt eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren mit Kreide mehrere Begriffe - Magersucht, Bulimie, Adipositas, Binge Eating. "Das sind unterschiedliche Formen von Essstörungen", sagt Anne-Sophie Reißig. Die 25-Jährige bietet Workshops zum Thema Essstörungen an. Sie will über deren Gefahren aufklären.

Das sogenannte Binge Eating sei die häufigste Form der Essstörungen, erklärt Reißig den Kindern. Das betreffe Personen, die über den ganzen Tag versuchen wenig zu essen, aber zwischendurch zu Fressattacken neigen. "Die Betroffenen beginnen oft aus emotionalen Gründen mehr zu essen. Sie wollen eine Leere in sich füllen." Sie versuchen, die Fressanfälle dann oft verzweifelt mit Sport auszugleichen, sagt Reißig.

Welche Formen von Essstörungen gibt es?

  • Magersucht: Betroffene sind häufig auffallend dünn und verlieren stark an Gewicht. Sie selbst nehmen sich jedoch als unförmig und dick wahr. Aus Angst vor einer Gewichtszunahme schränken sie sich beim Essen immer mehr ein.
  • Bulimie: Betroffene haben bei dieser Essstörung anfallsweise unkontrolliertes Verlangen nach Essen. Anschließend neigen sie häufig zu gewichtsreduzierenden Anwendungen, wie selbst herbeigeführtes Erbrechen.
  • Binge-Eating-Störung: Der Name leitet sich vom englischen Begriff "binge eating" ab, der für exzessives, übermäßiges Essen steht. Betroffene leiden unter immer wiederkehrenden Essanfällen. Im Unterschied zur Bulimie versuchen sie jedoch in der Regel nicht, einer Gewichtszunahme durch Maßnahmen wie Erbrechen gegenzusteuern.
  • Mischformen: Oft zeigen Betroffene von Essstörungen ein Krankheitsbild, das sich nicht klar einer der drei Hauptformen zuordnen lässt. Grundsätzlich sind die Grenzen von der einen zur anderen Essstörung fließend. Sie können ineinander übergehen oder sich abwechseln. 
  • Die genannten Essstörungen sind alle schwerwiegende psychische Erkrankungen, die unbedingt behandelt werden müssen.
  • Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Als Jugendliche viele Diäten probiert

"Warum haben manche Menschen eine Essstörung?", fragt die Dresdnerin in die Klasse. Xenia meldet sich: "Wenn man sich selbst nicht mag." Frida nickt und sagt: "Wenn man wenig Selbstwertgefühl hat." Anne-Sophie Reißig zeigt über den Beamer Bilder von sich aus ihrer Jugendzeit. Auf einem Bild trägt sie einen riesigen asiatischen Hut. Sie lächelt in die Kamera. Doch ihre Arme und Beine sind sehr dünn. Sie wirkt zerbrechlich auf dem Foto.

Schüler reden bei einer Gruppenarbeit miteinander.
Anne-Sophie Reißig (2. von links) war jahrelang magersüchtig. Nun will sie jungen Menschen vor allem genau zuhören, was sie beschäftigt. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Auf einem anderen Foto posiert sie für ein Selfie. Sie sieht abgemagert und ihr Gesicht eingefallen aus. "Bis zur 10. Klasse und über zwölf Jahre habe ich alle möglichen Diäten probiert", erzählt Reißig. Streit in der Familie, Mobbing in der Schule und sich unwohl fühlen im eigenen Körper hätten sie zu intensivem Sport und zum Abnehmen getrieben. Anerkennung habe es am Anfang für die purzelnden Kilos zwar gegeben, doch besser sei es ihr nicht ergangen, sagt Anne-Sophie Reißig, die mittlerweile Sporttherapie studiert.

Freundeskreis spornt zum Abnehmen an

Während die junge Frau erzählt, ist es in der Klasse still. Die Schüler hören Reißig genau zu. "Ich habe mich keine Sekunde wohler gefühlt. Diese Leere und Traurigkeit habe ich nicht wegbekommen", sagt sie und fügt hinzu: "Egal, welche Körperform ich hatte. Ich war nie zufrieden." Durch ihre Magersucht habe sie immer weniger Energie gehabt, erzählt die heute 25-Jährige: "Ich war extrem müde und habe meinen Lehrern nicht mehr zuhören können."

Ich habe mich keine Sekunde wohler gefühlt. Diese Leere und Traurigkeit habe ich nicht weg bekommen.

Anne-Sophie Reißig war als Jugendliche magersüchtig

Ihr damaliger Freundeskreis habe wenig geholfen. Die jungen Mädchen hätten sich gegenseitig zum Abnehmen angespornt, erzählt Reißig. Lange Zeit habe sie als Jugendliche geleugnet, das sie ein Problem hat. Dabei sei es so wichtig, seine Gefühle zuzulassen und nicht zu unterdrücken, sagt Reißig heute. Auf ihrem Tiefpunkt habe sie nur noch 40 Kilo gewogen. Ihre Mutter habe ihr damals ein Ultimatum gestellt: Entweder sie geht in die Klinik oder sie klären es gemeinsam zu Hause. Mithilfe ihrer Familie habe sie es geschafft, wieder zu zunehmen und an ihren Problemen zu arbeiten.

Zusammen mit ihrem Bruder habe sie einen Ernährungsplan erarbeitet. Einfach sei es nicht gewesen, sagt Reißig heute. "Ich hatte große Angst vor dem Zunehmen." Sie habe sich missverstanden gefühlt, als ihr während des Zunehmens wieder gesagt worden sei, sie müsse nun wieder mehr aufpassen wegen dem Essen. "Doch ich habe trotzdem weiter gemacht. Ich hatte gesehen, dass es mir körperlich besser ging", so Reißig.

