Walpersberg Digitales Gedenken an Zwangsarbeiter von NS-Rüstungswerk bei Kahla

Gedenken in Pandemie-Zeiten: Eine Online-Plattform erinnert ab sofort an die mehr als 12.000 Zwangsarbeiter, die zwischen 1944 und 1945 im REIMAHG-Rüstungswerk Walpersberg bei Kahla schuften mussten. Etwa 1.500 bis 2.000 von ihnen überlebten die Tortur nicht.

Kränze zum Gedenken an NS-Zwangsarbeiter in Rüstungswerks REIMAHG Walpersberg bei Kahla
Immer um den 8. Mai herum reisten in den vergangenen Jahren Überlebende und Angehörige ehemaliger Zwangsarbeiter ins südliche Saaletal. Doch diesmal wird der Opfer des NS-Rüstungswerks nur im kleinen Kreis gedacht - und mit einer Online-Plattform. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Das Erinnern an die Opfer des unterirdischen Rüstungswerks im Walpersberg bei Kahla musste im vergangenen Jahr wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Diesmal wurde das Gedenken teils ins Internet verlegt. Am 13. April, dem 76. Jahrestag der Befreiung der Zwangsarbeiter, ist die dafür geschaffene Plattform online gegangen. Sie erinnert auf besondere Weise an die mehr als 12.000 Zwangsarbeiter, die dort zwischen 1944 und 1945 unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten. Etwa 1.500 bis 2.000 von ihnen überlebten die Tortur nicht.

Reste eines ehemaligen Bunker 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 13.04.2021 19:00Uhr 02:13 min

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Pandemie hat Tradition unterbrochen

Die Pandemie hat eine jahrzehntelange Tradition unterbrochen. Immer um den 8. Mai herum reisten Überlebende und Angehörige ehemaliger Zwangsarbeiter ins südliche Saaletal. Sie kamen aus Italien, Belgien, Polen und den Niederlanden, aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und Jugoslawiens. Sie nahmen teil an der Gedenkveranstaltung im Leubengrund bei Kahla, legten ihre Kränze auch an Standorten ehemaliger Lager rund um den Walpersberg nieder. Es gab herzliche Begegnungen und Gespräche. Manche kamen immer wieder, im Gedenken an ihre Lieben.

Erinnerungen in digitaler Form

In diesem Jahr ist es anders. Die Menschen haben ihre Gedanken in Texten und Gedichten formuliert, haben Fotos und Grußbotschaften per Video geschickt. So zeigt ein Kriegsveteran aus der russischen Wolga-Stadt Saratow, wie die Menschen dort an ihre Helden und die Opfer des Krieges erinnern. Ein ehemaliger Zwangsarbeiter aus Belgien hat seine Erinnerungen aufgeschrieben, um sie auf diese Weise der Nachwelt zu erhalten. Die Schwester eines italienischen Zwangsarbeiters schickte einen Brief, den sie einst an ihren Bruder geschrieben hat. Ein von einer italienischen Deutschklasse produziertes Video erzählt von Häftlingsschicksalen. Der Gospel-Chor Kahla hat das multinationale Musikprojekt "Bella Ciao" angeregt.

Beteiligt haben sich auch Vereine, Kommunalpolitiker und Botschafter. Knapp vor Einsendeschluss kam noch ein Grußwort der Französischen Botschaft, sagt Patrick Brion. Insgesamt 45 Erinnerungsstücke, ein vielsprachiges berührendes Gedenken, das in die Zukunft wirken soll. Brion hatte noch auf ein paar Beiträge mehr gehofft. Enttäuscht ist er aber nicht. Schließlich ist das Gedenkprojekt www.remember-online.org gerade erst gestartet und soll weiter wachsen.

Opfer des Nazi-Rüstungswerks dürfen nicht vergessen werden

Die Idee zu der Plattform hat der seit längerem in Kahla lebende Belgier Brion zusammen mit Markus Gleichmann entwickelt, als zu Jahresbeginn die Frage stand, wie mit dem Gedenken angesichts der absehbaren pandemiebedingten Einschränkungen umgegangen werden solle. Das gemeinsame Projekt war ein großer Schritt aufeinander zu. Denn der 2003 von Patrick Brion und seiner Frau Steffi gegründete Förderverein Mahn- und Gedenkstätte Walpersberg und der zwei Jahre später hinzugekommene Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg mit dem Gründungsvorsitzenden Markus Gleichmann sahen sich bislang eher als Konkurrenten. Den langjährigen Zwist wollen sie begraben, künftig mehr mit- statt gegeneinander arbeiten. Denn es eint sie ein Gedanke, der in beiden Vereinssatzungen nachzulesen ist: die Opfer und die Geschichte des Nazi-Rüstungswerks dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Zahlreiche Lager rund um Walpersberg

