Klimaschutz im Kulturbetrieb "E-Tool Kultur": CO2-Rechner soll nach Testlauf in Sachsen bundesweit Emissionen ermitteln
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01. September 2024, 04:00 Uhr
Kultureinrichtungen wollen nachhaltiger werden. In Dresden wurde vor zwei Jahren sogar eine Charta für Nachhaltigkeit im Kultursektor verfasst, der sich 38 Institutionen angeschlossen haben. Um klimaschädliche Emissionen zu erfassen, ging 2023 in Dresden und in Leipzig ein CO2–Rechner an den Start, das so genannte "E-Tool Kultur". Jetzt soll es bundesweit eingesetzt werden. MDR KULTUR schaut am Hygienemuseum Dresden und beim Gewandhaus Leipzig, was der Rechner dort bisher gebracht hat.
- Das "E-Tool Kultur", ein CO2-Rechner für Kultureinrichtungen, muss mit vielen Daten gespeist werden, was zeitaufwändig ist.
- Der CO2-Rechner sagt: Konzertreisen sowie Publikumsverkehr verursachen die meisten Emissionen.
- Dank des Tools wissen Kulturbetriebe, wo sich Investitionen lohnen.
Auch Kultureinrichtungen wollen ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern. Doch um klimaschädliche Emissionen gezielt zu reduzieren, müssen sie zunächst erfasst werden. Dazu ging voriges Jahr in Leipzig und Dresden das "E-Tool Kultur" an den Start, ein CO2-Rechner, der speziell für die Bedürfnisse von Kultureinrichtungen und Veranstaltungen entwickelt wurde.
Die meisten Emissionen im Hygienemuseum verursacht das Publikum
Auch das Hygienemuseum will in allen Bereichen nachhaltiger werden. Anja Sommer ist dort zuständig für den Emissionsrechner und sie weiß: Das Eingeben der Daten in das "E-Tool" ist eine zeitraubende Angelegenheit. Dazu zählen Angaben dazu, wie die Kollegen und das Publikum anreisen, wie viele Kilometer davon mit dem Auto und wie viele zu Fuß. Aber auch andere Angaben seien dabei wichtig, so die Materialien für den Ausstellungsaufbau, die Anzahl der Bildschirme oder Dienstleistungen und Handwerker.
Da man erst am Ende eines Kalenderjahres, wenn alle Veranstaltungen abgeschlossen sind, mit der Einspeisung der Daten beginnen könne, sei man aktuell noch immer mit 2023 beschäftigt. Auch wenn sie noch nicht genau wisse, wie viele Tonnen klimaschädigende Gase ihr Haus 2023 verursacht habe, eines ist bereits jetzt klar, so Sommer: Die meisten Emissionen wurden durch die Anreise des Publikums verursacht. Das haben Besucherbefragungen ergeben. Weitere große Faktoren seien Fernwärme und Stromverbrauch, wobei die Räume des Hygienemuseums schon jetzt klimafreundlich mit Grundwasser gekühlt würden. Für die Umstellung auf Ökostrom aber fehle schlicht das Geld.
Internationale Konzerttourneen und Solisten mit vielen Flugreisen
Das "E-Tool Kultur" erfasst, was für den Betrieb von Museen, Theatern oder Konzerthäusern notwendig ist, in verschiedenen Anwendungsbereichen, das sind die sogenannten Scopes. Im Leipziger Gewandhaus hat Direktor Andreas Schulz die Zahlen für 2023 bereits vorliegen. Scope 1 umfasst Kraftstoffe und technische Gase, da habe man eine Gesamt-Emission von rund 12 Tonnen. Scope 2 mit Strom und Fernwärme liege dagegen schon bei 770 Tonnen, denn das Gewandhaus benötige viel Strom für Heizung und Kältegenerierung in den Sälen. Doch den Löwenanteil beansprucht Scope 3 mit 11.000 Tonnen CO2-Ausstoß bei den An- und Abreisen des Publikums sowei Dienstreisen, sagt der Gewandhausdirektor. Das verwundert nicht – angesichts der interkontinentalen Konzertreisen des 120-köpfigen Orchesters und den regelmäßigen Flügen von Kapellmeister Andris Nelsons zwischen Leipzig und Boston, wo er ebenfalls ein Orchester leitet.
"Wenn Sie einen Dirigenten haben, der international renommiert und aufgestellt ist, dann werden Sie das Thema Flugreise immer haben", sagt Schulz. Genauso sei es auch bei jedem internationalen Solisten. Die jeweilige Künstleragentur und auch das Gewandhaus hätten deshalb die Verantwortung, Perioden so klug wie möglich zu bauen um so wenig Flugreisen wie möglich zu verursachen. Im Bewusstsein seiner hohen Emissionen hat das Leipziger Gewandhaus schon vor Jahren begonnen gegenzusteuern. Das Orchester reist innerhalb Europas bereits mit der Bahn und gegen die hohen Energiekosten sei von der Stadt nun auch eine Photovoltaikanlage bewilligt worden, demnächst wird sie installiert.
Über "E-Tool Kultur" Das "E-Tool", der CO2-Rechner für den Kultursektor, wurde ursprünglich für Handwerksbetriebe entwickelt. Im Rahmen eines Kooperationsprojekts wurde er dann erfolgreich an den Kulturbereich angepasst – von u.a. der Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz, der GICON-Großmann Ingenieur Consult GmbH, der WIPS-com GmbH und dem Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie.
Fazit des "E-Tools": genau hinschauen und investieren
Und so zeigt das "E-Tool Kultur" schon jetzt schwarz auf weiß, was im Prinzip alle schon wissen: Null-Emissionen sind mit Null-Investitionen nicht zu haben. Andererseits liefert es auch unerwartete Ergebnisse: Als nämlich die Belegschaft des Hygienemuseums dafür votierte, die alten Dienstwagen durch moderne E–Fahrzeuge zu ersetzen, zeigte sich durch den Rechner, dass der verbrauchte Kraftstoff nur 0,1% aller Emissionen ausmachte. Die E-Fahrzeuge wären tatsächlich eine Greenwashing-Aktion geworden, so Anja Sommer. Und so dürfen die alten Verbrenner des Museums noch eine Weile rollen.
Quelle: Annette Militz (MDR KULTUR)
Redaktionelle Bearbeitung: jb, op
Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. August 2024 | 11:30 Uhr