Demo in Litauen
Während die Klickzahlen und Aufrufe vieler Beiträge enorm hoch sind, sind auf Demonstrationen zum gleichen Thema oft nur wenige Menschen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Initiative gegen Desinformation Litauen: Fakenews-Jäger in Corona-Zeiten

14. Juni 2020, 05:00 Uhr

Fakenews und Verschwörungstheorien haben Hochjunktur in Zeiten von Corona. In Litauen versucht die Initiative Debunk.eu gegen die Flut an Desinformation zu arbeiten. Dass die Fakenews-Jäger gerade in Vilnius zu Hause sind, ist kein Zufall: Litauen ist der Ursprung von ehrenamtlichen Onlineaktivisten, den sogenannten "Elfen".

800 Kilometer von Berlin entfernt liegt Vilnius, die Hauptstadt von Litauen. Noch immer ist Corona hier das beherrschende Thema. Fast 13 Wochen war das Land in häuslicher Quarantäne. Wie fast überall in Europa macht sich auch hier ein neues Phänomen breit: Corona-Fakenews und Verschwörungstheorien. Viktoras Dauksas leitet die Anti-Fakenews Initiative Debunk.eu und versucht, mit Unterstützung von Konzernen wie Google und öffentlicher Förderung gegen die Flut an Falsch-Nachrichten zu kämpfen.

Seit der Pandemie haben er, seine 16 festangestellten Programmierer und seine freiwilligen Helfer zu tun wie nie zuvor: "Seit Beginn der Quarantäne haben wir viel mehr Arbeit, weil viel mehr Menschen online Zeit verbringen. Sowohl Verschwörer als auch Menschen, die Desinformationen verbreiteten, haben angefangen, eine sehr, sehr große Menge falscher Informationen zu verbreiten. Für uns bedeutet das ein Vielfaches an Arbeit."

Viktoras Dauksas
Viktoras Dauksas, Chef von Debunk meint: "Wenn Menschen falschen Informationen glauben, ist das gefährlich für demokratische Prozesse." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fakenews-Jäger arbeiten mit Künstlicher Intelligenz

Bei der Anti-Fakenews-Initiative in Litauen scannen Computer mittels künstlicher Intelligenz täglich 30.000 Artikel. Stündlich entdeckt der Algorithmus neue Nachrichten, die potentielle gefährlich sein könnten. Es sind Behauptungen wie "NATO Truppenabzug wegen Covid-19" oder "Die 5G-Technologie hat das Coronavirus verursacht". Oft stellt sich heraus, dass die Falschinformationen aus Russland kommen.

Während die Klickzahlen und Aufrufe solcher Beiträge enorm hoch sind, sind auf Demonstrationen aus Orten, von wo diese angeblichen Informationen herkommen nur wenige Menschen. Dieser Widerspruch hat die Aktivisten misstrauisch gemacht. Der Verdacht: Automatisierte Bots treiben die Klickzahlen in die Höhe, um so mediale Aufmerksamkeit zu generieren. Einige dieser Beiträge werden millionenfach auf Youtube geklickt, Petitionen erreichen teils 25.000 Unterschriften. Ironisch kommentiert Viktoras Dauksas: "Und dann gehen nur nur fünfzig bis hundert Menschen auf die Straße, um dort herumzustehen oder mit dem Auto rumzufahren – Naja, das ist sehr realistisch."

Künstliche Intelligenz – also selbst lernende Computerprogramme – könne nicht sagen, was wahr oder eine Lüge ist. "Aber sie kann sagen, ob es sich um eine Erzählung handelt, die es in der Vergangenheit schon gab und die schädlich war oder Schaden verursacht hat." Dann müssten Menschen das prüfen und analysieren, ob es sich tatsächlich um Desinformation handelt.

Zusammenarbeit mit Journalisten

Und da kommt das größte Online-Nachrichten-Portal im Baltikum Delfi ins Spiel. 700.00 Menschen informieren sich dort täglich. Die Informationen der Fakenews-Jäger landen häufig auf dem Schreibtisch von Vaidas Saldžiūnas. Er ist Journalist bei Delfi und kämpft seit mehreren Jahren mit seinen Kollegen gegen Cyberangriffe und gefälschte E-Mails, die in ihr Nachrichten-Netzwerk eindringen wollen, um Desinformation zu streuen.

Vaidas Saldžiūnas
Der Journalist Vaidas Saldžiūnas: "Es ist ein goldenes Zeitlater für Verschwörungstheorien." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Nun, es gibt gerade jetzt sehr viele Aktivitäten, es ist in gewisser Weise ein goldenes Zeitalter für die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Es ist wie beim Angeln, wenn es tatsächlich viele Fische gibt, beißt so ziemlich alles an."

Onlineaktivisten haben Tradition in Litauen

Dass die Fakenews-Jäger von Debunk gerade hier, im litauischen Vilnius, zu Hause sind, ist kein Zufall. Litauen ist der Ursprung der sogenannten "Elfen-Bewegung". Die Elfen sind ehrenamtliche Onlineaktivisten. Sie bekämpfen Fakenews und Propaganda im Netz und in den Kommentarspalten. Der Chef von Debunk, Viktoras Dauksas, arbeitet mit einem Netzwerk aus 50 Elfen zusammen. Die meisten arbeiten anonym – so wie Baltas. "Teilweise Wahrheit, teilweise Lüge, teilweise Wahrheit, teilweise Lüge, teilweise Wahrheit … Und schon akzeptiert man alles als die Wahrheit. Um Propaganda zu erkennen, muss der Mensch in der Lage sein, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden, und das können sie in dem sie bestimmte Schlüsselsätze, Schlüsselwörter markieren und damit das Problem ein wenig eingrenzen."

Viktoras Dauksas und seine Elfen wie Baltas versorgen das Nachrichten Portal Delfi und die Journalisten mit ihren Ergebnissen. Fast zwei Mal pro Woche schafft es ein Bericht über neue enttarnte Fakenews-Kampagnen prominent in die Öffentlichkeit. Weit über 100 Desinformationskampagnen enttarnte Debunk.eu im vergangenen Jahr. Und das kommt an: Mehr als 6,5 Millionen Aufrufe hatten die Gegendarstellungen im Jahr 2019. Am Ende soll so vor allem die Öffentlichkeit erfahren, was als Fakenews nachgewiesen ist, das sei langfristig das wirksamste Gegenmittel.

(Hecker)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Juni 2020 | 07:40 Uhr

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