Streikende auf der Straße in Weimar
Apother streiken am Dienstag in Weimar. Bildrechte: MDR/David Straub

Gesetz geplant Thüringer Apotheker protestieren gegen Lauterbach-Reform

21. August 2024, 01:17 Uhr

Das geplante Apotheken-Reformgesetz des Bundes stößt bei der Thüringer Apothekerkammer auf scharfe Kritik. Geschäftsführer Danny Neidel warnte vor einem Verlust an Patientensicherheit, da das Bundesgesundheitsministerium die Anwesenheitspflicht von Apothekern auf acht Stunden pro Woche reduzieren will. Am Mittwoch sind an verschiedenen Orten in Thüringen Proteste geplant. Apotheker sammeln zudem Unterschriften gegen das Gesetz und fordern mehr Studienplätze.

Bei bestem Wetter kommen vor allem ältere Menschen immer wieder auf den Pavillon zu, in dem gleich mehrere Apotheker heute Dienst tun und aufklären, warum sie gegen die Reformpläne des Bundesgesundheitsministeriums protestieren - und auf die Unterstützung ihrer Kunden hoffen.

Beim Honorar trete man seit Jahren auf der Stelle, so die Apotheker. Pro verschreibungspflichtigem Medikament bekommen sie einen Fixbetrag von 6,74 Euro - und drei Prozent vom Einkaufspreis des Medikaments. Kostet das den Apotheker 20 Euro, so sind das 60 Cent. Kostet eine Packung 5.000 Euro, etwa für ein spezielles Mukoviszidose-Präparat, beträgt der Anteil 150 Euro. Das System soll auch honorieren, dass manche Medikamente besonders ausführliche Beratung brauchen. "Mein wichtigster Kunde ist letztlich ja die Krankenkasse", sagt Christoph Zähle, Inhaber der Brunnenkress Apotheke in Mühlhausen. Und die zahle genau diese Beträge - und daran habe sich zu lange nichts geändert.

Bei teuren Präparaten sollen Apotheker weniger verdienen

Die Reform sieht nun vor, den festen Anteil leicht zu steigern - und den variablen Anteil von drei Prozent vom Einkaufspreis auf zwei Prozent zu senken. Für das Jenaer Unternehmen Medipolis sei das ein Schlag ins Kontor, sagt Geschäftsführer und Mitinhaber Christian Wegner. Sein Unternehmen stellt spezialisierte Präparate für die ambulante Versorgung her, etwa besonders angepasste Schmerzmittel. Die werden dann von einem geschulten Pflegedienst angewendet. Und auch hier könnte bald gelten, dass die Vergütung kleiner wird. Eigentlich sei Versorgung zu Hause ja gewünscht und solle die Kosten im Gesundheitssystem senken. Zugleich plane die Reform, den Apotheken hier die Erträge zu kürzen.

Sinkende Apothekenzahlen und Personalmangel: Apotheker warnen vor Risiken der Reform

Die Kosten seien zugleich gestiegen, berichtet Thomas Olejnik, Inhaber der Rosen-Apotheke auf dem Anger in Erfurt. Es brauche mehr Geld im System. Immer weniger junge Leute wollten sich als Apotheker in die Selbstständigkeit stürzen. Noch 2010 hatte Thüringen fast 600 Apotheken, inzwischen sind es weniger als 500. Und ihre Zahl schrumpft langsam weiter. Die Reform der Vergütung helfe da nicht weiter, eher im Gegenteil, so Olejnik, der in Erfurt Unterschriften sammelt. Die Kammer kritisiert zudem, die Patientenversorgung sei gefährdet, wenn nicht immer ein Apotheker ansprechbar sei. Denn auch das sieht die Reform vor. Der studierte Apotheker muss nicht mehr immer an einem Standort sein, sondern kann bis zu sechs Filialen betreuen - und muss an jedem Standort nur noch acht Stunden pro Woche anwesend sein. Bestimmte Schmerzmittel etwa könnten nur dann ausgegeben werden, wenn der Apotheker selbst da ist.