Die Geschichte der sogenannten REIMAHG (benannt nach "Reichsmarschall Hermann Göring") begann im Frühjahr 1944. Als die Nazis angesichts des Bombenkriegs der Alliierten ihre Rüstungsproduktion mehr und mehr unter die Erde verlagerten, geriet auch der 320 Meter hohe Sandsteintafelberg im Saaletal in den Fokus. Das durch Sandabbau entstandene Stollensystem im Walpersberg sollte fortan der unterirdischen Flugzeugproduktion dienen. Im April 1944 kamen die ersten Zwangsarbeiter aus Italien und Osteuropa, bis November 1944 waren es an die 12.000. Unzureichend ernährt und permanent angetrieben, mussten sie Tag für Tag Stollen ausbauen, riesige Bunker als Produktionshallen errichten - sowie eine Startbahn auf dem Bergrücken. Zeitgleich entstanden zehn Haupt- und 18 Nebenlager, bis zu 20 Kilometer vom Walpersberg entfernt. Laut Plänen der Nazis sollten pro Monat 1.200 Düsenjäger des Typs Me 262 das unterirdische Werk verlassen. Doch dazu kam es nicht. Am 13. April 1945 übernahm die 89. US Infanterie Division das Werk und befreite tags darauf auch die Lager der Zwangsarbeiter jenseits der Saale. Für viele kam diese Befreiung zu spät.

Kränze zum Gedenken an NS-Zwangsarbeiter in Rüstungswerks REIMAHG Walpersberg bei Kahla
Kränze zur Erinnerung an die NS-Zwangsarbeiter in Rüstungswerks REIMAHG Walpersberg bei Kahla: In diesem Jahr kann es wegen der Corona-Pandemie keine größere Gedenkfeier geben. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Zwischen 1.500 und 2.000 Tote durch mörderische Zwangsarbeit

In Erinnerung an das Geschehen von damals werden jährlich am 8. Mai Kränze niedergelegt - am Mahnmal im Leubengrund, wo sich allein vier Zwangsarbeiter-Lager befanden. Es ist die offizielle Gedenkveranstaltung des Saale-Holzland-Kreises. Patrick Brion und Markus Gleichmann regen an, das Gedenken künftig auf den 13. April, den Tag der Befreiung der Zwangsarbeiter, vorzuverlegen. Auch sei es an der Zeit, den Gedenkstein aus dem Jahr 1974 zu modernisieren. Die dort angegebene Zahl von 6.000 Toten lasse sich nicht belegen. Nach jahrelanger akribischer Forschung gehen beide davon aus, dass der mörderischen Zwangsarbeit im und am Walpersberg zwischen 1.500 und 2.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Die Diskussion über ein möglicherweise neues Mahnmal im Leubengrund wollen sie gemeinsam anstoßen - wohl wissend, dass der Saale-Holzland-Kreis als Eigentümer dem zustimmen muss.

Führungen bisher nur auf dem Außengelände möglich

Das jetzt gestartete digitale Gedenkprojekt ist ein Auftakt für eine künftig engere Zusammenarbeit beider Vereine. Noch gibt es zwei Ausstellungen zur REIMAHG-Geschichte: das Dokumentationszentrum des Geschichts- und Forschungsvereins in Großeutersdorf und die Ausstellung des Fördervereins im Stadtmuseum Kahla. Die Exponate ergänzen sich, so Patrick Brion - und Markus Gleichmann denkt noch weiter. Um das System Zwangsarbeit umfassend und zeitgemäß darzustellen, sei der Walpersberg genau der richtige Ort. Gleichmann kann sich dort ein modernes Dokumentationszentrum auch als außerschulischen Lernort vorstellen.

Doch das ist Zukunftsmusik. Ohnehin bleibt der Zugang zum Berg mit dem teils noch erhaltenen Stollensystem vorerst allen verwehrt. Aus Sicherheitsgründen und weil dort eine geschützte Fledermauskolonie lebt. Führungen sind nur im Außengelände möglich.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 13. April 2021 | 18:40 Uhr

1 Kommentar

hercule vor 4 Wochen

Es ist richtig und wichtig an die Opfer zu gedenken auch wenn es online ist

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