Ein bunt gestrichenes Wohnhaus.
Manch Pärchen hatte hier eine Wohnung als Investition erworben - doch seit über zehn Jahren passiert gar nichts. Bildrechte: Privat

Immobilien-Abzocke Wie ein Jenaer Geschäftsmann Wohnungseigentümer am "Alten Schützenhof" um ihr Geld bringt

17. Dezember 2022, 05:00 Uhr

Seit Jahren verwahrlost ein fast fertiges Wohngebäude auf dem Gelände des traditionsreichen "Alten Schützenhof" in Jena-Nord. Ein zwielichtiger Geschäftsmann hat das Gebäude entwickelt und dabei wohl Käufer um viel Geld gebracht.

Sogar die Rollläden sind schon installiert - von außen sieht alles danach aus, als könnten hier bald Menschen einziehen. Doch obwohl das Mehrfamilienhaus im Jenaer Norden seit bald 15 Jahren fertig sein sollte, wohnt hier niemand.

Hinter dem vergeigten Bauprojekt, so zeigt es eine neue Recherche, steht ein Mann, der in Jena kein Unbekannter ist und der auch in die Kautions-Abzocke von Studenten am Johannisplatz in Jena involviert sein soll: Jörg S. Über die Abzocke der Studenten berichtete zuerst das Hochschulmagazin "Akrützel".

Seit den 90ern in Immobiliengeschäfte verwickelt

MDR THÜRINGEN hat mit verschiedenen Menschen gesprochen, die in den vergangenen Jahren mit Jörg S. geschäftlich zu tun hatten. Von schlechten Erfahrungen ist die Rede, manche Beleidigungen sind dabei, aber auch die Erzählung von einem gewieften Geschäftemacher.

Wie Auszüge des Handelsregisters zeigen, war S. seit den frühen 1990ern als Geschäftsführer in unterschiedlichen Immobilien-GmbHs aktiv. Unter anderem beim Restaurant Gatto Bello, das jahrelang in bester Stadtlage am Johannisplatz 16 existierte und laut informierter Quelle irgendwann Pleite ging. Besagtes Gatto Bello residierte im Erdgeschoss eben des Hauses, in dem Jörg S. und seine Ehefrau Kerstin immer noch Zimmer an Studenten vermieten und ihnen am Ende die Kaution vorenthalten. Der MDR hatte darüber berichtet.

"Alter Schützenhof" weckt Erinnerungen

Doch interessant ist in diesem Fall, was Jörg S. mit der "I.D.E. Beteiligungs-GmbH" unternahm: 2003 gegründet und kurz später für den Ankauf von Grundstücken umgemeldet, nutzte S. diese Firma, um in den Jahren darauf die Fläche des "Alten Schützenhofs" zu kaufen. Die alte Gaststätte diente schon zu DDR-Zeiten im Jenaer Norden als Ort für Feierlichkeiten, unter anderem als "Kulturhaus der Glasarbeiter". Wie der Ortsteilbürgermeister von Jena-Nord, Christoph Vietze, MDR THÜRINGEN sagte, "ist der Alte Schützenhof immer noch ein emotionales Thema. Viele Menschen haben hier gefeiert".

Als Bauträger wollte S. diese Fläche nun entwickeln, riss das alte Gebäude 2006 ein und baute ein Wohnhaus. Darüber hatte auch die "Ostthüringer Zeitung" berichtet. Seine GmbH verkaufte die zehn Wohnungen an Privatleute mit dem Ziel, 2008 fertig zu sein.

Auf einer alten schwarz-weiß-Aufnahme ist ein Gasthaus zu sehen.
Ehrwürdig thronte der Schützenhof vor über 100 Jahren am Hang am heutigen Jenaer Norden. Bildrechte: Städtische Museen Jena

Investitionsprojekt scheiterte

Aus den Einträgen geht hervor, dass S. 2011 zunächst bei einem Briefkasten in Brandenburg seine Firma um- und dann 2014 die Insolvenz anmeldete. Was beim Bau des neuen Wohnhauses alles schiefging, ist nicht im Detail klar. Offenbar wurde der Bau aber nicht abgenommen. Und die Käufer der Wohnungen konnten bis heute nicht einziehen, während sie gleichzeitig ihr potenzielles Eigentum finanzieren mussten.

