Nahverkehr Thüringen-Takt: 200 Knotenpunkte sollen Busse und Bahnen besser aufeinander abstimmen

13. Dezember 2022, 06:55 Uhr

Es ist einer der Hauptkritikpunkte, wenn vom 49-Euro- oder Deutschland-Ticket gesprochen wird: Was haben die Menschen auf dem Land eigentlich davon, wenn der Bus dort so ungünstig fährt, dass das günstige Fahrschein-Abo auch nicht weiterhilft? Das Projekt "Mein Thüringen-Takt" soll das ändern. Doch bis die Fahrpläne in ganz Thüringen besser aufeinander abgestimmt sind, dürften noch Jahre vergehen.

Die Karte, die Matthias Unbehaun von der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Thüringen erklärt, zeigt eine beinahe unendliche Fülle aus kleinen Uhr-Symbolen und Zahlen. Eine riesige Menge an Umsteigepunkten und Fahrzeiten sind über die Thüringer Landkarte verteilt. In Hermsdorf in Ostthüringen etwa sollen Busse stets zur halben Stunde abfahren, im benachbarten Eisenberg zur vollen Stunde.

Eine Landkarte mit Zugverbindungen
Eine Thüringenkarte mit den vorgesehenen Knotenpunkten im Nahverkehr. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Auf diese Weise soll immer ein Anschluss verschiedener Buslinien möglich sein - und Fahrgäste sollen in den Zielorten keine langen Wartezeiten erdulden müssen. Unabgestimmte Fahrpläne, die gern an der Kreisgrenze enden, seien ein Problem, sagt Unbehaun.

Thüringen-Takt will "Erreichbarkeitsgarantie"

Vor einem Jahr hat die LEG zusammen mit der Fahrplangesellschaft B&B im Auftrag des Thüringer Verkehrsministeriums das Projekt "Mein Thüringen-Takt" begonnen. Nach dem Vorbild des sogenannten Deutschland-Takts für den Fernverkehr auf der Schiene sollen hier einzelne Abfahrtzeiten nicht mehr so wichtig sein.

Es soll aus Sicht des Fahrgastes klar sein, dass auf bestimmten Linien immer wieder im Stundentakt ein Bus fährt - und alle untergeordneten Verbindungen oder Zubringer sich daran orientieren. Von einer "Erreichbarkeitsgarantie" spricht Thüringens Verkehrsministerin Susanna Karawanskij (Linke). Also, dass die eine Verbindung dann auch auf die andere wartet, weil sie aufeinander abgestimmt sind.

Fahrgastzahl soll sich verdoppeln

170.000 Euro sind in die erste Planungsstufe geflossen, den Plan für die größten Linien des Landes. Weitere Kosten ließen sich noch nicht genau festmachen, heißt es aus dem Verkehrsministerium. Aber das Projekt werde vorangetrieben. "Wenn wir wollen, dass die Menschen auf den Öffentlichen Personennahverkehr umsteigen, dann müssen wir das Angebot auch entsprechend gestalten", sagt die Ministerin.

165 Millionen Fahrgäste nutzten Angebote des Nahverkehrs auf Schiene und Straße im letzten Vor-Corona-Jahr 2019. Wenn es nach Karawanskij geht, sollen es 2030 doppelt so viele sein. Ein zuverlässiger Takt mit gesicherten Anschlüssen auch über die Grenzen von Kreisen oder Städten hinweg gehört dazu - und die Schwierigkeiten haben auch kreisübergreifende Verkehrsverbünde längst nicht überall gelöst.

Infrastruktur ist immer teuer.

Susanna Karawanskij (Linke) Verkehrsministerin

Knotenpunkte sollen ausgebaut werden

Die bisherigen Planspiele haben bereits zu der Erkenntnis geführt, dass es zusätzliche Punkte geben muss, an denen die Linien aufeinandertreffen. Zum Beispiel am Bahnhof Rennsteig oberhalb von Ilmenau, der heute kaum angefahren wird - aber künftig Knotenpunkt sein soll. Dafür müsste dort und auch an anderen potenziellen Knoten die Infrastruktur ausgebaut werden. "Und Infrastruktur ist immer teuer", räumt auch die Ministerin ein. Man sei dran, dass der Bund sich stärker an der Finanzierung beteiligt.

