Kaufkraft und Konsum "Paprika ist heutzutage schon eine Investition": Wie Verbraucher auf die Inflation reagieren

22. April 2023, 14:42 Uhr

Eine hohe Inflationsrate, Krieg in der Ukraine und konjunkturelle Unsicherheiten beschäftigen auch die Thüringer. Das hat Folgen für ihr Konsumverhalten.

"Man gönnt sich weniger von diesen Kleinigkeiten, die man sich zuvor im Laufe eines Monats mal gegönnt hat", berichtet eine Frau auf dem Erfurter Fischmarkt auf die Teuerungen angesprochen. Höhere Rechnungen beim Tierarzt und steigende Preise für Nahrungsmittel und Energie, das mache ihr Sorgen und müsse dennoch bezahlt werden.

Der Ukrainekrieg, Unsicherheiten auf dem Finanzmarkt und Material- und Lieferengpässe: Diese Ereignisse prägen auch die Thüringer. Die Inflationsrate ist so hoch wie nie seit der Wiedervereinigung. Dabei hatte nach der Pandemie gerade eine konjunkturelle Erholung eingesetzt.

Die privaten Konsumausgaben waren im Jahr 2022 laut dem Statistischen Bundesamt die wichtigste Wachstumsstütze der deutschen Wirtschaft. So waren diese um 4,6 Prozent im Vergleich zum Jahr 2021 gestiegen. Damit war fast wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Die Deutschen hatten nach dem Ende der Corona-Beschränkungen wieder Lust zum Shoppen und Konsumieren.

Suhl hat größte Kaufkraft in Thüringen

Wie viel Geld den Thüringerinnen und Thüringern dafür zur Verfügung steht, ist abhängig von ihrem Einkommen. Das unterscheidet sich je nach Region auch innerhalb des Freistaates. Hierzu kann die Kaufkraft betrachtet werden. Diese gibt Auskunft darüber, wie viel verfügbares Einkommen für Konsum Menschen einer Region haben. Die Kaufkraft wird unter anderem als Index dargestellt. Für Gesamtdeutschland ist der Normwert 100. Liegt der Kaufkraftindex einer Region über 100, besitzt diese eine überdurchschnittliche Kaufkraft - und umgekehrt.

Durchaus überraschend: 2022 hatte in Thüringen Suhl die größte Kaufkraft mit einem Index von 94,9, gefolgt von Erfurt mit 92,5. Die Kaufkraftdaten hat MDR THÜRINGEN bei den Industrie-und Handelskammern Erfurt, Süd- und Ostthüringen erfragt, für die sie vom Forschungsinstitut MB-Research GmbH erstellt wurden. Am niedrigsten war die Kaufkraft demnach 2022 im Landkreis Nordhausen.

Das Suhler Rathaus mit Waffenschmied-Denkmal und Marktbrunnen.
Suhl hat die größte Kaufkraft in Thüringen. Bildrechte: imago/Steve Bauerschmidt

Doch warum ist gerade in Suhl die Kaufkraft so hoch? Die IHK Südthüringen vermutet, dass es am hohen Anteil von Menschen liegt, die Rente beziehen. Ältere Menschen sparten im zunehmenden Alter weniger und hätten demnach mehr Geld, das sie zum Konsumieren ausgeben können. Weiterhin kann es daran liegen, dass die Stadt einen hohen Akademikeranteil hat und viele Menschen im öffentlichen Dienst angestellt sind. Beide Gruppen beziehen tendenziell höhere Einkommen und können daher mehr kaufen.

Bayern im Bundesvergleich vorn

Durchschnittlich hat jeder Deutsche eine Kaufkraft von etwa 26.300 Euro pro Kopf, wie das Marktforschungsinstitut GfK für 2023 prognostiziert. Damit steigt das verfügbare Nettoeinkommen nominal um 3,3 Prozent an.

Am höchsten wird auch in diesem Jahr die Kaufkraft im bayerischen Landkreis Starnberg sein. Dort haben die Menschen etwa 37.000 Euro pro Kopf zur Verfügung, also fast 11.000 Euro mehr als der durchschnittliche Bundesbürger. Auch die Landkreise München und Ebersberg sowie die Stadt München haben mit die höchste Kaufkraft in Deutschland.

Stadt München. Skyline vor schneebedeckten Alpen.
Landkreis und Stadt München sind unter dem Top vier im Kaufkraft-Ranking. Bildrechte: IMAGO/Sven Simon

Im direkten Vergleich der Bundesländer liegt deshalb Bayern 2023 auf Platz eins im Kaufkraftranking. Die durchschnittliche Pro-Kopf-Kaufkraft in Bayern ist mit 28.453 Euro am höchsten. Auf den Plätzen dahinter folgen Baden-Württemberg, Hamburg und Hessen. Thüringen belegt Platz 14. Das GfK prognostiziert für den Freistaat eine Kaufkraft von 23.432 Euro pro Einwohner im Jahr 2023.

Auf Wärme wolle sie nicht verzichten, lieber esse sie eine Stulle weniger, erklärt eine ältere Dame mit Fahrrad. Ein junges Pärchen denkt über die erneut steigenden Preise für Benzin und Diesel nach. Sie wohnen auf dem Land. Sind auf das Auto angewiesen und hoffen, dass der Spritpreis sich zumindest stabilisiert. Bei der kleinen Umfrage in Erfurt wird deutlich, dass die Menschen besonders die Preise für Nahrungsmittel und Energie im Auge behalten.

