Evangelische Kirche Nach Corona-Protestauftritt: Pfarrverein setzt Vorsitzenden ab

Porträt Karsten Heuke
Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Die Mitglieder des Thüringer Pfarrvereins haben den langjährigen Vorsitzenden Martin Michaelis mit großer Mehrheit abgesetzt. Vorausgegangen war eine heftige Debatte um seinen umstrittenen Auftritt bei einem Protestzug gegen Corona-Regeln in Sonneberg. Zum Übergangsvorsitzenden wurde nun der Pfarrer im Ruhestand Michael Thurm gewählt.

Versammlung des Thüringer Evangelischen Pfarrvereins. Ein Mann spricht am Podium.
Der Thüringer Pfarrverein hat am Montag eine außerordentliche Mitgliederversammlung in Neudietendorf abgehalten. Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Die Berufsvertretung der evangelischen Pfarrer hat ihren langjährigen Vorsitzenden Martin Michaelis abgesetzt. Vorausgegangen war heftige öffentliche Kritik am Auftritt des Pfarrers bei einem Corona-Protestzug in Sonneberg Anfang Dezember. Bei der außerordentlichen Versammlung des Thüringer Pfarrvereins in Neudietendorf haben am Montag 98 Mitglieder für die Abwahl von Michaelis gestimmt. 36 sprachen sich dagegen aus.

Bei lediglich vier Enthaltungen zeigte die Wahl deutlich, dass Michaelis den Rückhalt der evangelischen Pfarrer und Vikare verloren hat. Es waren auch deutlich mehr Mitglieder gekommen als zu früheren Vereinsversammlungen. Martin Michaelis hat angekündigt, seine Ämter sofort niederzulegen. Dazu würde neben dem Vereinsvorsitz auch der Vorsitz der Pfarrvertretung bei der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands gehören. Wie Pfarrer Michaelis am Mittwochabend mitteilte, wird er das Amt des Pfarrvertretungsvorsitzenden weiter wahrnehmen. Die Pfarrvertretung habe ihn erst im Januar bestätigt.

Keine Zusammenarbeit mehr im Vorstand

Zuvor hatten sich zahlreiche Kritiker und Unterstützer von Martin Michaelis in einer heftigen Debatte zu Wort gemeldet. Vorstandsmitglieder um den Vereinsvize Tillmann Boelter aus Saalburg-Ebersdorf hatten die Abwahl beantragt. Boelter sagte, dass in den vergangenen Monaten keine Zusammenarbeit mehr möglich gewesen sei. Michaelis habe nicht auf Schreiben reagiert und Vereinsinformationen nicht herausgegeben. Gemeinsame Sitzungen seien nicht zustande gekommen und Gesprächsangebote der Vorstandsmitglieder habe Michaelis ausgeschlagen.

Schließlich habe Michaelis auch eine Klage vor Gericht gegen die übrigen Vorstände angekündigt. Laut Boelter hat der bisherige Vereinsvorsitzende außerdem kurzfristig ein Ehepaar für Büroarbeiten angestellt, das mutmaßlich im rechten, völkischen Spektrum aktiv ist. Dabei habe sich Michaelis über den Widerspruch der anderen Vorstandsmitglieder hinweggesetzt. Weitere Pfarrer warfen Michaelis vor, weiterhin bei zweifelhaften Corona-Protesten aufzutreten, ohne sich von rechtsextremen Gruppen zu distanzieren.

Michaelis bat um Verzeihung und Gnade

Die Unterstützer von Michaelis gingen in der Debatte kaum auf die konkreten Vorwürfe und die offenkundig unüberbrückbar gestörte Vorstandsarbeit ein. Die Redner verwiesen vor allem auf vergangene Erfolge in seiner Vereinsarbeit und erinnerten an Hilfe von Michaelis in persönlichen Notlagen. Zudem betonten sie, dass der Inhalt seiner Predigt beim Corona-Protest in Sonneberg von der Meinungsfreiheit gedeckt sei.

Martin Michaelis selbst hatte zuvor gesagt, er habe nichts falsch gemacht und können nur gewinnen. Die Vereinsmitglieder hatte er um Verzeihung und Gnade gebeten. Er sagt außerdem, er sei über das erträgliche Maß in den öffentlichen Fokus geraten.