Heute wiege sie um die 70 Kilo. Doch die genaue Kilozahl sei ihr nicht wichtig, erklärt die junge Frau. "Mein Wohlfühlen ist heute überhaupt nicht mehr abhängig vom Gewicht", sagt sie und: "Ich fühle mich wohl, weil ich meinem Körper zu 100 Prozent vertraue und ihn da nicht mehr kontrollieren muss."

Ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen haben Essstörungen

Heute will sie ihre Erfahrungen gerade jungen Menschen weitergeben, sagt Reißig: "Das Leben ist doch viel zu schön, als uns nur diese Regeln aufzusetzen." Aufklärung sei dringend erforderlich. Denn gerade seit der Corona-Pandemie sei der Anteil an Essstörungen angestiegen, erklärt Reißig. Ein Fünftel der Kinder in Deutschland im Alter zwischen elf und siebzehn Jahren haben ihr zufolge ein essgestörtes Verhalten. Das Tückische dabei: "Wir gehen davon aus, dass wir eine Essstörung sehen. Wir sehen aber nicht, wie es in einer Person innen aussieht."

Eine Frau lächelt in die Kamera.
Anne-Sophie Reißig empfiehlt, Kontakte in den sozialen Medien, die einen schlechten Einfluss ausüben, zu blockieren. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Wir gehen davon aus, dass wir eine Essstörung sehen. Wir sehen aber nicht, wie es in einer Person innen aussieht.

Anne-Sophie Reißig bietet Workshops zum Thema Essstörungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an

Wie häufig sind Essstörungen in Deutschland? Von den drei Erkrankungsformen der Essstörung ist die Binge-Eating-Störung die häufigste, gefolgt von Bulimie. Die bekannteste Form - die Magersucht - tritt am seltensten auf. Seit Beginn der Corona-Pandemie haben Expertinnen und Experten eine Zunahme von Essstörungen verzeichnet. Außerdem wurden viele Betroffene, die in der Vergangenheit eine Essstörung hatten, während der Pandemie rückfällig. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Magersucht auch bei Jungs und jungen Männern

Und es sei längst nicht nur ein Problem bei Mädchen und jungen Frauen, betont Reißig. "Auch Jungen und junge Männer haben Magersucht und neigen zu Binge Eating." Gerade bei Jungen im Alter von 10 bis 15 Jahren habe es hier eine Steigerung gegeben. Aber auch Übergewicht und Frustessen sei bei Kindern und Jugendliche nach wie vor ein großes Problem.

Von 1.000 Personen erkranken im Laufe ihres Lebens durchschnittlich etwa ...
  an einer Binge-Eating-Störung an Bulimie an Magersucht
Mädchen/Frauen 28 19 14
Jungen/Männer 10 6 2

Auf junge Menschen prassele - wie auf Erwachsene - ein Flut von Darstellungen idealer Körper ein, so Reißig. Sie will Influencer auf Instagram oder TikTok nicht per se verteufeln - einige könnten auch Vorbilder sein. Es sei jedoch bedenklich, wenn Influencer zum Abnehmen in sogenannten Abnehm-Challenges aufrufen.

Fragwürdige Kontakte blockieren

Dass im Internet und Fernsehen viel vorgegaukelt wird, wissen auch die Schüler der 7. Klasse. Ben hebt seine Hand und sagt: "In der Werbung sind ja auch nur dünne Leute zu sehen." Mark meint: "Sie machen im Internet oft Versprechungen, die so nicht stimmen." Anne-Sophie Reißig antwortet darauf: "Stimmt! Wie kann mir einer sagen, wie es mir besser geht, der über sein eigenes Gesicht einen Filter legt?" Sie rät, Kontakte, die fragwürdiges Nachahmen bewerben, einfach zu blockieren.

Schüler diskutieren miteinander.
Während des Workshops beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler nicht nur mit Essstörungen, sondern auch mit Fragen zu ihren Gefühlen und Wohlbefinden im eigenen Körper. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Reißig zeigt zwei Werbefotos über den Beamer an der Wand. Auf dem oberen sind sehr dünne Frauen in schwarzer Unterwäsche zu sehen. Auf dem zweiten Foto stehen dünnere und korpulentere Frauen in einer Reihe ebenfalls in schwarzer Unterwäsche. "Welche Werbung kam bei Frauen wohl besser an?", fragt Reißig. Die meisten Schüler vermuten die sehr schlanken Damen. Es sei das zweite Werbefoto gewesen, sagt Reißig. Robert dazu: "Auf dem ersten Foto sollen die perfekten Frauen sein, aber die spielen uns nur etwas vor. Auf dem Zweiten sind aber die wirklich perfekten Frauen." "Super gesagt!", sagt Reißig. Die Klasse klatscht.

Dem eigenen Körper vertrauen

An diesem Tag stellen die Schüler viele Fragen an sich und erfahren Einiges über sich selbst. Wie gehe ich mit Einsamkeit um? Wer kann mir dabei helfen? Esse ich manchmal, weil ich Stress habe? Und sie lernen viel darüber, wie sie ihrem Körper zuhören und ihre Gefühle nicht ignorieren.

Am Ende des Tages haben die Schülerinnen und Schüler noch viele Fragen an Anne-Sophie Reißig. Es sind viele Dinge, die schließlich auch zu Essstörungen führen können, wie etwa Mobbing oder Stress der Familie. Reißig hat für alle Fragen ein offenes Ohr. Eines gibt sie den Kindern am Ende noch mit auf dem Weg: "Wichtig ist, dass ihr eurem Körper vertraut. Unser Körper ist ein unfassbares, großes Wunder."

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