Eine Pflegerin versorgt eine im Koma liegende Frau im Patientenzimmer einer Coronastation.
In Thüringer Krankenhäusern wurden 2022 rund 510.000 Patienten behandelt. Bildrechte: IMAGO / Reichwein

Gesundheitsministerium Patientenschwund und Umsatzsorgen: Thüringer Krankenhäuser vor Herausforderungen

23. Januar 2024, 17:29 Uhr

Einem Gutachten zufolge müssen sich Thüringens Krankenhäuser in den kommenden Jahren auf einen Patientenschwund einstellen. Dies könnte die finanziellen Schwierigkeiten der Kliniken verschärfen. Viele Krankenhäuser beklagen Belastungen wegen gestiegener Personal- und Sachkosten.

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Der Bevölkerungsrückgang und mehr ambulante Behandlungsmöglichkeiten stellen Thüringens Krankenhäuser vor Herausforderungen. Auf sie kommt einer Prognose zufolge in den nächsten Jahren ein anhaltender Patientenschwund zu.

Bis zum Jahr 2030 könnte die Zahl der vollstationären Behandlungsfälle um bis 15 Prozent gegenüber dem Jahr 2022 sinken. Das geht aus einem noch unfertigen Gutachten für den neuen Thüringer Krankenhausplan hervor, das das Gesundheitsministerium in Auftrag gegeben hat. Der Stand wurde am Dienstag vorgestellt.

Gleichzeitig sind die Kliniken laut Gutachten in allen Landesteilen gut erreichbar. Fast überall gebe es Krankenhäuser mit einer Grundversorgung, die in weniger als 30 Minuten erreichbar seien. Eine Schwachstelle sei etwa die Erreichbarkeit von Fachbereichen wie der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder der Geriatrie zur Behandlung speziell älterer Patienten. Da fehlten Kapazitäten. Das Gutachten als eine Grundlage für den neuen Landeskrankenhausplan soll bis Ende März fertiggestellt sein.

Eine Karte des Freistaats Thüringen.
In den meisten Regionen Thüringens sind Krankenhäuser (rote Pins) in weniger als 30 Minuten zu erreichen. Bildrechte: PD - Berater der öffentlichen Hand GmbH

Patientenzahlen gehen in Thüringen zurück

Der Manager der mit der Expertise beauftragten Berliner Beratungsfirma PD, Thomas Topf, sagte am Dienstag, es sei nicht davon auszugehen, dass sich die in der Corona-Pandemie zurückgegangenen Fallzahlen an den Kliniken wieder erholen werden.

In der Pandemie hatten die Krankenhäuser viele nicht dringliche Operationen teils monatelang verschoben, nicht zuletzt um Kapazitäten für Corona-Kranke verfügbar zu haben. Im Vor-Pandemie-Jahr 2019 hatten Kliniken im Freistaat dem Gutachten zufolge rund 595.000 Menschen behandelt, 2022 waren es noch rund 510.000.

Im Jahr 2030 könnte es auf gut 433.000 heruntergehen, wenn das Potenzial ambulant machbarer Behandlungen ausgeschöpft würde. Dieses liege bei 70.000 bis 80.000 Behandlungen jährlich, so Topf. Zudem wirke sich der Bevölkerungsrückgang in Thüringen aus, denn weniger Menschen bedeuten auch weniger Patienten.

Umsatzschwierigkeiten für Krankenhäuser

Dem Gutachten zufolge dürfte diese Entwicklung für die Krankenhäuser die finanziellen Schwierigkeiten als Folge von Inflation und überdurchschnittlichen Tarifabschlüssen verschärfen. Weniger Patienten bedeuteten gleichzeitig Umsatzeinbrüche. Thüringen verfüge bereits jetzt über eine im Bundesdurchschnitt vergleichbar hohe Bettenzahl - bei unterdurchschnittlicher Auslastung.

Bereits heute seien einzelne Fachabteilungen so klein, dass unsicher sei, ob sie künftig bestehen könnten, so das Gutachten. Dies hänge auch von der Verfügbarkeit von Fachkräften ab. Aus Sicht der Krankenkasse AOK Plus legt das Gutachten mit dieser Einschätzung den Finger in die Wunde, wie Vorstandschef Rainer Striebel erklärte.

