Landtagsdebatte Energiepreise und keine Leute: Sachsens Handwerk und die Krisen

Handwerk hat goldenen Boden, heißt es seit dem Mittelalter. Doch Fachkräftemangel, hohe Energiepreise und Rohstoffmangel setzen Betrieben in Sachsen zu. Muss das Sprichwort im 21. Jahrhundert umgeschrieben werden? In der Landtagsdebatte über die Zukunft des Handwerks machten Abgeordnete viele ganz praktische Vorschläge zur Sicherung der Gewerke.

Bauarbeiter zeichnen sich auf einem Gerüst als Silhouetten im Gegenlicht ab.
Jahrelang kämpfte nicht nur das Bauhandwerk um Aufträge in Sachsen. Nun fehlen Fachkräfte und Baumaterial, um die Aufträge abzuarbeiten. Das Handwerk insgesamt plagen noch andere Sorgen. Bildrechte: dpa

320.000 Menschen arbeiten in Sachsen in 40.000 Handwerksbetrieben. Die suchen tausende Fachkräfte im Land. Obwohl die Umsätze im ersten Quartal 2022 so gut wie noch nie seit 1989 waren, plagen das Handwerk Sorgen. Die CDU brachte diese in die Aktuelle Stunde in den Sächsischen Landtag ein unter dem Titel: "Handwerk hat auch in Zukunft goldenen Boden - aktuelle Probleme konsequent angehen: Fachkräftebedarf, Rohstoffknappheit, Bürokratieabbau". Damit waren die Knackpunkte genannt.

Eine Grafik zeigt Umsatzsteigerungen im sächischen Handwerk.
Trotz Krise ein kräftiges Plus: Die Umsätze im sächsischen Handwerk sind gestiegen. Die Zahlen zeigen aber nicht, dass bundesweit rund eine Viertel Million Handwerker fehlen. Bildrechte: Panthermedia

Der Vize-Vorsitzendes des Arbeitskreises Petitionen, Kay Ritter (CDU), sagte, seine Partei unterstütze Forderungen nach Bürokratieabbau, denn: "Der Bürokratieaufwand liegt dem Handwerk zu Recht oft im Magen." Konkret verlangte er, dass Fördergelder schneller im Handwerk ankommen, Genehmigungen insgesamt zügiger ablaufen und Mehrbelastungen verringert werden müssten. Zudem brauche es Tempo bei der Digitalisierung. Grundsätzlich müsse die "Verwaltung Wegbereiter" und kein Blockierer sein, meinte Ritter.

Mehr Wertschätzung und Meisterbonus

Timo Schreyer von der AfD-Fraktion wunderte sich über CDU-Forderungen zum Bürokratieabbau, sei die doch als Regierungspartei an jedem Gesetz beteiligt. Sein Fraktionskollege Mario Beger mahnte eine höhere Wertschätzung fürs Handwerk an und verwies auf den Meisterbonus. Der soll laut Koalitionsvertrag von 1.000 auf 2.000 Euro staatlichen Zuschuss für eine Meisterausbildung angehoben werden, seit Jahren werde darüber diskutiert. "Aber es ändert sich nichts. Die Debatte ist unwürdig", so Beger.

Auf die seit 20 Jahren wiederkehrenden Diskussionen zum Fachkräftemangel verwies auch die Linke. Deren wirtschaftspolitischer Sprecher, Nico Brünler, nannte die CDU-Forderungen nach Bürokratieabbau "fast schizophren", weil ohne die Partei in Sachsen seit Jahrzehnten keine Richtlinie erlassen worden sei. Brünler betonte, dass Gesetzestexte einfacher formuliert sein sollten und "nicht für Rechtsanwälte oder Steuerberater".

Faktor Arbeit bei Besteuerung beachten

Er kritisierte auch, dass der Facharbeitermangel kleinere Betriebe härter träfe, als Industriebetriebe. Die Kleineren hätten eine andere Kostenstruktur, weniger Kapital und keine extra Abteilungen zur Mitarbeiter- oder Fördermittel-Suche. Das müsse sich bei der Besteuerung wiederfinden. "Der Faktor Arbeit muss anders besteuert werden", verlangte Brünler.

Betonung der Akademikerausbildung problematisch

Er sah auch die Akademikerquote in Deutschland als Teil des Fachkräfteproblems. Warum gebe es mehrere Investitionsprogramme für Hochschulen, aber nichts fürs Handwerk. Und: "Der Freistaat muss gezielt in die Infrastruktur investieren." Ans Handwerk richtete er auch kritische Worte zur Ausbildung und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens. Dafür seien "durchlässige Strukturen zu schaffen, dass sich auch Menschen ab 40 beruflich umorientieren können".

Welche Chancen hat ein 40-jähriger Kulturwissenschaftler, der Bäcker werden will? Wir haben ein System, in dem kaum Menschen in der Lebensmitte eine Ausbildung anfangen können.

