Ukraine LGBTQ in der Ostukraine: Anonyme Chats und geheime Treffen

Nur wenig dringt aus den Separatisten-Gebieten in der Ostukraine nach außen. Bewaffnete Paramilitärs haben dort das Sagen - zum Leidwesen von Andersdenkenden und Minderheiten, wie der LGBTQ-Gemeinschaft. Homo-, Bi-, Trans- oder auch Asexuelle können sich nicht offen zeigen.

Ein junger Mann in dunkelblauem Pullover sitzt auf einer schäbigen Treppe im ukrainischen Luhansk. Im Hintergrund ein Plattenbau.
Kyrylo Samozdra ist in Luhansk in der Ostukraine aufgewachsen. Er musste nach Kiew fliehen, nachdem er sich für LGBTQ-Rechte einsetzte. Bildrechte: Kyrylo Samozdra

Ein Leben im Untergrund - das ist es, was Kyrylo Samozdra beschreibt, wenn er über die LGBTQ-Community in Luhansk redet. In der ostukrainischen Stadt hat der 19-jährige Student bis Sommer 2020 gewohnt. "Wir haben hauptsächlich auf sozialen Netzwerken über anonyme Accounts Kontakt aufgenommen, also ohne Fotos oder mit echten Namen", sagt er. "Wir haben uns verabredet und uns dann zum Beispiel im Park getroffen."

Die englische Abkürzung LGBTQ steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer, also für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und queere Personen. Queer bedeutet im Englischen ursprünglich "seltsam" oder "komisch". Zunächst galt es als Schimpfwort für Homosexuelle. Inzwischen wird es aber als Begriff für alle verwendet, die nicht der heterosexuellen Geschlechternorm entsprechen.

Seit er ein Teenager war, suchte er Kontakt zu Menschen, die nicht heterosexuell waren, weil er sich auch irgendwie anders fühlte. Das bemerkte er, als ihm seine Mutter ein Aufklärungsbuch in die Hand drückte. "In dem Buch ging es hauptsächlich darum, wie Männer und Frauen Sex haben, wie man verhütet", sagt Kyrylo. "Ich wusste damals nicht viel über Sexualität. Aber ich habe verstanden, dass der Inhalt des Buches wenig mit mir zu tun hat. Es hat mich nicht interessiert." Später versuchte er, mit Mädchen Sex zu haben.

Für Männer war es nicht cool, noch Jungfrau zu sein. Aber ich habe sofort gemerkt, dass mir das nicht gefällt und ich das nur mache, weil es von den Anderen so erwartet wurde.

Lange fragte er sich, ob er schwul, hetero- oder bisexuell ist. Bis er im Internet etwas über Asexualität, das fehlende Bedürfnis nach Sex, las. "Ich begann im Internet nach Menschen zu suchen, denen es ähnlich geht. Zu meiner Verwunderung gab es im Umkreis von einem Kilometer meiner Wohnung fünf andere asexuelle Menschen in meinem Alter." Dass er so schnell Gleichgesinnte in Luhansk fand, hält er für Glück. "Weil es nicht möglich ist, sich offen zu zeigen, können andere sich auch nicht bewusst werden, wer sie sind."

Asexualität ist keine bewusste Entscheidung gegen Sex, sondern eine sexuelle Orientierung. Wer asexuell ist, spürt keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen. Trotzdem können Asexuelle emotional mit Anderen eine Bindung eingehen und in nicht-sexuellen Beziehungen leben. Andere Asexuelle wiederum haben sogar Sex in ihren Beziehungen, weil beispielsweise die Partnerin oder der Partner nicht asexuell ist. Wie viele Asexuelle es gibt, ist unbekannt, weil es bisher keine Erhebungen zu diesem Thema gibt. In einer Studie von 1994 jedoch wurden 18.000 Menschen in Großbritannien zu ihren sexuellen Praktiken befragt. Etwa ein Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gab dort an, sich noch nie zu jemandem sexuell hingezogen gefühlt zu haben.

Autoritäres Regime unterdrückt Minderheiten

Offen ihre sexuelle Orientierung auszuleben, trauen sich LGBTQ-Menschen in Luhansk nicht. Die etwa 400.000 Einwohner zählende Stadt ist ein Ort, an dem Menschen mit abweichenden Neigungen und Meinungen versuchen, besser nicht aufzufallen. Seit 2014 sind die Stadt und andere Teile der Ostukraine unter der Kontrolle von prorussischen Separatisten. Mit wirtschaftlicher und militärischer Hilfe Russlands haben sie ein autoritäres Regime errichtet, das auch sexuelle Minderheiten unterdrückt. So etwa durch ein Gesetz, das die Verbreitung von Informationen über Homosexualität unter Minderjährigen verbietet. Mehr als 100 Euro Geldstrafe oder sogar 15 Tage Haft können Menschen in Luhansk dafür bekommen, erzählt Kyrylo.

