Wartburgkreis Ohne Fackelbrand kein Weihnachten in Schweina

24. Dezember 2022, 05:00 Uhr

Worauf der Brauch des Fackelbrands in Schweina genau zurückgeht, ist offen. Für die Menschen im Ort gehört er unbedingt zum Weihnachtsfest. In der Adventszeit bereiten 16 Vereine und Nachbarschaftsgruppen die mächtigen Fackeln vor. Das gemeinsame Binden stärkt die Gemeinschaft - und ein wenig Wettbewerb ist auch dabei.

In Schweina eine Fackel zu binden, ist Ehre und Verpflichtung zugleich. Aber vor allem ein schöner Anlass, Vereinsleben oder Nachbarschaft zu pflegen. Deshalb haben sich am vierten Adventswochenende bei klirrender Kälte recht viele bei Andreas Jupe und seinem Bruder Marcel Hess im Goetheweg eingefunden. In der Garage ist geheizt, Bänke und heiße Getränke stehen bereit, später soll noch gegrillt werden.

Die beiden haben von einer anderen Gruppe die Verantwortung für eine Fackel übernommen - und ihre neue Bindegemeinschaft "die Fichtenreisig-Hobler hinterm Steinhäufchen" getauft. Sie haben Freunde zusammengetrommelt, sagt Andreas Jupe, "und wollen uns jetzt einen schönen Tag machen!"

Keine Gummireifen mehr

Schon als Kinder in der Grundschule haben sie Fackeln gebunden, erzählt Marcel Hess, später in Vereinen wie beispielsweise der Feuerwehr. Eine eigene Fackel sei aber schon eine Ehre, meint sein Bruder. Und erinnert daran, dass früher, als sie noch als Kinder dem Vater geholfen haben, Öllappen und Gummireifen mit eingewickelt wurden, damit es spektakulärer brennt. Das aber ist Vergangenheit.

Es geht ja auch um die Sicherheit, sagt Ortsteilbürgermeister Thomas Mieling. Er ist der Fackelbrand-Beauftragte der Stadt Bad Liebenstein, die die Tradition unterstützt. Der Bauhof hat die acht Meter langen Fichtenstämme für die Fackeln vorbereitet.

So ein nackter Stamm liegt jetzt auf der Straße auf zwei Böcken. Große und kleine Helfer verteilen zunächst einmal getrocknetes Reisig auf beiden Seiten. Dann beginnt das Binden: Während die einen das Reisig an den Stamm drücken, umwickeln zwei andere Zweige und Stamm mit einer Rolle Draht.

Nicht zu fest und nicht zu locker

Auf das richtige Binden kommt es an, sagt Mieling: Ist es zu locker, rutscht das Reisig zusammen. Ist es zu fest, bekommt die Fackel nicht genug Luft, brennt schlecht oder nur stellenweise. "Das sieht unmöglich aus. Das will kein Fackelbinder haben."

Offiziell gibt es keinen Wettbewerb, aber klar: Jede Truppe gibt ihr Bestes und kennzeichnet ihr Werk. Wenn am Mittag des 24.12. die Fackeln stehen, erzählt Mieling, dann pilgern die Menschen auf den Berg und die Älteren schauen, was der Nachwuchs fertiggebracht hat.

Die Tradition weiterführen

Der Nachwuchs vom Nachwuchs ist im Goetheweg auch schon dabei. Der 13-jährige Nick freut sich, dass er erstmals mit anpacken darf. Er kennt das Brauchtum von klein auf, die Familie kann die brennenden Fackeln am Heiligabend sogar von der Terrasse aus sehen. Angeleitet von den Erwachsenen, stopft der Junge nun Zweige unter den Draht. Eine schöne Erfahrung sei das, meint Nick und ihm ist bewusst: "Später muss das weitergeführt werden - von uns."

Christianisierter Brauch

Wie lange schon in Schweina die Fackeln brennen? Ganz klar ist das nicht, sagt Ortschronist Andreas Raddatz. Der erste schriftliche Nachweis stammt von 1799. Da berichtet der Pfarrer seinem Nachfolger von "eigenen Gebräuchen" zu Weihnachten, vermutet "Überreste eines heidnischen Festes" und empfiehlt dem Kollegen, nichts daran zu ändern.

