Corona-Pandemie Folgen der Lockdowns: Immer mehr Kinder und Jugendliche in psychiatrischer Behandlung

Juliane Maier-Lorenz
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In Thüringen müssen immer mehr Kinder und Jugendliche wegen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen in Folge der Coronapandemie behandelt werden. Eine Umfrage von MDR THÜRINGEN in den Kliniken im Freistaat ergab, dass in allen Häusern der Bedarf nach Behandlungen infolge von Lockdowns, geschlossenen Schulen und fehlender Sozialkontakte gestiegen ist. Genaue Zahlen dazu werden statistisch nicht erfasst, so die Kliniken. Alle verzeichnen einen erhöhten Bedarf an Behandlungen und Therapien.

Wenn Boris klettert, dann geht es ihm gut. Dann stellt er sich seinen Ängsten und kommt raus aus seiner Komfortzone. Klettern ist für ihn Therapie auf dem Weg zu einem normalen Alltag. Denn dorthin will er zurück. Seit elf Wochen wird der 14-Jährige in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Südharz Klinikum in Nordhausen behandelt. "Soziale Ängste, also ich konnte nicht mehr in die Schule gehen, nicht einkaufen, allgemein war ich eigentlich nur noch drin. Ziemlich viel geschlafen, Musik gehört. Filme geschaut", so beschreibt Boris die Zeit bevor er einen Therapieplatz in Nordhausen bekam.

Boris an einer Kletterwand
Boris an einer Kletterwand. Bildrechte: MDR/ Reinhardt Müller

Psychiatrische Kinder- und Jugendkliniken sind voll belegt

Allein dort werden aktuell durchschnittlich bis zu 25 Prozent mehr Kinder und Jugendliche als in den vergangenen Jahren behandelt. Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Stadtroda stiegen die Anfragen für stationäre und tagesklinische Behandlungen. Im Ökumenischen Hainich-Klinikum in Mühlhausen und im Helios-Klinikum in Hildburghausen seien bereits im vergangenem Jahr nahezu alle stationären Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie belegt gewesen. Auch in diesem Jahr sei das der Fall, heißt es aus den Kliniken im Freistaat.

Das Jahr 2022 ist ein ganz besonderes Jahr und eine ganze besondere Herausforderung, weil wir etwa 25 Prozent mehr Patienten haben als in den Jahren davor. Die Folgen der langen Coronazeit kommen eigentlich erst jetzt so richtig.

Prof. Dr. Philip Heiser Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrie Südharz Klinikum Nordhausen

Viele haben Suizid-Gedanken

Neben Essstörungen und Depressionen leiden die Kinder vor allem an Angst- und Zwangserkrankungen. Die Zahl derer, die Selbstmord-Gedanken haben, hätte zugenommen, so Dr. Michael Kroll, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Asklepios Fachklinikum Stadtroda. Luisa ist seit zwei Jahren regelmäßig zu Gesprächen im Südharz-Klinikum in Nordhausen. Die 14-Jährige kann nur schwer beschreiben wie es ihr geht: "Wegen Corona war ganz viel allein. Da bin ich halt immer mehr trauriger geworden und habe dann irgendwann Suizid-Gedanken bekommen."

Luisa mit einer Maske im Behandlungszimmer
Luisa im Behandlungszimmer. Bildrechte: MDR/ Reinhardt Müller

Auch kämen immer mehr Kinder und Jugendliche, die nicht mehr in die Schule gehen wollen in die Behandlung. Es gebe immer mehr psychosomatische Erkrankungen, wie etwa Bauchschmerzen, die keine körperlichen, sondern psychische Ursachen haben. Der Body-Mass-Index sei gerade bei Jugendlichen rapide gestiegen, berichten die Mediziner. Die größten Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendlichen hätten die Einschränkungen im Schulbesuch gehabt.

Die politischen Entscheidungen während der Pandemie haben die Nöte, Bedürfnisse und Wünsche der Kinder nicht respektiert.