Kammer: Schwindel der Bundesregierung

Dieser Teil der Reform sei ein großer Schwindel der Bundesregierung, sagt Kammer-Geschäftsführer Neidel. Die Apotheker müssten in Wahrheit viel länger arbeiten, um etwa für Patienten spezielle Rezepturen zuzubereiten oder um sie beim Verkauf von starken Schmerzmitteln zu beraten. Eine Kritik, die Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach gestern bei einem Besuch am Erfurter Helios-Klinikum zurückweist. Niemand schreibe einem Apotheker vor, höchstens acht Stunden pro Apotheke vor Ort zu sein. Das sei eine Untergrenze, keine Obergrenze.

Karl Lauterbach (SPD, l), Bundesminister für Gesundheit, spricht bei seinem Besuch im Helios Klinikum mit einem Angestellten des Klinikums.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat am Dienstag das Helios Klinikum Erfurt besucht und seine Apotheken-Reformpläne verteidigt. Bildrechte: picture alliance/dpa | Hannes P Albert

Weitere Kritik: Die Pharmazeutisch-Technischen Assistenten könnten in Abwesenheit eines Apothekers oder einer Apothekerin nicht alles leisten. "Und auch in dieser Berufsgruppe haben wir Personalmangel", sagt Olejnik. "Die Leute gibt es einfach nicht wie Sand am Meer." Und wer eine Filiale leite, koste dann auch wieder mehr Geld. Insgesamt würden also keine Kosten sinken, wie der Minister es vorsehe. Gehe das Apothekensterben aber weiter, merkten das auch die Kunden. "Nachts mit dem fiebernden Kind statt 20 Minuten vielleicht 30 oder 40 Minuten zur nächsten Apotheke. Das ist doch nicht im Sinne des Erfinders."

Mühlhäuser Apotheker: Kritik sollte konstruktiver sein

Dass an der Reform jedoch alles schlecht ist, sehen nicht alle so. Bei der Frage des Honorars ist der Mühlhäuser Apotheker Christoph Zähle bei seinen Kollegen. "Allein die Kostensteigerungen durch Energie und Personal in den letzten Jahren sind enorm und finden sich hier überhaupt nicht wieder." Und die 20 Prozent Umsatz durch rezeptfreie Medikamente oder Kosmetikartikel, die außerhalb des rezeptpflichtigen Geschäfts erwirtschaftet werden, könne man nicht einfach unbegrenzt im Preis steigern. "Dann kauft das hier nämlich niemand mehr."

Apotheker Christoph Zähle
Apotheker Christoph Zähler kritisiert die Reformpläne ebenfalls. Doch einen Teil der Kritik seiner Berufskollegen ist ihm zu fundamental und wenig konstruktiv. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

In Sachen Personal aber ist ihm die Kritik zu fundamental. "Da sind gute Ansätze für Effizientsteigerungen drin. Dass man sagt, ich kann im Filialverbund Rezepturen herstellen, so wie wir es hier angefangen haben. Oder ich kann Systeme oder Geräte im Labor zusammen nutzen." Aber die ganze Reform mit "Geht nicht" abzulehnen, das sei nicht richtig. Natürlich löse das Gesetz den Personalmangel nicht auf. Und Online-Apotheken würden das nicht auffangen. "Und wenn ich mehr Geld ins System pumpe heißt das nicht automatisch, dass Personalprobleme dann gelöst sind. Das System Apotheke geht davon aus, dass immer genug Personal da ist. Es geht davon aus, dass immer ein Apotheker da ist und eine Apotheke vor Ort." Genau das sei aber eben schwierig - und vor allem kurzfristig nicht aufzulösen. Da müsse den Apotheken auch erlaubt sein, unternehmerischer zu denken, das sei nötig für die Zukunft.

Die Proteste indes werden weitergehen. Denn ganz zufrieden mit dem Gesetzentwurf ist wirklich gar keiner.

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MDR (cfr/ls/fg)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 20. August 2024 | 12:00 Uhr

2 Kommentare

Untertan vor 32 Wochen

nun, so ist das eben, wenn alles, selbst die Gesundheit zur Ware gemacht wird. Mich würde mal interessieren was die hier zitierten Apotheker für
Monatseinkommen haben. Ihre Tantiemen an Medikamenten und Ähnlichen sagen nicht viel aus.

ElBuffo vor 32 Wochen

Mir bleibt leider etwas unklar, was genau die Apotheker nun an den Plänen stört. Ihre eigene Apotheke macht doch deswegen nicht weniger Umsatz?

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