Eine Gruppe von Schülern in Uniform (weißes Hemd bzw. Bluse, dunkelblaues Käppie, schwarze Krawatte bzw. Tuch) marschiert eine Straße im Zentrum von Luhansk entlang.
Kyrylo bei seiner Schulabschlussfeier in Luhansk. Bildrechte: Kyrylo Samozdra

Paramilitärs kontrollieren die Stadt

Doch vor allem die Willkür bewaffneter Gruppen ist in der selbsternannten Volksrepublik ein Problem. Eine bunte Mischung, etwa aus Kosakenverbänden, Milizen und Freiwilligenbataillonen, hat auf den Straßen das Sagen. "Es gibt dort ein rechtliches Vakuum", beschreibt Andrii Kravchuk von der ukrainischen Menschenrechtsorganisation Nash Svit die Lage. Manchmal würden etwa Schwule einfach so festgesetzt und sie würden mit Haft bedroht, wenn sie kein Schmiergeld zahlen. "Auf Gesetze kann man sich nicht berufen. Ein Mensch mit einem Sturmgewehr in der Hand entscheidet über dich. Alles hängt in der Situation von demjenigen ab, der vor dir steht."

Das Leben, das LGBTQ in den besetzten Gebieten führen, vergleicht Kravchuk, mit dem kurz nach dem Ende der Sowjetunion. "Das ist ungefähr die Situation, wie wir sie in Luhansk vor etwa 25 Jahren hatten. Nachdem es zwar keine direkte Strafverfolgung mehr wie noch in Sowjetzeiten gab, aber die Menschen noch nicht liberal genug waren, sodass man sich offen zeigen konnte."

Begegnung mit Sicherheitskräften

Nachdem sich Kyrylo seiner Asexualität bewusst geworden war, begann er sich für eine LGBTQ-Organisation aus Kiew zu engagieren. Im Internet hatte er von ihrer Arbeit gelesen. Er wollte, dass die Menschen in der Ukraine mehr über die Situation der LGBTQ in Luhansk erfahren und begann Informationen über ihr Leben zu sammeln. Bis er eines Tages eine Begegnung mit Sicherheitskräften hatte.

Eine Gruppe Schüler vor einem Eingangstor eines Ferienlagers im Wald. Alle tragen ein rotes Halstuch.
Kyrylo in einem Ferienlager in der Nähe von Luhansk. Bildrechte: Kyrylo Samozdra

Er war mit einem Freund unterwegs, der Second-Hand-Kleidung verkauft. Im Internet hatte ein Mädchen bei ihm ein T-Shirt bestellt, sie hatten sich einen Treffpunkt vor einem Supermarkt ausgemacht. Wie sich herausstellte, wurden sie getäuscht. Denn statt des Mädchens wurden sie von zwei Männern erwartet. Sie stiegen aus einem Auto mit russischem Nummernschild aus.

"Sie haben uns ihre Ausweise gezeigt, aber so schnell dass wir nicht erkennen konnten, wer sie waren", erzählt Kyrylo. Die Männer forderten sie auf, sie auf das Polizeirevier zu begleiten. Ein Second-Hand-Verkäufer hätte jemanden bestohlen und sie stünden unter Verdacht, so der Vorwurf. Auf dem Revier erwarteten sie mehrere Männer in grünen Uniformen und mit Sturmgewehren. Kyrylo wurde verhört.

Sie forderten mich auf, ihnen mein Handy zu geben und es zu entsperren. Als ich sagte, dass das gegen das Gesetz ist, drohten sie mir. Wir können dich wegen Verbreitung von Drogen einsperren, sagten sie.

Kyrylo gab ihnen sein Handy. Er hatte vorher schon Daten, wie Chat-Nachrichten, die seine Arbeit für die LGBTQ-Organisation verraten könnten, gelöscht. Denn wer Mitglied in ukrainischen Organisationen ist, gerät ins Visier der Separatisten. "Sie gingen meine ganzen Kontakte durch und fragten, wer die Personen sind. Sie wollten meine Passwörter für Accounts in den sozialen Netzwerken. Dann wollten sie wissen, wie ich zur Ukraine stehe und ob ich irgendwas mit Schwulen zu tun hätte."

Weil die Befragung nichts ergab, wurden Kyrylo und sein Freund freigelassen. Aber nicht, ohne eine weitere Drohung zu erhalten. "Wir haben alle deine Daten, sagten sie zu mir. Wenn wir weitere Informationen brauchen, werden wir kommen und du wirst mit uns zusammenarbeiten."

