
Hörschädigung Der Alltag mit einem Cochlea Implantat: "Können Sie überhaupt sprechen?“
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11. Oktober 2024, 12:00 Uhr
Sarah hatte den Traum, eine Pflegeausbildung zu machen. Aufgrund ihrer Hörschädigung kann die 27-jährige Leipzigerin ihren Traum aber bisher nicht verwirklichen und findet nur schwer Arbeit. Solche Erfahrungen muss sie schon ihr gesamtes Leben machen. Inzwischen macht Sarah aber über Instagram und Facebook auf ihre Herausforderungen und die von anderen Menschen mit Hörschädigung aufmerksam und erreicht so hunderte Follower.
- Auch wenn Sarah mit ihrem CI hören konnte, die Schulzeit war nicht immer leicht für sie.
- Für Sarah wird klar, dass es überall strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Behinderung gibt.
- Auf Instagram und Facebook informiert Sarah hunderte Menschen über ihre Erfahrungen und die von anderen Hörgeschädigten.
"Wir hatten uns ganz normal unterhalten, als der Arbeitgeber dann aber in meinen Bewerbungsunterlagen gesehen hatte, dass ich eine Hörschädigung habe, kam auf einmal die Frage: Können Sie überhaupt sprechen?" Solche Erfahrungen hat Sarah Felten schon oft gemacht. Die 27-Jährige ist seit ihrer Geburt hörgeschädigt, trägt aber seit ihrem zweiten Lebensjahr ein Cochlea Implantat (CI) mit dem sie dennoch hören kann. Trotzdem sei sie häufig mit Diskriminierung konfrontiert, deswegen startete Sarah ihren Instagram-Account Hörvisionen, um auf das Thema aufmerksam zu machen.
Was ist ein Cochlea Implantat?
Ein Cochlea Implantat, auch CI genannt, hilft Menschen mit einer Höreinschränkung. Laut einer Schätzung der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft gibt es Deutschlandweit rund 50.000 Menschen die ein CI tragen.
Das CI sitzt seitlich am Kopf und überträgt mittels einer Magnetspule Geräusche direkt an den Hörnerv im Innenohr. Damit wird, im Gegensatz zum Hörgerät, die Ohrmuschel und das Trommelfell umgangen und Geräusche direkt in den Kopf übertragen. In fast jedem Alter und bei vielen verschiedenen Höreinschränkungen, kann ein CI sinnvoll sein.
Laut Hörgeräteakustikerin Anna Kipping-Walther kosten der aufwendige Eingriff, die Nachuntersuchungen, Reha und das Gerät zusammen bis zu 100.000 Euro. In Deutschland trage dabei die Gesetzliche Krankenkasse die vollen Kosten.
Durch die Schule mit CI
Sarah bekam ihr erstes CI mit zwei Jahren und ihr zweites CI mit 16 Jahren implantiert, dadurch kann sie seit ihrer Kindheit hören. In lauten Umgebungen sei es schwieriger, aber mit etwas Konzentration sei auch das möglich, erklärt die Leipzigerin. Damit sei es möglich, dass sie eine normale Grundschule und Oberschule besuchen konnte. Auch wenn Sarah teilweise Klassenbeste gewesen sei, war ihre Schulzeit dann doch anders: "Kinder verstehen häufig nicht, was es bedeutet eine Hörbehinderung zu haben und können dann nicht mit einem umgehen. Das hat mich lange begleitet, gerade als ich ein Kind war und selber noch nicht reflektieren konnte, warum die anderen mich mobben. Darunter hat dann auch mein Selbstbewusstsein gelitten."
Das hat mich lange begleitet, gerade als ich ein Kind war und selber noch nicht reflektieren konnte, warum die anderen mich mobben. Darunter hat dann auch mein Selbstbewusstsein gelitten.
Was ist Ableismus? Werden Menschen im Alltag auf ihre körperliche, ihre psychische Behinderung oder zum Beispiel auf eine Lernschwierigkeit reduziert und ungleich behandelt, spricht man in der Fachsprache von Ableismus. Genauer bedeutet Ableismus also, dass Menschen mit Behinderung von anderen Menschen ohne Behinderung auf die Merkmale reduziert werden, in denen sie sich vom vermeintlichen Normalzustand unterscheiden. [...] Von diesen Merkmalen wird anschließend, ohne die Person mit Behinderung zu kennen oder mit ihr zu sprechen, beispielsweise darauf geschlossen, was die Person vermeintlich kann oder nicht kann oder wie sich die Person fühlt – und entsprechend wird sie behandelt. Quelle: Aktion Mensch e. V.
Ihr sei es wichtig zu betonen, dass Menschen mit einer Hörschädigung und der richtigen Förderung eine Regelschule besuchen und einen normalen Abschuss schaffen können. So hat sie dann auch den Realschulabschluss gemacht. Nur danach gehe es dann oft nicht wirklich voran: "Es gibt zu wenig Ausbildungsberufe, bei denen Rücksicht auf Menschen mit Hörschädigung genommen wird. Mein großer Traum war es, in einem medizinischen Beruf zu arbeiten. Aufgrund der Umstände musste ich meine Ausbildung zur Pflegerin dann aber leider abbrechen."
Alltag für Menschen mit Hörschädigung
"Die Frage, ob ich ein zufriedenes Leben habe, muss ich leider mit nein beantworten. Ich kann mit meiner Hörschädigung leider nicht dem Traum verfolgen, den ich eigentlich für mein Leben hatte." Momentan ist die 27-Jährige daher wieder auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Die Suche nach einem Arbeitgeber, der Rücksicht auf ihre Behinderung nimmt, sei allerdings nicht leicht. Aber auch alltägliche Dinge können manchmal eine Herausforderung darstellen. Denn auch wenn sie hören kann, verlangt das Hören in lauten Umgebungen ihr mehr Konzentration ab und auch ihr räumliches Hören sei teilweise eingeschränkt.
Die Frage, ob ich ein zufriedenes Leben habe, muss ich leider mit nein beantworten. Ich kann mit meiner Hörschädigung leider nicht dem Traum verfolgen, den ich eigentlich für mein Leben hatte.
Um dafür ein größeres Bewusstsein zu schaffen, hat Sarah einen Facebook- und einen Instagram-Channel ins Leben gerufen. Zusammen folgen ihr hier rund 1.500 Menschen. In Interviews mit Experten und Betroffenen, aber auch mit Schilderungen aus ihrem Alltag, zeigt sie, wo die Probleme vieler Menschen mit CI liegen. "Häufig wird man für dumm gehalten, nur weil man ein bisschen anders spricht oder manchmal nachfragen muss. Viele kennen Schwerhörigkeit dann nur von älteren Menschen und denken gar nicht daran, dass auch junge davon betroffen sein können."
MDR (lev/koh)