Medizinische Versorgung In Sachsen fehlen 447 Hausärzte: Ein Beispiel aus Geithain

19. Dezember 2022, 16:54 Uhr

Volle Wartezimmer sind derzeit keine Seltenheit in den Praxen sächsischer Hausärzte. Nicht nur die aktuelle Erkältungswelle sorgt für einen großen Ansturm von Patienten und Patientinnen. Besonders auf dem Land finden Ärzte vor dem Ruhestand häufig keine Nachfolger. Doch es gibt auch Schwachstellen im System, wie ein Besuch von MDR SACHSEN in einem Ärztehaus in Geithain zeigt.

Ein Schild kündet von der Schließung einer Hausarztpraxis im Ärztehaus Geithain. Seit Oktober 2022 ist die Praxis für Innere und Allgemeine Medizin geschlossen. Dementsprechend voll sind die anderen Wartezimmer. Nun sucht die Stadt Geithain einen Praxisnachfolger. Auch Geithains Oberbürgermeister Frank Rudolph (Unabhängige Wählervereinigung Geithain) ist in der Suche mit aktiv, wie er MDR SACHSEN berichtete. Zuerst hatte die "Leipziger Volkszeitung" über den Ärztemangel in Geithain berichtet.

Keine Nachfolger: Ärzte im Rentenalter arbeiten länger

"Es ist kein neuer Zustand, dass Ärzte dem Rentenalter entgegen gehen oder schon darin sind", sagte der Mitbegründer des Ärztehauses, Thomas Arnold, MDR SACHSEN. Seinen Angaben zufolge, hörten manche der älteren Ärzte auf oder "machten noch ein bisschen länger", wie er selbst. Doch das sei "keine zukunftsfähige Lösung", so der Hautfacharzt. Denn finde sich kein Nachfolger, werde das Arbeiten für die übrigen Ärzte erschwert. Das hielte junge Ärzte von einer Nachfolge ab, erklärte Arnold die Situation.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) gibt es 447 offene Hausarztsitze im Freistaat, sagte sie auf Anfrage von MDR SACHSEN. Als Berechnungsgrundlage nannte eine KVS-Sprecherin den aktuellen Bedarfsplan von Juni 2022. Laut dem Dokument treten die größten Versorgungsdefizite "neben der Allgemeinmedizin derzeit vorwiegend bei den Arztgruppen der Augen- und Hautärzte auf." Lokale Engpässe gäbe es "beispielsweise bei den Nerven-, Kinder- und HNO-Ärzten sowie bei den Urologen und Kinder- und Jugendpsychiatern."

Rathaus will mit DDR-Idee Ärztehaus erhalten

Auch darum ist die Sicherung der medizinischen Versorgung nun Chefsache im Rathaus. Wie Oberbürgermeister Frank Rudolph MDR SACHSEN sagte, wolle eine Initiative der Gemeinde mit den Ärzten eine Lösung finden, um junge Mediziner nach Geithain in das zentral gelegene Ärztehaus zu holen. Es gäbe bereits die Idee, daraus "eine Art kommunales Versorgungszentrum zu machen, wie es sie in der DDR gegeben habe", sagte Rudolph. Der Arzt Arnold fände diese Lösung, "besser, als wenn es in die Hände fremder Investoren fällt".

Der Geithainer Oberbürgermeister lässt gleichzeitig Kritik am Besetzungssystem von Ärzten seitens der Kassenärztlichen Vereinigung durchblicken. Denn die KVS sieht, wie die Leipziger Volkszeitung berichtet, trotz der offenen Stellen und mit vier derzeit tätigen Hausärzten für 6.781 Einwohner noch keine Unterversorgung der Region Geithain. Laut KVS gehöre Geithain bei Hausärzten zum Planungsbereich Borna. Dort läge laut KVS der Versorgungsgrad bei 100,1 Prozent. Zudem sei seit Sommer 2022 im zwölf Kilometer entfernten Frohburg eine angestellte Ärztin zusätzlich tätig.

Kritik am Berechnungssystem des Ärzteverbandes

Dieses System der Einstellung und Festlegung von Ärztestellen ist laut Oberbürgermeister Rudolph "überdenkenswert", wie er MDR SACHSEN sagte. Das Ärztehaus habe einen großen Einzugsbereich. "Unsere älteren Bürger und Bürgerinnen sind nicht in der Lage, mal nach Borna oder noch weiter weg nach Grimma zu fahren. Dafür ist der öffentliche Nahverkehr nicht ausgebaut", gibt er zu Bedenken. Auch im neuen Jahr wird das Thema Ärztemangel das Rathaus in Geithain beschäftigen. "Wir wollen auch eine Kooperation finden mit örtlichen Kliniken, um Fachärzte ins Ärztehaus zu holen", kündigte der Oberbürgermeister weitere Maßnahmen an.

MDR (wim)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 19. Dezember 2022 | 19:00 Uhr

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