Auch wenn Land und Kreise ihre Investitionen erhöhen - ohne Hilfe aus Berlin sei das kaum zu stemmen. "Und die Finanzierung muss klar sein, sonst ist das alles nicht umsetzbar", sagt auch Reinhard Schieck von der Verkehrsgemeinschaft Werra-Hainich. Es sei klar, das sich das verbesserte Angebot nicht von allein trage. Die Kreise und auch das Land müssten geduldig sein, bis die Verbesserungen angekommen seien und häufiger genutzt würden. Und auch an anderen Stellen seien "noch dicke Bretter zu bohren".

Auch Schulverkehr soll eingebunden werden

So soll zum Beispiel auch der Schulverkehr in das System integriert werden. Und zwar ohne zusätzliche Transportmöglichkeiten einzusetzen. Bert Hamm, der Chef der KomBus aus Saalfeld, weiß um das Konfliktpotenzial: "Momentan hat der Schülerverkehr Vorrang und bindet Kapazitäten zu den Zeiten, wenn die Schule beginnt und wenn sie endet." Das habe derzeit Vorrang. Soll der Schülerverkehr aber in den Thüringen-Takt integriert werden, müssen manche Schulen den Schulbeginn leicht verschieben. Andernfalls passe der Takt nicht. Es sei klar, dass das nicht leicht zu schaffen sein wird.

Saale-Orla-Kreis wird Modellregion

In den kommenden Jahren sollen zunächst im Saale-Orla-Kreis detaillierte Takt-Fahrpläne entstehen und Schritt für Schritt umgesetzt werden. "Wir haben gesehen, dass einige Linien schon dem entsprechen, wie es künftig sein soll. Bei anderen müssen wir geringfügig umsteuern", so Hamm. Vor allem müsse das Ganze auch mit den gesetzlichen Lenkzeiten in Einklang gebracht werden. Zudem müsse irgendwann klar sein, ob es mehr Personal und mehr Busse braucht. Gerade Personal sei derzeit knapp.

49-Euro-Ticket soll im ländlichen Raum nicht verpuffen

Am Montag haben LEG und Verkehrsministerium in Erfurt bei den Kreisen und Unternehmen dafür geworben, die Planungen für den Takt konstruktiv und offen zu begleiten. "Das ist ein Auftakt, eine Diskussionsgrundlage", so Verkehrsministerin Karawanskij. Das Deutschland-Ticket für 49 Euro im Monat solle die Nutzung von Bussen und Bahnen ab dem kommenden Jahr deutlich vereinfachen - doch ohne bessere Verbindungen auf dem Land würde der Effekt für jene, die nicht in den Städten wohnen, verpuffen.

MDR (cfr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 12. Dezember 2022 | 19:00 Uhr

22 Kommentare

knarf am 14.12.2022

Tpass:Kann man mit heute leider nicht vergleichen. Heute sind die Teritorien anders aufgeteilt und auch die Besitzverhältnisse sind anders.Also wird man in Thüringen dem Rechnung tragen müssen und trotzdem
versuchen es hinzubekommen.

kleiner.klaus77 am 14.12.2022

Ein Taktfahrplan setzt aber voraus, dass die Verkehrsunternehmen auch tatsächlich zuverlässig fahren! Was sich bei den Ausfällen z.B des Eisenbahnunternehmens Abellio und des Busunternehmens JES-Verkehrsgesellschaft sich mit Sicherheit schwierig gestalten wird!

Peter Mueller am 14.12.2022

Die zahllosen "jeweiligen" Besteller waren bisher ganz überwiegend nicht willig, ihre Fahrpläne aufeinander und auf die Bahn abzustimmen. Warum sollten sie es jetzt sein? Und mir ist auch nicht die Fernanbindung von Zwickau besonders wichtig, sondern ich frage mich, warum die Planer die _vorhandenen_ Fernverkehre z.B. in Jena und Gera ignoriert haben, während in Zwickau welche berücksichtigt sind, die es gar nicht gibt. Wissen Sie es?

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