Nierenkrebs So geht es dem kleinen Finn aus Erfurt nach einem Jahr Chemotherapie

18. Dezember 2022, 07:00 Uhr

Ein Jahr lang jede Woche Chemo, unzählige Medikamente, einige Operationen und Koma: Im vergangenen Dezember berichteten wir über den damals sechs Monate alten Finn aus Erfurt, der als Baby Nierenkrebs bekam. Viele Leser und Hörer spendeten Geld, der Härtefall-Fonds des Thüringer Landtages schaltete sich ein und auch über eine Gesetzeslücke sollte diskutiert werden. Was ist in einem Jahr passiert?

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Wer die Messingglocke auf der Kinderkrebsstation in Jena läuten darf, hat viel ausgehalten und geschafft. Der kleine Finn aus Erfurt und seine Familie gehören jetzt dazu. Die letzte Chemo war Mitte Oktober, der Katheter, über den wichtige Medikamente gegeben werden, kam Anfang Dezember raus. Therapie beendet. Das Glockenläuten ein Ritual, ein Meilenstein, ein Grund zur Freude. Doch es bleiben viele Sorgen.

Man kann nicht davon sprechen, dass er nie wieder ins Krankenhaus muss.

Mutter Stefanie

Letzte Chemotherapie - nun geheilt?

Alle drei Monate wird Finn nun im Krankenhaus in Jena untersucht. Die Eltern schwanken zwischen Freude und Sorge - denn "da er im Endstadium war - Stadium 5 - ist die Rückfallrate recht hoch", so Mutter Stefanie. In den ersten beiden Jahren gilt die Rückfallquote als besonders hoch.

In einem Update auf der damals eingerichteten Spendenseite erklärt sie: "Wirklich feiern werden wir erst, wenn wir wenigstens diese Zeit geschafft haben. Zu oft haben wir Kinder mit Rückfällen erlebt oder erfahren, dass sie es nicht geschafft haben. Nach fünf Jahren spricht man bei Krebs von völliger Heilung. Unterschwellig wird also ein sorgenvolles Gefühl bleiben."

Operationen und Komplikationen

Im Februar 2022 wurde Finn in Tübingen operiert. Seine Niere konnte gerettet werden, auch wenn viel Nierengewebe entfernt werden musste. Die Mutter berichtet von vielen "sehr unschönen Komplikationen" in diesem einen Jahr Behandlung. Immer wieder gab es neue Vollnarkosen, Operationen und lange Zeiten auf Station.

Finn will Kindergartenkind werden

Als wir mit der Mutter telefonieren, brabbelt und gluckst Finn im Hintergrund. Vor einem Jahr beschrieb sie ihn als fröhliches Kind. Er konnte sich das bewahren. Nur wenn er Ärzte sieht, weint er oft, erzählt sie.

Mit seinen anderthalb Jahren ist Finn nicht so weit entwickelt wie anderen Kinder in dem Alter. Wie auch? Er beginnt gerade, zu krabbeln und sich hochzuziehen. An der Hand geht er ein paar Schritte - alleine laufen kann er noch nicht.

Ab Frühjahr 2023 will Mutter Stefanie ihren Kleinen in den Kindergarten bringen und hofft, dass das auch klappt. Doch erste Gespräche im Kindergarten machen ihr wenig Hoffnung.

Finns Immunsystem ist durch die Behandlung aktuell noch heruntergefahren - voraussichtlich ab Januar kann er gegen erste Kinderkrankheiten geimpft werden. Die Ärzte sagten der Familie, es werde etwa ein halbes Jahr dauern, bis sich das Immunsystem von den vielen Behandlungen erholt. Der Kindergarten stellt deshalb in Aussicht, dass Finn ab Herbst hinkommen kann.

Finanzielle Sorgen

Für die Mutter heißt das - noch länger zu Hause bleiben ohne Geld. Zwar hat die Familie nach der Berichterstattung 2021 viel Hilfe erfahren. Doch diese ist aufgebraucht. Die Mutter erklärt, "die Spenden haben uns lange Zeit sehr unterstützt und eine unglaubliche Last von den Schultern genommen. Wir haben vieles gebraucht gekauft - wie Kleidung, einen Kindersitz und Spielzeug." Als der kranke Sohn wochenlang im Krankenhaus lag, nahm die Familie einen Teil der Spenden, um den Eigenanteil für die Unterbringung im Ronald McDonald Haus zu zahlen.

Die Familie ist nach eigenen Angaben sehr dankbar für die vielen Einzelspenden und Initiativen. So haben Mitarbeiter von Firmen zusammengelegt, eine Kirchgemeinde ihre Kollekte gespendet und Kraftfahrer eine Spendenaktion auf die Beine stellten. Alles kam vor. Doch nun sind die Hilfen aufgebraucht.

Leider reicht das Geld nicht aus bis März und ist seit einem Monat aufgebraucht.

Mutter Stefanie

Erzieherin Stefanie M. schreibt, sie sei durch die lange Krankschreibung weiter völlig ohne Einkommen. Ohne die Spenden wäre die Familie "nie so weit gekommen". Doch die Inflation bedeute - wie für viele anderen auch - einen "Kraftakt".

Regelungslücke: Krankengeld beeinflusst Elterngeld

Durch eine eigene Autoimmunkrankheit war Mutter Stefanie vor der Schwangerschaft mit Finn selbst lange krankgeschrieben. Ihr Elterngeld ist dadurch sehr gering. Diese "Regelungslücke" fiel im Zuge der Berichterstattung im vergangenen Jahr der Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss (Linke) auf. Sie setzte sich im Petitionsausschuss dafür ein, dass die Familie Geld aus dem Härtefallfonds bekommt, und kündigte an, dass sich die Thüringer Politik mit dieser Regelungslücke beschäftigten werde - damals sagte sie aber schon voraus, dass dies "vielleicht auch über das Jahr 2022 hinaus dauern" könne.

Aktuell ist laut König-Preuss in Abstimmung mit der Familie eine Petition in Arbeit, die das Problem aufgreift. Inzwischen hätten sich weitere betroffene Familien gemeldet. Mit einer Petition könnte das Thema von Thüringen aus die Bundespolitik erreichen, so die Hoffnung.

MDR (ifl)

Dieses Thema im Programm: Der Morgen | 18. Dezember 2022 | 07:00 Uhr

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