Gesundheitsministerin rechnet nicht mit weiteren Klinikinsolvenzen

Viele Krankenhäuser beklagen Belastungen wegen gestiegener Personal- und Sachkosten, die durch das derzeitige Vergütungssystem aus Festpreisen für erbrachte Behandlungen nicht aufgefangen werden könnten. Für Schlagzeilen hatte zuletzt die Insolvenz der Klinikkette Regiomed mit Standorten auch in Neuhaus, Sonneberg und Hildburghausen in Südthüringen gesorgt. Nach Einschätzung von Gesundheitsministerin Heike Werner gibt es in Thüringen aktuell keine Anzeichen für weitere Klinikinsolvenzen.

"Ich hoffe, dass das so bleibt", sagte die Linke-Politikerin. Allerdings sei die Situation für alle Häuser herausfordernd. Die Landesregierung beschäftige sich deshalb mit möglichen finanziellen Hilfen für die Kliniken. "Wir diskutieren, ob wir eventuell über eine Art Bürgschaftsprogramm Krankenhäuser unterstützen können", sagte Werner. Bereits jetzt gebe es Möglichkeiten für Kliniken, beim Finanzministerium Bürgschaften zu beantragen, um kurzfristig Hilfe zu haben. "Wir versuchen, das als Programm zu installieren", so Werner.

FDP fordert Strukturreform

Die FDP forderte mit Blick auf das Gutachten von der Landesregierung, eine Strukturreform endlich anzugehen. "Wir haben 1.500 Betten zu viel, aber gleichzeitig zu wenig Personal", erklärte der FDP-Landtagsabgeordnete Robert-Martin Montag.

"Die ersten Insolvenzen erschüttern unsere Kliniklandschaft auch deshalb, weil den Häusern seit Jahren Orientierung und Planungssicherheit fehlt", äußerte der CDU-Landtagsabgeordnete Christoph Zippel.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) plant eine umfassende Klinikreform in Deutschland. Ein Kernpunkt ist die Veränderung des Vergütungssystems, Kliniken sollen nicht mehr ausschließlich mit Fallpauschalen für erbrachte Therapien vergütet werden. Sie sollen schon für das Vorhalten bestimmter Angebote bezahlt werden - was den ökonomischen Druck auf die Häuser mildern soll. Allerdings gibt es bislang keinen Gesetzentwurf. Bund und Länder streiten über eine Übergangsfinanzierung bis zum Reformstart.

MDR (dpa/jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 23. Januar 2024 | 18:00 Uhr

34 Kommentare

Maria A. vor 12 Wochen

Die Menschen, die jetzt betagt sind, sind selbstverständlich älter als vor 30 Jahren. Ironie aus: Mich ärgert einfach diese seltsame Verallgemeinerung, wenn es um alte Menschen geht. Immer älter - als wäre die Lebenserwartung in Deutschland überdurchschnittlich hoch. Und dann dieses erzeugte Bild von bewegungsunfähigen Fleischbergen, die ewig dahinsiechen. So Mitte 70 neigt der Mensch dazu, an Gewicht zu verlieren. "Altersschwund" nannte man das schlichtweg in meiner Jugend. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und was wäre denn Ihr Vorschlag zum Verfahren mit den Menschen, die sich trotzig weigern, diese gewinnorientierte Welt im Rahmen der üblichen Lebenserwartung zu verlassen? Deren Brüche nicht mehr zu behandeln, ihnen Augenoperationen, Gallen- oder Magenoperationen zu verweigern? Deren Versorgung generell herunterzufahren? Wissen Sie, die alten Menschen hat nicht der Vogel Greif gebracht. Die haben Angehörige, Kinder, Enkel, ja Urenkel, die sie gern haben.

Erichs Rache vor 12 Wochen

@Silent-John

"In Summe fallen wir hinter andere führende Länder Europas und Asiens immer mehr zurück."

Das will ich doch hoffen.

Irgendwann muss doch die "verheerende Politik" von SPD&CDU der letzten Jahrzehnte "Früchte tragen"

@Maria A. hat es doch trefflich beschrieben "ist es nicht so, dass die Bevölkerungszahl Deutschlands ständig steigt? Nicht durch mehr Geburten, sondern statistisch ausgewertet, durch Zuzug."

An dem Tag, an dem irgendwer begreift, das "Zuzug" keine Familienpolitik ist, ist es für die Sicherung der Funktionsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme wie Rente schon ZU SPÄT. :-))

Maria A. vor 12 Wochen

ElBuffo, ich habe kommentiert in Bezug zum Aufsuchen der Notaufnahmen wegen Kleinigkeiten, früher und jetzt. Und nicht zu OP-Auslastungen. Dazu schrieb ich einen anderen Kommentar.

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