Nico Brünler wirtschaftspolitischer Sprecher der Linksfraktion

Ein Mann holt fertige Brotlaibe aus dem Ofen.
Wer nach einem Studium oder längerer Zeit im Beruf umschulen will, hat es schwer, eine Handwerkerlehre zu beginnen. (Symbolfoto) Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Faire Gehälter, besserer Mutterschutz

Für die Grünen hat das Handwerk nicht nur goldenen Boden, sondern auch eine grüne Zukunft. Der wirtschaftspolitische Sprecher Gerhard Liebscher empfahl für Sachsen ein Projekt, das die Handwerkskammer Koblenz durchführe, um junge Leute fürs Handwerk zu begeistern und die Kreislaufwirtschaft im Blick hat.

Der Bündnisgrüne verlangte neben mehr gezielter Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland, auch mehr Wertschätzung fürs Handwerk, faire Gehälter für Azubis und Lehrlinge, Mindestlöhne und eine Vergabepraxis, die sich an Tarifverträgen orientiert. Liebscher sprach sich auch für eine Reform des Mutterschutzes im Handwerk aus und für ein Freistellungsgesetz, damit sich auch Handwerker weiterbilden könnten.

Mehr Praxis und Lob fürs Handwerk bei Kindern

Den Blick auf Sachsens Schulen lenkte Sabine Friedel. Die bildungspolitische Sprecherin der SPD habe von Schülern den Wunsch nach lebensnahem Lernen gehört. "Schulen bilden Schreibtischtäter aus, die Sachaufgaben ohne Praxis-Bezug lösen sollen." Weil der Werkunterricht in Sachsen mit der 4. Klasse ende, falle es vielen Kindern schwer, den Wert handwerklicher Leistungen überhaupt zu erfassen.

Ihr Gegenvorschlag: In allen Schularten produktives Lernen einführen, nicht nur in den Oberschulen. "Es ist auch Aufgabe des Kultusministeriums, sich die Bildungsstandards und Inhalte in der Schule anzusehen", meinte Friedel.

Auch wenn der Aufschrei groß ist, sollte man die Anforderungen an künftige Gymnasiasten hochschrauben und nur den aufs Gymnasium schicken, der bestimmte Leistungsparameter erfüllen kann.

Jan-Oliver Zwerg parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion

Schulen durchlässiger organisieren

Für mehr Praxisnähe in Schulen und Kitas ist auch Stephan Meyer (CDU). Schon in Kindergärten müsse positiv übers Handwerk geredet werden. Betriebe sollten mit Schulen kooperieren. Von Beginn an müsse klar sein: "Wenn ich einen soliden Handwerksberuf erlerne, steht mir die Welt offen", sagte er. Damit Gesellen, Meisterinnen und Meister studieren können, müssten "Schulen durchlässiger werden, als sie es in den vergangenen Jahren waren", konstatierte Meyer. Er sprach am Mittwoch letztmalig im Landtag. Künftig wird er als Landrat den Kreis Görlitz leiten.

Martin Dulig (SPD - M), Wirtschaftsminister des Landes Sachsen, Tim Walter (r) Designer, und Roy Fankhänel, Gitarrenbauer, stehen in der Werkstatt „Odem-Guitars“
Um das Handwerk abzusichern, sagte Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD, Bildmitte) nach der Debatte: "Es gibt keine Pauschallösungen. Wir müssen viele Rädchen drehen." (Archivfoto) Bildrechte: dpa

MDR (kk)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 13. Juli 2022 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

Hanna vor 28 Wochen

@Peter
Grafiken muss man auch lesen können.

Es fehlen Fachkräfte, Azubis.
Rohstoffmangel, Preissteigerungen und Energiekrise täuschen auch nicht über Missstände im Handwerk hinweg.
Und dann werden durch die Grünen klimafreundliche Lastenräder präsentiert. Toller Aufwärtstrend😏

Frank L. vor 28 Wochen

Tja Peter, aber sie gehören auch zu denen die sich die Zahlen drehen wie sie es brauchen. Vornweg, ich bin Handwerker, aber wie sie darauf kommen das es mit dem Handwerk aufwärts geht erschließt sich mir nicht. 15,5% mehr UMSATZ bedeutet nicht mehr GEWINN für die Unternehmen. Die 15,5% UMSATZ sind das fast ausschließliche Resultat der gestiegenen Material, und Rohstoffpreise die natürlich auf sie umgelegt werden müssen. Wenn sie dann jetzt noch die gestiegenen Kosten für Energie (Diesel ,Strom) abziehen bleibt den Unternehmern weniger GEWINN als vorher. Von aufwärts kann also keine Rede sein , und die Aussichten sind düster ,und wenn das Gas ausfällt, wirds ganz dunkel ,Stichwort Materialmangel, von fehlenden Nachwuchs ganz zu schweigen. Ihre Jubelmeldung entpuppt sich wieder mal als substanzlose Fake News.

Peter vor 28 Wochen

wo geht es hin: Sie scheinen im Gegensatz zu den Grünen nicht zu wissen, was im Handwerk los ist. Ich helfe kurz. Schauen Sie in die Grafik: 15,5% mehr Umsatz gegenüber dem letzten Jahr. Jeder, welcher halbwegs mit Zahlen umgehen kann, wird erkennen: Im Handwerk geht es nicht wie Sie fabulieren abwärts, sondern aufwärts.

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