Übergangsvorsitzender bis Herbst

Nach der Abwahl haben die Mitglieder Michael Thurm aus Schwarza zum Übergangsvorsitzenden des Thüringer Pfarrvereins gewählt. Der Pfarrer im Ruhestand gehörte schon bisher dem Vereinsvorstand an. Er will vor allem den Zusammenhalt stärken und eine weitere Spaltung im Verein verhindern. Er sagte: "Mir ist die Klarheit wichtig, der Verein ist für alle da, jeder wird vertreten und ernst genommen." Durch Corona sei vieles auseinandergedriftet, „da ist es wichtig, dass wir aufeinander hören und bevor wir reden, auch mal nachdenken“. Thurm soll den Verein nun bis zur nächsten regulären Mitgliederversammlung im September führen.

Michael Thurm, Tillmann Boelter, Vorsitzender und Stellverstrender Vorsitzender des Thüringer Evangelischen Pfarrvereins.
Der neue Übergansvorsitzende Michael Thurm (li.) und der stellvertretende Vorsitzende Tillmann Boelter. Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Im Thüringer Pfarrverein mit Sitz in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) sind laut Boelter etwa 600 evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer, überwiegend aus Thüringen, aber auch aus Sachsen-Anhalt, Mitglied. Das ist mehr als die Hälfte der rund 1.000 Pfarrer der EKM. Der Verein setzt sich für gute Arbeitsbedingungen für Pfarrer ein, begleitet Gesetzgebungsvorhaben und unterstützt Vikare und Mitglieder in persönlichen Notlagen. Zudem werden eigene Ferienhäuser unterhalten. Hilfsprojekte des Pfarrvereins kommen unter anderem Pfarrern in der Slowakei und in Polen zugute.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat Martin Michaelis mitgeteilt, dass er das Amt des Pfarrvertretungsvorsitzenden weiter wahrnehmen wird. Wir haben unseren Beitrag entsprechend aktualisiert.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 11. April 2022 | 21:00 Uhr

45 Kommentare

Horst Schlaemmer vor 24 Wochen

Lieber Martin Michaelis, ich glaube ja eher, dass ihre Zuhörer geklatscht haben, weil sie sich als ehrenwerter Kirchenmann mit ihnen gemein gemacht haben und weil sie über ihre Worten eine Legitimation der je eigenen (zweifelhaften) Ansichten durch die Heilige Schrift bzw. durch Martin Luther heraushörten. Diese Legitimation ist aber faktisch nicht gegeben - so sehr man auch das Hirn bemüht oder die Ohren spitzt. Es sei denn man verklärt diese Vorlagen auf eine kryptisch-mysteriöse Weise bis sie vermeintlich passen. Doch welcher aufrechte Christenmensch würde das schon tun?

Martin Michaelis vor 24 Wochen

Zweierlei ist falsch:
1. Von der Aufgabe des Pfarrvertretungsvorsitzenden werde ich nicht zurücktreten, denn diese hat mich erst im Januar überzeugend bestätigt. Das habe ich nirgends gesagt.
2. Um "Gnade" habe ich nicht gebeten. Dazu muss man verurteilt sein.
Ich werde mein Recht auf freie Meinungsäußerung und freie gewissengeleitete Wortverkündigung nicht gegen irgendeinen Vorsitz tauschen. Bestimmt nicht.
Dass ich ein Coronaleugner sein soll, sagt etwas über den, der das behauptet, denn es ist eine der Diffamierungsvokabeln. Ich kenne genug erkrankt Gewesene. Die Maßnahmen stelle ich aber sehr wohl in Frage, den politischen Umgang auch. Dazu ist in den letzten Tagen genug bekannt geworden, was meine SON-Worte bestätigt. Meine wichtigsten Aussagen: Jeder ist seinem Gewissen verantwortlich. Das Gewissen soll jeder an den 10 Geboten + Luthers Erklärung schärfen. Wenn man zur Sünde verleitet wird - egal von wem - soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen (CA16). Was denn sonst?!

Fakt vor 24 Wochen

@Martin Michaelis:

Laut dem unten vom MDR verlinkten Artikel, sieht das aber anders aus. Gegen Auflagen verstoßen, Maskenpflicht nicht eingehalten - kurz: ein typischer Querschwurbler-"Spaziergang". Und da ich selbst seit rund 40 Jahren im Medienbereich tätig bin, denke ich auch nicht, dass der MDR etwas "behauptet". Seriösen Medien traue ich jedenfalls mehr, als Teilnehmern an derart meist verschwörungsideologischen Veranstaltungen.

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