Daniel Busch Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Ökumenischen Hainich-Klinikum in Mühlhausen

Wartezeiten von bis zu halbem Jahr auf einen Therapieplatz

Während der Lockdowns, so haben die Mediziner festgestellt, sei es zu mehr Kindswohlgefährdungen, Misshandlungen und Missbräuchen gekommen. Häusliche Gewalt und Verwahrlosung hätten zugenommen und auch selbst-verletzendes Verhalten sei weit verbreitet.

Von den Folgen der Pandemie und der Lockdowns seien alle Altersklassen betroffen, so Prof. Dr. Philip Heiser, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Südharz Klinikum in Nordhausen. "Vor allem ab dem Grundschulalter haben die psychischen Belastungen zugenommen und es sind vorrangig Kinder und Jugendliche betroffen, die während der Schulschließungen vor bevorstehenden Übergängen standen", so Heiser. Mädchen seien tendenziell häufiger betroffen, ebenso Kinder und Jugendliche aus wirtschaftlich schlechter gestellten Familien.

Prof. Dr. Philip Heiser, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Südharz-Klinikum Nordhausen
Prof. Dr. Philip Heiser, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Südharz-Klinikum Nordhausen. Bildrechte: MDR/ Reinhardt Müller

Noch sei unklar, wie lange es brauche, um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auf das Vor-Corona-Niveau zu verbessern. "Das wird sich die nächsten Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte hinziehen", sagt Daniel Busch, Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Ökumenischen Hainich-Klinikum in Mühlhausen. Die Situation verschärfe sich durch die langen Wartezeiten zusätzlich. Mitunter müssen Betroffene ein halbes Jahr und länger auf einen Therapieplatz warten. Akutfälle werden dennoch, so betonen alle Kliniken, immer sofort behandelt.

Mehr zu den Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Juni 2022 | 19:00 Uhr

55 Kommentare

Kritische vor 8 Wochen

Sie haben eindeutig keine Kinder und von daher keine, sorry, aber so was von keine Ahnung. Die Schulen waren monatelang dicht und viele Erwachsene hatten es gar nicht gemerkt, erstaunte Blicke überall "ach, die Kinder sind noch zu Hause ". Kinder gehören zu Kindern und in die Welt. Erwachsene müssen sich selbst schützen und impfen lassen. Kinder einzusperren und zu separieren ist mit nichts zu rechtfertigen. Wenn Sie Angst vor Kindern haben, bleiben Sie bitte lieber zu Hause! Mir persönlich macht eher der hustende und prustende Opa ohne Impfung und Maske beim Einkaufen Angst. Da halte ich und auch mein Kind großen Abstand.

Sozialberuflerin vor 8 Wochen

"Kitas & Schulen wurden immer so lange wie möglich offen gehalten..."
Kitas, Ja aber Schulen, Nein

"Ich sehe daher nicht, dass hier leichtfertig oder gar absichtlich das Kindeswohl gefährdet wurde."
Leichterfertig und absichtlich sicher nicht, aber es wurde definitiv als Kollateralschaden hingenommen!!!

Es war klar, dass Homeschooling+Homeoffice, oder eben generell arbeitstätige Eltern auf Dauer nicht vereinbar ist!
Oft mit mehreren Kindern in den Familien!
Und trotzdem wurden immer wieder Schulen wochen-und monatelang, oftmals übers Wochenende einfach geschlossen!

Letzteres zwar nur noch klassenweise, aber dennoch konnte man zeitgleich mit Test-, Impf-oder Genesenennachweis schön shoppen, zur Buga oder eben lecker essen gehen!

Sorry... Auch wenn ich Ihnen bei manchen Ansätzen Recht gebe
Jedoch ist Fakt, dass die irsinnigen, grundlosen Maßnahmen vorallem Kindern zugesetzt haben.
Evt. mit Folgen fürs Leben

Und Nein... Nicht alle Maßnahmen waren sinnfrei! ☝️






ralf meier vor 8 Wochen

@sharis, also ich hab manchmal den Eindruck, das im Pflegebereich fast nur Ausländer arbeiten. Mehr Pflegekräfte erhält man eher dadurch, das man die Bedingungen in der Pflege verbessert

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