Flucht aus Luhansk

Auch wenn er vorerst ohne Strafe davon gekommen war, wusste Kyrylo, dass die beiden Männer etwas über ihn herausgefunden hatten und ihn nicht in Ruhe lassen würden. Irgendjemand musste ihn verraten haben, davon ist er heute überzeugt. "Ich war mir auch sicher, dass meine Nachrichten mitgelesen werden", sagt er. "Ich habe meine SIM-Karten gewechselt und meine Accounts in den sozialen Netzwerken gelöscht." Der 19-Jährige tauchte unter, versteckte sich bei einer Freundin.

Ihm wurde schließlich klar, dass er nicht mehr in Luhansk bleiben konnte. Von Nachbarn erfuhr er, dass weitere Sicherheitsmänner nach ihm gefragt hatten. Nach ihm wurde gesucht, frei bewegen konnte er sich nicht mehr. Hilfe konnte er auch von seiner Familie nicht erwarten. Er ist ohne Vater aufgewachsen und hat schon immer ein schlechtes Verhältnis zu seiner Mutter. Von seiner Asexualität und seinen Kontakten zu LGBTQ hat er ihr nie erzählt.

Schwerer Start in Kiew

Einen Monat später brach er dann nach Kiew auf. Am Kontrollpunkt, dem Grenzübergang zwischen dem Separatisten-Gebiet und dem von Kiew kontrollierten Territorium, hatte er große Angst, dass irgendetwas seine Ausreise noch verhindern könnte. Dass sein Name wegen des Verhörs in einer Liste steht. Doch das war nicht der Fall, Kyrylo durfte die sogenannte Kontaktlinie passieren.

Mit kaum Geld in der Tasche und nur dem Nötigsten im Gepäck erreichte er Kiew. Die einzigen Kontakte, die er dort hatte, waren Personen aus der LGBTQ-Organisation. Mit ihrer Hilfe bekam er eine erste Unterkunft und fand sich in seiner neuen Umgebung zurecht. Seit September studiert er Soziologie an einer renommierten Universität in Kiew und teilt sich in einem Wohnheim ein Zimmer mit vier anderen Studenten. Dank eines Nebenjobs kann er sich das Leben in Kiew leisten. Für verschiedene Firmen schreibt und verschickt er Newsletter und Werbe-Mails.

LGBTQ in der Ukraine werden sichtbarer

Kyrylo engagiert sich weiterhin für die LGBTQ-Rechte. Das geht in Kiew offener, obwohl es auch hier noch viel Unverständnis und sogar Angriffe auf die LGBTQ-Community gibt, vor allem von rechtsextremen Gruppen. So bekam Kyrylo viele Hassnachrichten und Drohungen, als er auf Facebook ein Foto seiner Regenbogenfahne teilte, die er an seinem Balkon aufgehängt hat. Rechtsextremen Aktivisten gelang es herauszufinden, in welchem Wohnheim er wohnt. Die Adresse teilten sie in mehren Chatgruppen. Ein paar Tage später erkannten ihn zwei Fremde auf der Straße und schlugen ihm ins Gesicht.

Trotzdem können er und andere LGBTQ sich hier offener als in den Separatisten-Gebieten zeigen. Seit 2013 findet in Kiew regelmäßig ein Pride-Marsch statt, bei dem LGBTQ für mehr Gleichberechtigung demonstrieren. Dabei stoßen sie auf lautstarke Gegenproteste von rechten und religiösen Gruppen. Deshalb kann die Pride nur unter massivem Polizeischutz stattfinden. Aber seit dem ersten Marsch in Kiew kommen landesweit immer mehr Prides dazu. Laut den Organisatoren der Kiew-Pride gibt es in mittlerweile sieben anderen Städten der Ukraine ähnliche Veranstaltungen. LGBTQ werden damit zunehmend sichtbarer.

Ein junger Mann hält ein Schild mit der Aufschrift "Für uns, für euch, für die LGBTQ im Donbass. Er und einige andere junge Menschen neben ihm tragen Regenbogen-Schutzmasken.
Kyrylo nimmt an der ersten Pride in Saporischja teil. Bildrechte: Gender Z

"Mein Zuhause ist ein Gefängnis geworden"

Das ist in Luhansk anders. Kyrylo glaubt, dass sich daran auch auf absehbare Zeit nichts ändert. "Mein Zuhause ist ein Gefängnis geworden", sagt er. "Die Menschen haben sich dort an die Situation angepasst und glauben nicht an Veränderungen. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, reden sie heimlich in der Küche darüber."

Seine Freunde fehlen ihm aber. Nur zu wenigen hat er noch Kontakt. Viele würden auf seine Nachrichten auch nicht antworten. Vielleicht weil sie Angst haben, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden oder auch weil sie es ablehnen, dass er sich für LGBTQ-Rechte stark macht. Genau kann Kyrylo das nicht sagen. Aber eins weiß er sicher: Solange Luhansk in der Hand der Separatisten ist, kann er nicht in seine Heimat zurückkehren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 09. Januar 2021 | 07:15 Uhr

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