Juristisch blieb das Projekt dabei nicht ohne Folgen für Jörg S.: Wegen Insolvenzverschleppung und Leistungskreditbetrug im Zusammenhang mit dem Immobiliensektor liefen gegen ihn von 2013 und 2014 an zwei Ermittlungsverfahren. Das bestätigte die Polizei Jena auf Anfrage. Das Haus am "Alten Schützenhof" spielte dabei ebenso eine Rolle wie das Wohn- und Geschäftshaus in der Jenaer Innenstadt - eben jenes Haus, in dem S. und seine Frau seit geraumer Zeit Studenten um ihre Kaution bringen.

Die beiden Verfahren wurden letztlich zusammengelegt und Jörg S. 2017 wegen Verletzung der Buchführungspflicht zu einer Geldstrafe verurteilt. Das teilte die Staatsanwaltschaft Gera auf Anfrage mit.

Auch neuer Bauherr kommt nicht an S. vorbei

Am "Alten Schützenhof" trat 2018 dann das Immobilienunternehmen ICE GmbH auf den Plan, das nicht zu S. gehört. ICE kaufte die Wohnungen den enttäuschten Eigentümern ab und will das von S. errichtete Wohnhaus abreißen sowie dort ein neues Mehrfamilienhaus errichten. Einen Vorbescheid der Stadt Jena dafür gibt es bereits. Doch auch hier passiert seit Jahren nichts.

Der Grund: Jörg S. plante und erschloss das Grundstück nicht nur neu, sondern sicherte auch seiner Familie Platz in dem offenbar schlecht gebauten Wohnhaus: So besitzt die Familie S. über die Ehefrau K. und Tochter M. selbst zwei Wohnungen in dem Haus. Das geht aus Grundbucheinträgen hervor, die der MDR einsehen konnte.

Wohnungsinserate im Internet
So würde die ICE GmbH gerne bauen - doch S. blockiert offenbar die weitere Entwicklung auf dem Grundstück. Bildrechte: MDR/David Straub

S. pokert offenbar Verkaufspreis in die Höhe

Die ICE GmbH plant zwar, kann jedoch nicht loslegen, da bisher noch kein Verkauf der beiden Wohnungen durch Frau K. und Tochter M. erfolgte.

Was beim Bau der Wohnanlage schiefging, wie stark die Käufer der Wohnungen finanziell Schaden genommen haben und vor allem, warum seine Familie immer noch Wohnungen am "Alten Schützenhof" hält - dazu äußerte sich Jörg S. nicht. Der Wunsch der ICE GmbH, endlich neu bauen zu können, und der angespannte Wohnungsmarkt in Jena könnten aber Anreize genug für den Preispoker von Jörg S. sein.

Jörg und Kerstin S. reagierten nach MDR THÜRINGEN-Anfragen nicht auf die in diesem Artikel genannten Vorwürfe.

MDR (dst)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 17. Dezember 2022 | 18:15 Uhr

12 Kommentare

DermbacherIn am 18.12.2022

Sie wissen schon, dass bei Bauverfahren die jeweilige Stadt bzw Gemeinde ein gehöriges Wort mitzureden hat und außerdem wirft dies ein schlechtes Licht auf die sogenannte Lichstadt Jena, die Stadtverwaltung Jenas muss es nur wollen!

Thommi Tulpe am 17.12.2022

Sicher gibt es Gesetze. Diese gelten aber für alle, können in jahrelangen, die Justiz belastende Verfahren genutzt werden - auch von dubiosen Geschäftemachern.

Leachim-21 am 17.12.2022

wenn die Vorwürfe in diesen Artikel stimmen sollte stellt sich mir die Frage wo sind die Politiker bzw. die Landes - und Bundesregierung bzw. die Justiz .schauen die weg oder was läuft da. gibt es keine Gesetze mehr die auch angewendet werden müssten oder .

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