Auf dem ältesten Bild von 1899 ist eine große Fackel zu sehen, umgeben von vielen kleinen. Es könnte ursprünglich ein Sonnenwendfeuer gewesen sein, sagt Raddatz. Oder es sei darum gegangen, Schweineherden durch die Asche zu treiben, um die Tiere vor Seuchen zu bewahren. Schon lange ist der Brauch christianisiert. "Ohne das ist nicht Weihnachten", sagt einer der Fackelbinder am Goetheweg.

Vom Friedensfeuer zum Bürgerfest

Im 20. Jahrhundert wurde der Fackelbrand mehrfach instrumentalisiert. Die Nationalsozialisten verlegten ihn als Sonnenwendfeuer auf den 21. Dezember. "Und in der DDR-Zeit waren es Friedensfeuer, die bis Moskau leuchteten", erzählt Mieling. Heute sei es wieder "ein Fest der Bürger".

Die Zahl der Fackeln variierte über die Jahre. Inzwischen sind es immer 16 - für sie sind auf dem Antoniusberg feste Hülsen eingelassen worden, mehr Platz gibt es nicht. Und seit dem Sommer gehört das Brauchtum zum "Immateriellen Kulturerbe" in Thüringen - als Tradition, die im Ort lebendig gepflegt wird.

Reisig wird knapper

Die Bindegruppe von Rosel Wagner ist am späten Vormittag schon bei der zweiten Schicht. Weil die Chefin diesmal nicht dabei sein kann, hat Heiner Oskar den Hut übernommen. Er ist schon seit 1993 dabei. Einen halben Tag lang waren sie im Wald unterwegs, Reisig holen. Wegen des Fichtensterbens wird der Suchradius immer weiter.

Nun binden sie mit einem halben Dutzend Leuten ihre Fackel ganz in Ruhe. "Wir machen so, dass es dauert", sagt Oskar, "weil es eben schön ist, gesellig und gemütlich."

"Es geht immer um die Ehre"

Beim Schützenverein wärmen sich die Männer gerade im Schützenhaus auf. Einer ist eigens aus Frankfurt/Main angereist, um dabei zu sein. Sie haben den Stamm bereits mit zwei Schichten Reisig umhüllt. Richtig schmuck wird es mit der dritten Lage, die sie nach der Pause als eingespieltes Team von ohne nach unten binden. Das ist wichtig, sagt Michael Müller von den Schützen, denn selbst um 17 Uhr sei noch im Mondschein zu sehen, wie die Fackel aussieht. "Unsere muss die Schönste sein und am besten brennen." Klar, sagt er, alle geben sich Mühe. Aber so ein kleiner Wettstreit sei natürlich da. "Es geht immer um die Ehre."

Erst Stille, dann Jubel

Am Heiligabend werden die bis zu 500 Kilo schweren Fackeln mit einem Traktoranhänger auf den Berg befördert und in die Hülsen eingelassen. Gegen 17 Uhr wird es feierlich. Thomas Mieling wird als Ortsteilbürgermeister allen danken und zu Weihnachten grüßen.

Dann, erzählt er, wird es ganz still - und die Fackeln werden angezündet. Mit dem ersten Feuerschein erklingen Jubel und Applaus, der Posaunenchor spielt unten im Dorf vor der Kirche. Das sei der Geist der Weihnacht, sagt Mieling. Anders könne man sich das in Schweina einfach nicht vorstellen.

MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 24. Dezember 2022 | 07:30 Uhr

2 Kommentare

Jedimeister Joda am 24.12.2022

Stimmt es ist ein schöner Brauch. Aber man könnte bei den Fackeln sparen. Mitdem Reisig und Holz könnte etwas Gas und Öl gespart werden. Wo alles ja wirklich alles knapper wird könnnte auch an den abergläubischen Dingen gespart werden. Mal überschlagen etwa 7000 kg Holz sind 28000kwh Heizenergie. Mal drüber Nachdenken. Joda

Lyn am 24.12.2022

Was für ein schöner Brauch.
Bitte mehr davon, danke.

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