Verschiedene Lebensmittel liegen in einem Supermarkt in einem Einkaufswagen.
Auch bei der Umfrage in Erfurt wird klar: Die Preise für Lebensmittel beschäftigen die Thüringer. (Symboldbild) Bildrechte: picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Fast alle Befragten an diesem Freitag geben an, seit den Teuerungen verstärkt Preise zu vergleichen. Außerdem kaufen die meisten weniger Markenprodukte bei Lebensmitteln.

Gemüsepreise stiegen besonders

Häufig sind es die hohen Preise für Obst und Gemüse, die Kunden inzwischen vor dem Kauf zurückschrecken lassen. "So eine Paprika ist heutzutage schon fast eine Investition", sagt eine ältere Dame. Eine andere Frau berichtet, sie würde von ihrer Rente nun weniger Lebensmittel kaufen. Gemüse komme nun weniger auf dem Tisch oder in die Suppe. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts erhöhten sich die Preise für Nahrungsmittel im März 2023 um 22,3 Prozent im Vergleich zum März 2022. Zwar betrifft die Preiserhöhung alle Lebensmittel, doch besonders Gemüse ist um 27,3 Prozent teurer.

Die Konsumbereitschaft lässt langsam nach. Nachdem in den vergangenen Monaten dieses Jahres eine Erholung der Verbraucherstimmung eingetreten war, verharrt der Konsum nun im April. Die steigenden Preise dämpfen das Konsumverhalten. Der Handelsverband Thüringen e.V. gibt an, dass auch eine pessimistische Sicht der Konsumenten auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum die Kaufbereitschaft einschränkt.

Verbandsgeschäftsführer Knut Bernsen sagt aber, ob und wie viel konsumiert wird, hänge auch weiterhin vom individuellen Stand ab. So werden Menschen mit einem höheren Einkommen nur wenig an ihrem Konsumverhalten ändern, da sie die Preissteigerungen noch nicht in einem große Maße tangieren. Menschen mit geringerem Einkommen werden sich hingegen mehr anpassen.

Schokoladenstückchen
Eine Mehrheit der Befragten gab an, sich auch bei steigenden Preisen Süßigkeiten zu kaufen. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Shotshop

Auf die Frage, was sich die Befragten in Erfurt weiterhin gönnen würden, auch wenn der Preis dafür steigen würde, ist die Mehrheit der Antworten dann doch eindeutig: Süßes. Nuss-Nougat-Creme, Eis, Kuchen, Schokolade: Trotz steigender Preise will sich eine Mehrheit der Befragten das Leben auch weiterhin versüßen.

MDR (mch)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag mit Haase und Waage | 19. April 2023 | 11:00 Uhr

60 Kommentare

Germinator aus dem schoenen Erzgebirge am 24.04.2023

Mal dazu eine Schlagzeile aus dem Spiegel
"Die Verbraucherpreise sind gestiegen – und damit laut einem Bericht auch die Zahl älterer Empfänger von Grundsicherung. Demnach reichte zuletzt bei zwölf Prozent mehr Senioren als vor einem Jahr die Rente nicht zum Leben. "

Wie soll man denn da vernünftig gesundes einkaufen gehen?
So sieht es aus, das Leben unter der (H)Ampel.

🍀☝️

martin am 23.04.2023

Ihre Argumentation hat einen kleinen Schönheitsfehler: Frankreich bezieht deutlich mehr "Zappelstrom" aus D, da die real verfügbare AKW-Leistung leider nur eine kleinere Teilmenge der installierten Leistung ist. Vorigen Winter waren viele Kraftwerke wegen Revision oder Schäden nicht in Produktion und kommenden Sommer werden etliche Kraftwerke leistungsreduziert produzieren müssen, weil Kühlwasser fehlt.

martin am 23.04.2023

@peter pan: Stimmt - es kann nicht überall "Bio" drin sein kann, wo "Bio" drauf steht. Aber bei etwas genauerer Betrachtung werden Sie als Fachmann sicher nicht widersprechen, dass die Vorgaben zu Pflanzenschutz- und Düngemitteleinsatz sowie die Kontrolldichte von der Qualität der Zertifizierer / vom ausstellenden Verband abhängen. Von daher halte ich es freundlich formuliert für gewagt, hier alle Bio-Produkte über einen Kamm zu scheren.

Und nein, für eine Kontrolle braucht man den Landwirt nicht rund um die Uhr beobachten. Die modernen Analysemethoden können bis auf extrem niedrige Grenzwerte stoffliche Nachweise führen.

In Sachen "Chemie" haben Sie naturwissenschaftlich betrachtet ebenfalls recht: Biologische Wachstum basiert auf chemischen Prozessen.

Ich teile die Beobachtung von "alex leipzig", dass die Preissteigerungen bei vielen "Bio-Produkten" (Entschuldigung, dass ich hier pauschaliere; aber die Textmenge ist begrenzt) deutlich geringer als bei den "konventionellen" ist.

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